»Wollt Ihr etwa andeuten, Ihr wisst eine bessere Methode, gegen diese Leute zu kämpfen?«, fragte ein junger Offizier. Wie die meisten Männer machte er einen ehrlich verwirrten Eindruck. Richard atmete tief durch und bemühte sich, seine Aufgebrachtheit in den Griff zu bekommen. Dann senkte er die Stimme und blickte, während er fortfuhr, mitten unter die nüchternen Gesichter.
»Allerdings. Anstatt das Erwartete zu tun und uns in eine Entscheidungsschlacht zu stürzen, verfolge ich kein anderes Ziel als die Vernichtung dieser Männer. Schließlich ist dies der ursprüngliche Zweck einer großen Entscheidungsschlacht. Ist dieses Ziel nicht durch eine solche Schlacht zu erreichen, dann müssen wir eben eine andere Möglichkeit finden.
Anders als die, die für die Glaubensüberzeugungen der Imperialen Ordnung kämpfen, verspürt keiner von uns das Bedürfnis, sich mit einem ruhmreichen Sieg auf dem Feld der Ehre zu brüsten. Ruhm ist auf diese Weise nicht zu erlangen. Es gibt nur Sieg oder Niederlage. Eine Niederlage bedeutet ein neues Zeitalter der Finsternis; ein Sieg dagegen bietet die Möglichkeit auf ein Leben in Freiheit. Die Zivilisation steht auf des Messers Schneide. So einfach liegen die Dinge.
In einem solchen Überlebenskampf, in einem um das nackte Überleben geführten Kampf gegen Männer, die von dem Wunsch getrieben sind, uns umzubringen, weil wir ihrer Meinung nach kein Existenzrecht haben, gibt es kein klar definiertes Schlachtfeld. Eine solche Auseinandersetzung ist kein Kampf um ein bisschen Land, kein Krieg um ein Stück Wiese, sondern sie hat ihre Grundlage in der geistigen Haltung der Menschen, in den Ideen, die ihren Handlungen zugrunde liegen. Mit einem Sieg auf einem Schlachtfeld wäre unseren Angehörigen keineswegs besser gedient; ihnen ist nur damit gedient, wenn wir aus diesem Wettstreit der Ideen als Sieger hervorgehen.«
Schließlich meldete sich General Meiffert per Handzeichen zu Wort.
»Wenn wir uns ihnen nicht im Kampf stellen, Lord Rahl, wie sollen wir Eurer Ansicht nach dieses Ziel erreichen gegen einen Feind, dessen zahlenmäßige Überlegenheit ihn, wie Ihr soeben geschildert habt, praktisch unbesiegbar macht? Denn auch wenn es ihre Glaubensüberzeugungen sind, die sie zu ihrem Tun verleiten, so sind es doch ihre Schwerter, mit denen wir fertig werden müssen.«
Nicht wenige Männer nickten, froh, dass ihr General die Frage gestellt hatte, die ihnen allen im Kopf herumging. Zugleich war es die Frage, auf die Richard gewartet hatte. Indem er ihr Weltbild durcheinandergeworfen hatte, hatte er ihnen die Hoffnung auf einen Sieg in einer traditionellen Feldschlacht genommen, nun musste er ihnen zeigen, wie sie diesen Krieg gewinnen konnten.
Als das Trommeln des Regens auf der Zeltplane über ihren Köpfen immer lauter wurde, ließ Richard, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick forschend über die ihm erwartungsvoll entgegenstarrenden Gesichter schweifen. »Ihr müsst der Donner und Blitz der Freiheit sein. Ihr müsst die Rache sein, die über dieses Volk der barbarischen Ideen kommt, das nicht nur zugelassen hat, dass das Böse Einzug in ihre Herzen fand, sondern es auch noch gebilligt und befürwortet hat.
Wir müssen diesen Krieg auf unsere Weise kämpfen, müssen diesen Krieg als das führen, was er tatsächlich ist - nicht ein Krieg von Armeen auf dem Schlachtfeld, die als Stellvertreter für Ideen auftreten, sondern ein Krieg um die Zukunft der Menschheit. In diesem Sinne ist es ein Krieg, in den die Alte Welt mit absoluter Entschlossenheit zieht, dem sich ein jeder auf ihrer Seite mit Leib und Seele verschrieben hat. Sie treten voller Leidenschaft für ihre Sache ein. Sie glauben an das, was sie tun. Sie meinen, das Recht auf ihrer Seite zu haben, halten ihr Tun für moralisch, glauben, den Willen des Schöpfers zu erfüllen, und dass es demnach ihr gutes Recht sei, nach Belieben jeden umzubringen, um so die Lebensweise der gesamten Menschheit zu bestimmen.
Sie alle bringen ihren Besitz, ihre Arbeit, ihren Reichtum und ihr Leben in diesen Kampf ein. Es ist das ganze Volk, nicht bloß die Armee, das uns unterjochen und zwingen will, uns ihren Glaubensüberzeugungen zu beugen. Diese Menschen wollen, dass wir, wie sie, zu Sklaven ihres Glaubens werden. Sie ermutigen ihre Armee, unschuldige Menschen hier in der Neuen Welt zu überfallen, um uns ihre Glaubensüberzeugungen aufzuzwingen. Sie wollen, dass wir, als Anhänger desselben Glaubens wie sie, unser Leben diesem Glauben opfern und ihrem Willen entsprechend gestalten. Sie wollen bestimmen, was unsere Kinder glauben sollen - wenn nötig, mit Gewalt.
All diese Menschen, die von den Methoden des Ordens überzeugt sind, die ihren Beitrag leisten, die Ermutigung und Unterstützung geben, die dafür beten, dass ihre Soldaten uns vernichtend schlagen, sind Teil ihrer kriegerischen Bemühungen. Jeder einzelne von ihnen leistet seinen Beitrag zu ihrer Sache. In dieser Hinsicht sind sie nicht weniger der Feind als die Soldaten, die in ihrem Auftrag ihre Schwerter erheben. Sie sind es, die einen niemals abreißenden Strom junger Männer unter Waffen stellen und ihnen alles Übrige mitgeben, was sie brauchen, um gegen uns vorzugehen, von Lebensmitteln bis hin zu Trost und moralischer Unterstützung.«
Richard wies nach Süden. »Im Grunde sind diese Menschen, die den Krieg erst möglich machen, vielleicht der größere Feind, denn jeder von ihnen ist eine schweigende Unterstützung, jemand, der uns aus der Ferne Unheil wünscht, der sich entschieden hat zu hassen und der festen Überzeugung ist, es werde für ihn keine Folgen haben, wenn er uns seinen Willen aufzwingt.
Als Lohn für ihre Unterstützung fließt die Kriegsbeute zu ihnen zurück; Sklaven werden zurückgeschickt, um für sie zu arbeiten, Blut und Tränen werden vergossen, um ihrer Forderung nach dem rechten Glauben Nachdruck zu verleihen.
Diese Menschen haben eine bewusste Entscheidung getroffen: für ihren Glauben, für die Überzeugung, ein Recht auf unser Leben zu haben und alles tun zu dürfen, was nötig ist, um uns zu unterwerfen. Diese von ihnen getroffenen Entscheidungen dürfen nicht folgenlos bleiben, erst recht nicht, wenn sie mit ihrem Entschluss das Leben anderer ruinieren, die ihnen kein Leid zugefügt haben.«
Richard breitete die Hände aus. »Wie aber ist das zu erreichen?«
Er ballte seine Hände zu Fäusten. »Indem wir den Krieg in die Heime derer tragen, die ihn fördern und befürworten. Es kann nicht sein, dass immer nur das Leben unserer Freunde, unserer Familien und Angehörigen in den blutigen, von den Menschen aus der Alten Welt befeuerten Hexenkessel geworfen wird - jetzt muss es auch das ihre sein.
Sie betrachten diesen Krieg als einen Kampf um die Zukunft der Menschheit - ich bin entschlossen, alles zu tun, dass er genau das wird. Ich will, dass sie voll und ganz begreifen, welche Folgen es hat, wenn sie ausziehen, um uns - aus welchem Grund auch immer zu ermorden und zu unterjochen.
Vom heutigen Tag an werden wir einen echten Krieg führen, einen totalen Krieg, einen Krieg ohne Gnade und Erbarmen. Wir werden uns nicht länger irgendwelche unsinnigen Regeln auferlegen, was ›fair‹ ist und was nicht. Unser einziges Ziel wird sein zu gewinnen. Für uns, für unsere Angehörigen und unsere Freiheit ist das die einzige Möglichkeit zu überleben. Moralisch ist allein unser Sieg. Ich will, dass die Unterstützer der Imperialen Ordnung den Preis für ihre Aggression bezahlen - und zwar mit ihrem Besitz, ihrer Zukunft und mit ihrem nackten Leben.
Die Zeit ist gekommen, mit nichts als kaltem, finsterem Zorn in unseren Herzen Jagd auf diese Menschen zu machen.«
Er reckte eine Faust in den Himmel. »Zerschmettert ihre Gebeine zu Blut und Staub!«
Einen Moment lang herrschte Stille, als alle wie ein Mann Luft holten, um Augenblicke darauf in donnernden Jubel auszubrechen, so als hätten sie alle insgeheim gewusst, dass nicht die geringste Chance auf einen Sieg bestand, sie alle letztendlich zu Tod und Untergang verdammt wären, und plötzlich hätte ihnen jemand aufgezeigt, dass es doch noch Hoffnung gab. Endlich hatten sie wieder eine reale Chance, ihre Heime und ihre Angehörigen zu retten, und damit ihre Zukunft.