»Wem?«
Jebra biss sich auf die Unterlippe, während ihr die Tränen in ihre blauen Augen traten. »Der dunklen Hexe.«
Nicci spürte ein Frösteln eiskalter Angst zwischen ihren Schultern heraufkriechen.
»Geht jetzt«, hauchte Jebra kraftlos. »Bitte geht. Eilt Euch. Lasst ihn nicht ohne Euch aufbrechen.«
Mit einem Satz war Nicci auf den Beinen und stürzte aus dem Raum. An der Tür blieb sie noch einmal stehen und wandte sich um. Ihr Herz klopfte so heftig, dass sie nicht ganz sicher auf den Beinen stand.
»Ich schwöre es, Zedd. So lange ich atme, kann er sich meines Schutzes sicher sein.«
Sie sah Zedd nicken, während ihm eine Träne über die faltenzerfurchte Wange rann. »Beeilt Euch.«
Nicci wandte sich um und rannte die eiserne Treppe zwei Stufen auf einmal nehmend hinab. Und die ganze Zeit, während ihre Schritte im Rund des mächtigen Turmes widerhallten, fragte sie sich, was Jebra wohl in ihrer Vision gesehen hatte, das Richard in dem Fall, dass er von ihnen getrennt oder allein gelassen wurde, erwartete, bis sie schließlich entschied, es kam gar nicht auf das Schicksal an, das ihm in dieser Vision beschieden war. Das Einzige, was zählte, war, dass sie es unter keinen Umständen so weit kommen lassen durfte. Richard und Cara standen bereits wartend auf der Ummauerung des großen Brunnens der Sliph, jenes Wesens, das all die Zeit, in der die Große Barriere Bestand gehabt hatte, zusammen mit der Alten Welt hinter einer Mauer fortgesperrt gewesen war.
Hinter ihnen beobachtete das quecksilbrige Gesicht der Sliph, wie Nicci in den Raum hineinstürzte. »Möchtet Ihr reisen?«, fragte sie mit ihrer gespenstischen, im kreisrunden Raum widerhallenden Stimme.
»Ja, ich möchte reisen«, antwortete Nicci völlig außer Atem, während sie ihr Bündel vom Boden aufnahm. Offenbar hatte Cara es dort für sie bereitgelegt. Sie bedankte sich bei der Mord-Sith. Nachdem sie ihren Arm durch den Riemen geschoben und das Bündel auf ihren Rücken gehievt hatte, reichte Richard ihr die Hand.
»Kommt jetzt.«
Sie ergriff sie und ließ sich mit einem kraftvollen Zug auf die Ummauerung helfen; dabei hatte sie solches Herzklopfen, dass es ihr bis zum Hals hinauf zu schlagen schien. Da sie schon auf diese Weise gereist war, war ihr das überwältigende, ekstatische Gefühl dieses Erlebnisses nicht völlig unbekannt, trotzdem konnte sie sich der Angst nicht erwehren, die sie bei der Vorstellung überkam, das lebendige Quecksilber der Sliph einatmen zu sollen. Es war ein Gedanke, der jeder Vorstellung des Lebenshauches widersprach.
»Es wird Euch ein Vergnügen sein«, sagte die Sliph, als Nicci sich zu den anderen gesellte. Nicci unterließ es, ihr zu widersprechen.
»Also los«, sagte Richard. »Ich möchte reisen.«
Ein silbrig glänzender Arm erhob sich aus dem Becken und legte sich um Richard und Cara, nicht aber um Nicci.
»Augenblick!«, rief sie. »Ich muss die beiden begleiten.« Die Sliph erstarrte. »Hör zu, Richard. Du musst Cara und mich bei den Händen fassen. Du darfst unter gar keinen Umständen loslassen.«
»Ihr habt es doch schon einmal gemacht, Nicci. Es wird ...«
»Hör zu! Wir beide, Cara und ich, vertrauen dir, und du musst uns vertrauen. Du darfst unter keinen Umständen von uns getrennt werden. Egal, was passiert. Auch nicht für einen einzigen Augenblick. Sollte das geschehen, bist du für uns verloren. Sollte das passieren, wird das, was du vorhast, nicht geschehen.«
Einen Moment lang musterte Richard schweigend ihr Gesicht.
»Hatte Jebra etwa eine Vision, dass etwas passieren könnte?«
»Nur, wenn du von uns getrennt wirst, wenn du alleine bist.«
»Was hat sie gesehen?«
»Diese Hexe, Sechs. Jebra nannte sie ›die dunkle Hexe‹.«
Wieder musterte er ihr Gesicht. »Shota hat sich auf die Suche nach dieser Sechs begeben.«
»Das mag schon sein, nur hat sie längst Shotas Autorität auf deren eigenem Territorium an sich gerissen.«
»Vorübergehend vielleicht. Aber ich möchte nicht in ihrer Haut stecken, wenn Shota sie zu fassen kriegt. Der letzten Person, die bei ihr aufgetaucht ist, um sie um ihr Zuhause zu bringen, hat Shota das Fell über die Ohren gezogen und anschließend ihren Thron damit bezogen, und das war immerhin ein Zauberer.«
»Ich will Shotas Gefährlichkeit ja gar nicht in Zweifel ziehen, nur:
Wir wissen nicht, wie gefährlich diese Sechs ist. Die Gabe ist bei jedem unterschiedlich ausgeprägt. Womöglich stellt sich am Ende heraus, dass Shota den Fähigkeiten dieser Sechs nicht gewachsen ist. Ich weiß nur, dass die Schwestern der Finsternis eine Heidenangst vor ihr haben. Jebra hatte eine grauenhafte Vision und meinte, du dürftest auf keinen Fall alleingelassen werden. Und ich bin nicht gewillt, dieser Vision auch nur den Hauch einer Chance zu geben, sich zu erfüllen.«
Offenbar hatte er ihr die Entschlossenheit im Gesicht angesehen, denn er nickte. »Also gut.« Er ergriff Caras und ihre Hand. »Lasst also auf keinen Fall los, dann müssen wir uns keine Sorgen machen.«
Zur Bestätigung drückte Nicci seine Hand, dann steckte sie den Kopf an ihm vorbei und sagte zu Cara: »Habt Ihr verstanden? Wir dürfen ihn nicht aus den Augen lassen. Nicht einen einzigen Augenblick.«
Caras Miene verdüsterte sich. »Wann habe ich je den Wunsch geäußert, ihn aus den Augen zu lassen?«
»Wohin möchtest du reisen?«, fragte die Sliph.
Nicci sah kurz zu Richard und Cara, ehe sie begriff, dass die Frage an sie gerichtet war.
»Dorthin, wohin die beiden wollen.«
Das silbrige Gesicht nahm einen listigen Ausdruck an. »Ich darf nicht verraten, was meine Kunden tun, während sie in mir sind. Sag mir, was du möchtest, und ich werde dich zufriedenstellen.«
Nicci sah stirnrunzelnd zu Richard.
»Sie verrät nie etwas über einen Dritten; das ist bei ihr so eine Art Berufsehre. Wir reisen zum Palast der Propheten.«
»Also zum Palast der Propheten«, sagte Nicci. »Ich möchte zum Palast der Propheten reisen.«
»Sie wird Cara und mich begleiten«, fügte Richard erklärend hinzu.
»An genau denselben Ort. Hast du verstanden? Sie wird uns Gesellschaft leisten, während wir dorthin reisen.«
»Ja, Herr. Wir werden reisen.« Das Gesicht, einer auf Hochglanz polierten Statue nicht unähnlich, lächelte. »Es wird euch ein Vergnügen sein.«
Der flüssige silbrige Arm zog sich um die drei zusammen und hob sie von der Ummauerung. Nicci packte Richards Hand noch fester. Nicci hielt den Atem an, als sie in die völlige Dunkelheit der Sliph eintauchten; sie wusste, dass sie einatmen musste, doch der bloße Gedanke, die silbrige Flüssigkeit in ihre Lungen zu saugen, bereitete ihr entsetzliche Angst.
Atme.
Schließlich tat sie es doch. Mit einem verzweifelten Atemzug sog sie die Sliph in ihre Lungen. Farben, Licht und Formen verschmolzen rings um sie her zu einem einzigartigen Schauspiel. Fest an Richards Hand geklammert, glitten sie in die seidige Ferne. Es war ein großartiges, gemächliches Gefühl des Dahinschwebens, gleichzeitig aber auch so, als schösse man mit unglaublicher Geschwindigkeit Kopf voran dahin.
Mit einem weiteren Schwindel erregenden Atemzug nahm sie das Wesen der Sliph in sich auf, bis sie sich völlig von allem befreit fühlte, was sie verfolgte, von dem erdrückenden Gewicht, das auf ihrer Seele lastete. Was blieb, war ihre Verbindung zu Richard, nichts anderes existierte, niemand sonst existierte. Es war die pure Verzückung.
Sie wünschte sich, es würde niemals enden.
23
»Ich glaube, da draußen ist jemand«, raunte Schwester Armina mit leiser Stimme, den Blick in das Dunkel hinaus gerichtet.
»Ich spüre auch etwas«, murmelte Schwester Cecilia. Voller Erwartung sah Schwester Armina herüber. »Vielleicht ist es ja Tovi.«
»Oder nichts weiter als ein wildes Maultier.« Schwester Ulicia schien nicht in der Stimmung, herumzustehen und sich in Spekulationen zu ergehen. »Kommt jetzt.« Sie sah sich nach Kahlan um. »Du bleibst dicht hinter uns.«