»Ich stehe heute hier«, begann er, während er seinen Blick über die ihm entgegenblickenden Gesichter schweifen ließ, »um eine überaus ernste Angelegenheit zu besprechen - die bevorstehende letzte Schlacht gegen die vorrückende Armee der Imperialen Ordnung. Über das, was ich hier zu sagen habe, darf nicht die geringste Unklarheit bestehen. Jeder von euch muss begreifen, was auf dem Spiel steht, was ich von euch verlange und aus welchem Grund. Es geht um unser aller Überleben; ich werde euch nichts vorenthalten und ehrlich und nach bestem Vermögen auf alles antworten, was ihr wissen wollt. Bitte zögert nicht, Fragen zu stellen, Einwände vorzubringen oder auch, in bestimmten Punkten, dem zu widersprechen, was ich euch nun als meinen Entschluss darlegen werde. Ich weiß euer gesammeltes Wissen und eure Fähigkeiten sehr zu schätzen und habe größtes Vertrauen in euer Können und eure Erfahrung. Gleichwohl bin ich gezwungen, Dinge abzuwägen und in Betracht zu ziehen, die außerhalb eurer Kenntnis liegen, und habe nach sorgfältigem Abwägen aller Einzelheiten einen Entschluss gefasst. Ich kann durchaus verstehen, wenn ihr meine Argumentation, in Ermangelung dieser Informationen, möglicherweise nicht in vollem Umfang nachvollziehen könnt, also werde ich mich bemühen, sie so gut wie möglich zu erläutern - trotzdem: Meine Entscheidung steht nicht zur Diskussion.«
Richards Stimme bekam einen Unterton absoluter Entschlossenheit.
»Ihr werdet meinen Befehlen Folge leisten.«
Die Männer wechselten Blicke untereinander. Einen derart strikten Befehl hatte Richard ihnen noch nie erteilt.
Seine Worte mit Bedacht wählend, begann Richard in der Stille des Nachmittags langsam auf und ab zu gehen. Schließlich erfasste er die Menge der vor ihm Versammelten mit einer Armbewegung.
»Was beschäftigt euch als Soldaten, als kommandoführende Offiziere, am meisten?«
Nach einem Augenblick verwirrten Schweigens ergriff ein etwas seitlich stehender Offizier das Wort. »Nun, ich nehme an, am meisten denken wir alle darüber nach, wovon Ihr gerade eben gesprochen habt, Lord Rahclass="underline" die letzte, alles entscheidende Schlacht.«
»Richtig, die letzte Schlacht«, wiederholte Richard. Er blieb stehen und wandte sich zu den Männern herum. »So stellen wir es uns alle normalerweise vor: dass alles auf diesen einen alles entscheidenden Augenblick zuläuft, den Gipfel aller Mühen, und dass es zu einer letzten großen Schlacht kommen wird, in der alles entschieden wird wer gewinnt und wer verliert, wer herrscht und wer dient, wer überlebt und wer stirbt. Genauso denkt auch Jagang.«
»Wenn nicht, wäre er wohl kaum ihr Anführer«, warf ein älterer Offizier ein.
Vereinzeltes Gelächter ging durch die Reihen der versammelten Männer.
»Wohl wahr«, rief Richard mit ernster Stimme. »Und besonders im Falle Kaiser Jagangs. Es ist sein erklärtes Ziel, seine Sache bis zu dieser letzten Schlacht voranzutreiben und uns in der darauf folgenden Auseinandersetzung ein für alle Mal zu vernichten. Er ist ein überaus intelligenter Gegner, der uns dazu gebracht hat, uns ganz auf diese letzte Schlacht zu konzentrieren. Seine Strategie scheint aufzugehen.«
Das Gelächter war erstorben. Eine gewisse Beklemmung hatte sich unter den Männern breitgemacht, weil Richard diesem Mann so viel Anerkennung zollte. Offiziere ihres Schlages mochten es nicht, wenn man ihrem Gegner ein zu hohes Maß an Überlegenheit zubilligte, da es ihren eigenen Männern dann womöglich im Kampf gegen ihn an Mut gebrach.
Doch Richard hatte nicht die Absicht, Jagangs Gefährlichkeit kleinzureden, sie als geringer darzustellen, als sie tatsächlich war. Im Gegenteiclass="underline" Er wollte diesen Männern einen unverfälschten Blick auf die Schwierigkeit der Aufgabe, auf das wahre Ausmaß der Bedrohung, ermöglichen, die sie erwartete.
»Jagang ist ein fanatischer Anhänger eines Spiels, das Ja’La dh Jin genannt wird.« Als er einige Männer nicken sah, wusste Richard, dass sie zumindest ein wenig mit diesem Spiel vertraut waren. »Er besitzt seine eigene Ja’La-Mannschaft; ganz so, wie die Glaubensgemeinschaft der Ordnung ihre eigene Armee besitzt. Wenn er seine Mannschaft in ein Spiel schickt, ist es sein vorrangiges und einziges Ziel, dieses eine Spiel zu gewinnen. Zu diesem Zweck hat er die körperlich größten, eindrucksvollsten Spieler für seine Mannschaft rekrutieren lassen. Im Gegensatz zu manchen anderen, betrachtet er es nicht bloß als Spiel, als Wettkampf, ist es nicht nur seine Absicht, jedes Ja’La-Spiel zu gewinnen, vielmehr will er seinem Gegner eine vernichtende Niederlage beibringen.
Einmal ergab es sich, dass Jagangs Mannschaft verlor. Seine Reaktion bestand nicht etwa darin, es beim nächsten Mal mit größerem Einsatz zu versuchen, seine Spieler besser vorzubereiten und einzustimmen, damit sie es beim nächsten Mal besser machten. Nein, er besorgte sich kurzerhand andere Spieler und stellte eine Mannschaft aus den größten, kräftigsten und schnellsten Männern zusammen. Übersetzt bedeutet Ja’La dh Jin übrigens ›Spiel des Lebens‹.
Ganz zu Anfang, als er noch damit befasst war, all die verschiedenen Königreiche und Länder der Alten Welt zu einer einzigen Nation zu vereinen, kam es gelegentlich vor, dass Jagang eine Schlacht verlor. Mittlerweile jedoch hat er diese Lektionen des Lebens gelernt. Er legte sich die größte, niederträchtigste Armee zu, die er bekommen konnte, und vereinigte die gesamte Alte Welt unter dem Banner des Ordens der Imperialen Ordnung. Als Jagang auf Geheiß der Glaubensgemeinschaft der Ordnung in den Krieg zog, sorgte er dafür, dass ihm die nötigen Mittel bereitgestellt wurden, wodurch gewährleistet war, dass ihm eine Armee von ausreichender Größe für diese Aufgabe zur Verfügung stand. Nicht anders würdet auch ihr vorgehen.
Doch noch immer passierte es gelegentlich, dass Jagang Schlachten verlor. Und wieder lernte er dazu. Er reagierte, indem er auf seine Mittel zurückgriff und dafür sorgte, dass ihm noch mehr Männer zur Verfügung standen. Auf diese Weise kam er dem Ziel, den Krieg im Namen der Imperialen Ordnung zu gewinnen, ganz allmählich immer näher - mit dem Ergebnis, dass er heute über eine überwältigende Streitmacht verfügt, die jeden Widerstand zu brechen vermag. Er kann sich seines Sieges absolut gewiss sein. Demzufolge sieht er der letzten Schlacht mit Freuden entgegen. Zudem ist Jagang ein Traumwandler, ein Mann mit Fähigkeiten, die ihm kraft einer uralten Magie vererbt worden sind. Eines dieser Talente machte er sich zunutze, um in den Verstand anderer einzudringen, nicht nur, um Wissen zu erlangen, sondern auch, um die Betreffenden zu beherrschen. Wie euch bekannt sein wird, kontrolliert er heute eine ganze Reihe mit der Gabe Gesegneter, darunter auch Schwestern des Lichts und der Finsternis, was ihm die Herrschaft über beide Kräfte, die des Stahls und die der Magie, verleiht.«
»Lord Rahl«, unterbrach einer der älteren Offiziere Richards Rede.
»Ihr tut unsere Soldaten ein wenig vorschnell ab. Der größte Teil unserer Armee besteht aus D’Haranischen Truppen, und die Übrigen wurden von uns sorgfältig ausgebildet. Diese Männer wissen, was auf dem Spiel steht, es sind keine unfertigen Rekruten, sondern erfahrene Soldaten, die wissen, wie man kämpft. Außerdem haben wir Verna und ihre Schwestern auf unserer Seite, die ihr Können längst unter Beweis gestellt haben. Mit diesen kampferprobten Soldaten und den Schwestern des Lichts haben wir das Recht auf unserer Seite.«
»Die Imperiale Ordnung ist nicht schon allein deshalb dazu bestimmt, zu verlieren, weil sie böse ist. Gewiss, letztendlich wird das Böse an sich selbst zugrunde gehen, für unser Leben aber und das Leben derer, die wir beschützen, ist das nur ein schwacher Trost. Das Böse vermag die Menschheit trotzdem tausend Jahre zu beherrschen, ja sogar zweitausend oder mehr, ehe es schließlich an seinem eigenen Gift eingeht.«
Richard nahm sein Hin- und Herwandern wieder auf und sprach mit großer Leidenschaft. »Zugegeben, es gibt Augenblicke in der Geschichte, da sich die Dinge ohne die tapferen Bemühungen einiger Weniger so oder so hätten entwickeln können. Genau darauf zähle ich. Der Zeitpunkt ist gekommen, an dem darüber entschieden wird, wie unsere Zukunft aussehen wird. Dies ist der Zeitpunkt, da wir tun müssen, was getan werden muss, wenn wir und unsere Kinder eine Zukunft haben wollen - so schmerzlich es auch sein mag. Unsere Zukunft, die Zukunft der Freiheit, hängt von uns selbst und unserem Handeln ab, und davon, ob uns dabei Erfolg beschieden ist oder nicht.«