Wie auch die Mord-Sith, folgten diese Männer ihm jetzt aus freien Stücken, nicht weil man sie dazu gezwungen hatte. Der Titel »Lord Rahl« hatte für sie eine völlig neue, früher nie gekannte Bedeutung gewonnen.
Augenblicklich aber sahen sich diese Männer dem geschärften Stahl gegenüber, mit dessen Hilfe ein Glauben erzwungen werden sollte, der ihren Angehörigen ebendieses Recht auf ein selbstbestimmtes Leben verweigerte. Auch wenn Richard die Tapferkeit dieser Männer nicht bezweifelte, so wusste er doch, dass sie sich in einer offenen Feldschlacht gegen diese gewaltige Übermacht der Invasoren von der Imperialen Ordnung niemals würden behaupten können. An diesem Tag der Tage musste er seine Rolle als Lord Rahl ausfüllen. Wenn es eine Chance auf eine lebenswerte Zukunft geben sollte, musste Richard ein Lord Rahl im reinsten Sinne sein, ein Lord Rahl, dem vor allem das Schicksal seiner Untertanen am Herzen lag. Er musste sie dazu bringen, dass sie zu der gleichen Einsicht gelangten wie er.
Verna, die mit hastigen Schritten neben ihm herlief, verstärkte den Druck auf seinen Arm und beugte sich ein Stück zu ihm hinüber.
»Du kannst dir gar nicht vorstellen, welch erhebendes Gefühl es für diese Männer ist, dich vor der Schlacht zu sehen, die ihnen jetzt bevorsteht, jene Schlacht, die schon seit Tausenden von Jahren in den Prophezeiungen geweissagt wurde. Du kannst es dir nicht vorstellen.«
Richard bezweifelte eher, dass die Männer sich vorstellen konnten, was er in wenigen Augenblicken von ihnen verlangen würde. Er blickte kurz in Vernas lächelndes Gesicht. »Ich weiß, Prälatin.«
Die Truppen waren zur Abwehr der Bedrohung durch die Imperiale Ordnung ständig weiter nach Süden vorgerückt, deshalb hatte der Ritt vom Palast des Volkes bis hierher, wo sie sie endlich eingeholt hatten, diesmal um einiges länger gedauert als bei seinem letzten Besuch bei den Streitkräften. War die Imperiale Ordnung erst einmal nach Norden abgeschwenkt, um in D’Hara einzumarschieren, war diese Armee das allerletzte Bollwerk gegen sie. Diese Männer waren die letzte Hoffnung des D’Haranischen Reiches; das war ihre Bestimmung, ihre Pflicht.
Und Richard wusste jenseits allen Zweifels, dass sie diese Schlacht verlieren würden.
Daher war es jetzt seine Aufgabe, sie von der Gewissheit ihrer bevorstehenden Niederlage und ihres sicheren Todes zu überzeugen. Cara und Nicci gingen so dicht hinter ihm, dass sie ihm fast in die Fersen traten, was nach seinem Empfinden für seine Sicherheit nicht unbedingt vonnöten war, gleichwohl war ihm klar, dass die beiden wahrscheinlich nicht bereit waren, ihm in diesem Punkt zu vertrauen. Als er über die Schulter sah, blickte er in Niccis angespanntes Lächeln.
Er fragte sich, wie sie wohl reagieren würde, wenn sie erfuhr, was er den Soldaten in wenigen Augenblicken sagen würde. Wahrscheinlich mit Verständnis; von allen, die gleich hören würden, was er zu sagen hatte, war sie vermutlich der einzige Mensch, der ihn verstehen würde; tatsächlich zählte er sogar darauf. Ihr Verständnis, ihre Unterstützung, war mitunter das Einzige, was ihn noch aufrechterhielt. Es hatte Zeiten gegeben, da war er kurz davor gewesen, alles hinzuschmeißen, und einzig Nicci hatte ihm die Kraft zum Weitermachen gegeben.
Cara hingegen würde das, was er zu sagen hatte, geradezu mit Begeisterung aufnehmen, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Trotz ihrer wie üblich grimmig entschlossenen Miene, so als müsste sie die ganze Armee eigenhändig niedermachen, falls diese Richard plötzlich die Treue kündigte und sich auf ihn stürzte, sagte ihm ihr nervöses Nesteln am Saum ihres roten Lederanzugs, dass sie es kaum erwarten konnte, endlich General Meiffert - Benjamin wiederzusehen. Seit ihrem letzten Besuch bei den Truppen hatte sie ihre Zurückhaltung, was das Zeigen ihrer Gefühle für den gutaussehenden D’Haranischen General betraf, teilweise abgelegt. Er hatte den Verdacht, dass Nicci daran nicht ganz schuldlos war. Plötzlich ließ ein Donnerschlag den Boden erzittern, und Richard beugte sich leicht zu Verna hinüber. »Eure Schwestern werden ebenfalls zugegen sein?«
Verna nickte. »Ja. Ich habe Botenläufer ausgesandt, um ihnen auszurichten, dass du sie zusammen mit all den Offizieren hier sehen möchtest. Einige befinden sich auf längeren Erkundungsgängen, aber die Übrigen werden anwesend sein.«
»Lord Rahl.« General Meiffert schlug sich mit der Faust aufs Herz. Richard deutete eine Verbeugung an. »General. Freut mich, Euch wohlauf zu sehen. Eure Männer sind wie stets in hervorragender Verfassung.«
»Danke, Lord Rahl.« Schon jetzt konnte er seine blauen Augen kaum von Cara lassen. Er verneigte sich von der Hüfte an aufwärts.
»Herrin Cara.«
Cara schaffte es tatsächlich zu lächeln. »Welch ein freudiger Anblick für meine Augen, Benjamin.«
Wäre Richard wegen der Umstände, die ihn hergeführt hatten, nicht so besorgt gewesen, hätte er seine helle Freude daran gehabt, die beiden einander so in die Augen schauen zu sehen. Genau so, erinnerte er sich, hatte er Kahlan angesehen, mit dem gleichen Glücksgefühl.
Hauptmann Zimmer, dessen ausgeformte Lederrüstung seinen stattlichen Körperbau noch betonte, stand nicht weit hinter dem General. Einige der anderen Offiziere, in ähnlichen, wenn auch weniger schlichten Uniformen, warteten unweit in einer Gruppe, während die meisten sich unter den Zeltplanen versammelt hatten. Die in ernste Gespräche vertieften, in Gruppen zusammenstehenden Soldaten verstummten und wandten sich um, um den Lord Rahl zu sehen, den Führer des D’Haranischen Reiches. Richard hatte keine Zeit für Nettigkeiten und kam sofort zur Sache. Schließlich verstummten auch die gewöhnlichen Soldaten, die sich überall ringsum versammelt hatten, und verfolgten schweigend das Geschehen.
»Sind sämtliche Offiziere und höheren Dienstgrade anwesend, General?«, erkundigte er sich.
Der Offizier nickte. »Jawohl, Lord Rahl. Zumindest alle, die sich derzeit im Lager aufhalten. Einige von ihnen befinden sich auf längeren Patrouillengängen. Wären wir früher über Euer Eintreffen und Eure Wünsche unterrichtet worden, hätte ich sie zurückbeordert, aber so wie die Dinge derzeit liegen, wird es einige Zeit dauern, sie zurückzuholen. Wenn Ihr es wünscht, werde ich sie sofort davon in Kenntnis setzen, dass sie sich hierher zurückbegeben sollen.«
Richard kam dem mit einer Handbewegung zuvor. »Nein, das wird nicht nötig sein. Es genügt, wenn die meisten hier versammelt sind. Alle anderen können später informiert werden.«
Im Feldlager befanden sich bei weitem zu viele Soldaten, als dass alle Richard hätten hören und verstehen können. Er beabsichtigte, in aller Ausführlichkeit zu den Offizieren und höheren Dienstgraden zu sprechen, und seine Erklärung dann von diesen an ihre Untergebenen weitergeben zu lassen. Für diesen Zweck war eine ausreichende Anzahl Offiziere anwesend.
Mit einer beiläufigen, aber erkennbar gebieterischen Geste machte der General den Soldaten, die den Kommandobereich umringten, um dem großen Ereignis beizuwohnen, ein Zeichen, woraufhin diese sich augenblicklich wieder an ihre Arbeit zurückbegaben, während ihre Kommandeure über ihr Schicksal unterrichtet wurden. Dann lud General Meiffert Richard und seine Begleiterinnen mit einer Armbewegung ein, unter das Schutzdach zu treten. Richard warf noch einen kurzen Blick in den Himmel und befand, die Chancen waren gut, dass es bald ernsthaft zu regnen anfangen würde. Mittlerweile drängten sich Hunderte von Männern unter die Persenning. In Erwiderung ihres vereinten, gedämpften zackigen Saluts, tippte Richard selber mit der Faust auf sein Herz.