Sie machte eine unbestimmte Handbewegung, als ihre Aufmerksamkeit wieder mehr und mehr von dem Buch in Anspruch genommen wurde. »Sobald eine Seele im Spiel ist, wird die Sache natürlich komplizierter, als es sich in Worte fassen lässt.«
Richard war schon vor langer Zeit zu der Erkenntnis gelangt, dass er Das Buch der gezählten Schatten nur deshalb hatte auswendig lernen können, weil er die Gabe besaß. Wäre es nicht so gewesen, hatte ihm Zedd damals erklärt, hätte er die Worte gar nicht lange genug in seinem Gedächtnis speichern können, um auch nur eins von ihnen zu behalten.
»Und worum geht es nun in diesem Buch?«, fragte er. Endlich löste Nicci ihren Blick von den Seiten und sah auf. »Wir haben es hier mit einem Buch mit magischen Anleitungen zu tun.«
»Ich weiß, das sagtet Ihr bereits«, erwiderte er geduldig. »Aber Anleitungen wofür?«
Nicci ließ den Blick noch einmal prüfend über die Seite wandern und musste schlucken, ehe sie ihm erneut in die Augen sah. »Meiner Meinung nach handelt es sich um das Originalhandbuch mit den Anleitungen für das Ins-Spiel-Bringen der Kästchen der Ordnung.«
Wieder spürte Richard, wie ihm eine Gänsehaut die Arme und Beine hinaufkroch.
Vorsichtig nahm er das Buch aus Niccis Händen entgegen, und tatsächlich, es war alles andere als unbeschrieben. Jede einzelne Seite war eng mit winzigen handschriftlichen Worten, Diagrammen, Tabellen und Formeln bedeckt.
»Es ist auf Hoch-D’Haran.« Er sah hoch zu Nicci. »Wollt Ihr etwa behaupten, Ihr könnt Hoch-D’Haran lesen?«
»Selbstverständlich.«
Richard und Berdine wechselten einen Blick.
Gleich auf den ersten Blick hatte er erkannt, dass das Buch von äußerster Komplexität war. Er hatte Hoch-D’Haran gelernt, doch im Falle dieses Buches reichte das bestenfalls zu einem notdürftigen Verständnis.
»Die Sprache ist erheblich wissenschaftlicher als das Hoch-D’Haran, das ich zu lesen gewohnt bin«, meinte er, während er die Seiten überflog.
Nicci beugte sich zu ihm und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle auf der Seite, auf die er gerade starrte. »Das hier sind ausschließlich Querverweise zu Formeln, die bei den Beschwörungen benötigt werden. Für ein umfassendes Verständnis ist die Kenntnis dieser Formeln und Banne unerlässlich.«
Richard: »Und, seid Ihr mit ihnen vertraut?«
Sie verzog den Mund, während sie sich mit gerunzelter Stirn über die Seite beugte. »Das weiß ich nicht. Ich müsste mich eingehend damit befassen, um zu wissen, ob ich beim Übersetzen eine Hilfe sein könnte.«
Berdine stellte sich erneut auf die Zehenspitzen und linste in das Buch, so als wollte sie nachsehen, ob sich ihr die Worte jetzt vielleicht offenbarten. »Wieso könnt Ihr das nicht jetzt gleich feststellen? Ich meine, entweder Ihr könnt es lesen und verstehen oder eben nicht.«
Nicci fuhr sich mit den Fingern einer Hand durch ihr blondes Haar und holte tief Luft. »Mit Büchern der Magie ist das nicht ganz so einfach. Es ist ein bisschen so wie beim Lösen komplizierter mathematischer Gleichungen. Unter Umständen kennt man die Zahlen und glaubt zunächst zu wissen, worum es geht und dass man die Gleichungen auflösen kann, wenn man dann aber auf in der Gleichung verborgene unbekannte Symbole stößt - Symbole, die sich auf unbekannte Dinge beziehen -, wird die ganze Gleichung mehr oder weniger unlösbar. Es genügt eben nicht, nur ein paar Zahlen zu kennen. Man muss die Bedeutung jedes einzelnen Elements genau kennen oder zumindest wissen, wie man die dadurch ausgedrückten Mengen oder Werte erschließen kann.
Im Großen und Ganzen verhält es sich hier ebenso, obwohl ich es vereinfacht habe, damit Ihr versteht, was ich meine. Wir haben es hier nicht nur mit Symbolen zu tun, sondern mit längst nicht mehr gebräuchlichen Querverweisen auf Banne, was das Verständnis zusätzlich erschwert. Dass es auf Hoch-D’Haran ist, macht die Sache noch komplizierter, da die Worte und ihre Bedeutungen in dieser Sprache sich mit der Zeit gewandelt haben. Hinzu kommt, dass der Text in einer veralteten Geheimsprache abgefasst ist.«
Richard fasste sie am Arm, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »Das ist wichtig, Nicci. Meint Ihr, Ihr könnt es schaffen?«
Zögernd schaute sie auf das Buch. »Es wird einige Zeit dauern, bis ich mit meiner Übersetzung so weit bin, dass ich dir sagen kann, ob ich eine Chance habe, mit Erfolg daran zu arbeiten.«
Richard nahm ihr das schmale Bändchen aus der Hand, klappte es zu und gab es ihr zurück. »Dann solltet Ihr es besser mitnehmen. Sobald wir mehr Zeit haben, könnt Ihr Euch damit beschäftigen und sehen, ob Ihr es versteht.«
Argwöhnisch runzelte sie die Stirn. »Warum? Was hast du vor?«
»Begreift Ihr nicht, Nicci? Das könnte die Lösung sein, nach der wir suchen. Wenn es Euch gelingt, es zu übersetzen und zu verstehen, was darin steht, könnte das hier drin enthaltene Wissen uns eine Möglichkeit an die Hand geben, dem entgegenzuwirken, was immer Schwester Ulicia getan hat, es ins Gegenteil zu kehren oder aufzuheben. Wir könnten womöglich die Kästchen der Ordnung aus dem Spiel nehmen.«
Sachte strich Nicci mit dem Daumen über den Einband des schmalen Buches. »Das mag ganz logisch klingen, Richard, aber zu wissen, wie etwas getan wird, bedeutet noch lange nicht, dass man es auch ungeschehen machen kann.«
»So als würde man versuchen, die eigene Schwangerschaft rückgängig zu machen?«, fragte Cara.
Nicci konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Ja, so in etwa.«
Caras überraschender Vergleich ließ ihn schlagartig wieder an Kahlan denken und an die Zeit, als sie schwanger war. Damals hatte ihr eine Gruppe brutaler Schläger aufgelauert und sie fast totgeprügelt. Sie hatte sein Kind verloren; ihre Schwangerschaft war zu Ende gewesen, ehe er überhaupt davon erfahren hatte. Bei der Erinnerung an das Bild der schwer verletzten Kahlan hätten ihm fast die Knie nachgegeben. Er hatte große Mühe, den scheußlichen Gedanken wieder in das Dunkel zurückzuverbannen, aus dem er so unvermittelt aufgetaucht war.
Ein sorgenvolles Zucken ging über Niccis Stirn, offenbar weil sie ihm seine inneren Qualen am Gesicht angesehen hatte, er ignorierte es jedoch und sagte: »Ich muss Euch hoffentlich nicht daran erinnern, wie wichtig das ist.«
Einen Moment lang fixierte sie ihn mit ihrem Blick, als wollte sie ihm sagen, dass das unmöglich sei, sie ihm aber seine Bitte auf keinen Fall abschlagen wolle. Schließlich presste sie entschlossen ihre Lippen aufeinander und nickte.
»Ich werde mein Bestes tun, Richard.«
Dann hellte sich ihre Miene plötzlich auf. Sie schlug das Buch ganz am Ende auf und blätterte hastig das letzte Blatt zurück. Einen Augenblick lang stand sie gedankenversunken da, den Blick nachdenklich auf die letzte Seite gerichtet.
»Das ist interessant«, murmelte sie.
»Was denn?«, fragte Richard.
Sie sah von dem Text auf, den sie gerade las. »Mitunter wird am Ende eines Buches der Magie der letzte, unbedingt erforderliche Schritt weggelassen, sozusagen als Vorsichtsmaßnahme gegen unbefugten Gebrauch. Wäre das hier der Fall, ließe sich die Abfolge der speziellen erforderlichen Handlungen womöglich noch unterbrechen, selbst wenn die Kästchen bereits im Spiel wären. Verstehst du, was ich meine? Magische Schriften werden, sofern sie gefährlich genug sind, manchmal absichtlich unvollständig gelassen, sodass noch eine zusätzliche Ergänzung erforderlich ist.«
»Was zum Beispiel?«
»Keine Ahnung. Das versuche ich ja gerade herauszufinden.« Sie hob einen Finger. »Lass mich eben noch ein wenig an dieser Stelle hier weiterlesen ...«