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Richard ließ seinen Blick über die konsternierten Mienen schweifen.

»Merkwürdig? Was meinst du?«

Zedd breitete die Hände aus. »Na, dass Shota mitten in Jebras Geschichte einfach aufsteht und verschwindet.«

»Verschwindet«, wiederholte Richard nachdenklich.

Nicci nickte. »Wir alle dachten, sie würde noch bleiben und etwas sagen, nachdem Jebra fertig war.«

»Vielleicht musste sie ja los, um sich jemanden zu suchen, den sie ins Bockshorn jagen kann«, brummte Cara.

Ann seufzte. »Vielleicht wollte sie sich auch nur auf die Suche nach dieser anderen Hexe machen.«

»Oder aber als Hexe hält sie nicht viel davon, sich ordentlich zu verabschieden«, schlug Nathan vor.

Richard sagte nichts. Er hatte dieses Verhalten schon einmal bei Shota beobachtet, damals, als sie bei seiner und Kahlans Hochzeit aufgetaucht war und Kahlan die Halskette geschenkt hatte. Auch da hatte niemand mitbekommen, dass sie mit Richard und Kahlan gesprochen hatte, hatte niemand sie wieder gehen sehen. Die anderen nahmen ihre Unterhaltung wieder auf, mit Ausnahme seines Großvaters. Zedd wirkte beunruhigt.

»Was ist denn?«, erkundigte sich Richard.

Kopfschüttelnd legte er Richard den Arm um die Schultern, beugte sich zu ihm und sagte in vertraulichem Ton: »Ich weiß nicht, warum, aber ich spüre, wie meine Gedanken immer wieder zu den Erinnerungen an deine Mutter abschweifen.«

»Meine Mutter.«

Zedd nickte. »Ich vermisse sie wirklich sehr.«

»Ich auch«, sagte Richard. »Und wo du gerade davon sprichst, ich schätze, ich war in Gedanken auch gerade bei ihr.«

Zedds Blick bekam etwas Entrücktes. »An dem Tag damals ist mit ihr auch ein Teil von mir gestorben.«

Richard brauchte einen Moment, um seine Stimme wieder zu finden.

»Hast du eine Idee, warum sie noch einmal in das brennende Haus zurücklief? Glaubst du, dort drinnen gab es irgendetwas Wichtiges? Womöglich etwas, von dem wir gar nichts wissen?«

Entschieden schüttelte Zedd den Kopf. »Damals war ich mir sicher, dass es einen guten Grund gegeben haben musste, aber ich habe die Asche eigenhändig durchsucht.« Tränen traten ihm in die Augen.

»Da war nichts, nur ihre Gebeine.«

Richard blickte zur Tür hinaus und sah den geisterhaften Schatten Shotas auf ihrem Pferd, die sich, ohne sich noch einmal umzuschauen, auf den Weg machte, die Straße hinunter.

21

Rachel zögerte. Sie war schon ein gutes Stück weit in den düsteren Eingang vorgedrungen, und mittlerweile wurde es schwierig, etwas zu erkennen. Zwar hätte sie nur zu gern darauf verzichtet zu sehen, was auf die Wände gezeichnet war, Tatsache war jedoch, sie konnte es sehen. Den ganzen Weg ins Innere der Höhle hatte sie sich bemüht, nicht allzu genau auf die merkwürdigen Szenen zu achten, mit denen die Felswände rings um sie her bedeckt waren. Von einigen der Darstellungen hatte sie an den Armen eine Gänsehaut bekommen. Ihr war einfach unverständlich, wieso irgendjemand das Verlangen haben konnte, solch abstoßende, grausame Dinge zu zeichnen, auch wenn sie durchaus nachvollziehen konnte, dass diese Leute sie hier unten in einer Höhle untergebracht hatten; offenbar wollten sie diese düsteren Phantasien vor dem Tageslicht verbergen. Unvermutet versetzte der Mann ihr einen Stoß. Rachel stolperte vorwärts und schlug mit dem Gesicht auf den Boden. Viel zu wütend, um loszuheulen, spuckte sie den Staub aus und stemmte sich mit den Armen hoch.

Als sie über die Schulter linste, sah sie, dass der Mann sie nicht etwa beobachtete, sondern mit seinen beängstigenden goldenen Augen geradeaus in das Dunkel starrte, so als wären seine Gedanken auf Wanderschaft gegangen und er hätte sie vollkommen vergessen. Rachel sah sich zu dem Lichtpunkt um und überlegte kurz, ob sie es wohl schaffen würde, sich an seinen langen Beinen vorbeizudrücken. Sie könnte ja so tun, überlegte sie, als wollte sie in die eine Richtung, und dann blitzschnell in die andere Richtung abtauchen. Es könnte klappen. Allerdings war er um einiges größer als sie und konnte zweifellos schneller laufen, selbst wenn sie nach dem langen Gefesselt sein nicht noch wackelig auf den Beinen gewesen wäre. Wenn er ihr nur nicht ihre Messer weggenommen hätte. Doch bevor sie Gelegenheit hatte, es zu versuchen, fiel der Blick des Mannes wieder auf sie. Er packte sie am Kragen, hievte sie auf die Beine und stieß sie vor sich her, tiefer und tiefer in den dunklen Schlund der Höhle hinein. Rachel hatte einige Mühe, auf den überall hervorstehenden Felsen Halt zu finden und über die Felsspalten hinwegzuspringen. Schließlich bemerkte sie weiter vorne eine schemenhafte Bewegung und blieb stehen.

»Sieh an, sieh an ...«, erklang eine schneidend dünne Stimme aus der Tiefe des Dunkels. »Gäste.«

Das letzte Wort war so gedehnt gesprochen worden, dass es ein wenig an das Zischeln einer Schlange erinnerte.

Rachel überlief es eiskalt, als sie mit weit aufgerissenen Augen in das Dunkel starrte und sich bange fragte, wer wohl der Besitzer einer solchen Stimme sein mochte.

Schließlich, so als käme er aus der Unterwelt selbst, schälte sich ein Schatten aus dem Dunkel und schob sich in einer gleitenden Bewegung nach vorne in den trüben Lichtschein.

Bloß lächelten Schatten nicht, erkannte Rachel. Dies war eine Frau, eine hochgewachsene Frau in einem langen, schwarzen Kleid. Auch ihr langes, drahtiges Haar war schwarz. Im Gegensatz dazu war ihre Haut so bleich, dass ihr Gesicht fast völlig losgelöst in der Dunkelheit zu schweben schien. Rachel fühlte sich an die Haut eines Albino-Salamanders erinnert, der sich, gänzlich unberührt vom Sonnenlicht, tagsüber unterm Laub versteckt. Alles an ihr, vom groben schwarzen Stoff ihres Kleides über ihre ausgetrocknete, fest über den Knöcheln spannende Haut bis hin zu ihrem widerspenstigen Haar, wirkte so trocken wie ein von der Sonne ausgedörrter Leichnam.

Dazu hatte sie ein Lächeln wie das eines Wolfes aufgesetzt, stellte sich Rachel vor, eines Wolfes, dem unerwartet das Abendessen über den Weg läuft.

Ihre Augen waren blau, wenngleich von einem Blau, das ebenso verblichen war wie ihre Haut, sodass es fast so aussah, als könnte sie möglicherweise blind sein. Gleichwohl ließ ihre Art, Rachel in aller Seelenruhe und bewusst zu mustern, keinen Zweifel daran, dass sie nicht nur im Hellen ausgezeichnet sehen konnte, sondern vermutlich auch bei tiefster Dunkelheit.

»Ich kann nur hoffen, es hat sich gelohnt«, knurrte der Mann hinter Rachel. »Das kleine Gör hat mir ein Messer ins Bein gerammt.«

Rachel blickte über ihre Schulter. Wie der Mann hieß, wusste sie nicht, er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich vorzustellen. Überhaupt hatte er nur sehr wenig gesprochen, seit er sie aufgegriffen hatte, so als wäre sie kein Mensch, sondern irgendein Gegenstand, ein lebloses Ding, das er bloß aufgelesen hatte. Durch seine Behandlung hatte er ihr das Gefühl gegeben, nicht mehr zu sein als ein hinter sich über den Sattel geworfener Getreidesack. Im Augenblick jedoch waren Schmerz und Angst, Durst und Hunger während ihres langen Ritts nichts weiter als verblassende Unannehmlichkeiten.

»Du hast Chase getötet«, sagte Rachel. »Dafür hättest du noch ganz was anderes verdient.«

Die Frau runzelte die Stirn. »Wen?«

»Den Kerl, der bei ihr war.«

»Aha, verstehe«, sagte die Frau in Schwarz. »Und du hast ihn getötet?« Sie schien nur mäßig interessiert. »Bist du sicher? Hast du ihn begraben?«

Er zuckte die Achseln. »Ich nehme an, dass er tot ist -von solchen Verletzungen erholt sich keiner. Der Bann hatte mich, wie Ihr es versprochen hattet, praktisch unsichtbar gemacht, daher hat er nicht mal bemerkt, dass ich da war. Aber ich hab mir nicht die Zeit genommen, ihn zu verbuddeln, ich wusste ja, Ihr wolltet, dass ich so schnell wie möglich zurückkomme.«

Ihr dünnes Lächeln wurde breiter. Sie schob sich näher an ihn heran, streckte schließlich die Hand vor und fuhr ihm mit ihren langen, knochigen Fingern durch sein dichtes Haar. Sie musterte ihn eingehend aus ihren gespenstisch blauen Augen.

»Sehr gut, Samuel«, gurrte sie. »Ausgezeichnet.«