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»Seine Armee«, äußerte Nicci eine Vermutung. »Ist es das, was du meinst? Dass wir alle uns ausschließlich auf seine Invasionsstreitmacht konzentriert haben?«

»Genau das meine ich. Dieses Sonnenaufgangssymbol bedeutet, dass man für alles, was existiert, offen sein muss und sich niemals nur für ein Detail entscheiden darf.«

Zedd neigte den Kopf zur Seite. »Du musst dich auf die Gefahr konzentrieren, die im Begriff ist, dich zu töten, Richard. Seine Armee umfasst mehrere Millionen Soldaten, die sich auf dem Marsch hierher befinden, um jeden Widerstand zu überrennen und uns alle zu versklaven.«

»Ist mir bekannt. Gerade deswegen dürfen wir nicht gegen sie kämpfen, denn dann würden wir unweigerlich verlieren.«

Eine tiefe Röte schoss Zedd ins Gesicht. »Du schlägst also vor, wir sollen zulassen, dass seine Armee die Neue Welt widerstandslos überrollt? Dein Plan ist es, Jagangs Armee ungehindert Städte überrennen und all die Dinge tun zu lassen, die sich nach Jebras Bericht in Ebinissia zugetragen haben? Du willst einfach so zulassen, dass diese Menschen abgeschlachtet oder in die Sklaverei verschleppt werden?«

»Denk an die Lösung«, ermahnte Richard seinen Großvater, »nicht an das Problem.«

»Ein nicht besonders tröstlicher Rat für Menschen, denen soeben die Kehle durchgeschnitten wird.«

Richard straffte sich und starrte seinen Großvater an. Zedds Worte hatten ihm offenbar die Sprache verschlagen.

»So versteh doch«, ergriff Richard schließlich abermals das Wort, während er sich mit den Fingern durchs Haar fuhr. »Im Augenblick habe ich dafür keine Zeit. Sobald ich zurück bin, werde ich mit dir darüber sprechen. Zeit ist von entscheidender Bedeutung, und ich habe schon zu viel davon vergeudet. Ich kann nur hoffen, dass uns noch genügend davon bleibt.«

»Genug Zeit wofür?« Zedd geriet langsam in Rage.

Nicci hörte Schritte den Treppenschacht heraufhasten. Jebra kam in den Raum gestürzt.

»Was ist denn los?«, wandte sie sich an Zedd.

Der wies mit einer Handbewegung auf Richard. »Soeben hat mein Enkelsohn beschlossen, dass wir den Krieg verlieren müssen und wir uns Jagangs Armee auf keinen Fall im Kampf stellen dürfen.«

»Lord Rahl, das kann nicht Euer Ernst sein«, rief sie entsetzt. »Ihr könnt Euch unmöglich ernsthaft mit dem Gedanken tragen zuzulassen, dass diese Rohlinge ...« Jebra ließ den Satz unbeendet, während sie vortrat und zu Richard hinaufstarrte. Plötzlich verharrte sie mitten in der Bewegung und wich wankend einen Schritt zurück. Das Blut wich ihr aus dem Gesicht.

Ihr Unterkiefer klappte auf und begann zu zittern, während sie erfolglos versuchte, Worte über ihre Lippen zu bringen. Die Angst ließ ihre Gesichtszüge erschlaffen.

Dann verdrehte sie ihre blauen Augen und fiel in Ohnmacht. Als sie nach hinten kippte, fing Tom sie in seinen Armen auf und legte sie behutsam auf den harten Granitfußboden. Sofort scharten sich die anderen um die bewusstlose Frau.

Richard war bereits unterwegs zu der Tür, durch die man auf die eiserne Treppe gelangte, die an der Innenwand des Turmes entlang nach unten führte. »Ich überlasse es dir, dich um sie zu kümmern, Zedd -du bist der Experte im Heilen. Bei dir ist sie in guten Händen. Im Augenblick kann ich es mir nicht leisten, noch mehr Zeit zu verlieren.«

Bereits an der Tür, drehte er sich noch einmal um. »Ich komme zurück, sobald ich kann - versprochen. Wir dürften nicht mehr als ein paar Tage benötigen.«

»Aber Richard ...«

Er war bereits auf den Stufen. »Ich bin bald wieder da«, rief er mit aus der Düsternis widerhallender Stimme zu ihnen herauf. Ohne Zögern folgte Cara ihm in den dunklen Turm hinab. Ohne ihre Begleitung wollte Nicci ihn nicht allzu weit vorausgehen lassen, aber da sie wusste, dass er noch die Sliph rufen musste, blieben ihr noch ein paar Augenblicke. Während Zedd verschiedene Stellen an Jebras Kopf untersuchte, ging sie ihm gegenüber neben der Bewusstlosen in die Hocke und befühlte ihre Stirn mit der Hand.

»Sie glüht innerlich.«

Zedd blickte hoch, auf eine Weise, dass ihr Herz beinahe ausgesetzt hätte. »Sie hat eine Vision.«

»Woher wollt Ihr das wissen?«

»Im Allgemeinen kenne ich mich aus mit Seherinnen, und mit dieser ganz besonders. Sie hatte eine überaus eindringliche Vision. Jebra ist empfänglicher als die meisten Seherinnen. Bei bestimmten Arten von Visionen wird sie von ihren Gefühlen überwältigt, und diese muss so ungeheuer stark gewesen sein, dass sie darüber das Bewusstsein verlor.«

»Glaubt Ihr, sie hatte etwas mit Richard zu tun?«

»Lässt sich unmöglich sagen«, erwiderte der alte Zauberer. »Sie wird es uns wohl selbst sagen müssen.«

Vielleicht mochte Zedd keine Vermutung äußern, andererseits hatte sie selbst Richard unmittelbar vor ihrem Ohnmachtsanfall in die Augen gesehen. Nicci hatte keine Zeit für taktvolles Vorgehen. Sie durfte nicht zulassen, dass Richard ohne sie aufbrach - was er, dessen war sie sich sicher, tun würde, wenn sie nicht zugegen wäre, sobald er reisefertig war -, andererseits konnte sie aber auch nicht aufbrechen ohne zu wissen, ob Jebra eine Vision über ihn gehabt hatte, die möglicherweise etwas Wichtiges enthielt. Sie schob ihr die Hand unter den Nacken und presste ihre Finger auf Jebras Schädelansatz.

»Was tut Ihr da?«, fragte Zedd misstrauisch. »Falls es das ist, was ich glaube, dass es ist, wäre das nicht nur leichtfertig, sondern geradezu gefährlich.«

»Das Gleiche gilt für Unwissenheit«, konterte sie und setzte einen Energiestrom frei.

Schlagartig schlug Jebra die Augen auf. Sie stöhnte.

»Nein ...«

»Ruhig, ganz ruhig«, redete Zedd auf sie ein, »alles in Ordnung, meine Beste. Wir sind ja bei Euch.«

Nicci kam sofort zur Sache. »Was habt Ihr gesehen?«

Jebras panikerfüllte Augen schwenkten zu ihr herum. Sie streckte die Hand aus und packte den Kragen von Niccis Kleid.

»Lasst ihn nicht allein!«

Nicci musste nicht nachfragen, wen Jebra meinte. »Warum? Was habt Ihr gesehen?«

»Lasst ihn auf keinen Fall allein! Lasst ihn nicht aus den Augen nicht einen einzigen Moment!«

»Warum?«, wiederholte Nicci noch einmal. »Was passiert, wenn er alleingelassen wird?«

»Wenn er alleingelassen wird, ist er für uns verloren.«

»Wie das? Was habt Ihr gesehen?«

Jebra langte nach oben und zog Niccis Gesicht mit beiden Händen näher zu sich heran. »Geht. Lasst ihn nicht allein. Was ich gesehen habe, spielt keine Rolle. Solange er nicht allein ist, kann nichts geschehen. Begreift Ihr nicht? Wenn Ihr zulasst, dass er von Euch und Cara getrennt wird, spielt es keine Rolle mehr, was ich gesehen habe - für keinen von uns. Wie diese Trennung vonstatten gehen wird, vermag ich Euch nicht zu sagen, nur so vieclass="underline" Ihr dürft es unter keinen Umständen so weit kommen lassen. Das allein ist wichtig. So geht schon! Bleibt bei ihm!«

Schluckend nickte Nicci.

»Es wäre besser, Ihr tut, was sie sagt«, riet ihr Zedd. »Ich kann in dieser Angelegenheit nichts tun. Es liegt ganz bei Euch.«

Als er ihre Hand ergriff, tat er dies nicht als Oberster Zauberer, sondern als Richards Großvater. »Weicht ihm nicht von der Seite, Nicci. Beschützt ihn. In vieler Hinsicht ist er der Sucher, der Lord Rahl, der Führer des D’Haranischen Reiches, aber in anderen Dingen ist er im Grunde seines Herzens immer noch ein Waldführer, unser Richard. Passt auf ihn auf, bitte. Wir alle verlassen uns auf Euch.«

Nicci starrte ihn an nach dieser flehentlichen Bitte, die unerwartet persönlich war und über all die umfassenderen Erfordernisse erhaben schien, die Freiheit der Neuen Welt zu sichern, und die alles auf die schlichte Liebe zu Richard, den jungen Mann, reduzierte. In diesem Augenblick begriff sie, dass ohne die aufrichtige und schlichte Sorge um Richard als Person alles andere bedeutungslos wurde. Als sie Anstalten machte, sich zu erheben, zog Jebra sie erneut zu sich herab. »Die ist keine Vision eines ›Vielleicht‹, einer vagen Möglichkeit. Dies ist eine Gewissheit. Lasst ihn nicht allein, oder er wird ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein.«