Выбрать главу

Violet holte abermals tief Luft, um sich zu beruhigen. »Und dann, mitten in meinem Albtraum aus Schmerzen und Qualen, aus Angst und Kummer und der wachsenden Sorge, man könnte mich womöglieh ermorden, trat plötzlich Sechs auf den Plan und stand mir bei.«

Sie wies auf die neben ihr stehende Frau. »Gerade als ich es am dringendsten brauchte und niemand sonst dazu in der Lage oder bereit war, erschien Sechs und half mir, mich selbst, die Krone und sogar Tamarang zu retten.«

»Aber ... aber Ihr seid doch gar nicht alt genug, um Königin zu sein«, stammelte Rachel und wusste im selben Moment, da ihr die Worte wider ihr besseres Wissen herausgerutscht waren, dass es ein Fehler gewesen war. Violets zweite Hand schnellte vor und traf sie an der anderen Wange. Anschließend packte Violet sie bei den Haaren und zog sie derb wieder auf die Knie hoch. Rachel fasste sich mit einer Hand auf den frischen, pochenden Schmerz und wischte sich mit der anderen das Blut vom Mund.

Völlig ungerührt meinte Violet achselzuckend: »Wie auch immer, in den letzten Jahren bin ich erwachsen geworden. Ich bin nicht mehr das Kind von damals, das kleine Mädchen, für das du mich offenbar noch immer hältst, so wie damals, als du noch hier gelebt und unser Wohlwollen und unsere Großzügigkeit genossen hast.«

Rachel fand nicht, dass Violet erwachsen genug war, um Königin zu sein, war aber klug genug, es nicht noch einmal anzumerken. Auch war sie nicht so töricht, diese Sklaverei mit »Wohlwollen« zu verwechseln.

»Sechs hat mir bei meiner Genesung zur Seite gestanden. Sie hat mich gerettet.«

Rachel starrte hoch in das blasse, zu einem Grinsen verzogene Gesicht. »Ich bot meine Dienste an. Violet hieß mich auf der Burg willkommen; die Berater ihrer Mutter waren jedenfalls nicht gut für sie.«

»Mit ihren magischen Kräften heilte sie meinen gebrochenen und stark entzündeten Kiefer. Ich war schon ganz entkräftet, weil ich immer nur schluckweise dünne Brühe zu mir nehmen konnte. Mit Sechs’ Hilfe konnte ich endlich wieder normal essen und kam wieder zu Kräften. Sogar neue Zähne wuchsen mir; ich glaube kaum, dass zuvor schon mal jemandem ein drittes Gebiss gewachsen ist, aber bei mir war es so.

Doch ich konnte immer noch nicht sprechen, also benutzte Sechs, als ich wieder halbwegs genesen und bei Kräften war, ihre außergewöhnliche Magie, um mir eine neue Zunge wachsen zu lassen.« Sie ballte die Fäuste. »Die Zunge, deren Verlust ich dem Sucher zu verdanken habe.«

»Dem ehemaligen Sucher«, korrigierte Sechs mit leiser Stimme.

»Dem ehemaligen Sucher«, räumte Violet, jetzt schon beträchtlich ruhiger, ein.

Wieder erschien das selbstgefällige Grinsen auf Violets dicklichem Gesicht, ein Grinsen, das Rachel nur zu vertraut war. »Und jetzt hat man dich zurückgebracht.« Ihr Tonfall verhieß eine Drohung, die in ihren Worten nicht enthalten war.

»Was ist aus all den anderen geworden?«, erkundigte sich Rachel in dem Versuch, ein wenig Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. »All den Beratern der Königin?«

»Die Königin bin ich!« Mit ihrer Leibesfülle hatte offenbar auch ihre Reizbarkeit zugenommen.

Eine sachte Berührung von Sechs auf ihrem Rücken ließ sie kurz aufblicken und rief ein Lächeln auf ihre Lippen. Sie atmete erneut tief durch, um sich zu beruhigen, fast so, als wäre sie ermahnt worden, sich auf ihre Manieren zu besinnen.

Schließlich antwortete sie auf Rachels Frage. »Für die Berater meiner Mutter hatte ich keine Verwendung, schließlich waren sie alle nutzlos. Deren Rolle hat jetzt Sechs übernommen, und sie macht ihre Sache sehr viel besser als jeder einzelne dieser Dummköpfe. Letztlich war keiner von ihnen imstande, mir eine neue Zunge wachsen zu lassen, oder?«

Rachel blickte hoch zu Sechs. Da war es wieder, dieses wölfische Grinsen, und ihre gespenstischen blauen Augen schienen geradewegs bis auf den Grund ihrer entblößten Seele zu blicken.

»Dergleichen überstieg bei Weitem ihre Fähigkeiten«, bemerkte die Frau mit ruhiger Stimme, in der gleichwohl ein Unterton von ungeheurer Macht mitschwang. »In meiner Macht dagegen stand es sehr wohl.«

Rachel fragte sich, ob Violet wohl Befehl gegeben hatte, die Berater samt und sonders hinzurichten. Als sie das letzte Mal im Schloss gewesen war, hatte Violet, damals noch an der Seite ihrer Mutter, gerade erst mit der Anordnung der ersten Hinrichtungen begonnen. Aber jetzt, da sie Königin war und Sechs ihr den Rücken stärkte, gab es vermutlich gar nichts mehr, das ihre Launen noch zügeln konnte.

»Sie gab mir meine Zunge und meine Stimme zurück. Der Sucher war der Meinung, er hätte mir das alles genommen, aber jetzt hab ich es zurück. Tamarang ist wieder fest in meiner Hand.«

Wäre der Gedanke nicht so beängstigend, die Vorstellung nicht so erschreckend gewesen, hätte Rachel vielleicht gelacht bei dem Gedanken, dass Violet jetzt Königin war. Sie war damals ihre Spielgefährtin gewesen, ihre Gesellschafterin - was im Grunde nichts anderes hieß, als dass sie ihre persönliche Leibsklavin war. Violets Mutter, Königin Milena, hatte sie aus einem Waisenhaus geholt, in der Absicht, einen Menschen bei sich aufzunehmen, an dem Violet ihre Führerschaft einüben könnte, irgendein junges Ding, das Violet mühelos gängeln und nach Belieben misshandeln konnte. Aber Rachel hatte nicht nur fliehen können, sie hatte überdies auch Königin Milenas kostbares Kästchen der Ordnung mitgenommen und es wenig später Richard, Zedd und Chase ausgehändigt. All das war lange her. Ihrer äußeren Erscheinung nach schien Violet jetzt in der Mitte ihrer Jugendjahre zu stehen, allerdings war Rachel nicht besonders gut, wenn es um das Schätzen des Alters von Älteren ging. Auf jeden Fall hatte sie, seit Rachel sie das letzte Mal gesehen hatte, erheblich an Leibesfülle zugenommen. Ihr stumpfes Haar war noch länger geworden, ihr Körper schwerer, ungeschlachter. Wie alles an ihr war auch das Gesicht nach wie vor dicklich, hatte aber wegen dieser kleinen, dunklen, berechnenden Augen alles Kindliche verloren. Auch war ihr Busen nicht mehr flach, sondern fraulich gewölbt. Sie sah aus wie eine Erwachsene, bereit, jeden Moment aus ihrem Kokon zu schlüpfen. Schon immer war sie um einiges älter gewesen als Rachel, doch jetzt schien sie einen Zwischenspurt eingelegt und den Abstand noch vergrößert zu haben. Trotz alledem schien sie nicht annähernd alt genug, um Königin zu sein.

Und doch war sie es.

Rachels Knie, die ungeschützt auf dem felsigen Boden ruhten, taten scheußlich weh, trotzdem wagte sie nicht zu bitten, ob sie aufstehen dürfe. Stattdessen riskierte sie eine Frage.

»Violet... ?«

Klatsch.

Ehe sie überhaupt Zeit hatte nachzudenken, hatte Violet scheinbar aus dem Nichts zugeschlagen, so als hätte sie nur auf einen Vorwand gelauert. Rachels Blick verschwamm, dass ihr übel wurde. Dem Gefühl nach war nicht auszuschließen, dass der Schlag womöglich ein paar Zähne gelockert hatte. Erst ein behutsames Nachfühlen mit der Zunge verschaffte ihr Gewissheit, dass alle noch an ihrem Platz waren.

»Königin Violet«, knurrte Violet. »Mach diesen Fehler nicht noch mal, oder ich lasse dich wegen Anstiftung zum Verrat foltern.«

Rachel schluckte das Entsetzen hinunter, das ihr die Kehle zuschnürte. »Ja, Königin Violet.«

Der Triumph ließ Violet lächeln. Sie war wahrhaftig Königin. Rachel wusste, dass Violets Vorliebe ausschließlich den exquisitesten Dingen, dem kunstvollsten und aufwändigsten Zierrat galt, ob dies nun Vorhänge waren oder Geschirr, eleganteste Kleider und kostbarste Juwelen. Sie bestand darauf, sich nur mit dem Allerfeinsten zu umgeben - und das schon damals, als sie noch Prinzessin war. Umso seltsamer musste es scheinen, dass sie jetzt in einer Höhle hauste.