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Schwester Ulicia warf den abgebrochenen Stummel des Eichenstabes fort. »Ja, wir sind Schwestern. Und?«, fragte sie voller Argwohn.

»Tovi hat mir aufgetragen, nach euch Ausschau zu halten, aber ich finde, ihr seht gar nicht aus wie Tovis Schwestern.«

Alles erstarrte.

»Tovi?«, fragte Schwester Ulicia vorsichtig nach.

Das Mädchen nickte, lugte dann hinter Kahlans Schulter hervor.

»Das ist eine ältere Frau. Ziemlich dick, dicker als ihr alle, und eigentlich sieht sie gar nicht aus, als war sie eure Schwester. Jedenfalls trug sie mir auf, nach ihren Schwestern Ausschau zu halten. Sie sagte, ihr wärt zu dritt und hättet noch eine andere Frau bei euch.«

»Und warum sollte ein junges Mädchen wie du sich bereit erklären, zu tun, worum Tovi es gebeten hat?«

Das Mädchen strich sich das dunkle Haar aus dem Gesicht. Nach anfänglichem Zögern antwortete sie. »Sie hält meinen Großvater gefangen. Sie hat gesagt, wenn ich nicht mache, was sie sagt, würde sie ihn töten.«

Ein Lächeln ging über Ulicias Gesicht - ein Lächeln, wie sich Kahlan das einer Schlange vorstellte. »Sieh an. Schätze, du kennst Tovi also tatsächlich. Und wo ist sie nun?«

Kahlan stemmte sich mit einem Arm hoch. Das Mädchen wies hinüber zur Landzunge. »Dort. Sie ist in einem Raum voller alter Bücher. Sie hat mich gezwungen, ihr zu zeigen, wo die Bücher aufbewahrt werden.«

Schwester Ulicia und die beiden anderen wechselten einen Blick.

»Womöglich hat sie die zentrale Stätte in Caska schon gefunden.«

Schwester Armina gluckste erleichtert auf und versetzte Schwester Cecilia leutselig einen Klaps auf die Schulter, die die Geste erwiderte.

»Wie weit ist es bis dorthin?«, wollte Schwester Ulicia plötzlich voller Ungeduld wissen.

»Wenn wir gleich morgen früh bei Tagesanbruch aufbrechen, werdet ihr noch zwei, wenn nicht drei volle Tage brauchen.«

Schwester Ulicia spähte einen Augenblick lang in die Dunkelheit.

»Zwei oder drei Tage ...« Sie wandte sich wieder um. »Wie heißt du?«

»Julian.«

Schwester Ulicia versetzte Kahlan einen Tritt in die Seite; der unerwartete Stoß wälzte sie von dem Mädchen herunter. »Na schön, Julian, du kannst dir Kahlans Bettzeug nehmen, sie wird es nicht benötigen. Zur Strafe wird sie die ganze Nacht stehen.«

»Bitte«, sagte Julian und legte Kahlan eine Hand auf den Arm,

»wenn sie nicht gewesen wäre, hättet ihr jetzt niemanden mehr, der euch zu Tovis Aufenthaltsort führen könnte. Bitte bestraft sie nicht. Sie hat euch doch einen Gefallen getan.«

Schwester Ulicia dachte einem Moment lang nach. »Ich sag dir was, Julian. Da du dich so tapfer für unsere unbotmäßige Sklavin eingesetzt hast, werde ich dich darüber wachen lassen, dass sie sich die ganze Nacht über nicht hinsetzt. Sollte sie trotzdem ungehorsam sein, werde ich ihr eine Tracht Prügel verpassen, dass sie für den Rest ihres Lebens unter Schmerzen hinken wird. Es liegt in deiner Hand, das zu verhindern, indem du dafür sorgst, dass sie die ganze Nacht über stehen bleibt. Was hältst du davon?«

Julian schluckte, sagte aber nichts.

Schwester Ulicia lächelte verschlagen. »Gut.« Sie wandte sich zu den anderen beiden herum. »Kommt jetzt. Legen wir uns ein wenig schlafen.«

Kaum hatten sie sich entfernt, legte Kahlan dem zu ihren Füßen kauernden Mädchen zärtlich eine Hand auf den Kopf und sagte leise, damit die Schwestern sie nicht hören konnten: »Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Julian.«

Julian sah lächelnd zu ihr hoch und antwortete, ebenfalls im Flüsterton: »Danke, dass du mich beschützt hast. Du hast dein Versprechen gehalten.« Behutsam ergriff sie Kahlans Hand und drückte sie einen Augenblick lang an ihre Wange. »Du bist der mutigste Mensch, dem ich je begegnet bin - außer Richard.«

»Richard?«

»Richard Rahl. Er war auch schon hier. Da hat er meinen Großvater gerettet, aber jetzt...«

Julian ließ den Satz unbeendet und wich Kahlans Blick aus. Kahlan strich ihr zärtlich über den Kopf, in der Hoffnung, ihren Kummer über ihren Großvater ein wenig zu besänftigen. Sie deutete mit dem Kinn.

»Geh zu den Satteltaschen dort, Julian, und nimm dir etwas zu essen.« Kahlan zitterte vor Schmerzen und hätte sich sehr gerne hingelegt, aber sie wusste, dass Schwester Ulicia keine leere Drohung ausgesprochen hatte. »Und bitte, wenn du danach vielleicht... einfach die Nacht über bei mir sitzen könntest? Heute Nacht könnte ich eine Freundin gebrauchen.«

Lächelnd sah Julian zu ihr hoch. Kahlan wurde ganz warm ums Herz, als sie in dieses offene Lächeln blickte.

»Morgen früh kommt noch jemand, dann hast du noch einen zweiten Freund.« Als Kahlan darauf kurz fragend die Stirn runzelte, deutete Julian in den Himmel. »Ich hab einen Raben, er heißt Lokey. Sobald es Tag ist, wird er kommen und uns mit ein paar seiner Kunststücke unterhalten.«

Die Vorstellung, einen Raben zum Freund zu haben, entlockte Kahlan ein Lächeln.

Das Mädchen drückte ihre Hand. »Ich werd dich heute Nacht nicht alleinlassen, Kahlan. Versprochen.«

So quälend die Schmerzen auch waren, die sie litt, so trostlos ihre Zukunft auch sein mochte, Kahlan freute sich. Julian lebte. Soeben hatte sie ihre erste Schlacht gewonnen, und dieser Triumph versetzte sie in Hochstimmung.

24

Ein Lächeln auf den Lippen, schritt Richard zwischen den versammelten Soldaten hindurch und quittierte nickend ihre Grüße. Auch wenn ihm nicht nach Lächeln zumute war, so befürchtete er, die Männer könnten es womöglich missverstehen, wenn er darauf verzichtete. In ihren Augen stand hoffnungsfrohe Erwartung, während sie ihm zusahen, wie er sich einen Weg durch ihre Mitte bahnte. Nicht wenige standen schweigend, eine Faust auf dem Herz, und das war nicht nur ein militärischer Gruß, sondern auch ein Zeichen ihres Stolzes. Richard brachte es nicht über sich, diesen Männern auch nur ansatzweise die grauenhaften Dinge zu erklären, die Shota ihm gezeigt hatte, also lächelte er so freundlich wie nur irgend möglich. Jenseits des Feldlagers zuckten Blitze über den Horizont. Trotz der Geräusche des Lagerlebens, des Lärms der Tausende von Männern und Pferden, des Klingens der Schmiedehämmer, der Rufe beim Abladen der Vorräte und der Ausgabe der Lebensmittel und der mit lauter Stimme erteilten Befehle, war das unheilvolle Donnergrollen nicht zu überhören, das unmittelbar nach den Blitzen über die Azrith-Ebene heranrollte. Düstere Schatten am Unterrand der bedrohlich aussehenden Gewitterwolken kündeten von der sich noch immer anwachsenden Last, die sich dort angesammelt hatte. Ab und zu rissen auffrischende Böen die stehende, feuchte Luft aus ihrer Regungslosigkeit und ließen Flaggen und Wimpel flatternd Haltung annehmen. Doch ebenso schnell, wie er aufgekommen war, legte sich der Wind auch wieder, beinahe wie eine Vorhut, die zurückprescht, um dem heraufziehenden Sturm Meldung zu erstatten.

Trotz allem schien niemand sich für das bedrohliche Geschehen am Himmel zu interessieren. Alle wollten sie nur einen Blick auf Richard erhaschen, wie er sich einen Weg durch das Feldlager bahnte. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da war genau diese Armee absolut entschlossen gewesen, ihn zu beseitigen oder doch wenigstens aus dem Verkehr zu ziehen. Doch das war, bevor Richard zum Lord Rahl geworden war.

Kaum hatte er dieses verantwortungsvolle Amt übernommen, hatte er diesen Männern die Chance gegeben, zum Symbol einer lohnenden Sache zu werden, statt ihre Waffen im Dienste der Tyrannei zu präsentieren. Nicht wenige waren diesem Angebot mit offener Ablehnung begegnet, hatten sich stattdessen zu den Zielen der Imperialen Ordnung bekannt und waren in der erklärten Absicht, die bloße Idee auszumerzen, ein jeder habe das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, mit wahlloser Brutalität über das Land hinweggefegt.

Die Übrigen aber, tatsächlich sogar die meisten, hatten Richards Aufforderung nicht nur aufgegriffen, sondern mit offenen Armen und jener Art überschäumender Begeisterung willkommen geheißen - wie dies nur Männer können, die unter Tyrannei gelebt haben. Diese Männer, die ersten seit Generationen, denen eine echte Chance auf Freiheit geboten wurde, hatten wahrhaftig begriffen, was dies für ihr Leben bedeutete, und nun klammerten sie sich hartnäckig an diese Chance auf ein Leben in einer Welt, die Richard ihnen als möglich aufgezeigt hatte. Es gab kein größeres, kein bedeutsameres Geschenk, das diese Männer im Gegenzug ihren Familien und Verwandten machen konnten, als diese Chance auf ein freies, selbstbestimmtes Leben. Nicht wenige hatten für dieses noble Ziel bereits ihr Leben gelassen.