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Richard drehte sich der Kopf. Er konnte nicht glauben, was er da hörte. Diese ungeahnte Schilderung von Ereignissen aus grauer Vorzeit hatte ihn schwindeln gemacht. Immerhin, von seinem eigenen Besuch im Tempel der vier Winde wusste er, dass dergleichen möglich war. Das dort erlangte Wissen war der Preis dafür gewesen, in die Welt des Lebens zurückkehren zu können, und obwohl ihm dieses Wissen wieder abhanden gekommen war, war ihm eine Ahnung davon geblieben, wie umfassend es gewesen sein musste. Damals war es der Geist Darken Rahls, seines Vaters, gewesen, der diesen Preis - das dort erlangte Wissen im Tausch gegen seine Rückkehr zu Kahlan - von ihm eingefordert hatte.

»In ihrem Kummer meldete sich Magda Searus freiwillig als Versuchsperson für ein gefährliches Experiment, das Merritt ersonnen hatte - aus freien Stücken erbot sie sich, Konfessorin zu werden. Sie war sich darüber im Klaren, dass die Aussicht, die unbekannten Gefahren dieser Zauberei nicht zu überleben, recht groß war, doch angesichts ihres Kummers über den Tod ihres geliebten Gemahls, des Obersten Zauberers, war für sie die bisherige Welt ohnehin zu Ende gegangen. Sie fand, das Einzige, wofür es sich jetzt noch zu leben lohnte, war, den Verantwortlichen zu finden, der die Schuld an den schicksalhaften Ereignissen trug, die letztendlich zum Tod ihres Gemahls geführt hatten, also meldete sie sich freiwillig für ein Experiment, das, wie allgemein erwartet wurde, wahrscheinlich tödlich ausgehen würde.

Doch sie überlebte. Erst viel später verliebte sie sich in Merritt, und dieser in sie. Durch ihn wurde ihre Welt zu neuem Leben erweckt. Die Chroniken aus der damaligen Zeit sind stellenweise vage, Stücke fehlen oder fügen sich nicht recht in die Chronologie der Ereignisse, eins aber ist gewiss: Merritt war ihr zweiter Ehemann.«

Richard musste sich auf das Marmorbänkchen setzen. Das alles überstieg beinahe sein Auffassungsvermögen. Die Folgen waren Schwindel erregend. Er hatte Mühe, all diese auffälligen Übereinstimmungen miteinander in Einklang zu bringen: dass er seit Tausenden von Jahren als Erster wieder mit subtraktiver Magie geboren worden war, Baraccus als Letzter vor ihm den Tempel der Winde aufgesucht hatte und besagter Baraccus mit einer Frau verheiratet gewesen war, die später die erste Konfessorin werden sollte, während er selbst sich in eine Konfessorin verliebt und diese später geheiratet hatte - noch dazu die Mutter Konfessor höchstselbst, nämlich Kahlan.

»Als Magda Searus ihre frisch erlangte Konfessorinnenkraft bei Lothain benutzte, kam man dahinter, was er im Tempel der Winde angerichtet hatte und von dem bislang nur Baraccus Kenntnis hatte.«

Richard sah auf. »Und, was hatte er getan?«

Seine Mutter sah ihm in die Augen, als blickte sie bis auf den Grund seiner Seele. »Lothain hatte sie bei seinem Aufenthalt im Tempel verraten, und zwar indem er dafür sorgte, dass eine ganz spezielle Magie, die dort weggeschlossen gewesen war, zu einem späteren Zeitpunkt in die Welt des Lebens gelangen würde. Durch niemand anderen als durch die Person Kaiser Jagangs, der mit ebenjener magischen Kraft zur Welt kommen würde, die Lothain in einer anderen Welt ganz langsam hatte aus ihrem sicheren Gewahrsam austreten lassen. Bei dieser Magie handelte es sich um die Macht eines Traumwandlers.«

»Aber warum hätte Lothain, der Oberste Ankläger, so etwas tun sollen? Schließlich hatte er alles darangesetzt, dass die Teilnehmer der Tempelmission für den von ihnen angerichteten Schaden hingerichtet wurden.«

»Wahrscheinlich war Lothain, wie die Feinde in der Alten Welt auch, zu der Überzeugung gelangt, dass es möglich sei, die Magie aus dem Menschengeschlecht zu eliminieren. Ich vermute, dass sein religiöser Eifer darin eine neue Bestimmung fand: Er betrachtete sich als Erlöser der Menschheit. Zu diesem Zweck sorgte er für die Rückkehr des Traumwandlers in die Welt des Lebens, um auf diese Weise die Welt von aller Magie zu läutern.

Aus irgendeinem Grund war Baraccus außerstande, die von Lothain erzeugte undichte Stelle wieder zu verschließen und den Verrat rückgängig zu machen. Also entschied er sich für die zweitbeste Lösung. Er sorgte dafür, dass es einen Ausgleich, ein Gegengewicht zu dem verursachten Schaden geben würde, jemanden, der diesen zur Vernichtung der mit der Gabe Gesegneten entschlossenen Kräften entgegenwirken würde, jemand, der über die erforderlichen Fähigkeiten verfügte.

Und das bist du, Richard. Baraccus sorgte dafür, dass du, als Gegengewicht zu dem von Lothain angerichteten Unheil, in diese Welt hineingeboren werden würdest. Aus diesem Grund bist du, Richard Rahl, der Einzige, der imstande ist, der Imperialen Ordnung Einhalt zu gebieten.«

Richard glaubte sich übergeben zu müssen. Das alles gab ihm das Gefühl, nichts weiter zu sein als eine weltumfassende, für irgendwelche verborgenen Zwecke missbrauchte Marionette, ein willenloser Gimpel, dessen Wirken sich darauf beschränkte, den von anderen für sein Leben ersonnenen Plan in die Tat umzusetzen und seine vorherbestimmte Rolle in einer sich über die Jahrtausende hinziehenden Auseinandersetzung zu übernehmen.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, legte ihm Shota, die für alle Welt immer noch aussah und sich anhörte wie seine Mutter, mitfühlend eine Hand auf die Schulter. »Baraccus sorgte dafür, dass es einen Ausgleich für den angerichteten Schaden geben würde, ohne jedoch im Vorhinein festzulegen, wie dieser Ausgleich funktionieren oder wie die betreffende Person handeln würde. Er hat deine freie Willensentscheidung nicht aus der Gleichung entfernt, Richard.«

»Findet Ihr? Mir scheint, ich bin nur der letzte Stein in seinem üblen Spiel, der endlich zum Einsatz kommt. Meinen freien Willen, mein Leben oder meine Entscheidungsfreiheit kann ich in dem Ganzen nirgendwo erkennen. Allem Anschein nach haben andere meinen Weg für mich bereits vorherbestimmt.«

»Ich denke, das trifft nicht zu, Richard. Eher könnte man vielleicht sagen, was sie getan haben, ist vergleichbar mit der Kampfausbildung eines Soldaten. Mit der Ausbildung schafft man sich die Möglichkeit, das Ziel, also den Sieg in der Schlacht, zu erreichen, sofern es überhaupt zu einer Schlacht kommt. Aber es bedeutet nicht, dass der Soldat, so es denn zur Schlacht kommt, nicht die Flucht ergreifen, er stattdessen standhaft sein und kämpfen oder gar gewinnen wird, sofern er nach besten Kräften und so gut seine Ausbildung es ihm ermöglicht kämpft. Baraccus hat dafür gesorgt, dass du das Potenzial besitzt, Richard, die Rüstung, die Waffen und die Fähigkeit, für den Erhalt deines Lebens und deiner Welt zu kämpfen, sofern sich die Notwendigkeit ergeben sollte, mehr nicht. Er hat dir nur eine hilfreiche Hand gereicht.«

Eine hilfreiche Hand, gereicht über den Abgrund der Jahrtausende hinweg. Er fühlte sich verwirrt und leer. Fast schien es, als kenne er sich selbst nicht mehr, als wisse er nicht, wer er eigentlich war oder ob sein eigenes Leben noch sein Tun war.

Er hatte das Gefühl, als wäre Baraccus plötzlich aus dem Staub uralter Gebeine wiederauferstanden, ein Phantom, gekommen, um ihn sein Leben lang heimzusuchen.

20

Aber irgendetwas nagte immer noch an ihm, irgendein Detail wollte immer noch keinen rechten Sinn ergeben. Wie war es möglich, dass der Oberste Ankläger, Lothain, sich gegen seinen Glauben, ja gegen alles und jeden in der Alten Welt gewendet hatte? Die Erklärung, er sei der Macht und den Glaubensüberzeugungen der Alten Welt verfallen, erschien Richard zu einfach.

Und dann dämmerte es ihm. Die Erkenntnis durchflutete ihn mit der Plötzlichkeit und Wucht einer Flutwelle - und mit einer Stichhaltigkeit, die ihm den Atem nahm. Irgendetwas an den alten Aufzeichnungen hatte ihn immer schon gestört. Shota hatte seine Erinnerung an die Dinge, die damals geschehen waren, aufgerüttelt, wodurch sich plötzlich sämtliche vorhandenen Einzelteile zu einem Gesamtbild fügten. Nachdem er es einmal begriffen hatte, fragte er sich, wieso er nicht schon viel früher darauf gekommen war.