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Nicci zog die Schultern hoch. »Manche Bücher der Prophezeiungen sind nicht gleich als solche zu erkennen - erst recht nicht von jemandem, der nicht in diesen Dingen ausgebildet ist. Dem äußeren Schein nach können wichtige Schriften manchmal einfach nur langweilige Aufzeichnungen oder wie im Fall von › Yanklees abenteuerliche Geschicktem nichts weiter als banaler Unsinn sein.«

Berdine wies zu den Bücherschränken, die die Wände des kleinen Raumes säumten. »Außer, dass sich in diesem Raum schwerlich irgendwelche Banalitäten befinden würden.«

»Gutes Argument«, warf Richard ein.

Berdine lächelte, zufrieden, dass er die Nützlichkeit ihrer Argumentation erkannt hatte. Sie legte das Buch auf den Tisch, der den Mittelpunkt der winzigen Bibliothek einnahm, klappte behutsam den Einband auf und blätterte in den spröden Seiten, bis sie die gewünschte Stelle gefunden hatte. Nacheinander sah sie zu beiden hoch.

»Da Kolo dieses Buch erwähnt hatte, dachte ich, dass ich es lesen sollte. Es war wirklich langweilig, fast wäre ich darüber eingeschlafen. Es schien überhaupt nichts von Bedeutung zu enthalten, bis ich auf das hier stieß.« Sie tippte mit dem Finger auf eine Seite. »Ich war sofort hellwach.«

Richard verdrehte den Kopf, um die Worte über ihrem Finger lesen zu können. Es kostete ihn einige Augenblicke angestrengten Nachdenkens, bis sich ihm die Bedeutung der auf Hoch-D’Haran verfassten Textstelle erschloss. Sich an der Schläfe kratzend, übersetzte er laut.

»›Das Kopieren des Schlüssels, der nie kopiert werden durfte, wird die sich stets einmischenden Dummköpfe mit solcher Nervosität erfüllen, dass sie vor Angst über ihr Tun erzittern werden und den Schatten des Schlüssels zwischen die Gebeine fallen lassen, auf dass nie offenbar werde, dass nur ein einziger Schlüssel jemals korrekt geschnitten wurde.‹«

Richard sträubten sich die Nackenhaare.

Cara verschränkte die Arme vor der Brust. »Mit anderen Worten:

Eurer Meinung nach bekamen sie es, als sie endlich zur Tat schritten und die Kopien anfertigten, mit der Angst und fertigten alle Kopien bis auf eine als billige Fälschungen an?«

Richard war in Gedanken noch immer bei der Formulierung »den Schatten des Schlüssels zwischen die Gebeine fallen lassen ...«. Er sah hoch zu Berdine. »Sie an den zentralen Lagerstätten verstecken. Sie bei den Gebeinen begraben.«

Ein Lächeln spielte über Berdines Lippen. »Es tut so gut, dass Ihr wieder hier seid, Lord Rahl. Ihr und ich, wir sind uns im Denken so ähnlich. Ich habe Euch sehr vermisst. Ich bin auf so viele solcher Dinge gestoßen, die ich mit Euch durchgehen möchte.«

Richard legte ihr behutsam einen Arm um die Schultern, zum Zeichen, dass er ganz ähnlich empfand, auch ohne es ausdrücklich zu sagen.

Berdine blätterte im Buch ein paar Seiten weiter und machte schließlich an einer Stelle Halt, auf der kein Text zu sehen war. »So wie hier, an dieser Stelle, scheinen in einer Reihe von Schriften ganze Textpassagen zu fehlen.«

»Prophezeiungen«, sagte Nicci. »Das ist Teil des Feuerkettenbanns, den die Schwestern der Finsternis bei Richards Gemahlin angewendet haben. Der Bann hat auch die Prophezeiungen gelöscht, die in Zusammenhang mit ihrer Existenz stehen.«

Berdine ließ sich Niccis Bemerkung durch den Kopf gehen. »Das wird alles sicherlich noch erschweren, denn dadurch werden uns eine Menge brauchbarer Hinweise vorenthalten, die von Nutzen sein könnten. Verna meinte auch, dass in den Büchern der Prophezeiung Textpassagen fehlen, wusste aber nicht, warum.«

Nicci ließ den Blick über die Bücherschränke wandern. »Zeigt mir alle Bücher, von denen Ihr sicher wisst, dass darin Teile des Textes fehlen.«

Niccis plötzliches Misstrauen verwunderte Richard.

Berdine öffnete mehrere der Glastüren und zog einige Bände hervor, die sie Nicci einen nach dem anderen reichte. Die überflog kurz die Titel und legte sie dann beiseite, auf den Tisch. »Prophezeiungen«, betonte sie noch einmal, während sie das letzte, das Berdine ihr eben erst gereicht hatte, auf den Stapel warf.

»Worauf wollt Ihr hinaus?«, fragte Richard.

Statt ihm zu antworten, sah sie zu Berdine. »Gibt es noch mehr Schriften, in denen Text fehlt?«

Berdine nickte. »Ja, eine.«

Nach einem kurzen Blick zu Richard schob sie eine Bücherreihe aus dem Weg und zog ganz hinten in einem Schrank ein Paneel zur Seite. Das kleine fehlende Wandstück dahinter gab den Blick auf eine vergoldete Mauernische mit einem kleinen Buch darin frei, das auf einem grünen Samtkissen mit Goldrand ruhte. Der Ledereinband schien einmal rot gewesen zu sein, war jetzt aber so verblichen und abgegriffen, dass die wenigen verblassten Farbstellen seine einstige Pracht nur anzudeuten vermochten. Es war ein zierliches, wunderschönes Buch, das teils wegen seiner geringen Ausmaße, teils wegen der kunstvoll verzierten Lederarbeit bestach.

»Ich habe Lord Rahl - damit meine ich Darken Rahl - früher beim Übersetzen von Büchern auf Hoch-D’Haran geholfen«, erläuterte Berdine. »Dies war einer der Räume, in denen er seine privaten Schriften studierte - daher wusste ich auch, wo der Schlüssel zu finden war und dass dieses kleine Geheimfach hinter dem Bücherschrank existierte. Ich dachte wirklich, es könnte vielleicht von Nutzen sein.«

»Und, war es das?«, fragte Richard.

»Das dachte ich, aber jetzt fürchte ich, dass dem nicht so ist. Auch hier fehlt Text. Nur dass in diesem Buch nicht, wie in den anderen Büchern hier, da und dort bestimmte Passagen oder ganze Abschnitte fehlen, vielmehr steht in diesem Buch kein einziges Wort mehr. Es besteht nur noch aus leeren Seiten.«

Nicci war noch argwöhnischer geworden. »Lasst mal sehen.«

Berdine reichte ihr das kleine Bändchen. »Ich sage es Euch, es ist vollkommen leer. Überzeugt Euch selbst. Es ist vollkommen unbrauchbar.«

Nicci klappte den uralten, abgegriffenen Ledereinband auf und überflog die erste Seite. Dabei glitt ihr Finger wie beim Lesen über das Papier. Sie blätterte weiter und studierte die nächste Seite, dann noch eine und schließlich wiederholte sie die Prozedur.

»Bei den Gütigen Seelen«, hauchte sie, während sie zu lesen schien.

»Was ist denn?«, wollte Richard wissen.

Berdine stellte sich auf die Zehenspitzen und linste über den Rand des Buches. »Gar nichts ist. Seht selbst - die Seiten sind unbeschrieben.«

»Nein, sind sie nicht«, murmelte Nicci beim Lesen. »Dies ist ein Buch der Magie.«

Sie sah auf. »Unbeschrieben scheint es nur für jemanden zu sein, der nicht mit der Gabe gesegnet ist. Und wenn er es wäre, müsste sie im Falle dieses besonderen Werkes recht stark ausgeprägt sein, um es lesen zu können. Es ist ein überaus bedeutsames Werk.«

Berdine kräuselte verständnislos die Nase. »Was?«

»Bücher der Magie sind gefährlich, manche sogar außerordentlich gefährlich; einige wenige aber, so wie dieses, sind noch gefährlicher.« Nicci fuchtelte mit dem Buch vor dem Gesicht der Mord-Sith herum. »Und dieses hier ist weit mehr als nur außerordentlich gefährlich.

Für gewöhnlich werden solche Bücher, als eine Art Schutz, auf irgendeine Art mit Schilden gesichert. Erachtet man sie für ausreichend gefährlich, werden sie zusätzlich mit Bannen gesichert, die den Text so schnell wieder aus dem Gedächtnis einer Person löschen, dass diese sich nicht einmal mehr daran erinnert, ihn gesehen zu haben, was sie wiederum glauben lässt, die Seiten seien unbeschrieben. Eine nicht mit der Gabe gesegnete Person ist schlicht außerstande, die Worte eines Buches der Magie lange genug im Gedächtnis zu speichern. Obwohl man die Worte in diesem Buch sieht, vergisst man so schnell, sie gelesen zu haben, dass einem gar nicht der Gedanke kommt, auf den Seiten könnte etwas stehen - die Worte werden aus dem Gedächtnis getilgt, ehe man sie überhaupt bewusst wahrnimmt. Dieser spezielle Bann liefert teilweise die Grundlage für die Idee des Feuerkettenbanns. Die Zauberer aus alter Zeit - die sich solcher Banne des Öfteren zum Schutz der Schriften, an denen sie gerade arbeiteten, bedienten - begannen sich schließlich zu fragen, ob so etwas nicht auch mit einem Menschen möglich wäre, mit anderen Worten, ihn praktisch ebenso verschwinden zu lassen wie scheinbar den Text in einigen Werken der Magie.«