Ihr Männer liefert diesen Leuten bereits seit langem einen harten Kampf; euch bliebe nichts von alledem erspart. Sobald ihr von Jagangs Truppen gefangen genommen werdet, gibt es für euch keine Hoffnung mehr. Man wird alles daransetzen, dass ihr euch von ganzem Herzen wünscht, niemals geboren worden zu sein. Der Tod wird eure einzige Erlösung sein.
Nicht, dass es eine Rolle spielte. Das Leben unter der Imperialen Ordnung unterscheidet sich nur unwesentlich vom Warten auf den Tod durch die Hand der Ordenstruppen. Das Leben unter der Herrschaft des Ordens ist selbst ein langsamer, zermürbender Tod; nur währt er länger, denn das Elend zieht sich über viele Jahre hin. Gut geht es nur denen, denen das Leben und alles Gute verhasst ist. Tatsächlich begünstigt und ermutigt der Orden all jene, die die guten Dinge im Leben hassen. Schließlich gründen sich ihre Lehren auf einen erbitterten Hass auf alles Gute. Das Umfeld, das solche Glaubensüberzeugungen schaffen, ist geprägt von allumfassendem Elend. Die Hasser ergötzen sich am Elend anderer, denn das Gute erregt ihren Zorn. Würdet ihr gefangen genommen, wären diese Hasser eure Herren.«
Wie betäubt standen die Männer da, schweigend. Und in dieser Stille vernahm Richard das sachte Trommeln des Regens auf der über ihren Köpfen gespannten Zeltplane. Das Unwetter kam näher und würde sie bald erreicht haben.
Beiläufig sprach Nicci in die Stille hinein. »Die gerösteten Hoden ihrer Feinde gelten bei den Soldaten der Imperialen Ordnung als überaus begehrte Leckerbissen. Nach einer Schlacht durchstreifen Schlachtengänger das Schlachtfeld auf der Suche nach Beute und jedem noch lebenden Gegner, um ihn kastrieren zu können. Diese kostbaren, blutigen, von lebenden Feinden eingesammelten Kostbarkeiten sind bei den berauschten Feiern nach einem Sieg überaus gefragt, glauben die Soldaten doch, dass diese Köstlichkeiten ihnen Kraft und Männlichkeit verleihen. Anschließend widmen sie sich den weiblichen Gefangenen.«
Richard kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in den Nasenrücken.
»Und weiter?«
Nicci warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Ist das noch nicht genug?«
Richard seufzte schwer und ließ seine Hände fallen. »Schätze ja.«
Er wandte sich wieder um zu den Soldaten. »Die schlichte Wahrheit ist: Es besteht nicht die geringste Aussicht, dass ihr die bevorstehende Schlacht gewinnen könnt.«
Richard holte tief Luft, ehe er sich überwand, das Unaussprechliche zu sagen, das, weshalb er hergekommen war.
»Und aus diesem Grund wird es keine letzte Schlacht geben. Wir werden nicht gegen Kaiser Jagang und seine Armee der Imperialen Ordnung kämpfen. Als Lord Rahl und Anführer des D’Haranischen Reiches weigere ich mich, diesen Akt sinnloser Selbstvernichtung zuzulassen. Vielmehr bin ich hier, um die Auflösung unserer Armee zu veranlassen. Es wird keine letzte, alles entscheidende Schlacht geben. Die Neue Welt wird Jagang kampflos in die Hände fallen.«
Richard konnte sehen, wie manch einem der Offiziere die Tränen in die Augen traten.
25
Richards Worte trafen sie wie ein Schlag ins Gesicht. Wütend rief ein Offizier: »Wozu sollen wir dann überhaupt kämpfen?« Mit ausholender Geste wies er auf seine Kameraden.
»Seit Jahren schon kämpfen wir in diesem Krieg. Viele unserer Kameraden weilen nicht mehr unter uns, weil sie ihr Leben für den Erhalt unserer Sache, für das Überleben unserer Angehörigen geopfert haben. Wenn wir ohnehin keine Chance haben, wenn wir sowieso am Ende verlieren werden, wozu haben wir uns dann überhaupt die Mühe gemacht zu kämpfen? Ja, warum sollten wir uns die Mühe machen, diesen Kampf fortzusetzen?«
Ein bitteres Lächeln ging über Richards Gesicht. »Genau das ist die Absicht.«
»Was für eine Absicht?«, knurrte der Soldat.
»Wenn die Menschen keine Chance sehen, zu triumphieren und einen Sieg zu erringen, wenn sie sich stattdessen nur Tod und Vernichtung gegenübersehen, dann wird ihnen mit der Zeit jeglicher Kampfeswillen abhandenkommen. Sind sie einmal zu der Einsicht gelangt, dass sie keine Chance haben, ihre Glaubensüberzeugungen weiter zu verbreiten, und droht ihnen bei dem fortgesetzten Versuch, dies zu tun, nichts als der Tod, wird sich nach und nach der Wunsch in ihnen regen, von diesem Krieg endgültig Abstand zu nehmen.«
Sofern das überhaupt möglich war, wurde der Mann noch aufgebrachter, wie eine ganze Reihe anderer Offiziere auch. »Mit anderen Worten, Ihr wollt uns weismachen, wir sollen diesen Krieg einfach vergessen? Dass wir gegen den Willen der Imperialen Ordnung nicht gewinnen können und es aus diesem Grund auch nichts gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt?«
Richard verschränkte die Hände hinter seinem Rücken, reckte entschlossen sein Kinn empor und wartete ab, bis er sich der Aufmerksamkeit aller gewiss sein konnte.
»Mitnichten. Was ich meine, ist, dass ihr den Menschen aus der Alten Welt dieses Gefühl geben sollt.«
Verwirrt runzelten die Männer die Stirn und begannen, untereinander fragend zu tuscheln. Sie verstummten jedoch schnell, als Richard fortfuhr.
»Jagang ist im Begriff, seine Armee hierher, auf D’Haranischen Boden zu führen. Er will, dass wir uns ihm im Kampf stellen. Warum wohl? Weil er glaubt, uns besiegen zu können - und ich glaube, in diesem Punkt hat er recht. Und zwar nicht etwa, weil es euch Soldaten an Tapferkeit mangelt, an guter Ausbildung, Stärke oder Kampfgeschick, sondern schlicht und einfach, weil ich um die Unerschöpflichkeit seiner Mittel weiß. Ich habe eine Zeit lang unten in der Alten Welt gelebt, ich weiß, wie ungeheuer groß dieses Gebiet ist. Und weil ich die Alte Welt bereist habe, habe ich eine gewisse Vorstellung davon, wie viele Menschen dort leben, über welch ungeheure Mengen an Vieh, Getreide und andere Güter sie verfügen. Diese Menschen verfügen über Mittel, wie ihr sie euch nicht einmal ansatzweise vorzustellen vermögt.
Jagang hat eine gewaltige Streitmacht aus barbarischen Kriegern zusammengezogen, die ihren Glaubensüberzeugungen sklavisch ergeben sind. Sie beabsichtigen, alles und jeden zu vernichten, der sich ihnen in den Weg stellt. Es gelüstet sie geradezu danach, Helden der Eroberung zu sein und ihren Glauben zu verbreiten. Man hat Jagang alles zur Verfügung gestellt, was er nach seiner Erfahrung dafür benötigt, und es dann verdoppelt - und um ganz sicherzugehen, hat er es selbst anschließend ein weiteres Mal verdoppelt. Jagang ist keineswegs ein Anhänger der verschrobenen moralischen Denkweise, man dürfe sich bei der Führung eines Krieges nicht aufwändigerer Mittel bedienen als der Gegner - was einer Art künstlich erzeugter Fairness im Kampf um Leben und Tod gleichkäme. An einer gleichberechtigten Auseinandersetzung ist ihm nicht gelegen - warum auch? Sein ausschließliches Ziel ist unsere Unterwerfung; das ist seine Aufgabe.«
Richard beugte den Oberkörper vor und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. »Denkt nach! Seid ihr der Vorstellung einer traditionellen Entscheidungsschlacht so sehr verhaftet, dass ihr deren Zweck völlig aus dem Blick verloren habt? Stellt ihr die Tradition des ›so wurde es schon immer gemacht‹ etwa über den bezweckten Sinn? Der alleinige Zweck einer solchen Schlacht besteht darin, sich gegen einen Feind zu behaupten und den Streitfall ein für alle Mal zu entscheiden. Der Begriff der Entscheidungsschlacht hat letztendlich zu dem Glauben geführt, eine Entscheidung sei nur durch sie herbeizuführen, denn schließlich wurde es schon immer so gemacht.
Hört auf, ohne Sinn und Verstand an dieser Vorstellung festzuhalten. Hört auf, euch von Althergebrachtem blenden zu lassen. Hört auf, euch aus purer Gewohnheit selbst ins Grab zu stürzen. Denkt nach denkt wirklich darüber nach -, wie wir unsere Aufgabe erfüllen können.«