»Lothain war ein fanatischer Ankläger«, sagte er, halb zu sich selbst. Es sprudelte nur so aus ihm heraus, wie er mit starrem Blick dastand, die Augen aufgerissen. »Er hatte keineswegs eine neue Bestimmung für seinen Glaubenseifer gefunden. Er hatte sich nicht von ihnen abgewendet. Er war kein Verräter, sondern ein Spion. Und zwar von Anfang an. Er war wie ein Maulwurf, der sich immer näher an sein Ziel herangrub. Im Laufe einer recht langen Zeitspanne war es ihm gelungen, sich in eine gewisse Machtposition zu manövrieren. Zudem hatte er Komplizen, die im Verborgenen für ihn arbeiteten. Lothain war ein Zauberer, der nicht nur weithin hohes Ansehen genoss, sondern auch zu großer Macht gelangt war. Dank seines politischen Einflusses hatte er Zutritt zu höchsten Stellen. Als sich ihm schließlich die Chance bot, eine Chance, die er selbst mit herbeigeführt hatte, handelte er. Er sorgte dafür, dass seine Mitverschwörer der Tempelmission zugeteilt wurden. Wie die Imperiale Ordnung heute, so waren auch Lothain und seine Männer von starkem Glauben an ihre Sache beseelt. Sie waren es, die die Mission scheitern ließen. Es war nicht etwa ein Sinneswandel oder ein Akt irregeleiteten Verantwortungsbewusstseins. Das Ganze war von langer Hand vorbereitet und geschah in voller Absicht. Sie alle waren bereit, sich für ein ihrer Ansicht nach höheres Ziel selbst aufzuopfern und in den Tod zu gehen. Ich weiß nicht, wie viele von ihnen tatsächlich Spione waren, ob es auf sie alle zutraf, Tatsache aber ist, dass sie genug waren, um ihre Vorhaben in die Tat umzusetzen. Gut möglich auch, dass sie die anderen überzeugen konnten, aus einem verwirrten Gefühl moralischer Verpflichtung heraus mit ihnen gemeinsame Sache zu machen.
Natürlich war nicht zu vermeiden, dass die anderen Zauberer in der Burg schon sehr bald dahinter kamen, dass das Tempel-der-Winde-Projekt in Gefahr gebracht worden war. Als dies geschah, war Lothain nur zu bereit, die gesamte an dieser Mission beteiligte Mannschaft unter Anklage zu stellen und dafür zu sorgen, dass sie samt und sonders hingerichtet wurden. Er wollte unbedingt verhindern, dass jemand am Leben blieb, der das tatsächliche Ausmaß dessen, was sie getan hatten, verraten konnte. Von Anfang an war es Lothains Plan gewesen, ihr genaues Vorgehen geheim zu halten, damit keine wirkungsvollen Gegenmaßnahmen ergriffen werden konnten. Die von Lothain für die Tempel-Truppe ausgewählten Spione gingen bereitwillig in den Tod und nahmen ihr Geheimnis mit ins Grab. Indem er die gesamte Tempel-Truppe anklagte und bestrafte, konnte er die ganze von ihm erdachte Verschwörung geheim halten, denn er eliminierte jeden, der über den tatsächlich angerichteten Schaden informiert war. Das gab ihm die Gewissheit, dass seine Sache eines Tages jeglichen Widerstand hinwegfegen, seine Anhänger die Welt beherrschen würden. Sobald es dazu kam, würde er der größte Held des Krieges sein. Blieb nur noch ein geringfügiges Problem. Nach dem Prozess bestanden die Verantwortlichen darauf, jemand müsse den Tempel der Winde abermals aufsuchen, um den Schaden wieder zu richten. Natürlich durfte Lothain nicht zulassen, dass dies ein anderer übernahm, denn der würde zwangsläufig das wahre Ausmaß der Sabotage aufdecken und womöglich ungeschehen machen können, also erklärte er sich bereit, selbst zu gehen. Das war von Anfang an sein Plan gewesen - wenn nötig, würde er selbst der Tempel-Truppe folgen und so die Wahrheit unter Verschluss halten. Da er der Oberste Ankläger war, nahm ihm jeder seine absolute Entschlossenheit ab, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Als Lothain schließlich am Tempel der Winde eintraf, sorgte er nicht nur dafür, dass der angerichtete Schaden nicht wiedergutzumachen war, sondern er benutzte das dort erlangte Wissen, um alles noch erheblich zu verschlimmern und auf diese Weise sicherzustellen, dass niemand die undichte Stelle finden und verschließen konnte. Anschließend vertuschte er sein Tun, indem er es so aussehen ließ, als sei alles wieder im Lot. Nur: Die von ihm unter Verwendung des Tempelwissens vorgenommenen Veränderungen entpuppten sich als so umfassend, dass die Sicherheitsalarmvorrichtungen ausgelöst wurden. Im Tempel, in jener anderen Welt, wusste Lothain nichts von den roten Monden, die dieser in der hiesigen Welt geschaffen hatte, weshalb er bei seiner Rückkehr gefasst wurde. Aber selbst das war ihm gleichgültig; er sah dem Tod mit Freuden entgegen, freute sich darauf, für das Erreichte mit ewigem Ruhm im Leben nach dem Tode belohnt zu werden - ganz so, wie Nicci die Denkweise der Menschen in der Alten Welt beschrieben hat.
Nun mussten die Zauberer in der Burg unbedingt das Ausmaß des von Lothain angerichteten Schadens kennen, der aber weigerte sich selbst unter Folter zu verraten, wie umfassend sein Plan gewesen war. Um herauszufinden, was sich damals tatsächlich zugetragen hatte, wurde Magda Searus Konfessorin. Aber sie war in dieser Arbeit unerfahren und hatte ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen. Zwar machte sie von ihrer Konfessorinnenkraft Gebrauch, nur war ihr damals noch nicht bewusst, wie wichtig es war, auch die richtigen Fragen zu stellen.«
Richard sah hoch in das Gesicht seiner Mutter. »Kahlan erzählte mir einmal, dass es im Grunde ganz einfach sei, ein Geständnis zu bekommen. Schwierig ist es vielmehr, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie man die richtigen Fragen stellt, um die Wahrheit zu erfahren. Merritt hatte die Konfessorinnenkräfte erst kurz zuvor erdacht, deshalb war noch niemandem die Funktionsweise dieser Kräfte klar.
Kahlan war zeit ihres Lebens darin ausgebildet worden, es richtig zu machen, damals aber, vor Tausenden von Jahren, fehlte Magda Searus noch das rechte Verständnis, um die richtigen Fragen zu stellen, noch dazu in der richtigen Reihenfolge, um die Wahrheit zu erfahren. Sie war zwar der Meinung, Lothain zu einem Geständnis seiner Taten bewogen zu haben, dennoch gelang es ihr nicht, das wahre Ausmaß seines Verrats aufzudecken. Er war ein Spion, und obwohl man sich zum ersten Mal einer Konfessorin bediente, konnte er nicht demaskiert werden. Mit dem Ergebnis, dass das wahre Ausmaß des von Lothains Männern in der Tempel-Truppe durchgeführten Umsturzes nie ans Licht kam.«
Die Stirn vor Konzentration in Falten gelegt, musterte ihn seine Mutter prüfend. »Bist du dir da ganz sicher, Richard?«
Er nickte. »Endlich fügt sich alles schlüssig ineinander. Dank Euren Hinzufügungen zu der Geschichte passen jetzt endlich alle Einzelheiten zusammen, die zuvor nie ein Bild ergeben wollten. Lothain war ein Spion und ging in den Tod, ohne seine wahre Identität preiszugeben - oder den Umstand, dass er seine eigenen Leute in die Tempel-Truppe eingeschleust hatte. Sie alle starben, ohne dass das wahre Ausmaß des von ihnen angerichteten Schadens jemals ans Licht gekommen wäre. Niemand, nicht einmal Baraccus, war sich des wahren Ausmaßes bewusst.«
Seine Mutter seufzte, den Blick in die Ferne gerichtet. »Das erklärt gewiss einige Lücken in dem, was mir zugeflogen ist.« Sie schaute ihn an, als sehe sie ihn in einem neuen Licht. »Sehr gut, Richard. Wirklich ausgezeichnet.«
Richard fuhr sich mit der Hand über seine müden Augen. Er war nicht besonders stolz darauf, dass er in den düsteren Sumpf der Geschichte hinuntergelangt und solch verabscheuungswürdige Taten ans Licht gefördert hatte, Taten, deren Auswirkungen ihn bis zum heutigen Tag verfolgten.
»Ihr sagtet, Baraccus hätte mir ein Buch hinterlassen?«
Sie nickte. »Er gab es seiner Frau zur sicheren Verwahrung mit. Aber bestimmt war es für dich.«
Richard seufzte. »Seid Ihr sicher?«
»Ja.« Behutsam verschränkte seine Mutter die Finger ineinander.
»Baraccus hatte diese Schrift noch während seines Aufenthalts im Tempel der Winde mithilfe des dort erlangten Wissens verfasst. Außer seinen eigenen haben nie jemandes Augen darin gelesen, kein Sterblicher hat auch nur den Einband aufgeschlagen, seit Baraccus die Niederschrift beendet und den Einband eigenhändig geschlossen hat. Es hat seit dieser Zeit unberührt in seiner geheimen Bibliothek gelegen.«