»Sie kann die Schilde nicht passieren. Wenn er tatsächlich mit Schilden gesichert ist, wie will sie dann hineingelangen?«
Kaum hatte sie den Schlüssel wieder aus dem Schloss gezogen, fuchtelte Berdine, die sie hatte miteinander tuscheln hören, damit hin und her. »Na, mit dem Schlüssel. Ich wusste, wo Darken Rahl ihn aufbewahrte.«
Erstaunt wandte sich Nicci um zu Richard. »Soeben hat der Schlüssel die Schilde außer Kraft gesetzt. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen.«
»Offenbar hat man es so eingerichtet, um vertrauenswürdigen Gehilfen oder Gelehrten, die nicht mit der Gabe gesegnet sind, den Zutritt zu ermöglichen«, vermutete Richard. Er wandte sich wieder zu Berdine herum, die sich bereits an dem schweren Riegel der Tür zu schaffen machte.
»Übrigens, habt Ihr sonst noch etwas über diesen Baraccus in Erfahrung bringen können?«
»Nicht viel«, sagte sie mit einem Blick über die Schulter. »Außer dass Magda Searus, die Frau, die erste Konfessorin wurde, einst mit ihm verheiratet war.«
Richard konnte sie nur anstarren. »Woher weiß sie diese Dinge nur?«, murmelte er bei sich.
»Was denn?«, fragte Berdine.
»Ach, nichts«, sagte er und machte eine wegwerfende Handbewegung, ehe er zur Tür wies. »Und was habt Ihr da drinnen nun gefunden?«
»Etwas, das mit den Äußerungen Kolos in Zusammenhang steht.«
»Also mit seinen Bemerkungen über dieses Buch, das nicht kopiert werden durfte.«
Berdine bedachte Richard nur mit einem schlauen Lächeln, wobei sie den Schlüssel in einer Tasche im Oberteil ihres Anzugs verschwinden ließ, dann drückte sie die schwere schwarze Tür auf.
29
Drinnen beleuchteten drei große, fast die gesamte hintere Wand einnehmende Fenster den Raum mit trübem, spätnachmittäglichem Licht. Regen prasselte gegen das Glas und lief in verschlungenen Rinnsalen daran herab. Die Wände des kleinen Raumes waren mit Bücherregalen aus Färbereiche verkleidet, und nur genau in der Mitte des Raumes gab es genügend Platz für einen schlichten Eichentisch, der wiederum gerade groß genug war für die vier Holzstühle, einen an jeder Seite. Mitten auf dem Tisch stand eine ungewöhnliche vierstrahlige Lampe, die jedem der leeren Plätze aus einem silbernen Reflektor sein eigenes Licht spendete. Mit einem Schwenk ihres Armes schickte Nicci einen Funken ihrer Gabe in die vier Dochte. Die Flammen loderten auf und verliehen dem Raum eine warme, gemütliche Atmosphäre. Richard fiel auf, dass ihr das Entzünden der Lampen keine Mühe zu bereiten schien, obwohl der Palast die Kräfte aller außer denen der Rahls schwächte. Berdine trat an eines der Regale rechts neben der Tür. »Ganz in der Nähe jener Textstelle in Kolos Tagebuch, wo von dem Buch die Rede ist, das unter keinen Umständen kopiert werden darf, gibt es einen Hinweis, der möglicherweise so zu deuten ist, dass die Männer, die Baraccus misstrauten, dieselben waren, die auch die Kopien angefertigt hatten. Zumindest denke ich, dass er das gemeint haben könnte, sicher bin ich mir aber nicht. Er bezeichnet sie als die ›Dummköpfe aus Yanklees abenteuerliche Erzählungen.«
Nicci wirbelte herum zu Berdine. »Yanklees abenteuerliche Erzählungen!«
Richard blickte von einer Frau zur anderen und fragte: »Was, bitte, sind Yanklees abenteuerliche Erzählungen?«
»Ein Buch«, antwortete Berdine.
Richard sah Nicci fragend an, woraufhin diese sich ereiferte. »Es ist mehr als bloß ein Buch, Richard. Yanklees abenteuerliche Erzählungen ist ein Buch der Prophezeiungen, ein sehr, sehr merkwürdiges Buch der Prophezeiungen übrigens. Seine Entstehung wird auf sieben Jahrhunderte vor dem Großen Krieg datiert. In den Gewölbekellern des Palastes der Propheten existierte eine Abschrift, eine Merkwürdigkeit, mit der sich jede Schwester im Zuge ihrer Ausbildung über Prophezeiungen beschäftigt hat.«
Richard ließ den Blick über die in den Regalen aufgereihten Bücher wandern. »Und was war daran so merkwürdig?«
»Es ist ein Buch der Prophezeiungen, das aus nichts als Tratsch und Hörensagen besteht.«
Richard wandte sich wieder zu ihr herum. »Ich verstehe nicht.«
»Na ja«, sagte Nicci und zögerte kurz, um die richtigen Worte zu finden, »man betrachtete seinen Inhalt nicht gerade als Prophezeiung künftiger Ereignisse. Vielmehr war man der Meinung, es enthalte sozusagen Prophezeiungen über künftigen ... Tratsch.«
Seufzend rieb Richard seine müden Augen, ehe er wieder zu Nicci aufsah. »Wollt Ihr damit etwa sagen, dieser Yanklee hat Weissagungen über Klatsch zu Papier gebracht?« Als Nicci darauf nickte, konnte er nur noch fragen: »Aber warum?«
Nicci beugte sich ein wenig näher. »Genau das ist die Frage, auf die alle eine Antwort wissen wollten.«
Richard schüttelte den Kopf, so als versuchte er, sich von den gedanklichen Spinnweben zu befreien.
»Es gibt viele Dinge, die geheim sind, musst du wissen« - Nicci wies auf Berdine -, »und das gilt auch für diese Geschichte mit dem Buch, das angeblich niemals kopiert werden durfte. Solche Geheimnisse bleiben oft deswegen geheim, weil die Menschen sie mit ins Grab nehmen. Aus diesem Grund ist es uns beim Studium historischer Aufzeichnungen oft unmöglich, bestimmte Rätsel zu lösen -über sie sind einfach keine Informationen erhältlich.
Manchmal jedoch kursieren winzige pikante Details, Dinge, die irgendwelche Leute zufällig gesehen oder aufgeschnappt haben, und diese Menschen fangen dann an, über diese Dinge zu tratschen. Im Palast der Propheten gab es Schwestern, die fest davon überzeugt waren, dieses prophetische Buch über Tratsch enthalte Anspielungen darauf, als was sich diese künftigen Geheimnisse entpuppen würden.«
Richard machte ein erstauntes Gesicht. »Soll das heißen, diese Schwestern haben im Prinzip irgendwelches Gerede belauscht, mit dem Ziel, vielleicht irgendetwas aufzuschnappen?«
Nicci nickte. »So in etwa. Du musst wissen, dass einige wenige Schwestern dieses schlichte Bändchen für eine der bedeutsamsten prophetischen Schriften hielten, die überhaupt existieren. Es wurde unter strengen Sicherheitsvorkehrungen aufbewahrt und durfte, anders als manch anderes prophetische Buch, niemals, nicht einmal zu Studienzwecken, aus den Gewölbekellern entfernt werden. Es gab Schwestern, die dem Studium dieses scheinbar so albernen Buches einen Großteil ihrer Freizeit gewidmet haben. Da die Menschen sich normalerweise nicht die Mühe machen, Tratsch aufzuzeichnen, nimmt man an, dass Yanklees abenteuerliche Erzählungen das einzige Buch seiner Art ist - die einzige schriftlich festgehaltene Schilderung von Klatsch, auch wenn dieser noch gar nicht stattgefunden hat. Diese Schwestern glaubten, es gebe Ereignisse, die anders als mithilfe dieses Buches, das zeitlich ja vor ihnen liegt, weder aufgedeckt noch untersucht werden können. Im Wesentlichen waren sie im Glauben, heimlich hinter vorgehaltener Hand verbreiteten Tratsch über Dinge, über geheime Dinge, zu belauschen, die sich erst noch ereignen würden. Sie glaubten,
Yanklees abenteuerliche Erzählungen enthalte wertvolle Hinweise auf Geheimnisse, die niemandem sonst bekannt waren und an die man auf andere Art nicht herankommen konnte.«
Richard presste seine Fingerspitzen an die Stirn und versuchte das alles zu begreifen. »Eben sagtet Ihr, es habe Schwestern gegeben, die sich ganz dem Studium dieses Buches gewidmet hätten. Wisst Ihr vielleicht auch, wer diese Schwestern waren?«
Nicci nickte langsam. »Nun, Schwester Ulicia zum Beispiel.«
»Na großartig«, murmelte Richard.
Berdine öffnete die Glastür eines der Bücherschränke, zog einen Band aus dem Regal und wandte sich wieder um, um Richard und Nicci den Einband zu zeigen.
Der Titel lautete Yanklees abenteuerliche Geschichten.
»Als ich beim Lesen in Kolos Tagebuch auf die Formulierung ›Dummköpfe aus Yanklees abenteuerlichen Geschicktem stieß, klang das so merkwürdig, dass ich es mir fast zwangsläufig einprägen musste. Wisst Ihr, was ich meine? Dann, eines Tages, ich befand mich gerade in diesem Zimmer und war mit Nachforschungen beschäftigt, sprang mir der Titel ins Auge. Mir war gar nicht klar, dass es, wie Ihr sagtet, ein Buch der Prophezeiungen war, Nicci.«