»Bitte«, wiederholte das Mädchen in leisem Flüsterton, »könnte ich vielleicht was zu essen kriegen? Ich hab solchen Hunger.«
Kahlan warf einen Blick zu den Schwestern hinüber. Alle drei waren in ein Gespräch vertieft. Sie langte in ihre Satteltasche in dem Gepäckberg nahe bei ihren Füßen und zog einen Streifen getrocknetes Wildbret hervor. Dann legte sie den Finger abermals an ihre Lippen und gab dem Mädchen das Fleisch. Es nickte zum Zeichen, dass es verstanden hatte, und machte keinen einzigen Laut. Das Fleisch gierig mit beiden Händen entgegennehmend, biss sie sofort hinein und riss mit den Zähnen ein Stück heraus.
»Und jetzt verschwinde«, flüsterte Kahlan, »bevor sie dich sehen. Beeil dich.«
Das Mädchen sah hoch zu Kahlan, dann an ihr vorbei. Ihre Augen weiteten sich; ihre Kaubewegung stockte.
»Sieh einer an«, erklang eine bedrohliche Stimme hinter Kahlans Schulter, »wenn da nicht unser kleines Maultier gekommen ist, um uns zu bestehlen.«
»Bitte, die Kleine war doch nur hungrig«, sagte Kahlan in der Hoffnung, Schwester Ulicias Zorn zu besänftigen, ehe er voll entflammte. »Sie hat um einen Bissen zu essen gebettelt; sie hat nichts gestohlen. Ich hab ihr von meiner Ration gegeben, nicht von euren.«
Jetzt gesellten sich auch die beiden anderen zu Schwester Ulicia, sodass sie wie drei nebeneinander aufgereihte Geier wirkten. Schwester Armina hielt die Laterne in die Höhe, um besser sehen zu können. Die drei sahen aus, als hätten sie die Absicht, dem Mädchen das Fleisch von den Knochen zu reißen.
»Wahrscheinlich wollte sie nur abwarten, bis wir uns schlafen legen«, sagte Schwester Ulicia und beugte sich näher, »um uns dann die Kehle durchzuschneiden.«
Ein kupferfarbenes Augenpaar leuchtete im Schein der Lampe auf, als das verängstigte Mädchen zu ihnen hochblickte. »Ich hab nicht auf der Lauer gelegen. Ich hatte Hunger. Ich dachte, ich könnte vielleicht was zu essen bekommen, das ist alles. Ich hab gefragt, ich hab nichts gestohlen.«
Das Mädchen erinnerte Kahlan ein wenig an die Kleine im Wirtshaus, das kleine Mädchen, das Kahlan zu beschützen versprochen hatte, das kleine Mädchen, das Schwester Ulicia auf so brutale Weise ermordet hatte. Die entsetzliche Angst der Kleinen verfolgte Kahlan nachts noch immer, kurz vor dem Einschlafen. Ihr Unvermögen, ihr Schutzversprechen einzulösen, brannte ihr noch immer heiß auf der Seele. Auch wenn der Kleinen Kahlans Worte nicht lange genug in Erinnerung geblieben waren, um sie wirklich zu begreifen, hasste Kahlan sich dafür, dass sie ein solches Versprechen gegeben hatte, ohne es einzulösen.
Dieses Mädchen war etwas älter und ein wenig größer. Auch in seinen Augen konnte Kahlan so etwas wie ein stummes Begreifen des wahren Ausmaßes der Gefahr erkennen, der es sich gegenübersah. In seinen kupferfarbenen Augen lag so etwas wie ahnungsvolle Vorsicht. Trotz alledem war die Kleine noch ein Mädchen.
Unvermittelt versetzte Schwester Armina dem Mädchen einen Schlag, der es herumwirbelte und zu Boden warf. Sofort warf sich die Schwester auf die Kleine. Ihren Kopf mit den Armen schützend, versuchte das Mädchen nach Kräften, eine Entschuldigung für ihre Bettelei nach Essen vorzubringen, während Schwester Armina zwischen den einzelnen Schlägen ihre Kleider abtastete. Als sie sich schließlich wieder aufrichtete, hatte sie ein Messer in der Hand, das Kahlan vorher nicht bemerkt hatte. Damit fuchtelte sie im Schein der Laterne herum, ehe sie es Schwester Ulicia vor die Füße warf. »Wie du gesagt hast, wahrscheinlich wollte sie uns die Kehlen durchschneiden, sobald wir uns schlafen gelegt hätten.«
»Ich wollte niemandem etwas tun!«, stieß das Mädchen hervor, als Schwester Ulicia ihren Eichenstab hob.
Kahlan, die nur zu gut wusste, was jetzt kam, warf sich beschützend über das verängstigte Mädchen.
Schwester Ulicias Stab sauste hernieder und landete infolgedessen auf Kahlans Rücken, unmittelbar oberhalb der Stelle, wo sie schon einmal getroffen worden war. Das krachende Geräusch von Eichenholz auf Knochen ließ das Mädchen zusammenzucken. Der Schlag entlockte Kahlan keinen Jubelschrei. Mit letzter Kraft schob sie das junge Mädchen in dem Versuch, sie weiterhin vor Schaden zu bewahren, ein Stück von den Schwestern fort.
»Lasst sie in Ruhe!«, bat Kahlan. »Sie ist doch noch ein Kind! Sie ist hungrig, das ist alles! Sie kann euch doch nichts tun!«
Von Panik ergriffen, klammerte sich das Mädchen mit ihren spindeldürren Armen um Kahlans Hals, als wäre sie die letzte rettende Wurzel am Rande eines steilen Abhangs. Hätte Kahlan in diesem Augenblick die Schwestern töten können, sie hatte nicht gezögert, doch stattdessen konnte sie nicht mehr tun, als sich schützend vor das Mädchen zu stellen. Sie wusste, sobald sie versuchte, sich gegen sie zur Wehr zu setzen, würden die Schwestern sie fortzerren, um sich an ihr zu rächen, und dann würde sie sie gar nicht mehr beschützen können. Es war das Äußerste, was sie für das Mädchen tun konnte.
Wieder landete Schwester Ulicias Hieb auf ihrem Rücken. Kahlan biss die Zähne gegen den Schmerz zusammen, während das Weibsstück einen Schlag seines Eichenstabes nach dem anderen auf ihren Rücken niedergehen ließ.
»Lass das Gör los!«, brüllte Schwester Ulicia, während sie auf Kahlan einprügelte.
Das Mädchen wimmerte vor Entsetzen.
»Schon gut!«, brachte Kahlan mühsam zwischen keuchenden Atemzügen hervor. »Ich werde dich beschützen. Versprochen.«
Das junge Mädchen flüsterte ihr ein leises »Danke« ins Ohr.
»Wie kannst du es wagen ...«
»Wenn Ihr unbedingt jemanden umbringen wollt«, schrie Kahlan Schwester Ulicia an, »dann tötet mich, aber lasst sie in Ruhe! Sie ist doch keine Gefahr für Euch.«
Genau das schien Schwester Ulicia zu bezwecken; ächzend vor Anstrengung schlug sie wie in einem Anfall von Raserei wieder und wieder zu. Die Schmerzen hatten Kahlan bereits halb benommen gemacht, dennoch weigerte sie sich, sich von der Stelle zu rühren und der Schwester so eine Möglichkeit zu geben, an das Mädchen heranzukommen.
Kreischend vor Angst - nicht etwa, weil die Schwester ihr etwas antun könnte, sondern aus Angst, was sie Kahlan antat - verbarg sich das junge Mädchen im Schutz von Kahlans Körper. Mit einem widerlichen Geräusch prallte der Stab gegen Kahlans Hinterkopf. Fast hätte sie das Bewusstsein verloren, trotzdem weigerte sie sich noch immer standhaft, das junge Mädchen freizugeben. Blut verklebte ihr das Haar zu einer verfilzten Masse, lief ihr über das Gesicht.
Und dann zerbrach der Stab auf Kahlans Rücken. Das größere Stück wirbelte hinaus in die Nacht. In ihrem blindwütigen Zorn stand Schwester Ulicia keuchend da, einen nutzlosen Stummel in der Hand. Kahlan erwartete, sie würde sie nun töten, aber irgendwie war ihr das längst egal. Sie hatte keine Möglichkeit zu fliehen, hatte keine Zukunft mehr. Wenn sie nicht einmal mehr um das Leben eines unschuldigen jungen Mädchens kämpfen konnte, hatte das Leben für sie jeden Sinn verloren.
»Ulicia!«, raunte Armina dieser leise zu und packte sie am Handgelenk. »Die Kleine kann sie sehen - genau wie dieser Kerl im Wirtshaus.«
Schwester Ulicia, von dem Gedanken sichtlich aufgeschreckt, musterte ihre Begleiterin mit starrer Miene.
Schwester Armina beschwor sie mit eindringlichem Blick. »Wir müssen herausfinden, was hier geschieht.«
Schwester Cecilia, das Gesicht verzerrt zu einem verdrießlichen Funkeln, weil sie Schwester Arminas Bemerkung nicht mitbekommen hatte, trat näher und pflanzte sich vor Kahlan auf.
»Wie kannst du es wagen, dich einer Schwester zu widersetzen! Wir werden dem Gör bei lebendigem Leib die Haut abziehen und dich zwingen, dem Spektakel zuzusehen, um dir eine Lektion zu erteilen.«
»Schwester?«, fragte das Mädchen. »Ihr seid alle Schwestern?«
Auf einmal schien die Nacht unglaublich still. Kahlans Welt drehte sich, sodass ihr übel wurde. Mit jedem Atemzug war ihr, als drehten sich Messer zwischen ihren Rippen. Ihr Gesicht war von den schmerzhaften Schlägen tränenüberströmt. Obwohl sie nicht zu zittern aufhören konnte, weigerte sie sich noch immer, das Mädchen loszulassen.