Einen Augenblick lang unterließ es Richard, den tosenden Jubel zu unterbrechen, doch dann bat er mit erhobener Hand um Ruhe und fuhr fort.
»Die Armee der Imperialen Ordnung hat die volle Unterstützung der Menschen in ihrer Heimat. Jeder Soldat des Ordens kann sich der Unterstützung seiner Familie, Freunde und Nachbarn gewiss sein. Nichtsdestoweniger sind die Ordensmänner auf Nachrichten aus der Heimat angewiesen. Ich möchte, dass die Soldaten der Imperialen Ordnung nichts als einen Aufschrei des Entsetzens vernehmen; sie sollen wissen, dass ihre Heime geplündert, ihre Städte und Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht, ihre Geschäfte und Ernten vernichtet werden und ihre Angehörigen vor dem Nichts stehen.
Der Orden predigt, das Leben in dieser Welt sei nichts als Drangsal. Macht, dass es dazu wird. Streift die dünne Schicht der Zivilisation ab, die ihnen so zuwider ist.«
Richard sah zu Verna und den Frauen in ihrer Begleitung, allesamt Schwestern des Lichts. »Nichts ist ihnen so verhasst wie Magie; macht, dass sie grauenhafte Angst davor bekommen. Sie glauben, wer Magie besitzt, muss vernichtet werden; macht, dass sie sich wünschen, nie wieder unseren Zorn zu erregen. Ihr Ziel ist die Eroberung; macht, dass sie keinen anderen Wunsch mehr haben als bedingungslose Kapitulation.«
Ein Blitz zerriss den düsteren nachmittäglichen Himmel, und der windgepeitschte Regen begann, auf die Zeltplane über ihren Köpfen zu prasseln. Als der letzte krachende Donnerschlag verklungen war, richtete Richard seine Aufmerksamkeit wieder auf die Männer und fuhr fort.
»Für die Erreichung unseres Ziels bedarf es eines präzise abgestimmten Plans, der jede Facette der Gefahr umfasst. Zu diesem Zweck muss sich ein Teil unserer Streitmacht dem wichtigen Ziel der Verfolgung und Vernichtung ihrer Nachschubkolonnen widmen. Diese Kolonnen sind für das Überleben der Imperialen Ordnung von entscheidender Bedeutung. Durch sie erhalten sie nicht nur die nötigen Verstärkungen, sondern mit diesen Kolonnen gelangt auch ein steter Strom von Vorräten zu ihren Truppen, den diese dringend zum Überleben brauchen. Sicher, die Truppen der Imperialen Ordnung plündern auf ihrem Vormarsch, doch für ihre Versorgung reicht das bei Weitem nicht aus. Ihre ungeheure Größe macht sie auch angreifbar. Also müssen wir ihnen diesen Nachschub vorenthalten, den sie benötigen, um hier in solch gewaltigen Massen zu überleben, müssen wir diese lebensnotwendige Nabelschnur kappen. Tot ist tot, auch wenn die Soldaten der Imperialen Ordnung am Hunger sterben. Jeder Ordenssoldat, der verhungert, ist einer weniger, um den wir uns sorgen müssen. Das allein zählt für uns. Das wird auch die von Süden her nachrückenden Rekruten verwundbarer machen, da sie sich weder bereits mit erfahrenen Kämpfern vereint haben noch in großer Zahl auftreten. Sie sind schlecht ausgebildet und wenig mehr als jugendliche Schläger, die ausgezogen sind, um zu vergewaltigen und zu rauben. Metzelt sie nieder, ehe sie in den Norden gelangen und eine Chance haben, es zu tun. Das Anwerben frischer Rekruten wird umso schwieriger, je mehr von ihnen bereits im eigenen Land getötet werden, ehe sie überhaupt Gelegenheit erhalten, hilflose Fremde abzuschlachten. Noch besser ist es, wenn es sich um noch kleine Einheiten handelt, die gerade erst in ihren heimatlichen Dörfern zusammengezogen werden. Tragt den Krieg zu ihnen, tötet sie, ehe sie Gelegenheit haben, ihn zu uns zu tragen. Haben diese jungen Männer erst begriffen, dass sie durch ihre freiwillige Meldung zum Kriegsdienst niemals zu Helden werden, ihnen niemals Kriegsbeute oder junge weibliche Gefangene in die Hände fallen werden, haben sie erst begriffen, dass sie nicht einmal weit kommen werden, ehe sich ihnen Soldaten entgegenstellen, die nicht auf die erwartete Weise kämpfen und sich nicht gegen eine unfassbare Übermacht in eine aussichtslose Entscheidungsschlacht stürzen, wird ihre Begeisterung, in den Kampf zu ziehen, rasch abkühlen. Wenn nicht, dann sterben eben auch sie, und zwar noch ehe sie überhaupt Gelegenheit haben, sich der Armee im Norden anzuschließen. Der Anblick der Leichen dieser künftigen Helden, die auf der Schwelle ihres eigenen Hauses verfaulen, wird uns helfen, den Kampfgeist der Menschen in der Alten Welt zu brechen.«
Ehe er fortfuhr, ließ Richard seinen Blick forschend über die aufmerksamen Gesichter schweifen. »An diesem Ort, mit dem heutigen Tag, ist die Idee einer letzten, entscheidenden Schlacht endgültig gestorben. Ab heute werden wir uns in nichts auflösen. Nach dem heutigen Tag wird es keine Armee des D’Haranischen Reiches mehr geben, welche die Imperiale Ordnung in eine Entscheidungsschlacht verwickeln und vernichten kann. Schließlich wollen sie das nur, um unser Volk seines Schutzes zu berauben, damit es nackt und verwundbar zurückbleibt. Das werden wir nicht zulassen. Ab heute werden wir diesen Krieg auf eine ungekannte Weise führen - auf unsere Weise, die auf kalter Überlegung fußt und die den sicheren Sieg verspricht.
Ich will, dass jeder in der Alten Welt euch fürchtet, als wärt ihr Racheengel. Beginnend mit dem heutigen Tag, werdet ihr das Phantom der D’Haranischen Legionen sein.
Niemand wird wissen, wo ihr seid, niemand wird wissen, wann oder wo ihr als Nächstes zuschlagen werdet. Trotzdem möchte ich, dass jeder in der Alten Welt jenseits allen Zweifels weiß, dass ihr sie verfolgen werdet, dass ihr zuschlagen werdet, als wäre die Unterwelt selbst im Begriff, sich aufzutun und sie zu verschlingen. Ich will, dass sie die Phantomlegionen der D’Haranischen Armee fürchten wie den Tod.
Sie sehnen den Tod herbei, um in die ewige Herrlichkeit des Lebens nach dem Tod eingehen zu können ... erfüllt ihnen diesen Wunsch.«
Einer der Männer weiter hinten räusperte sich und ergriff das Wort.
»Lord Rahl, dort unten werden aber auch unschuldige Menschen umkommen.«
»Natürlich solltet ihr es, wann immer möglich, vermeiden, unschuldigen Menschen Schaden zuzufügen, gleichwohl ist das nicht unser vorrangiges Ziel. Unser Ziel ist es, den Krieg zu beenden, und um das zu erreichen, müssen wir diesen Leuten die Fähigkeit zur Kriegsführung nehmen. Das ist unsere Pflicht als Soldaten. Tatsächlich kenne ich Menschen in der Alten Welt, die sich bereits gegen die Imperiale Ordnung erhoben haben und uns in diesem Kampf zur Seite stehen. Ein einfacher Hufschmied namens Victor und seine Männer in Altur’Rang zum Beispiel haben das Fanal der Freiheit in der Alten Welt entzündet und kämpfen bereits auf unserer Seite. Wo immer ihr auf diese Menschen stoßt, die sich nach Freiheit sehnen, solltet ihr sie bestärken und euch ihrer Unterstützung versichern. Sie sind bereit, ihre Städte und Orte in Flammen aufgehen zu sehen, sofern diese Feuersbrünste nur das Ungeziefer vernichten, das sich so munter über ihr Leben hermacht. Aber was immer ihr auch tut, ihr dürft niemals vergessen, dass es euer Ziel ist, die Imperiale Ordnung daran zu hindern, uns zu töten, und zu diesem Zweck müssen wir ihren Kampfeswillen brechen. Um dies zu erreichen, müssen wir den Krieg zu ihnen tragen. So sehr mich der Verlust unschuldiger Menschenleben betrübt, dieser Verlust ist eine unmittelbare Folge des unsittlichen Tuns der Imperialen Ordnung. Wir sind nicht verpflichtet, unser Leben aufzuopfern, um zu verhindern, dass Unschuldigen auf ihrer Seite Leid geschieht. In dieser Auseinandersetzung, die wir nicht verschuldet haben, können wir keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen.
Gleichwohl haben wir jedes Recht, unser Existenzrecht zu verteidigen. Lasst euch nichts anderes einreden, von niemandem. Die Gefahr muss beseitigt werden; alles andere wäre nichts weiter als lautes Pfeifen auf dem Weg ins eigene Grab.«
Ernst und schweigend standen die Männer unter der sich wölbenden Zeltplane, die sie vor dem kräftigen Regenguss schützte. Niemand hatte irgendwelche Einwände vorzubringen; lange Zeit hatten sie auf verlorenem Posten gekämpft, hatten sie Tausende sterben sehen. Sie begriffen, dass es keine andere Möglichkeit gab. Richard machte Hauptmann Zimmer ein Zeichen, einem jungen Mann mit energischem Kinn und kräftigem Nacken, der ruhig mit vor der enormen Brust verschränkten Armen dagestanden und in völlige Konzentration versunken Richards Worten gelauscht hatte. Er war zum Anführer der Spezialeinheiten ernannt worden, nachdem Kahlan Hauptmann Meiffert zum Oberbefehlshaber der D’Haranischen Streitkräfte befördert hatte; sie war es auch, die Richard von der hervorragenden Arbeit berichtet hatte, die Hauptmann Zimmer und seine Männern leisteten, dass sie erfahren waren und unter Druck sachlich blieben, unermüdlich und furchtlos waren und beim Töten von kalter Effektivität. Was die meisten Soldaten erbleichen ließ, entlockte ihnen nur ein müdes Lächeln.