Richard hörte so manches, was ihn ebenso mit Abscheu erfüllte wie das Wissen, dass er der Architekt eines solchen Chaos war, doch dann dachte er an seine Vision von Kahlan, die Shota ihm eingegeben hatte, an seine Vision dieses Schreckens sowie anderer, die für unzählige Menschen längst Wirklichkeit waren, und verspürte ein Gefühl der Zufriedenheit darüber, dass sie endlich auf eine Weise zurückschlagen würden, die diesem Grauen ein Ende zu bereiten versprach. Schließlich hatte sich die Imperiale Ordnung das alles selbst zuzuschreiben.
»Zeit ist von entscheidender Bedeutung«, erklärte Richard den versammelten Offizieren und Schwestern. »Mit jedem Tag, der verstreicht, erobert der Orden weitere Städte, unterjocht, foltert, vergewaltigt und ermordet er mehr Menschen.«
»Da gebe ich Euch recht«, sagte General Meiffert. »Ein Fußmarsch nach Süden kommt nicht in Frage.«
»So ist es«, bestätigte Richard. »Ich möchte, dass ihr schnell reitet und hart zuschlagt. Die Imperiale Ordnung verfügt über eine gewaltige Streitmacht, und wohin sie sich in der Neuen Welt auch wendet, fallen die Ortschaften ihrer Zerstörungswut anheim. Andererseits macht ihre Größe sie schwerfällig; ein Marsch quer über Land kostet sie enorme Zeit. Jagang hat ihre Langsamkeit zur Taktik gemacht, denn jede Stadt entlang seiner Marschroute durchleidet eine quälende Phase des Wartens, während der sich ihre Bewohner in den schillerndsten Farben ausmalen können, welches Schicksal ihnen bevorsteht, wodurch sie sich immer mehr in ihre Angst hineinsteigern, bis diese schließlich unerträglich wird. Tatsächlich sind wir insoweit im Vorteil, dass wir, wenn wir Kavallerie einsetzen und die Einheiten klein und beweglich halten, blitzschnell Ort für Ort zuschlagen können. Auf keinen Fall dürfen wir uns in diese ungeheure Vergeudung an Mensch und Material hineinziehen lassen. Wir müssen schlicht so viel wie irgend möglich zerstören und anschließend gleich zum nächsten Ziel weiterziehen. Wir müssen jeden in der Alten Welt diese Angst spüren lassen, ihn spüren lassen, dass er vor unserer Vergeltung nirgendwo sicher ist.«
Ein bärtiger Offizier wies zum Feldlager hinüber. »Aber wir verfügen nicht über genügend Pferde, um die gesamte Armee in eine berittene Truppe umzuwandeln.«
»Dann müsst ihr eben rasch Pferde für alle Männer auftreiben«, warf Cara ein. »Beschafft sie euch, wo immer ihr könnt.«
Der Offizier kratzte sich den Bart, während er es sich durch den Kopf gehen ließ. Dann lächelte er Cara an. »Seid unbesorgt, es wird sich schon ein Weg finden.«
Ein anderer meldete sich zu Wort. »Ich kenne eine Reihe von Orten in D’Hara, wo Pferde gezüchtet werden. Ich denke, es sollte kein Problem sein, die erforderliche Anzahl in vergleichsweise kurzer Zeit zusammenzubekommen.« Auf Richards anerkennendes Nicken schlug er sich sofort die Faust aufs Herz. »Ich werde mich augenblicklich darum kümmern«, sagte er, ehe er sich aufmachte und draußen im Regen verschwand.
Kaum war der Offizier an ihnen vorübergeeilt, wandte sich Richard an General Meiffert: »Die Armee muss in kleinere Einheiten aufgespalten werden. Auf keinen Fall darf sie als große Streitmacht zusammenbleiben.«
Der General, den Blick in die Ferne gerichtet, dachte nach. »Wir werden sie in eine Reihe von Kommandoeinheiten aufteilen, die wir sofort Richtung Süden in Marsch setzen. Sie werden sich nicht nur selbst versorgen, sondern überhaupt in jeder Hinsicht sich selbst behelfen müssen. Vor allem müssen sie unabhängig von einer ihre Einsätze in allen Einzelheiten planenden oder sie sonst mit irgendetwas versorgenden Befehlsstruktur operieren.«
»Irgendeine Form des Nachrichtenaustauschs werden wir einrichten müssen«, gab einer der älteren Offiziere zu bedenken, »aber Ihr habt recht, ich denke, es wird gar nicht möglich sein, alle aufeinander abzustimmen. Den einzelnen Abteilungen muss man klare Anweisungen geben, sie anschließend aber ihre Arbeit machen lassen. Schließlich bietet die Alte Welt mehr als genug Angriffsziele.«
»Am besten, sie halten überhaupt keine Verbindung untereinander«, entschied Nicci. Als eine Reihe von Offizieren sie daraufhin verwundert anstarrte, führte sie dies näher aus. »Jeder Bote, der abgefangen wird, würde gefoltert werden; für diese Aufgabe besitzt der Orden Experten, und wer immer diesen Leuten in die Hände fällt, wird preisgeben, was er weiß. Wenn alle Einheiten untereinander Verbindung halten, können alle verraten werden. Aber wenn ein abgefangener Bote den Standort der anderen Einheiten gar nicht kennt, kann er dieses Wissen auch nicht preisgeben.«
»Klingt vernünftig«, gab Richard ihr recht.
»Lord Rahl«, gab General Meiffert zu bedenken, »wenn wir unsere gesamte Armee ohne den Widerstand einer gegnerischen Streitmacht auf die Alte Welt loslassen, wird das beispiellose Zerstörungen zur Folge haben. Mit diesem Ziel entsandt, noch dazu als reine Kavallerie, werden unsere Männer die Alte Welt... nun, in einem bis dato ungekannten Maß in Trümmer legen.«
Offenbar beabsichtigte er, Richard eine letzte Möglichkeit einzuräumen, es sich noch anders zu überlegen, deutlich zu machen, dass er nicht bereit war, sein Gespür für ihr eigentliches Ziel auf ihre Kosten aus den Augen zu verlieren. Doch Richard scheute die dahinter verborgene Frage keineswegs, vielmehr holte er tief Luft und verschränkte die Hände hinter seinem Rücken.
»Wisst Ihr, Benjamin, ich kann mich noch gut an eine Zeit erinnern, da mir bei der bloßen Erwähnung D’Haranischer Soldaten ganz bange ums Herz wurde.«
Mit einem Nicken bekundeten die in der Nähe stehenden Männer ihr Bedauern über den Verlust dieser Schneidigkeit.
»Indem er uns in eine Entscheidungsschlacht hineinzieht, die wir unmöglich gewinnen können«, erklärte Richard ihnen, »ist es Jagang gelungen, die D’Haranischen Soldaten schwach und verwundbar erscheinen zu lassen. Man fürchtet uns nicht mehr. Und weil sie uns nun als schwach betrachten, glauben sie, nach Belieben mit uns umspringen zu können.
In meinen Augen ist diese unsere letzte Chance, den Krieg noch zu gewinnen. Wenn wir sie ungenutzt verstreichen lassen, sind wir verloren.
Ich will unter keinen Umständen, dass diese Chance vertan wird. Niemand darf verschont werden. Ein Bote nach dem anderen soll Jagang davon in Kenntnis setzen, dass die gesamte Alte Welt in Flammen steht. Sie sollen denken, die Unterwelt selbst habe sich aufgetan, um sie zu verschlingen.
Ich will, dass die Menschen schon bei dem Gedanken, dass Vergeltung übende D’Haranische Soldaten Jagd auf sie machen, gelähmt vor Angst zu zittern beginnen. Ich will, dass jeder, Mann, Frau oder Kind, in der Alten Welt die gespenstischen Legionen aus dem Norden fürchten lernt. Jeder in der Alten Welt soll die Imperiale Ordnung dafür hassen, dass sie solches Leid über sie gebracht hat, bis sich dort ein Aufschrei zur Beendigung des Krieges erhebt. Das ist alles, was ich zu sagen habe, meine Herren. Ich denke, wir haben keine Zeit zu verlieren, also packen wir es an.«
Erfüllt von frischer Entschlossenheit, defilierten die Männer in einer Reihe an Richard vorbei, salutierten und bedankten sich bei ihm mit dem Versprechen, die ihnen zugedachte Aufgabe zu erledigen. Richard sah ihnen nach, wie sie mit eiligen Schritten in den Regen hinaus und zu ihren Untergebenen hasteten.
»Lord Rahl«, sagte General Meiffert und trat näher, »ich möchte nur, dass Ihr wisst, Ihr werdet uns selbst dann in die bevorstehende Schlacht führen, wenn Ihr nicht persönlich bei uns seid. Es mag vielleicht nicht die von allen erwartete große Feldschlacht sein, gleichwohl habt Ihr den Männern etwas gegeben, was sie ohne Euch nicht besitzen würden. Wenn Euer Plan funktioniert, wird es Eure Führerschaft gewesen sein, die in diesem Krieg die Wende gebracht hat.«
Richard betrachtete den Regen, der in einem Perlenschnurvorhang aus Wasser vom Rand der Zeltplane herabtropfte. Allmählich verwandelte sich der Boden unter den Stiefeln der in alle Himmelsrichtungen davoneilenden Soldaten in Morast, ein Anblick, der Richard sofort wieder die Vision in Erinnerung rief, als er selbst, ein Messer an der Kehle, im Schlamm gekniet hatte, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Im Geiste konnte er Kahlan mit schriller Stimme seinen Namen rufen hören. Er musste schlucken, um das ungebetene Entsetzen zu unterdrücken, das in seinem Innern hochkam. Das Geräusch von Kahlans Schreien schmerzte ihn bis auf den Grund seiner Seele.