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Ein weiteres Mal in der Gewalt einer so abgrundtief boshaften Person zu sein hatte sie völlig entmutigt, zudem verspürte sie eine nie gekannte Trauer über den Verlust von Chase. Sie schaffte es einfach nicht, die Erinnerung an seine brutale Verwundung aus ihren Gedanken zu verbannen, und grämte sich unendlich seinetwegen. Ihr Kummer, das Elend und das völlige Alleingelassensein erschienen ihr unerträglich. Wenn Violet nicht gerade Zeichenunterricht nahm oder irgendwelche Bediensteten herumkommandierte, sich mit Essen vollstopfte, Geschmeide anprobierte oder sich bei einer Kleideranprobe vergnügte, vertrieb sie sich die Zeit damit, Rachel zu quälen. Um ihre Erinnerung an den Feuerstab aufzufrischen, mit dem sie Violet einst bedroht hatte, packte sie Rachel manchmal am Handgelenk und legte ihr ein winziges weiß glühendes Kohlestück auf den Arm, aber was Violet ihr auch antat, am allerschlimmsten war ihre Trauer um Chase. Jetzt, da Chase nicht mehr war, spielte es fast schon keine Rolle mehr, was mit ihr geschah.

Violet hatte offenbar beschlossen, ihr den größten Teil der Schuld am Verlust ihrer Zunge zuzuschreiben, weshalb sie sie für all die Dinge, die Rachel ihr einst angetan hatte, »disziplinieren« müsse, wie sie es nannte. Sie hatte ihr erklärt, es werde wohl eine Weile dauern, bis Rachel es verdient habe, dass man ihr diese schwerwiegenden Vergehen sowie ihre Flucht aus dem Schloss verzieh. Violet betrachtete ihre Flucht als ungehörige Zurückweisung ihrer, wie sie es nannte, »Großzügigkeit« gegenüber einem nichtsnutzigen Waisenkind. Nicht selten ließ sie sich endlos und in aller Ausführlichkeit über all die Mühen aus, die sie selbst und ihre Mutter Rachel zuliebe auf sich geladen hätten, nur um hinterher mit ansehen zu müssen, dass sie sich als undankbares verlottertes Gör entpuppte.

Als Violet es nach einer Weile leid wurde, sie zu quälen, schloss Rachel daraus, dass ihre Hinrichtung unmittelbar bevorstand. Mehrfach schon hatte sie Violet die Tötung von »schwerer Verbrechen« beschuldigter Gefangenen anordnen hören. Es musste nur jemand in ausreichend großem Maß ihr Missfallen erregen oder in Sechs’ Augen eine Gefahr für die Krone darstellen, und schon ordnete Violet seine Hinrichtung an. Hatte die betreffende Person überdies den verhängnisvollen Fehler begangen, Violets Autorität und Herrschaft offen in Frage zu stellen, gab sie den Wächtern für gewöhnlich Anweisung, diese lange hinauszuzögern und überaus schmerzhaft zu gestalten. Manchmal ging sie sogar hin, um zuzuschauen und sich zu vergewissern, dass dies auch wirklich geschah.

Rachel erinnerte sich noch an die Zeit, als Königin Milena die Hinrichtungen anordnete und Violet mit dem Zuschauen begann. Rachel, die sie als ihre Spielgefährtin zwangsläufig begleiten musste, hatte vor diesem schauderhaften Anblick stets die Augen abwenden müssen. Violet dagegen nie.

Sechs hatte ein verzweigtes System eingerichtet, das es den Menschen ermöglichte, unerkannt die Namen von Personen zu melden, die sich despektierlich über die Königin äußerten, und Violet klargemacht, dass die Personen, die diese heimlichen Denunziationen abgaben, für ihre Ergebenheit belohnt werden müssten. Violet war mit Geldzuwendungen für die Namen von Verrätern nicht knauserig.

Seit jener Zeit, als Rachel schon einmal in ihrer Gewalt gewesen war, hatte Violet eine neue Vorliebe für das Bereiten von Schmerz entwickelt, da Schmerz, so Sechs’ diesbezüglicher Kommentar, ein ausgezeichneter Lehrmeister sei. Vor allem die Vorstellung, absolute Gewalt über das Leben anderer zu haben und Menschen auf ein bloßes Wort von ihr leiden lassen zu können, hatte es Violet angetan. Darüber hinaus hatte sie einen überspitzten Argwohn gegen absolut jeden entwickelt - mit Ausnahme von Sechs natürlich, die für sie zur einzigen wirklich verlässlichen Vertrauensperson geworden war. Gegenüber den meisten ihrer »treuen Untertanen«, die sie nicht selten als nichtswürdiges Geschmeiß bezeichnete, hegte Violet größtes Misstrauen. Rachel erinnerte sich noch gut, dass Violet früher auch sie oft so genannt hatte.

Trotz der von allgemeiner Verunsicherung und wohlbegründeter Angst vor Königin Milena geprägten Atmosphäre war damals, als Rachel zum ersten Mal im Schloss gelebt hatte, gelegentlich noch gescherzt und gelacht worden.

Jetzt dagegen verfielen alle, wann immer Königin Violet oder Sechs in der Nähe waren, in ängstlich zitterndes Schweigen. Niemandem aus dem Reinigungspersonal, keiner der Wäscherinnen oder Näherinnen, keinem der Köche oder Soldaten kam jemals ein Lächeln oder gar ein Lachen über die Lippen. Alle schienen in beständiger Angst zu leben, während sie beflissen ihrer Arbeit nachgingen. Stets war die Atmosphäre im Schloss von der Angst erfüllt, dass jeder jederzeit auf jeden mit dem Finger zeigen konnte. Alle gaben sich allergrößte Mühe, offen ihren Respekt für die Königin zu zeigen, vor allem in Gegenwart ihrer grimmigen Beraterin. Die Menschen schienen Sechs ebenso zu fürchten wie Violet. Lächelte Sechs das ihr eigene, seltsam leere, schlangengleiche Lächeln, trat den Menschen der Schweiß auf die Stirn, und sie erstarrten auf der Stelle mit entsetzt geweiteten Augen, nur um erleichtert aufzuatmen, sobald sie wieder außer Sicht geschwebt war.

»Genau hier«, sagte Sechs.

»Genau hier was«, fragte Violet, während sie an einer Brotstange herumnagte.

Rachel ermahnte sich, künftig besser Acht zu geben und machte es sich wieder auf dem Felsen bequem, auf dem sie gesessen hatte. Die Ohrfeige hatte sie sich selbst zuzuschreiben, immerhin hatte sie aus Langeweile nicht richtig aufgepasst.

Nein, das ist nicht wahr, schalt sie sich selbst. Chase hatte ihr ins Gewissen geredet, niemals für einen anderen die Schuld zu übernehmen.

Chase. Sie brauchte nur an ihn zu denken, und schon sank ihr das Herz. Wenn sie vor lauter Trauer nicht zu weinen anfangen wollte, musste sie sich mit etwas anderem befassen. Violet ließ ihr praktisch nichts durchgehen, was sie nicht ausdrücklich vorab erlaubt hatte, und das galt auch fürs Weinen.

»Genau hier«, wiederholte Sechs im Tonfall überstrapazierter Geduld. Als Violet sie daraufhin nur anstarrte, ließ Sechs ihren langen Finger über die von der Fackel beschienene Felswand wandern. »Was fehlt?«

Unabhängig von dem folgenden Frage- und Antwortspiel staunte Rachel immer wieder, wie gut Violet in Wahrheit zeichnen konnte. Sämtliche Höhlenwände, vom Eingang bis hinten durch zu der Stelle, an der sie jetzt arbeiteten, waren mit Zeichnungen bedeckt, die auf jeder verfügbaren freien Fläche angebracht waren. An manchen Stellen wirkten sie wie in kleine, zwischen älteren Zeichnungen übrig gebliebene Freiflächen gezwängt. Einige Zeichnungen waren von außerordentlicher Qualität und in der Ausführung so detailliert, dass sie sogar Schattierungen aufwiesen. Die meisten waren jedoch einfache Strichzeichnungen von Gerippen, Feldfrüchten, Schlangen oder anderen Tieren. Es gab Darstellungen von Personen, die aus Bechern mit Totenschädeln und gekreuzten Knochen darauf tranken. An anderer Stelle sah man eine Frau, die ganz aus dünnen Zweigen zu bestehen schien, aus einem brennenden Haus stürzen; auch die Frau war über und über von Flammen umhüllt. Dann wieder sah man einen Mann ganz in der Nähe eines sinkenden Bootes auf dem Wasser treiben. In einer anderen Szene hatte sich eine Schlange in den Knöchel eines Mannes verbissen. Auch Bilder von Särgen und Gräbern jeglicher Art waren überall an den Wänden zu erkennen. Aber eins war allen Bildern gemeinsam: