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Die Vorstellung eines solchen Ortes ließ Richard frösteln. Er hatte keine Ahnung, wo sich eine solche Bibliothek befinden sollte, doch selbst wenn es ihm gelänge, die richtige Bibliothek zu finden, würde ihm das nicht verraten, was er wissen musste. Er vermutete, dass es aussichtslos war, stellte die Frage aber trotzdem.

»Habt Ihr eine Ahnung, wie dieses Buch betitelt ist - oder vielleicht, wovon es handelt?«

Seine Mutter nickte ernst. »Es trägt den Titel Geheimnisse der Kraft eines Kriegszauberers.«

»Bei den Gütigen Seelen«, entfuhr es Richard leise, als er zu ihr hochsah.

Die Ellbogen auf die Knie gestützt, ließ er das Gesicht in die Hände sinken. Er war so überwältigt, dass er meinte, das alles gar nicht verkraften zu können. Derselbe Mann, der dafür gesorgt hatte, dass Richard mit subtraktiver Magie geboren worden war, hatte ihm ein Buch mit Anleitungen zu jener Magie hinterlassen, mit der er allem Anschein nach Richard ausgestattet hatte, um besagten Traumwandler zu besiegen. Unfassbar! Und nachdem Baraccus zurückgekehrt war und Selbstmord begangen hatte, hatten die Zauberer jeden weiteren Versuch, in den Tempel zu gelangen, sei es, um dem Ruf der roten Monde zu folgen oder aus einem anderen, gleich wie unwahrscheinlichen Grund, aufgegeben. Sie hatten ihn nie betreten können, um das erst von der Tempeltruppe und anschließend von Lothain angerichtete Unheil wieder zu richten. Allein Baraccus hatte etwas tun können, um der Gefahr entgegenzuwirken.

Sehr wahrscheinlich hatte Baraccus höchstselbst dafür gesorgt, dass niemand sonst in den Tempel der Winde gelangen konnte, vermutlich, um der Gefahr zu entgehen, irgendein anderer Spion könnte seine Bemühungen zunichte machen, die gewährleisten sollten, dass es ein Gegengewicht zu der Gefahr geben würde, nämlich die Geburt Richards.

Richard sah auf. Seine Mutter war nicht mehr da. An ihrer Stelle stand jetzt wieder Shota, die Spitzen ihres Kleides sachte wehend, wie in einer Brise. Es stimmte ihn traurig zu sehen, dass seine Mutter verschwunden war, gleichzeitig aber atmete er auf, denn es war überaus verstörend, sich über den Geist seiner Mutter mit Shota zu unterhalten.

»Diese Bibliothek, zu der Baraccus seine Frau mit den Geheimnissen der Kraft eines Kriegszauberers schickte, wo befindet die sich eigentlich?«

Betrübt schüttelte Shota den Kopf. »Ich fürchte, das weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass es außer Baraccus selbst und seiner Frau, Magda Searus, jemand wusste.«

»Es gibt so viele Bibliotheken; Baraccus’ Privatbibliothek könnte jeder von ihnen angegliedert sein. Habt Ihr denn gar keine Idee, welche in Frage käme?«

»Ich weiß nur, dass sie nicht, wie du andeutest, Teil einer anderen Bibliothek ist. Die von Baraccus angelegte Bibliothek war sein alleiniger Privatbesitz. Jedes Buch dort war sein Privatbesitz. Offenbar hat er sie gut versteckt, denn sie sind bis zum heutigen Tag unentdeckt geblieben.«

»Und aus irgendeinem Grund hielt er es für angebracht, diese Bücher nicht im sicheren Gewahrsam der Enklave des Obersten Zauberers zu lassen?«

»Was meinst du mit sicherem Gewahrsam? Es ist noch gar nicht lange her, da haben die Schwestern der Finsternis diesen Ort im Auftrag Jagangs entweiht und, unter anderem, Bücher mit zu Kaiser Jagang genommen. Jagang ist unentwegt auf der Suche nach alten Schriften, weil darin Wissen enthalten ist, das ihm beim Kampf um die Herrschaft über die Welt im Namen der Imperialen Ordnung nützlich sein könnte. Wäre das Buch, das Baraccus für dich geschrieben hat, hier in der Burg der Zauberer aufbewahrt worden, würde es sich jetzt womöglich in Jagangs Besitz befinden. Es war klug von Baraccus, einen Gegenstand von solcher Macht nicht hier zulassen, wo jeder ihn finden konnte, wo jeder Oberste Zauberer in seiner Nachfolge es hätte entdecken und damit herumpfuschen oder, falls es in die falschen Hände geraten wäre, sogar vernichten können.«

Genau dieses Schicksal hatte das Buch der gezählten Schatten erlitten. Aufgrund einer Prophezeiung hatten Ann und Nathan George Cypher geholfen, es nach Westland zurückzubringen, mit dem Ziel, dass Richard es, sobald er alt genug wäre, auswendig lernen und anschließend vernichten sollte, damit es nicht in falsche Hände geriet. Wie sich herausstellte, musste Darken Rahl dieses Buch schließlich in seinen Besitz bringen, um die Kästchen der Ordnung zu öffnen - jene Kästchen, die jetzt von Anns ehemaligen Schwestern ins Spiel gebracht worden waren, und die derzeit Kahlan, die letzte Konfessorin, in ihrer Gewalt hatten, die ihm wiederum wegen des Inhalts des Buches geholfen hatte, Darken Rahl zu besiegen.

Richard hob das Amulett, das einst Baraccus gehört hatte, ein Stück von seiner Brust und betrachtete die Symbole, die den Tanz mit dem Tod versinnbildlichten. Es war einfach zu viel, als dass es alles Zufall sein konnte.

Er sah hoch zu Shota. »Wieso erhaltet Ihr eigentlich besondere Informationen? Woher stammen sie? Wie kommt es, dass sie Euch nur zu bestimmten Zeiten zufliegen, so wie jetzt? Warum nicht schon bei unserer ersten Begegnung oder als ich in den Tempel der vier Winde zu gelangen versuchte, um die Seuche zu beenden?«

»Ich vermute, sie stammen von demselben Ort, von dem auch du deine Antworten und Eingebungen erhältst, wenn du über ein Problem nachdenkst. Warum fällt dir nur in ganz bestimmten Augenblicken die Lösung zu einem Problem ein? Ich denke über eine Situation nach, und manchmal geschieht es eben, dass mir eine Lösung dazu einfällt. Im Grunde ist es wahrscheinlich nicht anders als bei anderen, wenn sie einen Einfall haben. Nur sind meine Gedanken ausschließlich dem Verstand einer Hexe vorbehalten und beziehen sich auf Ereignisse im Strom der Zeit. Vermutlich bist du auf ganz ähnliche Weise dahinter gekommen, was Lothain in Wahrheit getan hat; und genauso funktioniert es eben auch bei mir.«

Richard seufzte schwer und erhob sich. »Danke, Shota, für alles, was Ihr getan habt. Ich werde mich bemühen, einen Weg zu finden, wie mir Eure Worte von Nutzen sein können.«

Shota drückte seine Schulter. »Ich muss fort. Es gibt da eine Hexe, die ich unbedingt finden muss. Dank Nicci kenne ich jetzt wenigstens ihren Namen.«

Ihm kam eine Idee. »Wieso heißt sie wohl Sechs?«

Shotas Miene verdüsterte sich. »Es ist ein abwertender Name. Eine Hexe sieht viele Dinge im Strom der Zeit, vor allem jene, die ihre Töchter betreffen, die sie noch gebären könnte. Für eine Hexe ist das siebente Kind etwas ganz Besonderes; einem Kind den Namen Sechs zu geben, heißt, dass es zurückgeblieben ist, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt. Es ist eine unverhohlene, von Geburt an wirksame Kränkung, die sich auf den Charakter bezieht, den eine Hexe für ihre Tochter vorhersieht. Ein solcher Name kommt dem öffentlichen Eingeständnis gleich, dass diese Tochter mit einem Makel behaftet ist. Wahrscheinlich ist dieser Name schuld daran, dass die Tochter, Sechs, ihre eigene Mutter umbrachte.«

»Warum sollte eine Mutter dann dergleichen öffentlich verkünden? Warum nicht der Tochter einen anderen Namen geben und damit die eigene wahrscheinliche Ermordung verhindern?«

Shota betrachtete ihn, ein trauriges Lächeln auf den Lippen. »Weil es Hexen gibt, die große Stücke auf die Wahrheit halten, und diese Wahrheit anderen hilft, Gefahren aus dem Weg zu gehen. Eine Lüge wäre für eine solche Frau das Saatkorn, aus dem ein weit größeres Problem erwächst. Die Wahrheit ist für uns die einzige Hoffnung, die wir für die Zukunft hegen. Und Zukunft ist für uns gleichbedeutend mit Leben.«

»Na ja, jedenfalls klingt es ganz so, als würde der Name zu dem Ärger passen, den diese Frau macht.«

Shotas Lächeln, so traurig es gewesen war, erlosch, und ein finsterer Schatten huschte über ihre Stirn. Warnend hob sie einen Finger. »Für eine solche Frau wäre es ein Leichtes, ihren Namen geheim zu halten, stattdessen trägt sie ihn ganz offen, wie eine Schlange, die ihre Fangzähne entblößt. Zerbrich du dir den Kopf über andere Dinge und überlass sie mir. Eine Hexe ist äußerst gefährlich.«