Augenblicke darauf blickte sie auf und tippte mit dem Finger auf die Seite. »Ja, ich hatte recht. Es gibt hier einen Hinweis, demzufolge für den Gebrauch des Buches unbedingt der Schlüssel benutzt werden muss. Ohne diesen Schlüssel wird alles bis dahin Erwirkte nicht nur unnütz sein, sondern fatale Auswirkungen haben. Hier steht ausdrücklich, dass jeder mit diesem Buch eingeleitete Vorgang innerhalb eines Jahres mithilfe des Schlüssels zum Abschluss gebracht werden muss.«
»Mithilfe des Schlüssels«, echote Richard mit ausdrucksloser Stimme.
Er sah zu Berdine.
»›Und sie werden zittern vor Angst über ihr Tun und den Schatten des Schlüssels zwischen die Gebeine fallen lassen‹«, zitierte sie aus Yanklees abenteuerliche Erzählungen. »Meint Ihr, das könnte vielleicht der Schlüssel sein, von dem in diesem Text die Rede ist?«
In den dunklen Randzonen seines Unterbewusstseins regte sich etwas. Dann auf einmal zündete der Funke der Erkenntnis, und Richard begriff.
Blitzartig überlief es ihn eiskalt am ganzen Körper, und aus seinen Armen und Beinen wich jegliches Gefühl.
»Bei den Gütigen Seelen ...«, murmelte er leise.
Nicci sah ihn stirnrunzelnd an. »Was ist denn, Richard? Du bist ja kreidebleich geworden.«
Er hatte Mühe, seine Stimme unter Kontrolle zu bekommen. Schließlich hörte er sich sagen: »Ich muss sofort zurück zu Zedd.«
Nicci legte ihm ihre Hand auf den Arm. »Was ist denn los?«
»Ich denke, ich weiß, was der Schlüssel ist.«
Auf einmal raste sein Herz, und er fing an zu keuchen. Alles, was er stets als sicher vorausgesetzt hatte, wurde auf den Kopf gestellt und die einzelnen Teile auseinandergerissen. Es war, als bekäme er keine Luft mehr.
Und sie werden zittern vor Angst über ihr Tun und den Schatten des Schlüssels zwischen die Gebeine fallen lassen.
»Ja, und was glaubst du nun, ist...«
»Das erkläre ich Euch, sobald wir dort sind. Wir müssen los - auf der Stelle.«
Besorgt ließ Nicci das Buch in eine Tasche des schwarzen Rocks ihres Kleides gleiten. »Ich werde mein Bestes tun, Richard. Ich werde dieses Rätsel lösen - versprochen.«
Er nickte geistesabwesend, während sich die Gedanken in seinem Kopf bei dem Versuch, die einzelnen Teile zu einem Ganzen zu fügen, überschlugen, und als er sich schließlich zu bewegen begann, war es, als beobachtete er sich selbst dabei.
Er fasste Berdine am Arm. »Baraccus hatte ein geheimes Versteck, eine Bibliothek. Ihr müsst für mich herausfinden, wo es sich befand.«
Berdine quittierte seine eindringliche Bitte mit einem Nicken. »Geht in Ordnung, Lord Rahl. Ich werde sehen, was ich in Erfahrung bringen kann. Ich werde mein Bestes tun.«
Sie sah auf die weiß hervortretenden Knöchel seiner Hand, die ihren Arm gepackt hielt, bis er schließlich merkte, dass er ihr vermutlich wehtat und sie losließ.
»Danke, Berdine. Ich weiß, ich kann mich auf Euch verlassen.« Die anderen starrten ihn an. »Ich muss sofort zurück zu Zedd. Ich muss ihn so schnell wie möglich sprechen. Ich muss wissen, wo er es gefunden hat.«
»Gefunden, was denn?« Die Hand auf seine Brust gepresst, hielt Nicci ihn zurück, ehe er durch die Tür schlüpfen konnte. »Was ist denn nur so wichtig, Richard, dass ...«
»Hört zu, ich werde alles erklären, sobald wir wieder dort sind«, fiel er ihr ins Wort. »Aber jetzt muss ich erst einmal nachdenken.«
Nicci und Cara wechselten einen besorgten Blick. »Also gut, Richard. Aber beruhige dich. Wir werden schon früh genug wieder in der Burg der Zauberer sein.«
Er krallte eine Hand in Caras roten Lederanzug und bugsierte sie vor sich durch die Tür. »Bringt uns zurück zur Sliph - auf dem schnellsten Weg.«
Cara, jetzt ganz geschäftsmäßig, ließ ihren Strafer in die Hand schnellen. »Gut, dann kommt.«
Ohne in seiner Bewegung innezuhalten, wandte er sich um zu Berdine. »Ihr müsst für mich unbedingt alles über diesen Baraccus in Erfahrung bringen, wirklich alles!«
Berdine eilte ihm hinterher, dicht gefolgt von Nicci. »Werde ich, Lord Rahl.«
Er zeigte mit dem Finger auf sie. »Verna wird in Kürze hierher zurückkehren. Richtet ihr aus, ich hätte gesagt, dass sie Euch unbedingt helfen soll. Lasst Euch auch von den Schwestern helfen. Wenn es sein muss, geht jede Schrift in der gesamten Bibliothek durch, aber findet alles über diesen Baraccus heraus - wo er geboren wurde, wo er aufwuchs, was er mochte und was nicht. Er war damals Oberster Zauberer, es sollte also einiges über ihn aufzutreiben sein. Ich will wissen, wer ihm die Haare schnitt, wer seine Kleidung nähte, was seine Lieblingsfarbe war. Alles, ganz gleich wie banal es Euch erscheinen mag. Und wo Ihr schon dabei seid, seht zu, ob Ihr noch irgendwas über die Umtriebe dieser Dummköpfe aus Yanklees abenteuerliche Erzählungen in Erfahrung bringen könnt.«
»Seid unbesorgt, Lord Rahl, wenn es Informationen über sie gibt, werde ich sie mir beschaffen. Ich werde all das herausfinden und Euch dann bei Eurer Rückkehr Bericht erstatten.«
Er ergriff Niccis Hand, um sicherzugehen, dass sie nicht zurückblieb, dann wandte er sich an Cara. »So beeilt Euch doch.«
Berdine, den Strafer in der Hand, eilte ihnen hinterher und sicherte nach hinten ab. Die aufblitzenden Reflexionen auf den polierten Rüstungen und Waffen, das leise Klirren der Ausrüstung, als die Soldaten die Verfolgung aufnahmen, als wäre der Hüter höchstselbst hinter Lord Rahl her, all das bekam Richard nur am Rande mit. Während seine Gedanken ebenso schnell rasten wie seine Füße, gelangte er zu dem Schluss, dass er sich am besten zuerst noch einmal nach Caska begab.
Doch dann - je länger er über die Idee nachdachte und sich die Einzelteile des Rätsels wieder zu einem Ganzen zu fügen begannen besann er sich anders. Mithilfe der Sliph würde er von der Burg der Zauberer aus im Handumdrehen nach Caska reisen können, zudem war der Besuch bei Zedd viel dringender.
Noch während sie durch das Labyrinth aus Hallen, Zimmern und Korridoren hasteten, vernahm Richard von fern das Schlagen der Glocke, das die Menschen zur Andacht für den Lord Rahl rief, und er fragte sich, ob sie alle schon bald vor dem Hüter der Unterwelt niederknien und ihre Andacht an ihn richten würden.
30
Unvermittelt stand Sechs auf und begab sich mit drei großen Schritten wortlos hinüber zu der Höhlenwand, auf der Violets ausufernde Zeichnung prangte. Vorsichtig presste sie ihre knochige Hand auf die mit Kreide gezeichneten Symbole, die Violet dort schon vor Tagen aufgebracht hatte, denn diese hatten plötzlich zu leuchten begonnen - die gelbe Kreide in gelbem Licht, die rote in rotem und die blaue in blauem. Wie Licht, das von einer sich kräuselnden Wasseroberfläche zurückgeworfen wurde, schillerte der gespenstische Lichterglanz der aufflackernden Farben über die Höhlenwände.
Rachel sah kurz zu Violet, die auf einem niedrigen, mit purpurnen Quasten verzierten Hocker saß, den sie sich schon vor Tagen von ihr hatte hereintragen lassen. Gelangweilt pulte die Königin mit dem Fingernagel an dem abblätternden Gestein der Felswand hinter sich. Rachel war schon seit einer Weile dazu übergegangen, sie als Höhlenkönigin zu betrachten, da sie dort mehr und mehr ihrer Zeit verbrachte.
Violet hatte beim Zeichnen nicht auf einem Felsen sitzen mögen. So ein schmutziger alter Stein, hatte sie erklärt, mochte mehr als gut genug für Rachel sein, aber wohl kaum für eine Königin. Sechs hatte nicht das mindeste Interesse an dem Hocker gezeigt; offenbar gingen ihr bedeutsamere Dinge im Kopf herum als irgendwelche Sitzpolster. Violet jedoch war es leid geworden zu warten, während Sechs über ebendiese bedeutsamen Dinge nachgrübelte, also hatte sie sich den schweren Hocker von Rachel in die Höhle schleppen lassen. Und nun hockte die Königin der Höhle im flackernden Schein der Fackeln und leuchtenden Symbole auf ihrem quastenverzierten Plüschhocker und wartete darauf, dass ihre Beraterin sie in der Frage beriet, was denn unbedingt als Nächstes zu geschehen habe.