Richard konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. »Etwa so wie Ihr?«
Shota erwiderte das Lächeln nicht. »So wie ich.«
Richard blieb allein beim Brunnen zurück und schaute zu, wie Shota die Stufen hinaufstieg. Alle anderen, Nicci, Cara, Zedd, Nathan und Ann, standen dicht beisammen ein wenig abseits, leise in eine Unterhaltung vertieft. Sie schenkten Shota keine Beachtung, als sie einer ungesehenen Erscheinung gleich an ihnen vorüberschwebte. Richard folgte ihr die Stufen hinauf. Bereits in der Tür, wandte sie sich, ein Schattenriss im Licht, noch einmal um, fast so, als hätte sie selbst eine Erscheinung gesehen, und stützte eine Hand am Türrahmen ab.
»Ein Letztes noch, Richard.« Sie sah ihm einen Moment lang prüfend in die Augen. »Deine Mutter ist, als du klein warst, bei einem Brand ums Leben gekommen.«
Richard nickte. »Das stimmt. Ein Kerl war mit George Cypher handgreiflich geworden, dem Mann, der mich großzog und von dem ich dachte, er wäre mein Vater. Der Kerl, der diesen Streit mit meinem Vater vom Zaun gebrochen hatte, stieß eine Lampe vom Tisch, und dadurch geriet das Haus in Brand. Mein Bruder und ich schliefen damals hinten im Schlafzimmer. Als der Kerl meinen Vater nach draußen zerrte und auf ihn einzuprügeln begann, kam meine Mutter hereingestürzt und schleppte meinen Bruder und mich aus dem brennenden Haus.«
Richard musste sich räuspern, so schmerzhaft war die Erinnerung noch immer. Er erinnerte sich, wie sie kurz erleichtert gelächelt hatte, als sie in Sicherheit waren, und an den letzten flüchtigen Kuss, den sie ihm auf die Stirn gegeben hatte.
»Nachdem meine Mutter sich überzeugt hatte, dass wir in Sicherheit waren, lief sie noch einmal zurück, um irgendetwas aus den Flammen zu retten - was genau, haben wir nie erfahren. Ihre Schreie brachten den Kerl wieder zur Besinnung, und er und mein Vater versuchten gemeinsam, sie noch zu retten, aber es war aussichtslos ... Die Hitze und die Flammen trieben sie immer wieder zurück, und sie konnten nichts mehr für sie tun. Erfüllt von Schuldgefühlen und Abscheu über das, was er angerichtet hatte, machte sich der Kerl dann unter Tränen und fortwährenden Beteuerungen, wie leid ihm das alles tue, aus dem Staub.
Es war eine entsetzliche Tragödie, vor allem, weil niemand mehr im Haus war, keine Wertgegenstände, nichts, was zu retten sich gelohnt hätte, was es wert gewesen wäre, ihr Leben dafür aufzuopfern. Meine Mutter ist wegen nichts gestorben.«
Shota, ein Schatten in der Tür, eine Hand auf dem Türpfosten, starrte ihn an, eine Ewigkeit, wie es schien. Richard wartete schweigend. Ihre Körperhaltung, ihre mandelförmigen Augen verhießen eine entsetzliche, tiefere Bedeutsamkeit. Schließlich sprach sie mit sanfter Stimme.
»Deine Mutter war nicht die Einzige, die bei diesem Brand ums Leben kam.«
Richard spürte, wie eine Gänsehaut seine Beine und Arme hinaufkroch. Alles, was sein Leben lang gewiss gewesen war, schien in einem einzigen Augenblick unter dem Blitzeinschlag ihrer Worte zu verdampfen.
»Was sagt Ihr da?«
Betrübt schüttelte Shota den Kopf. »Bei meinem Leben, Richard, ich schwöre es, mehr weiß ich nicht.«
Sie legte ihm ihre Hand an die Wange. »Als du das letzte Mal in Agaden warst, hast du mir einen großen Liebesdienst erwiesen. Du lehntest mein Angebot ab und sagtest, ich sei mehr wert, als jemanden gegen seinen Willen zu zwingen, bei mir zu bleiben. Du sagtest, ich hätte es verdient, jemanden zu haben, der mich für das achtet, was ich bin.
So verärgert ich in diesem Moment über dich war, es gab mir zu denken. Ich bin noch nie zurückgewiesen worden, aber du hast es getan, und aus dem einzig richtigen Grund - weil du mir zugetan warst und es dir wichtig war, dass ich bekomme, was mein Leben lebenswert macht. Deine Zuneigung war so groß, dass du es riskiert hast, dir meinen Zorn zuzuziehen.
Als ich die Ähnlichkeit deiner Mutter annahm, beeinflusste dieses Talent in bestimmter Weise den Informationsfluss, der mich erreichte. Und aus diesem Grund drang, als ich gerade gehen wollte, dieser einzelne Gedanke in mein Bewusstsein: Deine Mutter war nicht die Einzige, die bei diesem Brand ums Leben gekommen ist. Wie alles, was ich dem Strom der Ereignisse in der Zeit entnehme, kam auch das wie eine intuitive Vision über mich. Ich weiß weder, was es bedeutet, noch habe ich weitere Informationen darüber. Ich schwöre es, Richard, wirklich nicht. Unter normalen Umständen hätte ich dir dieses winzige Detail gar nicht enthüllt, da es so überfrachtet ist mit Möglichkeiten und Fragen, andererseits können diese Umstände kaum als normal gelten. Ich fand, du solltest wissen, was mir zugeflogen ist, du solltest bis in alle Einzelheiten über mein Wissen informiert sein. Nicht alles, was ich dem Strom der Zeit entnehme, ist nützlich - deswegen enthülle ich den Menschen solche isolierten Details nicht immer. In diesem Fall jedoch befand ich, dass du es erfahren solltest, denn es könnte sich herausstellen, dass es für dich wichtig ist und dir womöglich helfen könnte.«
Richard fühlte sich benommen und verwirrt. Er war nicht sicher, ob er glaubte, dass es tatsächlich das bedeutete, wonach es sich anhörte.
»Bedeutet es möglicherweise, dass sie deswegen nicht als Einzige gestorben ist, weil an diesem Tag ein Teil von uns mit ihr starb? Dass wir im Grunde unseres Herzens nie wieder so sein würden wie zuvor? Könnte es sein, dass sie in diesem Sinne nicht als Einzige in den Flammen umgekommen ist?«
»Ich weiß es nicht, Richard, wirklich nicht, aber möglich wäre es. Es könnte insofern belanglos sein, als es dir jetzt nicht unbedingt weiterhilft. Ich weiß nicht immer alles über die Dinge, die mir der Strom der Zeit enthüllt, oder ob sie bedeutsam sind. Gut möglich, dass es sich so verhält, wie du sagst, und mehr nicht. Ich kann dir nur helfen, indem ich meine Informationen korrekt an dich weitergebe, und das habe ich getan. Genau so ist es mir zugeflogen, in exakt diesen Worten: Deine Mutter war nicht die Einzige, die bei diesem Brand ums Leben gekommen ist.«
Richard fühlte, wie ihm eine Träne über die Wange lief. »Ich fühle mich so alleine, Shota. Ihr habt Jebra mit hierher gebracht, damit sie mir Dinge erzählt, die mir Albträume bereiten. Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll, ich bin völlig ratlos. So viele Menschen setzen ihre Hoffnung auf mich, sind auf mich angewiesen. Könnt Ihr mir nicht irgendetwas sagen, was mich zumindest in die richtige Richtung lenkt, ehe wir alle verloren sind?«
Mit dem Finger wischte Shota ihm die Träne von der Wange, eine schlichte Geste, die ihm wieder ein wenig Zuversicht gab.
»Tut mir leid, Richard. Ich kenne die Antworten nicht, die dich retten würden. Wüsste ich sie, glaube mir, ich würde sie dir nur zu gerne geben. Aber ich sehe das Gute in dir. Ich glaube an dich. Du hast alles, was du brauchst, um erfolgreich zu sein. Manchmal wirst du an dir zweifeln. Gib nicht auf. Denk immer daran, ich glaube an dich. Ich weiß, du kannst dein Ziel erreichen. Es gibt nicht viele wie dich, Richard. Glaube an dich. Und wisse, ich glaube fest daran, dass du derjenige bist, der es schaffen kann.«
Noch einmal wandte sie sich um, ein dunkler Schatten vor dem schwindenden Licht.
»Ob Kahlan jemals existiert hat oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Die gesamte Welt des Lebens, das Leben jedes Einzelnen steht auf dem Spiel. Du musst dieses eine Menschenleben vergessen, Richard, und stattdessen an all die anderen denken.«
»Sagen das die Prophezeiungen, Shota?« Richard fühlte sich zu niedergeschlagen, um die Stimme zu heben. »Irgendetwas aus dem Strom der Zeit?«
Shota schüttelte den Kopf. »Es ist einfach nur der Rat einer Hexe.«
Sie machte sich auf den Weg zur Koppel, um ihr Pferd zu holen. »Zu viel steht auf dem Spiel, Richard. Du musst aufhören, diesem Phantom hinterher zujagen.«
Als Richard wieder hineinging, hatten sich alle, in eine leise Unterhaltung vertieft, die vom Mitgefühl für ihre schwere Prüfung erfüllt war, um Jebra geschart.
Zedd unterbrach sich mitten im Satz. »Ziemlich merkwürdig, findest du nicht auch, mein Junge?«