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»Er ist bereits auf dem Weg hierher«, zischelte Sechs. »Er ist durch die Leere wieder auf dem Weg hierher.«

Rachel war sich darüber im Klaren, dass sie in Wahrheit gar nicht zu Violet sprach, sondern mit sich selbst. Die Königin hätte ebenso gut gar nicht vorhanden sein können.

Violet hob kurz den Kopf, machte aber nicht den Eindruck, als wäre sie geneigt, sich die Mühe zu machen und sich zu erheben, solange Sechs sie nicht von der Notwendigkeit weiterer Zeichnungen überzeugt hatte. Gleichwohl war unverkennbar ihr Interesse geweckt. Immerhin war es das, was sie gewollt hatte, hatte sie sich überhaupt nur aus diesem Grund die Mühe gemacht, diese komplizierten Zeichnungen tief unten in einer klammen, verdreckten Höhle anzufertigen, wo sie doch ebenso gut hätte Kleider oder Geschmeide anprobieren oder prunkvolle Feste besuchen können, um sich von den Gästen dort als jugendliche Königin umschmeicheln zu lassen. Sechs schien in einer ganz eigenen Welt gefangen, als ihre Hände über die Zeichnung hinwegglitten. Sie presste ihr Gesicht mit der Seite gegen den Fels und streckte gleichzeitig einen Arm nach hinten.

»Kommt her, mein Kind.«

Ein Ausdruck des Missfallens ging über Violets plumpe Züge.

»›Meine Königin‹ wolltet Ihr wohl sagen.«

Entweder hatte Sechs sie nicht gehört oder sie verspürte keine Neigung, sich zu korrigieren. »So beeilt Euch schon. Es ist an der Zeit, mit den Verbindungen zu beginnen.«

Violet stand auf. »Jetzt? Es ist doch schon lange nach Mittag. Ich verhungere.«

Sechs, die mit der Wange über die Zeichnung von Richard strich wie ein Katze, die ihren Kopf an jemandes Beinen reibt, schien sich nicht im Mindesten für das Mittagessen zu interessieren. Stattdessen winkte sie Violet mit einer ungeduldigen Bewegung ihrer langen Finger zu sich. »Es muss jetzt sein. Beeilt Euch. Eine so seltene Gelegenheit dürfen wir nicht ungenutzt verstreichen lassen. Verbindungen, wie wir sie benötigen, brauchen ihre Zeit, und es lässt sich unmöglich sagen, wie viel uns davon zur Verfügung steht.«

»Wieso haben wir dann nicht schon früher damit angefangen, als es ...«

»Es muss jetzt begonnen werden, solange er sich in der Leere befindet.« Sechs machte eine scharfe, kratzende Bewegung in der Luft. »Es ist leichter, ihm die Augen auszukratzen, solange er nichts sieht«, erklärte sie mit ihrer zischelnden Stimme.

»Ich verstehe nicht, wieso ...«

»Der Weg ist der Weg. Wollt Ihr es nun oder nicht?«

Mit dem Lösen ihrer verschränkten Arme lockerte sich auch Violets trotzige Haltung. Ihr Gesichtsausdruck nahm einen düsteren Zug an.

»Doch, ich will.«

Über Sechs’ Gesicht huschte ein schiefes Lächeln. »Dann lasst es beginnen. Ihr müsst jetzt die Verbindungen herstellen.«

Plötzlich, mit einer Miene der Entschlossenheit, nahm Violet die bunten Kreidestücke von einem kleinen Vorsprung in der Felswand hinter ihrem königlichen Hocker und gesellte sich zu Sechs hinüber, die bereits mit ihrem langen Finger ungeduldig auf das Gestein tippte.

»Beginnt beim Zeichen für den Dolch, so wie ich es Euch beigebracht habe und Ihr es geübt habt, um sicherzustellen, dass das von Euch Erwirkte mit dem Herstellen der Verbindung bereit ist, rasch und sicher zu schneiden.«

»Ja, ja, ich weiß schon«, sagte Violet und setzte die Spitze der gelben Kreide beherzt auf eines der sorgfältig ausgeführten leuchtenden Symbole, ein Stück seitlich von Richard. Sofort packte Sechs ihr Handgelenk und zog ihre Hand zurück, gerade so weit, dass sich die Kreide wieder ein Stück vom Fels entfernte, bewegte Violets Handgelenk dann ein paar Zoll weit zur Seite und ließ sie die Kreide erneut auf dem Symbol ansetzen, allerdings am nächsten Scheitelpunkt eines Gebildes, dessen äußere Umgrenzungslinie aus Dutzenden von Punkten bestand.

»Ich habe Euch doch erklärt«, erläuterte Sechs mit bemühter Höflichkeit, während sie Violet half, die Linie zu beginnen, »dass ein Fehler an dieser Stelle uns bis in alle Ewigkeit verfolgen würde.«

»Weiß ich doch - ich hatte bloß den falschen Scheitelpunkt erwischt, das ist alles«, schnaubte Violet pikiert. »Jetzt hab ich’s jedenfalls.«

Sechs, den Blick auf die Zeichnung geheftet, ohne die Königin weiter zu beachten, nickte bestätigend, während sie zusah, wie die Kreide über das Gestein zu schaben begann.

»Jetzt wechselt zu Rot«, drängte sie mit gesenkter Stimme, kaum hatte Violet die Kreide ein paar Zoll weit über die leere Fläche bewegt.

Widerspruchslos und ohne zu zögern, tauschte Violet die gelbe Kreide gegen die rote aus und begann, sie in einem Winkel zu der gelben Linie zu bewegen, die sie bereits eingezeichnet hatte. Nachdem sie die Hälfte der noch verbliebenen Strecke bis zu der Darstellung von Richard zurückgelegt hatte, hielt sie, ohne dazu aufgefordert werden zu müssen, inne und wechselte zur blauen Kreide.

Schließlich zögerte sie doch und sah hoch zu Sechs. »Das ist der Knotenpunkt? Richtig?«

Sechs hatte bereits angefangen zu nicken. »Ja, das ist richtig«, murmelte sie, sichtlich zufrieden mit dem, was sie sah. »So ist es recht, führt sie hinten herum und dann schließt die erste Ligatur ab.«

Am Ende der roten Linie zeichnete Violet einen blauen Kreis, ehe sie die freie Fläche auf der glatten, dunklen Felswand durchquerte. Als die blaue Kreide schließlich einen der Punkte des nächsten Symbols erreichte, ging sie noch einmal zum Ausgangspunkt zurück und zeichnete eine Linie ein, die den Kreis mit Richard verband. Die von Violet soeben vervollständigte Dreiergruppe von Linien begann zu leuchten; ein Lichtstrahl ließ den blauen Kreis aufleuchten, als wäre er ein Signalfeuer, das durch ein Fenster im dunklen Gestein erstrahlte.

Unvermittelt hob Sechs eine Hand und gebot ihr Einhalt, ehe sie die Kreide am nächsten Punkt der Abfolge aufsetzen konnte.

»Was ist denn?«, wollte Violet wissen.

»Irgendetwas ... ist nicht so, wie es sein sollte ...«

Sechs presste ihr Gesicht mit der Seite auf die Zeichnung, legte ihre Wange diesmal aber genau über Richards Gesicht.

»Ganz und gar nicht so, wie es sein sollte ...«

Richard sog einen weiteren silbrigen, ekstatischen Atemzug in seine Lungen, nur dass er sich jetzt, da das Gefühl von seinen Sorgen überlagert wurde, nicht ganz als die pure Verzückung erwies, die er normalerweise in der Sliph verspürte.

Im selben Moment wurde ihm klar, dass ihn auf seinen Reisen durch die Sliph eigentlich immer etwas zutiefst bekümmerte; schließlich bewog ihn stets irgendein Ärger, überhaupt erst in der Sliph zu reisen. Trotzdem, so wie jetzt hatte es sich noch nie angefühlt. Es war weniger ein Angstgefühl als vielmehr ein Gefühl einer allumfassenden und doch ungreifbaren Schwere düsterer Vorahnung. Mit jedem Atemzug setzte ihm diese Phantomlast mehr zu. So etwas wie normales Sehen war im Innern der Sliph nicht möglich, wie es auch kein wirkliches Zeitgefühl oder ein Gespür für oben und unten gab. Trotzdem gab es etwas, was dem sehr nahe kam, man sah Farben und gelegentlich auch unscharfe Formen, die kurz vor einem auftauchten, nur um gleich darauf nicht minder plötzlich wieder zu verschwinden. Es gab sogar eine visuelle Wahrnehmung des Phänomens der bewusstseinsverändernden Geschwindigkeit, die ihm das Gefühl gab, nicht viel mehr zu sein als ein von einem kräftigen Bogen abgeschnellter Pfeil. Gleichzeitig hatte man das Gefühl, vollkommen regungslos in der dichten Leere der Sliph zu schweben. Die Verbindung dieser beiden widersprüchlichen Empfindungen ließ die Erfahrung zu einer berauschenden Mixtur geraten, die seinem Bedürfnis, sie getrennt voneinander zu betrachten, zuwiderlief. Während er in der quecksilbrigen Essenz der Sliph dahinraste, begann er, seine Angstgefühle mehr und mehr außer Acht zu lassen. Dann plötzlich spürte er eine zarte Berührung auf seiner Haut, so als hätte ihn etwas gestreift, ein verstohlener Druck, den er augenblicklich als ein auf seinen Reisen in der Sliph noch nie gespürtes Gefühl identifizierte. Ein ahnungsvolles Kribbeln durchflutete ihn.

Doch Vorahnung, dämmerte ihm plötzlich, war körperlich nicht so spürbar wie die Berührung.