»Rikka meinte, du wolltest mich unbedingt sehen. Sie sagte, es sei dringend.«
Der Ausdruck auf Richards Gesicht stand dem sich zusammenbrauenden Unwetter in nichts nach. »Ich muss fort. Jetzt gleich.«
Irgendwie hatte Nicci genau das erwartet. Sie blickte an Richard vorbei zu Cara, aber die Mord-Sith zeigte keinerlei Regung. Seit Tagen schon hatte Richard vor sich hin gebrütet, war er still und abweisend gewesen und hatte darüber nachgedacht, was Jebra und Shota ihm berichtet hatten. Zedd hatte ihr geraten, ihn seinen Grübeleien zu überlassen, aber Nicci hatte eines solchen Rates nicht bedurft, denn vermutlich kannte sie seine finsteren Launen besser als jeder andere.
»Ich werde dich begleiten«, antwortete sie und machte klar, dass sie darüber nicht zu diskutieren gewillt war.
Er nickte gedankenverloren. »Es ist gut, Euch bei mir zu wissen; besonders bei dieser Geschichte.«
Zu ihrer Erleichterung musste sie sich nicht anhören, dass er ihr widersprach, auch wenn der letzte Teil seiner Bemerkung bewirkte, dass sich der bange Knoten in ihrer Magengegend noch fester zusammenzog. Ein fast mit den Händen greifbares Gefühl von Gefahr lag in der Luft, und in diesem Moment war ihr vor allem daran gelegen, dafür zu sorgen, dass er - was immer er vorhatte - den größtmöglichen Schutz genoss.
»Cara wird uns ebenfalls begleiten.«
Sein Blick war noch immer in die Ferne gerichtet. »Sicher.«
Sie bemerkte, dass er nach Süden schaute. »Jetzt, da Tom und Friedrich zurück sind, wird Tom ebenfalls darauf bestehen mitzukommen. Mit seinen Fähigkeiten wird er uns eine wertvolle Hilfe sein.«
Tom gehörte zu einer Elitetruppe von Beschützern des Lord Rahl und konnte trotz seines ansonsten freundlichen Wesens in Ausübung seines Dienstes überaus unangenehm werden. Wegen ihres gewinnenden Lächelns wurden Männer wie er jedenfalls nicht in solche Vertrauensstellungen beim Schutz des Lord Rahl berufen. Wie auch die anderen D’Haranischen Beschützer des Lord Rahl hatte sich Tom mit Leib und Seele der Aufgabe verschrieben, Richard zu beschützen.
»Er kann uns nicht begleiten«, sagte Richard. »Wir werden in der Sliph reisen, und das können nur Cara, Ihr und ich.«
Der Gedanke an diese Art des Reisens ließ Nicci schlucken. »Und wohin soll die Reise gehen, Richard?«
»Ich habe es mir überlegt«, sagte er statt einer Antwort.
»Was hast du dir überlegt?«
»Was ich tun muss.«
Ein unbestimmtes angstvolles Kribbeln schoss in ihre Finger. Als sie den Ausdruck unbedingter Entschlossenheit in seinen Augen sah, drohten ihr die Knie nachzugeben.
»Und was musst du nun tun, Richard?«
»Ich hatte von Anfang an recht.« Er sah Cara an. »Schon damals, als ich Euch und Kahlan fortbrachte, in die Berge, drüben in Westland.«
Fragend runzelte Cara die Stirn. »Ja, ich erinnere mich. Ihr sagtet, wir würden uns in die menschenleeren Berge zurückziehen, weil Ihr endlich begriffen hättet, dass wir den Krieg gegen die Armee der Imperialen Ordnung nicht durch Kampf gewinnen könnten. Ihr sagtet, Ihr könntet unsere Truppen unmöglich in eine Schlacht führen, die sie auf jeden Fall verlieren würden.«
Richard nickte. »Und ich hatte damals recht, das ist mir jetzt klar geworden. Wir können gegen ihre Armee nicht gewinnen. Shota hat mir geholfen, das zu erkennen. Mag sein, dass sie mich überzeugen wollte, diese Schlacht zu schlagen, aber nicht zuletzt wegen der Dinge, die sie und Jebra mir gezeigt haben, weiß ich jetzt, dass wir sie unter keinen Umständen gewinnen können. Wir müssen los. Ich habe jetzt keine Zeit, Euch das jetzt alles haarklein zu erklären.«
Nicci starrte ihm hinterher. »Ich habe bereits ein paar Sachen zusammengesucht. Sie liegen bereit. Wieso kannst du mir nicht verraten, Richard, wie du dich entschieden hast?«
»Das werde ich noch«, sagte er. »Später.«
»Ihr vergeudet bloß Eure Zeit«, raunte ihr Cara im Flüsterton zu, als sie sich mit ihr zusammen Richard anschloss. »An der Frage hab ich mir auch schon die Zähne ausgebissen, bis ich es schließlich einfach leid war.«
Als Richard Caras Bemerkung hörte, fasste er Nicci beim Arm und zog sie zu sich heran. »Das alles ist noch nicht genügend durchdacht, ich muss es mir noch genau zurechtlegen. Ich werde es Euch und allen anderen erklären, sobald wir dort sind, aber im Augenblick haben wir dafür keine Zeit. In Ordnung?«
»Wenn wir wo sind?«, fragte Nicci.
»Bei der D’Haranischen Armee. Jagangs Hauptstreitmacht wird in Kürze Kurs auf D’Hara nehmen und dort einmarschieren. Ich muss unserer Armee klarmachen, dass wir keine Chance haben, die Schlacht zu gewinnen, die ihnen bevorsteht.«
»Das wird ihre Laune mächtig heben«, warf Cara ein. »Nichts gibt Soldaten am Vorabend einer Schlacht ein erhebenderes Gefühl als ein Anführer, der ihnen erklärt, dass sie die bevorstehende Schlacht verlieren und darin umkommen werden.«
»Soll ich ihnen stattdessen vielleicht eine Lüge auftischen?«, fragte er zurück.
Caras Antwort beschränkte sich auf einen finsteren Blick. Am Ende der Brustwehr zog Richard die schwere Eichentür am Fuß des Turms auf. Im Raum dahinter brannten bereits einige Lampen. Nicci hörte jemanden die steinernen Stufen an der Seite hinaufhasten.
»Richard!« Es war Zedd, der noch vor dem kräftigen blonden D’Haraner Tom die Stufen heraufgeeilt kam.
Richard blieb stehen und wartete, bis sein Großvater den Treppenabsatz erreicht und den einfachen, aus unverputztem Mauerwerk bestehenden Raum betreten hatte. Völlig außer Atem kam Zedd mit hastigen Schritten auf ihn zu.
»Richard! Was ist denn los? Rikka kam gerade zur Tür hereingestürzt und meinte, du seist im Begriff abzureisen.«
Richard nickte. »Ich wollte, dass du weißt, dass ich fortmuss. Aber ich werde nicht lange fortbleiben. In ein paar Tagen bin ich wieder zurück. Ich hoffe, in der Zwischenzeit gelingt es dir, Nathan und Ann, irgendetwas in den Büchern zu finden, das uns mit dem Feuerkettenbann weiterhilft. Vielleicht schafft ihr es ja sogar, eine Antwort auf die durch die Chimären verursachte Verunreinigung zu finden.«
Zedd tat seine ermunternden Worte gereizt mit einer Handbewegung ab. »Wo wir schon dabei sind, soll ich vielleicht gleich auch noch den Himmel vom Unwetter kurieren?«
»Sei mir bitte nicht böse, Zedd. Bitte. Ich muss wirklich fort.«
»Na schön, aber wohin willst du eigentlich - und weshalb?«
»Ich bin bereit, Lord Rahl«, rief Tom, der jetzt ebenfalls in den Raum gestürzt kam.
»Tut mir leid«, erklärte ihm Richard, »aber du kannst nicht mit. Wir werden in der Sliph reisen müssen.«
In einer aufgebrachten Geste warf Zedd die Arme in die Luft. »Die Sliph! Erst gibst du dir größte Mühe, mich vom Versiegen der Magie zu überzeugen, und jetzt willst du dein Leben in die Hand eines magischen Geschöpfes legen? Verlierst du allmählich den Verstand, Richard? Was ist nur mit dir los?«
»Ich bin mir der Gefahr bewusst, aber das Risiko muss ich eingehen.« Richard gestikulierte. »Ist dir das Sonnenaufgangssymbol an der Tür zur Enklave des Obersten Zauberers dort oben bekannt?«
Als Zedd daraufhin nickte, tippte er auf die Oberseite seines silbernen Armbands. »Es ist das Gleiche wie dieses hier.«
»Ja und, weiter?«, wollte Zedd wissen.
»Weißt du nicht mehr? Ich habe dir doch schon erklärt, dass es eine besondere Bewandtnis damit hat. Es ist eine Mahnung, seine Wahrnehmung nicht auf ein einzelnes Detail zu fixieren, eine Warnung, stets alles gleichzeitig mit dem Blick zu erfassen und nichts unter Ausschließung alles anderen zu sehen. Es bedeutet, dass man dem Feind nicht gestatten darf, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und einen dadurch zu zwingen, sich ausschließlich auf das zu konzentrieren, was man seinem Willen entsprechend sehen soll. Denn sobald man das tut, ist man gegen alles andere blind. Genau das habe ich getan. Jagang hat mich gezwungen - mich und alle anderen -, mich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Und genau das habe ich wie ein Narr die ganze Zeit über getan.«