»Um Kahlan aus dem Gedächtnis der Menschen zu tilgen.«
»Aber warum sollte ihnen daran gelegen sein, so etwas zu tun?«
Richard seufzte. »Schwester Ulicia wollte Kahlan in den Palast einschmuggeln, um auf diese Weise die Kästchen der Ordnung stehlen zu können. Ursprünglich war der Feuerkettenbann zu dem Zweck geschaffen worden, Menschen praktisch unsichtbar zu machen. Und jetzt, nachdem er ausgelöst worden ist, erinnert sich niemand mehr an sie; kein Mensch erinnert sich daran, dass sie einfach in den Palast hineinspaziert ist und die Kästchen aus dem Garten des Lebens gestohlen hat.«
»Die Kästchen gestohlen ...« Vernas Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Verständnislosigkeit und Staunen. »Aber wozu in aller Welt?«
»Schwester Ulicia hat sie ins Spiel gebracht«, sagte Nicci.
»Gütiger Schöpfer«, entfuhr es Verna, während sie sich mit der Hand vor die Stirn schlug. »Ich werde einige Schwestern mit einer abschreckenden Warnung dort zurücklassen.«
»Es wäre vielleicht am besten, wenn Ihr selbst eine von ihnen wärt«, sagte Richard, während er aus dem Fenster blickte und sah, dass der Wind mächtig aufgefrischt war und den Regen jetzt mitunter fast waagerecht durch die Luft peitschte. »Unter keinen Umständen dürfen wir es so weit kommen lassen, dass der Palast fällt. Schwere Verwüstungen unten in der Alten Welt zu verursachen ist für die Schwestern eine vergleichsweise harmlose Zauberei. Verglichen damit, ist die Verteidigung des Palasts gegen Jagangs Horden und seine mit der Gabe Gesegneten womöglich eine erheblich größere Herausforderung.«
»Vielleicht habt Ihr recht«, räumte sie ein und strich sich eine vom Wind verwehte Strähne ihres lockigen Haars aus dem Gesicht.
»In der Zwischenzeit "werde ich sehen, was ich tun kann, um Schwester Ulicia und ihre Schwestern der Finsternis aufzuhalten.«
Richards Blick wanderte zu Nicci und Cara und schließlich hinaus zu all den Männern, die in Ausführung ihrer neuen Mission mit eiligen Schritten durch den Regen liefen. »Ich muss unbedingt zurück.«
General Meiffert schlug sich die Faust aufs Herz. »Wir werden der Stahl gegen den Stahl sein, Lord Rahl, damit Ihr die Magie gegen die Magie sein könnt.«
Verna, Tränen in den Augen, berührte Richard kurz an der Wange.
»Pass gut auf dich auf, Richard. Wir alle brauchen dich.«
Er nickte und bedachte sie mit einem warmen Lächeln, in das er mehr legte, als Worte jemals hätten sagen können.
General Meiffert legte einen Arm um Caras Hüfte. »Darf ich Euch zu den Pferden begleiten?«
Auf überaus weibliche Art sah Cara lächelnd zu ihm hoch. »Ich denke, das wäre mir sehr recht.«
Die Köpfe tief zwischen die Schultern gezogen, hasteten sie hinaus in den strömenden Regen. Nicci schlug die Kapuze ihres Umhangs über, dabei fiel ihr Blick auf Richard, und sie runzelte argwöhnisch die Stirn.
»Wie bist du eigentlich auf diese Idee von den ›Phantomlegionen‹ gekommen?«
Er legte ihr eine Hand ins Kreuz und drängte sie weiter, hinein in den strömenden Regenschauer. »Shota brachte mich darauf, als sie sagte, ich müsse endlich aufhören, irgendwelchen Phantomen hinterherzujagen.«
Sie legte ihm sachte den Arm um die Schultern, während sie zu den Pferden hinüberliefen. »Was du getan hast, war genau richtig, Richard.«
Der kummervolle Blick in seinen Augen war ihr offenbar nicht entgangen.
26
Rachel gähnte. Sofort kam Violet scheinbar aus dem Nichts herangerauscht und versetzte ihr eine schallende Ohrfeige, fest genug, um sie von dem Felsen kippen zu lassen, auf dem sie gesessen hatte.
Benommen stemmte sich Rachel mit einem Arm hoch. Die andere Hand behutsam an ihre Wange gelegt, wartete sie, dass der betäubende Schmerz nachließ, wartete sie, dass ihre Umgebung sich allmählich wieder aus dem Nebel schälte. Zufrieden machte sich Violet wieder an ihre Arbeit.
Von dem anhaltenden Schlafmangel war Rachel so angeschlagen, dass sie nicht richtig auf gepasst hatte und Violets Hieb sie völlig unvorbereitet hatte treffen können. Das schmerzhafte Prickeln trieb ihr die Tränen in die Augen, gleichwohl war sie klug genug, den Mund zu halten und nicht zu zeigen, dass sie Schmerzen hatte.
»Zu gähnen ist bestenfalls unhöflich, im schlimmsten Fall aber ein Zeichen mangelnden Respekts.« Violets plumpes Gesicht linste über ihre Schulter. »Wenn du dich nicht benimmst, nehme ich das nächste Mal die Peitsche.«
»Ja, Königin Violet«, antwortete Rachel mit kleinlauter Stimme. Sie wusste nur zu gut, dass Violet keine leeren Drohungen machte. Sie war so ungeheuer müde, dass sie kaum noch die Augen offen halten konnte. War sie früher Violets »Gespielin« gewesen, so schien sie jetzt nicht mehr als das Ziel ihrer Misshandlungen zu sein. Mittlerweile war Violets Denken einzig von dem Wunsch nach Rache erfüllt. Nachts ließ sie einen Apparat aus Eisen in Rachels Mund anbringen. Es war eine grauenhafte Prozedur. Rachel wurde gezwungen, ihre Zunge in eine schnabelähnliche, aus zwei flachen, geriffelten Eisenplatten bestehende Klemme zu stecken, dann wurden die beiden Backen so fest miteinander verschraubt, dass sie ihre Zunge fest umschlossen.
Jedwede Form des Widerstandes, das hatte Rachel leidvoll erfahren müssen, trug ihr eine Tracht Prügel ein, woraufhin ihr die Wachen den Mund aufstemmten, um ihre Zunge anschließend unter Zuhilfenahme von schmerzhaft zupackenden Zangen in der Klemme zu platzieren. Letztendlich behielten sie stets die Oberhand, schließlieh konnte sie ihre Zunge nicht irgendwo verstecken. War die Klemme erst an ihrer Zunge befestigt, wurde ihr Kopf mit der eisernen Maske, ebenfalls ein Teil des Apparats, fest umschlossen, um ihrer Zunge jegliche Beweglichkeit zu nehmen.
Saß die Maske erst auf dem Gesicht, war es Rachel unmöglich zu sprechen. Selbst das Schlucken fiel ihr schwer. Anschließend wurde sie von Violet mit der Bemerkung, nun könne sie am eigenen Leib erfahren, was für ein Gefühl es sei, stumm zu sein und Schmerzen zu leiden, über Nacht in ihre alte Eisenkiste gesperrt. Und wie es schmerzte. Die ganze Nacht über in ihrem Eisenkäfig eingesperrt zu sein, die Zunge festgeschraubt in dieser entsetzlichen Schelle, hatte sie fast um den Verstand gebracht. Anfangs hatte sie, nahezu von Sinnen vor Angst, weil sie sich eingesperrt und allein fühlte, außerstande war, sich zu befreien oder wenigstens diesen schmerzhaften Apparat herunterzureißen, stundenlang geschrien. Doch Violet hatte nur hämisch gelacht und eine schwere Decke über die Kiste geworfen, um Rachels Geschrei zu ersticken. Das Greinen und Schreien hatte den Schmerz der Eisenklemme, die ihre Zunge festhielt, nur noch verschlimmert und diese in einen blutigen Klumpen verwandelt.
Was sie aber letztendlich bewog, ihre Tränen und ihr Geschrei einzustellen, war Violet selbst, die plötzlich ihr Gesicht ganz nah vor das winzige Fenster schob und ihr erklärte, wenn sie nicht still wäre, würde sie Sechs befehlen, ihr die Zunge vollends herauszuschneiden. Ihr war augenblicklich klar gewesen, dass Sechs nicht zögern würde, wenn Violet sie darum bat.
Also stellte sie ihr Gebrüll ein und hörte auf, Theater zu machen. Stattdessen rollte sie sich in ihrem winzigen eisernen Gefängnis ganz klein zusammen und versuchte, sich die Dinge in Erinnerung zu rufen, die Chase ihr beigebracht hatte. Das war es auch, was sie zu guter Letzt wieder hatte zur Ruhe kommen lassen.
Chase hatte ihr nämlich geraten, sich in Gedanken nicht mit ihrer jeweiligen misslichen Lage zu befassen, sondern auf einen Augenblick zu lauern, wenn sie sich daraus befreien konnte. Er hatte ihr beigebracht, das Verhaltensmuster der Menschen zu beobachten und auf einen Moment der Unachtsamkeit zu warten. Und genau das tat sie. Nacht für Nacht lag sie, ohne je ein Auge zuzutun, in ihrer eisernen Kiste und harrte darauf, dass es endlich Morgen wurde, die Männer sie aus der Kiste zogen und ihr für den Tag diesen scheußlichen Apparat abnahmen.
Weil ihre Zunge wund und vernarbt war, konnte sie kaum noch Nahrung zu sich nehmen - nicht, dass man ihr viel zu essen gegeben hätte. Jeden Morgen nach dem Abnehmen der Schelle spürte sie mehrere Stunden lang ein schmerzhaftes Pochen in der Zunge. Auch ihre Kieferknochen schmerzten, schließlich hatte der Apparat ihren Mund die ganze Nacht über sperrangelweit offengehalten. Sie hatte Schmerzen beim Essen, und wenn sie sich doch einmal überwand, schmeckte alles nach altem schmutzigem Metall. Da auch das Sprechen wehtat, redete sie nur, wenn sie von Violet etwas gefragt wurde. Die wiederum setzte, sobald sie merkte, dass Rachel das Sprechen bewusst vermied, mitunter ein verächtliches Lächeln auf und nannte sie kleines Stummerchen.