»Ja, Schwester«, antwortete Kahlan artig und reichte den Schwestern die Zügel ihrer Pferde.
Schwester Cecilia, älter als die Übrigen, stöhnte unter der Anstrengung, ihren müden Körper in den Sattel zu hieven. »Wenn mich meine Erinnerung an die alten Karten unten in den Gewölbekellern des Palasts der Propheten nicht trügt, müssten wir uns allmählich der Stelle nähern.«
»Ich habe die alte Karte auch gesehen«, bestätigte Schwester Ulicia, als sie auf ihrem Pferd saß. »Dort hieß dieser Ort die Große Leere. Das würde bedeuten, dass das dort oben auf der fernen Landzunge Caska sein müsste.«
Mit einem ungeduldigen Seufzer trieb Schwester Armina ihr Pferd an, den anderen zu folgen. »Dann werden wir dort ja endlich auf Tovi stoßen.«
»Und wenn wir sie erst eingeholt haben«, sagte Schwester Cecilia,
»wird sie uns das eine oder andere erklären müssen.«
Mit einer Handbewegung wies Schwester Armina auf die ferne Landzunge. »Du kennst doch Tovi - sie denkt gar nicht daran zu tun, was sie tun soll, denn stets glaubt sie, alles besser zu wissen. Sie ist die eigensinnigste Frau, die mir je begegnet ist.«
Soweit Kahlan es beurteilen konnte, kam Schwester Armina eigentlich kaum zu Wort.
»Mal sehen, wie viel davon noch übrig bleibt, wenn ich ihr meine Finger um den Hals lege«, knurrte Schwester Cecilia. Schwester Armina trieb ihr Pferd nach vorn, neben Schwester Ulicia.
»Ihr glaubt doch nicht etwa, sie könnte irgendwelche Dummheiten im Sinn haben, oder, Ulicia?«
»Tovi?« Schwester Ulicia sah kurz über ihre Schulter. »Nein, wohl kaum. Schon möglich, dass sie einen manchmal zur Verzweiflung treibt, aber sie verfolgt dasselbe Ziel wie wir. Außerdem weiß sie ebenso gut wie wir, dass wir alle drei Kästchen benötigen. Sie weiß, um was es geht und was auf dem Spiel steht.
Bald schön werden wir die drei Kästchen wieder beisammenhaben das allein zählt -, und da wir dann bereits in Caska sein werden, hätte es vermutlich gar nichts gebracht, Tovi vorher einzuholen. Wir hätten ohnehin erst hierher kommen müssen.«
»Aber warum ist sie bloß so abgetaucht?«, fragte Schwester Cecilia. Schwester Ulicia zuckte die Achseln. Im Gegensatz zu den beiden anderen schien sie sich jetzt, da Caska in Sicht war, ein wenig beruhigt zu haben. »Womöglich hat sie in der Nähe ein paar Truppen der Imperialen Ordnung gesehen, wollte allem erdenklichen Ärger aus dem Weg gehen und hat deshalb das Gebiet verlassen. Wahrscheinlich hat sie bloß von ihrem Verstand Gebrauch gemacht, das ist alles. Sie wusste ja, dass wir hierher kommen mussten, und als sie eine Gelegenheit sah, sich aus dem Staub zu machen, hat sie sie ergriffen.
Uns ist mit dieser Vorsicht besser gedient. Letztendlich hat sie sich lediglich an den Ort begeben, den wir ohnehin aufsuchen wollten, ich sehe also nicht, welche Dummheiten sie im Sinn haben könnte.«
»Ja, mag sein.« Schwester Cecilia schien ein wenig enttäuscht, dass es keine Schurkin gab, die sie zum Ziel ihres Ärgers machen konnte. Nahezu eine volle Stunde ritten sie schweigend weiter, ehe sich die Schwestern zu der Einsicht durchrangen, ein Ritt bei Dunkelheit durch dieses Gelände könne durchaus die Gefahr bergen, dass sich ihre Pferde nicht nur ein Bein, sondern womöglich auch das Genick brachen. Nach Kahlans Einschätzung waren sie der Landzunge jetzt nicht viel näher als auch schon während des größten Teils des Tages. Hier draußen, inmitten der Ebene, waren die Entfernungen erheblich größer, als es den Anschein hatte. Trotz ihrer Ungeduld, endlich nach Caska zu gelangen und Tovi einzuholen, waren die Schwestern schließlich müde und bereit, für die Nacht Halt zu machen. Schwester Ulicia stieg ab und gab Kahlan die Zügel. »Sieh zu, dass du das Lager aufschlägst. Wir sind alle hungrig.«
Kahlan neigte kurz das Haupt. »Ja, Schwester.«
Als Erstes fesselte sie allen Pferden die Vorderbeine, damit sie sich nicht weit entfernen konnten, dann begab sie sich zu den Packtieren hinüber, um mit dem Abladen ihrer Ausrüstung zu beginnen. Sie war todmüde, wusste aber, dass es wahrscheinlich noch Stunden dauern würde, bis sie eine Chance hatte, etwas Schlaf zu finden. Das Lager musste eingerichtet, Speisen zubereitet und die Pferde gefüttert, getränkt und für die Nacht versorgt werden.
Schwester Ulicia fasste Schwester Armina beim Arm und nahm sie beiseite. »Während wir das Nachtlager aufschlagen, möchte ich, dass du dich dort draußen umsiehst und das Gelände absuchst. Ich will wissen, ob es tatsächlich nur ein Maultier war.«
Schwester Armina nickte und machte sich sofort zu Fuß auf in die Dunkelheit.
»Kein Feuer heute Nacht«, zischte Schwester Ulicia, als sie Kahlan mit dem Topf hantieren sah.
Einen Moment lang sah Kahlan sie unverwandt an. »Aber was wollt Ihr dann zu Abend essen, Schwester?«
»Es sind noch Gerstenmehlfladen übrig. Die können wir essen, dazu etwas Trockenfleisch. Außerdem haben wir noch Pinienkerne.« Sie starrte in die Nacht hinaus. »Hier im offenen Gelände, wo uns von einem Horizont zum anderen jeder sehen könnte, will ich kein offenes Feuer. Hol nur eine der kleineren Laternen heraus.«
Kahlan konnte sich nicht vorstellen, was die Schwestern so besorgt stimmte. Sie reichte Schwester Cecilia die Laterne, die diese mit einem Fingerschnippen entzündete, ehe sie sie vor sich und Schwester Ulicia auf die Erde stellte. Sie spendete kaum genug Licht, um etwas zu erkennen, als Kahlan zu Ende auspackte, war aber immerhin besser als gar nichts.
In der Vergangenheit war es mehrfach zu zufälligen Begegnungen mit Soldatenpatrouillen gekommen. Die Schwestern hatten sich von solchen unerwarteten Zusammenstößen nicht sonderlich einschüchtern lassen und sich der Soldaten ebenso mühelos wie erbarmungslos entledigt.
Bei derartigen Zusammenstößen mit Patrouillen waren die Schwestern stets sorgsam darauf bedacht, keine Zeugen entkommen zu lassen, offenbar um auszuschließen, dass irgendwelche Meldungen die Armee erreichten - wahrscheinlich, vermutete Kahlan, weil sie dazu führen konnten, dass größere Scharen aufgebrachter Soldaten sich auf ihre Fährte setzten. An Tovi und das letzte Kästchen heranzukommen war für sie von allergrößter Wichtigkeit, daher hatten sie ein enormes Tempo angeschlagen, um in so kurzer Zeit eine solch weite Strecke zurückzulegen. Kahlan war etwas verwundert, dass sie es noch immer nicht geschafft hatten, Tovi einzuholen, wo ihnen doch nichts auch nur annähernd so wichtig war wie ihre kostbaren Kästchen ... Schwester Armina war schon lange von ihrer erfolglosen Suche nach einem möglichen Beobachter zurückgekehrt, die drei Schwestern hatten längst zu Abend gegessen, als Kahlan immer noch mit ihren täglichen Arbeiten beschäftigt war, vor deren Erledigung sie nicht zu Abend essen durfte. Sie war gerade dabei, die Pferde zu striegeln, als sie das leise Geräusch von Schritten auf dem harten, ausgedörrten Boden zu hören meinte. Das Geräusch riss sie aus ihren Gedanken, und ihre Hand mit dem Striegel hielt inne.
Sie sah über ihre Schulter und erschrak. Dort, am äußersten Rand des matten Lichtscheins, stand zaghaft ein schlankes Mädchen mit dunklem, kurz geschnittenem Haar.
Jetzt, da der Mond nur gelegentlich zwischen den ziehenden Wolken hervorlugte und das Lager größtenteils vom Schein der einzigen Laterne drüben bei den Schwestern erleuchtet war, war es schwer, überhaupt etwas zu unterscheiden, trotzdem konnte Kahlan gut genug sehen, um zu erkennen, dass die weißlichen Augen des jungen Mädchens sie anstarrten - mit einem Blick, aus dem deutliches Erkennen sprach. Das Mädchen sah sie, Kahlan.
»Bitte ...«, setzte das Mädchen an. Kahlan legte einen Finger an die Lippen, aus Angst, die Schwestern könnten es hören. Wie der Mann seinerzeit im Gasthaus, so nahm auch jetzt das Mädchen Kahlan nicht nur wahr, sondern erinnerte sich an sie. Kahlan war verblüfft und gleichzeitig ängstlich besorgt, dem Mädchen könnte das Gleiche widerfahren wie dem Besitzer des Gasthauses.