Samuel sah aus wie ein Hund, der hinter den Ohren gekrault wurde.
»Danke, Herrin.«
»Und das ... Andere hast du auch mitgebracht?«
Er nickte beflissen, und ein Lächeln hellte seine Züge auf. Wahrscheinlich lag es an seinen seltsamen, goldenen Augen, dass Rachel ihn für einen abweisend wirkenden Mann gehalten hatte, aber sobald er lächelte, schien seine wahre Natur dahinter zurückzutreten. Lächelnd sah er besser aus als die meisten, auch wenn er in Rachels Augen ein Ungeheuer war und es immer bleiben würde. Ein freundliches Lächeln reichte nicht, um wettzumachen, was er ihr angetan hatte.
Auf einmal schien Samuel bester Laune. So fröhlich hatte sie ihn noch nicht erlebt. Allerdings hatte sie einen Großteil der Zeit in einem über den Rücken seines Pferdes gebundenen Sack gesteckt, sodass sie vermutlich gar nicht richtig beurteilen konnte, ob er gut gelaunt gewesen war oder nicht. Es war ihr eigentlich auch egal. Sie hatte nur einen Wunsch: ihn tot zu sehen. Er hatte Chase umgebracht, das Beste, was ihr in ihrem ganzen Leben je widerfahren war. Chase war der prachtvollste Mensch, den man sich nur vorstellen konnte. Er hatte sie nach ihrer Flucht vor Königin Milena auf dem Schloss von Tamarang und dieser grauenhaften Prinzessin Violet bei sich aufgenommen, hatte sie geradezu mit Liebe überschüttet und sich um sie gekümmert. Er hatte ihr beigebracht, auf sich selbst Acht zu geben. Er hatte eine Familie, die er liebte und die ihn liebte und brauchte.
Und nun war er für sie alle nicht mehr da.
Chase war ein Hüne von einem Mann und wusste mit seinen Waffen so geschickt umzugehen, dass Rachel immer geglaubt hatte, niemand könne ihn besiegen, schon gar nicht ein einzelner Mann. Doch dann war Samuel urplötzlich wie ein Geist aufgetaucht und hatte Chase im Schlaf erstochen, ihn mit diesem prachtvollen Schwert durchbohrt, das unmöglich ihm gehören konnte, da war sie sich ziemlich sicher. Sie wollte sich lieber nicht vorstellen, wie er es in seinen Besitz gebracht und wen er sonst noch damit verwundet hatte. Wie er so dastand, die Arme schlaff neben dem Körper, die Schultern gebeugt, während die Frau ihm mit den Fingern durchs Haar fuhr und dazu mit leisen tröstlichen, schmeichlerischen Worten auf ihn einredete, wirkte Samuel wie ein Idiot. Er schien nicht mehr er selbst. Bis zu diesem Augenblick hatte er stets selbstsicher, ja beinahe arrogant gewirkt. Nie hatte er sie im Zweifel gelassen, wer das Sagen hatte, stets wusste er genau, was er wollte. In Gegenwart dieser Frau jedoch war er wie verändert. Fast erwartete Rachel, er würde seine Zunge heraushängen lassen und zu sabbern anfangen.
»Du sagtest, das Andere hättest du ebenfalls mitgebracht, Samuel«, sagte sie mit ihrer zischelnden Stimme.
»So ist es.« Er deutete mit dem Arm nach hinten, zum Licht. »Es ist noch auf dem Pferd.«
»Na, dann lass es nicht dort draußen«, sagte die Frau, in deren Stimme sich plötzlich eine ungeduldige Schärfe einschlich. »Geh schon und hol es her.«
»Ja ... natürlich, sofort.« Geradezu versessen darauf, ihrer Aufforderung Folge zu leisten, hastete er davon.
Rachel sah ihm nach, wie er durch die Höhle zurücklief, über im Weg liegende Felsen hinwegkletterte, sich manchmal mit den Händen am Boden abstützte, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und an der schaurigen Galerie der Wandzeichnungen vorbei zum Höhleneingang eilte. In diesem Moment bemerkte sie einen flackernden Widerschein auf den dunklen Wänden, und als sie das knisternde Zischen hörte, wusste sie, dass das Licht von einer Fackel stammte. Sie drehte sich wieder um und sah, wie sich eine weitere Person mit einer Fackel in der Hand aus dem Dunkel schälte. Verdutzt klappte Rachel die Kinnlade herunter.
Es war Prinzessin Violet!
»Sieh mal einer an, wenn da nicht unser Waisenkind Rachel zu uns zurückgefunden hat«, sagte Violet und steckte die Fackel in eine Halterung in der Felswand, ehe sie einen Platz an der Seite der schwarz gekleideten Frau einnahm.
Rachel war, als könnten ihr die Augen jeden Moment aus dem Schädel treten; sie schien unfähig, den Mund wieder zu schließen. Ihre Stimme hatte sich in ihre Magengrube verkrochen.
»Violet, meine Liebe, ich glaube, Ihr habt die Kleine glatt vor Angst um den Verstand gebracht. Hast du deine Zunge verloren, Kleines?«
Eigentlich war es Prinzessin Violet, die ihre Zunge verloren hatte, doch jetzt hatte sie sie ganz offensichtlich wieder. So unwahrscheinlich es auch schien, sie hatte ihre Zunge wieder.
»Prinzessin Violet...«
Violets Rücken versteifte sich, als sie ihre breiten Schultern straffte. Gegenüber dem letzten Mal, als Rachel sie gesehen hatte, schien sie um die Hälfte gewachsen, außerdem wirkte sie irgendwie kräftiger. Und älter.
»Mittlerweile Königin Violet.«
Rachel blinzelte erstaunt. »Königin ...?«
Violet lächelte ein Lächeln, das einen Scheiterhaufen hätte zu Eis erstarren lassen.
»Allerdings, ganz recht. Königin. Meine Mutter, musst du wissen, ist ermordet worden, als dieser Mann, dieser Richard, floh. Er hat es getan, er ist schuld am Tod meiner Mutter, am Tod unserer geliebten ehemaligen Königin. Nichts als Kummer und fürchterliche Zeiten hat er uns allen beschert.« Sie seufzte schwer. »Aber die Dinge haben sich geändert. Jetzt bin ich Königin.«
Es wollte Rachel einfach nicht in den Kopf. Königin. Das Ganze schien vollkommen unvorstellbar. Das Verblüffendste allerdings war, dass Violet trotz des Verlusts ihrer Zunge wieder sprechen konnte.
Ein freudloses Grinsen ging über Violets Lippen, als sie ihre Stirn in Falten legte. »Knie vor deiner Königin nieder.«
Rachel schien den Sinn der Worte nicht zu begreifen. Wie aus dem Nichts schoss Violets Hand heran und traf Rachel mit solcher Wucht, dass sie der Länge nach zu Boden gestreckt wurde.
»Knie vor deiner Königin nieder!«
Wieder und wieder hallte Violets schrille Stimme durch die Dunkelheit.
Keuchend vor Schmerz und Schock presste Rachel eine Hand auf ihre Wange und rappelte sich mühsam wieder bis zu den Knien hoch. Warm spürte sie das Blut über ihr Kinn rinnen. Offenbar war Violet auch erheblich kräftiger als früher.
Die schmerzhafte Ohrfeige war, als hätte ihre eigene Vergangenheit sie schlagartig wieder eingeholt, als wäre alles nur ein Traum gewesen und sie wäre wieder im Albtraum ihres früheren Lebens aufgewacht. Wie damals war sie vollkommen auf sich gestellt, ohne einen Giller, ohne Richard oder Chase, die ihr hätten helfen können. Wie damals war sie Violet hilflos ausgeliefert, ohne einen einzigen Freund in der Welt zu haben.
Violets Lächeln war erloschen. Die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, starrte sie auf die vor ihr kniende Rachel herab, dass Rachel trocken schluckte.
»Er hat mich angegriffen, weißt du. Damals, als Richard noch der Sucher war, hat er mich angegriffen und schwer verwundet, und das völlig grundlos.« Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. »Er hat mich übel verletzt. Ein Kind anzugreifen und zu verletzen! Mein Kiefer war gebrochen, die Zähne hat er mir eingeschlagen und mir die Zunge herausgeschnitten, genau wie er es angekündigt hatte. Ich konnte auf einmal nicht mehr sprechen.«
Sie senkte ihre Stimme zu einem tiefen Knurren, das Rachel das Blut in den Adern gefrieren ließ. »Aber das war nur das geringste meiner Leiden.«
Violet holte tief Luft, um sich wieder zu beruhigen. Mit den Händen strich sie ihr rosafarbenes Seidenkleid an den Hüften glatt.
»Die Berater meiner Mutter waren ebenfalls keine große Hilfe; sobald sie irgendwas Sinnvolles tun sollten, benahmen sie sich wie wichtigtuerische Trottel. Mit jeder Menge Tränke und Bandagen, Düften und Beschwörungen kamen sie an, sprachen Gebete und brachten den Gütigen Seelen Opfer dar. Sie setzten Blutegel und erhitzte Glaskolben. Nichts von alledem hatte auch nur die geringste Wirkung. Meine Mutter wurde beerdigt, ohne dass ich dabei gewesen wäre, denn zu der Zeit war ich nicht einmal bei Bewusstsein.
Selbst die Sterne wussten nichts über meinen Zustand oder meine Heilungschancen zu sagen. Meist standen die Berater händeringend herum, während sie hinter vorgehaltener Hand wahrscheinlich längst aushandelten, wer sich die Krone unter den Nagel reißen würde, sobald ich endlich gestorben wäre. Wenn das nicht bald geschähe, würde mir einer von ihnen schon dazu verhelfen, dass ich bald in den Genuss eines Lebens nach dem Tode an der Seite meiner Mutter kommen würde. Das besorgte Getuschel untereinander, ich könnte Königin werden, war nicht zu überhören.«