Er seufzte. Es war einfach noch keine Zeit dafür gewesen. So sehr er sich wünschte, ihr alles zu berichten, wollte er ihr erst dann die ganze Geschichte erzählen, wenn er sie mitsamt den Fragen, die er dazu hatte, mit ihr besprechen konnte, daher beschloss er, die meisten Einzelheiten erst einmal fortzulassen und sich auf das Notwendigste zu beschränken.
»Lothain war ein Spion im Auftrag der Streitmächte aus der Alten Welt. Möglicherweise ahnte er bereits, dass sie nicht imstande waren, den Krieg zu gewinnen, möglich auch, dass er einfach eine zusätzliche Vorsichtsmaßnahme treffen wollte. Wie auch immer, als er den Tempel der Winde aufsuchte, legte er den Grundstein dafür, dass ihre Sache irgendwann wieder hochkommen würde. Zumindest tat er etwas, um dafür zu sorgen, dass wieder ein Traumwandler in die Welt hineingeboren würde.
Baraccus, außerstande, die Sabotage rückgängig zu machen, tat das Zweitbeste. Er sorgte dafür, dass ein Gegenmittel in die Welt hineingeboren würde: meine Wenigkeit.«
Nicci, sprachlos, konnte ihn nur anstarren.
Richard wandte sich wieder an Berdine. »Aber was hat die Geschichte über Baraccus nun mit diesen zentralen Lagerstätten zu tun?«
Berdine blickte abermals hinter sich, um zu sehen, wie nahe die Soldaten waren. »In seinem Tagebuch schreibt Kolo, in einer Gruppe einflussreicher Leute sei das Gerücht umgegangen, Baraccus sei möglicherweise ein Verräter gewesen, der, wenn dies zutreffe, bei seinem Aufenthalt im Tempel etwas überaus Unheilvolles getan haben könnte.«
Ungläubig schüttelte Richard den Kopf. »Wessen haben diese Leute ihn denn verdächtigt?«
Berdine zuckte die Achseln. »Das habe ich noch nicht herausfinden können. Das alles ist sehr geheim. Damals gingen alle sehr vorsichtig damit um. Niemand wollte sich eine Blöße geben und irgendwelche Behauptungen aufstellen oder Baraccus des Verrats bezichtigen, um nicht die falschen Leute zu verärgern. Immerhin wurde er noch immer von vielen verehrt, auch von Kolo.
Es könnte sogar sein, dass man ihm gar nichts Konkretes vorwarf, sondern ihn nur verdächtigte, etwas getan zu haben. Vergesst nicht, dass bis zu dem Tag, als Ihr dort wart, seit Baraccus kein Mensch jemals wieder den Tempel der Winde hatte aufsuchen können. Offenbar fürchteten sie sich auch vor dieser Frau, Magda Searus. Ihr wisst schon, die später zur Konfessorin gemacht wurde.«
»Ja, ich erinnere mich«, sagte Richard. »Trotzdem scheint es merkwürdig, dass etwas, das angeblich ein derart zerstörerisches Potenzial besaß, in der Öffentlichkeit nicht bekannter war.«
»Nein«, sagte Berdine im Flüsterton, fast als befürchtete sie, die Geister aus der Vergangenheit könnten sie hören. »Das ist es ja gerade. Man befürchtete, es könnte, falls das Volk ihren Verdacht bemerkte, zu einer Panik oder Ähnlichem kommen - dazu, dass die Menschen sich aufgaben. Vergesst nicht, der Krieg war noch immer im Gange, und es war noch immer fraglich, ob sie überhaupt überleben oder gar triumphieren würden. Es herrschte eine allgemeine Sorge um die Moral des Volkes, während man den Kampf fortsetzte und gleichzeitig nach einem Weg suchte, den Krieg siegreich zu beenden. Und ausgerechnet in dieser Situation sorgte sich dieser kleine Kreis hochrangiger Persönlichkeiten, Baraccus könnte etwas überaus Unheilvolles im Tempel der Winde getan haben, das im Grunde niemals hätte geschehen dürfen.«
In einer hilflosen Geste warf Richard die Hände in die Luft. »Aber was?«
Berdines Gesicht verzog sich zu einem erbitterten Ausdruck. »Ich weiß es wirklich nicht. Kolo macht darüber nur Andeutungen. Er glaubte an Baraccus. Außerdem war er verärgert, weil diese Leute taten, was immer sie taten, er jedoch nicht in der Lage war, mit ihnen darüber zu sprechen. Er gehörte nicht zu denen, die an den Hebeln der Macht saßen, er war ja nicht einmal ein hochrangiger Zauberer. Es gibt jedoch eine Passage, eine Erwähnung in seinem Tagebuch, bei der ich beim Lesen eine Gänsehaut bekam. Ob es dabei um den Disput um Baraccus ging oder nicht, kann ich nicht sagen - ich meine, ich könnte nicht den Finger auf eine spezielle Stelle legen, um diese Verbindung herzustellen, jedenfalls nicht, um ...«
»Was stand denn nun in dieser Passage?«
Neben Richard beugten sich jetzt auch Nicci und Cara ein Stück weiter vor.
Berdine seufzte schwer. »Na ja, er ließ sich in seinem Tagebuch über das schlechte Wetter aus und wie leid die Menschen den ewigen Regen seien, und dann machte er ganz beiläufig eine Bemerkung, er sei völlig außer sich, weil er aus seinen Quellen erfahren habe, man habe fünf Kopien ›jenes Buches angefertigt, das niemals hätte kopiert werden sollen‹.«
Richard horchte auf - und bekam eine Gänsehaut.
»Nicht lange danach«, fuhr Berdine fort, »kam er in seinem Eintrag erneut auf besagte zentrale Lagerstätten zu sprechen.«
»Demnach glaubt Ihr ... was? Dass diese Leute die Kopien, die sie niemals hätten anfertigen dürfen, an diesen zentralen Lagerstätten versteckt haben?«
Ein Lächeln auf den Lippen, tippte Berdine sich mit dem Finger an die Schläfe. »Endlich fangt Ihr an, dieselben Fragen zu stellen, die ich mir auch schon die ganze Zeit stelle.«
»Und er erwähnt nirgendwo, welches Buch diese Leute kopiert haben?«, fragte Nicci. »Nicht einmal andeutungsweise?«
Berdine schüttelte den Kopf. »Genau das ist der Punkt, bei dem ich eine Gänsehaut bekam. Dort stand mehr, als aus seinen bloßen Worten hervorging.«
»Was soll das nun wieder heißen?«, fragte Nicci ungehalten.
»Ihr wisst doch, wenn man ewig an der Übersetzung von jemandes Schriften arbeitet, ist man irgendwann in der Lage, seine Stimmung einzuschätzen, zu erkennen, was der Betreffende meint, wie sein Gedankengang verläuft, auch wenn er es nicht ausdrücklich niedergeschrieben hat. Nun« - sie zog ihren braunen Zopf über ihre Schulter und wickelte dessen Ende um ihren Finger -, »anhand seiner Formulierung konnte ich erkennen, dass er sich sogar davor fürchtete, den Namen eines Buches niederzuschreiben, das so geheim und bedeutend war, dass es niemals kopiert werden durfte. Schon mit der Erwähnung in seinem Tagebuch hatte er sich offenbar auf sehr dünnes Eis gewagt.«
Richard fand, dass sie zweifellos ein gutes Argument vorbrachte. Berdine blieb vor einer hohen, schwarz gestrichenen Eisentür stehen.
»Dies ist die Stelle, wo ich die Bücher fand, in denen davon die Rede ist, diese zentralen Lagerstätten befänden sich bei den Gebeinen was immer damit gemeint sein mag.«
»Die Bibliothek, die ich gefunden habe, befand sich in unterirdischen Katakomben«, sagte Richard.
Berdine runzelte die Stirn und dachte nach. »Das könnte einiges erklären.«
»Nathan erzählte mir«, sagte Nicci mit gesenkter Stimme, während ihr Blick zwischen Richard und Berdine hin und her wanderte,
»seiner Meinung nach müsse es unter dem Palast der Propheten Katakomben gegeben haben, und der Palast selbst sei nur errichtet worden, um das zu verbergen, was unter ihm begraben liegt.«
Die Soldaten blieben zögernd stehen und sammelten sich ein kurzes Stück weiter hinten im Flur in einer kleinen Traube. Richard fiel auf, dass Berdine sie keinen Moment aus den Augen ließ.
»Warum wartet Ihr mit Euren Leuten nicht hier draußen?«, rief sie nach hinten zu General Trimack. »Ich muss kurz in diese Bibliothek und Lord Rahl einige Schriften zeigen. Ich denke, vielleicht solltet Ihr den Korridor bewachen und aufpassen, dass niemand heimlich hier herumschleicht.«
Der General nickte und ging daran, seinen Männern Befehl zu geben, auf der gesamten Länge des Flures Posten aufzustellen. Unterdessen zog Berdine einen Schlüssel aus dem oberen Teil ihres Anzugs.
»Dort drinnen habe ich ein Buch gefunden, das mir Albträume bereitet.«
Sie sah sich um zu Richard, dann schloss sie die Tür auf. Nicci brachte ihren Mund ganz dicht an Richards Ohr. »Der Raum ist mit Schilden gesichert«, sagte sie mit vor Misstrauen angespannter Stimme.
»Aber sie ist nicht mit der Gabe gesegnet«, erwiderte Richard leise.