»Königin Violet, was tut Ihr nur an diesem grässlichen Ort?«
Einen Moment lang starrte Violet auf sie herab, dann fuchtelte sie mit etwas, das wie ein Stück Kreide aussah, vor ihrem Gesicht herum. »Mein Erbe, das, was mir vererbt wurde.«
Rachel begriff nicht. »Euer was?«
»Meine Gabe.« Sie zuckte beiläufig die Achseln. »Na ja, Gabe trifft es nicht ganz, aber es ist etwas ganz Ähnliches. Schau, ich stamme aus einer alten Künstlerfamilie. Erinnerst du dich noch an James? Den Hofkünstler?«
Rachel nickte. »Der nur eine Hand hatte.«
»Richtig«, sagte Violet gedehnt. »Ein Mann, der ein wenig zu vorlaut war, als dass es ihm gut getan hätte. Nur weil er ein Verwandter der Königin war, meinte er, sich gewisse Unbedachtheiten herausnehmen zu können. Das war ein Irrtum.«
Rachel blinzelte verständnislos. »Ihr seid miteinander verwandt?«
»Ein entfernter Cousin oder so ähnlich. In seinen Adern floss eine winzige Menge königlichen Blutes. Und dieses außergewöhnliche Blut birgt die einzigartige Gabe des ... Künstlertums. In der Familie der Herrscher von Tamarang hatte sich noch eine feine Spur dieses uralten Talents erhalten. Meine Mutter besaß dieses Talent nicht, aber wie sich herausstellte, hatte sie es über die Blutlinie an mich weitervererbt. Damals hingegen war James der Einzige, von dem wir wussten, dass er noch dieses Talent besaß. Und so kam es, dass er als Hofkünstler diente, dass er in Diensten der Krone und meiner Mutter, Königin Milena, stand.
Noch bevor der Sucher, der ehemalige Sucher, Richard, den ganzen Ärger anzettelte, der in der Ermordung meiner Mutter gipfelte, tötete er James, sodass unser Land zum ersten Mal in seiner Geschichte keinen Künstler zum Schutz der Krone in seinen Diensten hatte. Damals wussten wir noch nicht, dass ich tatsächlich dieses Talent in mir trug.« Mit einer Handbewegung wies sie auf die Frau neben sich.
»Sechs hier erkannte jedoch, dass ich es in mir trug, und klärte mich über mein bemerkenswertes Talent auf. Sie brachte mir auch bei, wie man sich seiner bedient, und erteilte mir ... Kunstunterricht. Eine Menge Leute war damals dagegen, dass ich Königin wurde einige davon fanden sich sogar unter den höchsten Beratern der Krone. Zum Glück unterrichtete Sechs mich von ihren heimlichen Intrigen.« Sie hielt Rachel das Stück Kreide vors Gesicht.
»Schließlich sahen die Verräter hier unten auf diesen Felswänden Zeichnungen von sich. Ich sorgte dafür, dass jeder wusste, was einem Verräter blühte. Dadurch wurde ich schließlich, dank Sechs’ Rat und Beistand, Königin. Jetzt wagt niemand mehr, sich mir zu widersetzen.«
Schon als Rachel damals im Schloss gelebt hatte, hatte sie Violet für überaus gefährlich gehalten. Da hatte sie aber noch nicht ahnen können, wie viel gefährlicher sie noch werden würde. Ein Gefühl von erdrückender Hoffnungslosigkeit überkam sie.
Violet und Sechs blickten auf, als sie Samuel mit eiligen Schritten in die Höhle zurückkehren hörten. Aus Angst, Violet könnte das Bedürfnis verspüren, abermals zuzuschlagen, beschloss Rachel, sich nicht umzudrehen und sich mit eigenen Augen zu überzeugen. Allerdings konnte sie Samuels Keuchen hören, als er näher kam. Mit einer herrischen Geste befahl Violet Rachel, zur Seite zu treten und Platz zu machen. Rachel gehorchte augenblicklich und sprang auf, nur zu froh, sich, wenn schon nicht aus Violets Einflussbereich, so doch wenigstens aus der Reichweite ihrer Hände entfernen zu können.
Samuel hatte einen Lederbeutel bei sich, der von einer Zugschnur zusammengehalten wurde. Behutsam setzte er ihn auf dem Boden ab und öffnete ihn, dann blickte er hoch zu Sechs. Diese forderte ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung auf, fortzufahren. Es schien eine Art Kästchen zu sein. Als es aus dem Beutel zum Vorschein kam, sah Rachel, dass es so schwarz war wie der Tod höchstselbst, so schwarz, dass sie glaubte, sie alle könnten ohne weiteres in dieses schwarze Nichts hineingesogen werden und in der Unterwelt verschwinden.
Samuel fasste das unheimliche Ding mit einer Hand und reichte es Sechs, die es ihm mit einem Lächeln aus der Hand nahm.
»Wie versprochen«, sagte sie an Violet gewandt, »überreiche ich Euch hiermit Königin Violets Kästchen der Ordnung.«
Rachel erinnerte sich, dass Königin Milena ebendieses Kästchen mit dem gleichen ehrfurchtsvollen Respekt in Händen gehalten hatte, nur dass es jetzt nicht mehr über und über mit Silber, Gold und Juwelen besetzt war. Zedd hatte ihr erklärt, das eigentliche Kästchen der Ordnung habe sich unter dieser Schicht aus Juwelen befunden. Demnach musste dies das Kästchen sein, das die ganze Zeit über darunter verborgen gewesen war, als sie es im Auftrag des Zauberers Giller aus dem Schloss hatte verschwinden lassen.
Und nun lebte Giller nicht mehr, Richard war nicht mehr im Besitz seines Schwertes, und Rachel befand sich wieder in der Gewalt Violets. Und zu allem Überfluss besaß Violet, wie früher ihre Mutter, nun selbst eines dieser kostbaren Kästchen der Ordnung. Violet lächelte geziert. »Siehst du, Rachel? Wozu brauche ich diese alten, nutzlosen Berater? Hätten sie auch nur einen Bruchteil von dem erreichen können, was ich erreicht habe? Wie du siehst, lasse ich mich von meinem Weg zum Erfolg nicht abbringen, im Gegensatz zu diesen schwächlichen Menschen, mit denen du dich abgibst. Das ist es, was eine Königin ausmacht.
Jetzt befindet sich das Kästchen der Ordnung wieder in meinem Besitz, und du bist auch wieder zurückgekehrt.« Wieder fuchtelte sie mit der Kreide. »Und ich werde auch Richard wieder in meine Gewalt bekommen, damit er seine Strafe antreten kann.«
Sechs seufzte. »Genug der fröhlichen Wiedersehensfreude. Ihr habt bekommen, was Ihr wolltet. Samuel und ich werden uns jetzt über seinen nächsten Auftrag unterhalten müssen, und Ihr müsst wieder zurück in Euren ›Kunstunterricht‹.«
Violet lächelte verschwörerisch. »Richtig, mein Unterricht.« Sie bedachte Rachel mit einem stechenden Blick. »Drüben im Schloss wartet schon eine Eisenkiste auf dich. Und außerdem wäre da noch die Frage deiner Strafe.«
Sechs neigte kurz ihr Haupt. »Ich werde mich dann entfernen, meine Königin.«
Violet entließ sie mit einer flüchtigen Handbewegung. Sechs packte Samuel am Oberarm und begann, sich mit ihm zu entfernen. Während er unablässig darauf achten musste, beim Klettern über die Steine oder Umgehen derselben nicht das Gleichgewicht zu verlieren und sicher aufzutreten, schien Sechs ohne die geringste Mühe durch das trübe Dämmerlicht zu gleiten.
»Komm mit«, forderte Violet sie in einem Tonfall falscher Heiterkeit auf, der Rachel das Blut in den Adern gefrieren ließ. »Du kannst mir beim Zeichnen zusehen.«
Während Violet die Fackel ergriff, erhob sich Rachel auf wackeligen Beinen und folgte ihrer Königin im Licht der schwindenden Flamme, deren Schein die endlosen Darstellungen grauenhafter Dinge beleuchtete, die irgendwelchen Personen angetan wurden. An den Wänden gab es nicht eine einzige Stelle, die nicht mit irgendeiner Schrecken erregenden Szene bedeckt war. Wie sehr vermisste sie in diesem Augenblick Chase, seinen Trost, sein strahlendes Lächeln, wenn sie sich im Unterricht gut gemacht hatte, seine tröstliche Hand auf ihrer Schulter. Sie liebte ihn so sehr. Und dieser Samuel hatte ihn getötet und damit alle ihre Hoffnungen und Träume zunichte gemacht. Ein dumpfes Gefühl der Verzweiflung überkam sie, als sie Violet immer tiefer in die Dunkelheit hinein folgte, in den Wahnsinn.
22
Richard stand ganz unten am Ende der Brustwehr, unweit des Sockels eines der hoch aufragenden Türme vor der zinnenbewehrten Außenmauer, den Blick auf die verlassene Stadt tief unten gerichtet. Das Zwielicht hatte die Farben des dahinschwindenden Tages verblassen lassen und tauchte die fernen, sanft geschwungenen sommergrünen Felder in tristes Grau. Unweit von ihm stand Cara, schweigend, aber auf der Hut.
Nicci kannte Richard gut genug, um augenblicklich zu sehen, dass sein Körper sich im Zustand gesteigerter Anspannung befand. Und sie kannte Cara gut genug, um hinter ihrer bewusst zur Schau gestellten Gelassenheit das Ebenbild dieser Anspannung lauern zu sehen. Sie presste eine Faust auf den sich angstvoll zusammenziehenden Knoten in ihrer Magengegend.