Richard nickte. »Ich fürchte ja. Um es gleich auf den Punkt zu bringen, General, ich habe unseren Truppen Befehl gegeben, Kaiser Jagangs Armee nicht in eine Feldschlacht zu verwickeln, da sie aufgrund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit vollkommen chancenlos wären. Es würde nur ein sinnloses Gemetzel geben, und am Ende hätte Jagang die Neue Welt trotzdem für sich allein.«
General Trimack kratzte sich an einer Narbe, die auf der geröteten Haut seines Unterkiefers weiß hervorstach. »Welche andere Möglichkeit haben wir, Lord Rahl, als uns dem Feind in einer Schlacht zu stellen?«
Seine ruhig vorgetragenen, schlichten Worte klangen ein wenig nach einem Ratschlag, nach aus Erfahrung geborener Vorsicht sowie einer Hoffnung, die jeden Moment in Verzweiflung umzuschlagen drohte. Einen Augenblick lang lauschte Richard auf das kathedralenähnliche Rascheln der Schritte der sich unablässig über den Steinfußboden der Hallen schiebenden Menge.
»Ich habe unserer Streitmacht Befehl gegeben, sich augenblicklich in Marsch zu setzen und die Alte Welt mit einer Welle der Vernichtung zu überziehen.« Er richtete seinen funkelnden Blick wieder auf den General. »Diese Leute wollen Krieg; und ich bin fest entschlossen, ihnen diesen Wunsch in den Rachen zu stopfen und zuzusehen, wie sie daran ersticken.«
Die verblüffende Neuigkeit bewirkte, dass einigen der Soldaten der Unterkiefer herunterklappte. Generalkommandant Trimack starrte ihn verdutzt einen Augenblick lang an, ehe er mit einem Finger über die Narbe strich und ein verschmitzter Zug seiner anfänglichen Überraschung zum Trotz anzeigte, dass er Gefallen an der Vorstellung zu finden begann.
»Schätze, damit fällt es der Ersten Rotte zu, die Bastarde aus dem Palast fernzuhalten.«
Richard bemerkte die Entschlossenheit im Blick des Mannes. »Was meint Ihr, werdet Ihr das schaffen?«
Ein schiefes Grinsen verzog die Mundwinkel des Generals. »Meine bescheidenen Fähigkeiten bedeuten schwerlich die oberste Grenze der Sicherheit hier im Palast. Eure Vorfahren haben dieses Bauwerk erklärtermaßen auf diese Art errichtet, um zu verhindern, dass es eingenommen werden kann.« Er erfasste die hoch aufragenden Säulen, Mauern und Galerien rings um sie her mit einer Handbewegung. »Von den natürlichen Befestigungen einmal abgesehen, ist dieses Bauwerk mit Kräften versehen, die jeden mit der Gabe gesegneten Feind seiner Kräfte berauben.«
Richard wusste, dass der Palast in Form eines Bannes errichtet worden war, der die Kräfte eines jeden sich darin aufhaltenden Rahl verstärkte, während er die jeder anderen mit der Gabe gesegneten Person minderte. Das Gebäude selbst war in Gestalt eines Emblems angelegt worden, dessen Form und generelle Bedeutung Richard im Großen und Ganzen bekannt waren. Das Leitmotiv der Stärke, das dem gesamten Bauplan innewohnte, war für ihn deutlich zu erkennen.
Leider schwächte dieser Bann auch die mit der Gabe Gesegneten auf seiner Seite, wie zum Beispiel Verna, auf deren Hilfe er bei der Sicherung des Palasts jedoch dringend angewiesen war - was ihnen durch besagte Schwächung, die auch die Schwestern in ihrer Begleitung betraf, erheblich erschwert wurde. Allerdings würden die Angreifer mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben, was vermutlich eine Art Ausgleich schuf.
»Ich werde außer den Verstärkungen auch einige Schwestern mit ihrer Prälatin Verna hierherbeordern.«
General Trimack nickte. »Ich kenne die Frau. Wenn sie gut aufgelegt ist, kann sie recht halsstarrig sein, und wenn nicht, unerträglich. Ich schätze mich glücklich, sie auf unserer Seite zu wissen, Lord Rahl, und nicht auf der unserer Gegner.«
Richard musste lächeln. Der General kannte Verna offenbar tatsächlich.
»Ich komme zurück, sobald ich kann, General. In der Zwischenzeit zähle ich bei der Sicherung des Palasts ganz auf Euch.«
»Man wird die großen Innentore versiegeln müssen.«
»Tut, was immer Ihr für erforderlich haltet, General.«
»Die großen Tore sind mit den gleichen Kräften versehen wie der übrige Palast, sie sind also keine Schwachstelle, an der sich ein Angriff anbietet. Das einzige Problem beim Verschließen der Tore ist, dass dadurch auch dem Handel ein Riegel vorgeschoben wird, der das Herzblut des Palasts bildet... zumindest in Friedenszeiten.«
Richard betrachtete die Menschenmengen, die sich durch die Passage und oben über die Galerien schoben. »Angesichts dessen, was uns bevorsteht, wird im Palast ohnehin kein Handel möglich sein. Die Azrith-Ebene wird unpassierbar sein - wie übrigens die ganze Neue Welt. Es wird überall zu Störungen des Handels kommen. Macht Euch auf eine lange Belagerung gefasst.«
Der General zuckte die Achseln. »Das haben feindliche Armeen auch in früheren Zeiten schon versucht und sich dort draußen in der Hoffnung festgesetzt, uns aushungern zu können. Aber das ist nicht möglich. Draußen in der Azrith-Ebene werden sie zuerst verhungern. Werdet Ihr wieder zurückkommen, um uns bei der Verteidigung des Palasts zur Seite zu stehen?«
Richard wischte sich mit der Hand über den Mund. »Ich weiß noch nicht, wann es mir möglich sein wird zurückzukehren, aber wenn ich kann, werde ich es tun, versprochen. Jetzt muss ich mich erst einmal mit dieser neuen Situation befassen.
Wir werden versuchen, den Orden zu vernichten, indem wir ihm das Herz herausschneiden, anstatt ihn dort zu bekämpfen, wo er am stärksten ist.«
»Und wenn er den Palast in der Zwischenzeit belagert und Ihr umkehren müsst? Wie wollt Ihr wieder in den Palast hineingelangen?«
»Nun, da ich keinen Drachen habe, werde ich wohl kaum einfliegen können.« Als der General ihn darauf nur ausdruckslos anstarrte, fuhr er nach einem Räuspern fort: »Wenn es sein muss, kann ich auf dieselbe Art hineingelangen wie heute, mithilfe von Magie -durch die Sliph.«
Der General machte nicht den Anschein, als hätte er verstanden, nahm Richards Äußerung aber ohne weitere Fragen hin.
»Ich befinde mich gerade auf dem Weg dorthin, General. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr mich begleiten und sie Euch mit eigenen Augen ansehen.«
Er schien über die Aufforderung, Richard zu begleiten, irgendwie erleichtert, wenigstens konnte er so wieder der Erfüllung seiner Aufgabe, den Lord Rahl zu beschützen, nachgehen. Richard nahm Berdines Arm und führte sie den Korridor entlang, während die Soldaten ausschwärmten und einen schützenden Ring um sie bildeten.
Da Berdine um einiges kleiner war als Richard, musste er sich ein wenig zu ihr hinabbeugen, um sich verständlich zu machen, ohne die Stimme zu heben. »Es gibt ein paar Dinge, die ich wissen muss. Habt Ihr inzwischen an der Übersetzung von Kolos Tagebuch weitergearbeitet?«
Sie griente wie ein junges Mädchen, das jede Menge Tratsch zu berichten weiß. »Das will ich meinen. Allerdings hat Kolo ein paar Dinge niedergeschrieben, die mich zwangen, meine Nachforschungen auch noch auf andere Schriften auszuweiten - um besser verstehen zu können, wie alles zueinander passt.« Sie beugte sich näher. »Damals haben sich Dinge zugetragen, die uns zuvor, als wir gemeinsam daran gearbeitet haben, noch gar nicht bewusst waren. Wir haben damals kaum die Oberfläche angekratzt.«
Richard nahm nicht an, dass sie auch nur halbwegs im Bilde war.
»Haben diese Dinge vielleicht etwas mit dem Obersten Zauberer Baraccus zu tun?«
Unvermittelt blieb Berdine stehen und starrte ihn an. »Woher wisst Ihr das?«
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Richard langte nach hinten, fasste Berdine beim Arm und zog sie hinter sich her. »Das erkläre ich Euch später, wenn ich mehr Zeit habe. Was hat Kolo denn nun in seinem Tagebuch über Baraccus geschrieben?«
»Also, Kolos Aufzeichnungen geben nur einen Teil der Geschichte wieder. Er macht lediglich ein paar Andeutungen über die Geschehnisse damals, also habe ich, sozusagen um die Lücken zu füllen, damit angefangen, die Bücher in Euren verbotenen Privatbibliotheken zu studieren.«
Es erfüllte ihn immer wieder mit Erstaunen, dass er als Lord Rahl auf einmal Zutritt zu solchen verbotenen Bibliotheken hatte. Nicht einmal ansatzweise vermochte er sich den Wissensreichtum vorzustellen, der in all diesen alten Schriften enthalten war.