Während er, gefangen in der endlosen silbrigen Leere, dahinschwebte, versuchte er die Wahrnehmung, von etwas gestreift worden zu sein, von allem anderen abzusondern. Richard spürte die friedliche Abgeschiedenheit der Sliph, die ihn umgab, ihn umschmeichelte und ihn von dem schrecklichen, ungestümen, rasend schnellen Dahinhasten absonderte, das im Übrigen den Eindruck erweckte, als könnte es einen Menschen glatt in Stücke reißen. Er hatte noch immer das sichere Gefühl, dass der Balsam gelassener Heiterkeit ihm die Angst nahm, die Flüssigkeit, in der er trieb, in seine Lungen zu saugen.
Aber da war auch noch eine andere Empfindung, obschon er dieses Besorgnis erregende Gefühl noch nicht klar genug von allen anderen trennen konnte, um es einzuordnen.
Mit der wachsenden Gewissheit stellte sich jedoch die Überzeugung ein, dass irgendetwas nicht stimmte - auf beängstigende Weise nicht stimmte. Die Erkenntnis war umso verstörender, als er nicht begreifen konnte, woher er wusste, dass etwas nicht ganz so war, wie es sein sollte. Er bemühte sich zu verstehen, woher der Gedanke rührte.
Der Auslöser, entschied er, konnte nur diese verstohlene Berührung gewesen sein. Er überlegte kurz, ob er es sich vielleicht eingebildet haben konnte, verwarf den Gedanken aber wieder. Das Gefühl war echt gewesen.
Fast schien es, als wäre er einem furchtbaren verderblichen Einfluss ausgesetzt - so als läge man an einem wunderschönen Tag auf einer warmen, sonnenbeschienenen Wiese, umgeben von einer Vielfalt von Farben und dem betörenden Duft wilder Blumen, und schaute zu, wie die wattegleichen Wolken gemächlich an einem strahlend blauen Himmel dahin ziehen, und plötzlich steigt einem der erste schwache Hauch eines verwesenden Kadavers in die Nase, während man gleichzeitig gewahrt, dass das leise Geräusch, das man die ganze Zeit schon vernommen hatte, das Gesumm von Fliegen ist. Was einem normalerweise, während man in der silbrigen Stille der Sliph dahin schoss, wie eine Spanne völliger Zeitlosigkeit erschien, hatte begonnen, sich zu einer quälend angestrengten Schussfahrt zu dehnen.
Während Cara seine rechte Hand bereits mit eisernem Griff gepackt hielt, klammerte sich Nicci jetzt noch fester an seine Linke. Ihr fordernder Klammergriff verriet ihm, dass sie ebenfalls etwas gespürt hatte. Er hätte sie gerne danach gefragt, doch in der Sliph war es unmöglich, miteinander zu sprechen.
Richard öffnete die Augen ein Stück weiter und versuchte seine Umgebung genauer zu erfassen, doch abgesehen von den schimmernden Balken aus blauem, rotem und gelbem Licht, die durch das Dunkel stachen, in dem sie dahin schossen, war in dieser lautlosen, trüben Welt wenig zu erkennen. Dem Empfinden nach bewegten sich die Lichtbalken nicht mehr so wie zuvor. Allerdings war es in der Sliph schwierig, solche Dinge zu entscheiden, da eine direkte Wahrnehmung nicht möglich war und das Geschehen sich nur vage ahnen ließ.
Da draußen, vor ihm, war irgendetwas, erkannte er jetzt, etwas, das mit fließenden Bewegungen durch das silbrige Dunkel manövrierte. Zunächst ähnelte es einer Ansammlung länglicher, schlanker Blütenblätter, die im Begriff waren, sich aufblühend zu öffnen. Im Näher kommen sah er jedoch, dass dieses Etwas eher einer Vielzahl von Tentakeln glich, langen, sich in Wellen bewegenden und verjüngenden Armen, die sich fächerartig von einem zentralen Körper ausbreiteten, den er aus irgendeinem Grund noch nicht recht erkennen konnte.
Der Anblick war umso verwirrender, als er so wenig nachvollziehbar war. Während es immer näher kam, verdichtete sich sein Eindruck, dass sich dieses Etwas, was immer es sein mochte, aus einem geordneten, wogenden, aus Glassegmenten bestehenden Gebilde zusammensetzte. Hinter den durchsichtigen, sich nach allen Seiten ausbreitenden Armen konnte er die schimmernden Balken aus Farbe und Licht erkennen.
Es war das Seltsamste, das er je gesehen hatte. Sosehr er sich bemühte, er wurde einfach nicht klug daraus. Es war, als wäre es da und doch auch nicht.
Und dann durchflutete ihn die Erkenntnis mit einem eiskalten Gefühl der Angst.
Im selben Moment zog Nicci so fest an seiner Hand, dass sie ihm um ein Haar den Arm ausgekugelt hätte. Der Ruck musste ihn irgendwie nach hinten gerissen haben, denn auf einmal schwebte Cara, die noch immer seine andere Hand umklammert hielt, wie im freien Fall an ihm vorbei.
Nicci hatte ihn gerade noch rechtzeitig zurückgerissen. Jetzt wusste Richard auch, was dieses Etwas war.
Es war die Bestie.
Schlagartig wurde das Gefühl, sich in unmittelbarer Gegenwart des Bösen zu befinden, so übermächtig, dass es ihn mit einer alles erstickenden Panik umfing. Während sie einer flüchtigen Vision gleich an ihm vorüberzog, drehte sich die Bestie; die glasigen Tentakel fächerten sich auf, reckten sich in seine Richtung und versuchten, nach ihm zu greifen.
Ein erneuter scharfer Ruck von Nicci, und er wurde aus dem sternenförmigen Geflecht aus Tentakeln herausgezogen, das sich bereits vor ihm aufgefächert hatte. Augenblicklich versuchte das Etwas, sich erneut um ihn zu schließen.
Richard löste seine Hand mit einem Ruck aus Caras Griff und zog sein Messer. Sofort krallte sich ihre nunmehr freie Hand in sein Hemd, um ihn nur ja nicht zu verlieren.
Er tat sein Möglichstes, hackte immer wieder auf die nach ihm greifenden Arme ein, die ihn in ihre tödliche Umklammerung zu ziehen versuchten, doch schon nach kürzester Zeit wurde ihm klar, dass ein Messerkampf in der Sliph praktisch ein Ding der Unmöglichkeit war. Die Umgebung war viel zu dickflüssig, als dass er auch nur annähernd mit der nötigen Schnelligkeit hätte zuschlagen können. Es war, als versuchte man, in Honig zu manövrieren. Er wechselte seine Taktik und wartete stattdessen ab, bis die Arme sich um ihn zusammenzogen, wartete, bis das, was immer sich im glasigen Zentrum befand, sich ihm näherte.
Als es so weit war, zielte er mit seiner Klinge auf das denkende Zentrum der durchsichtigen Bedrohung. Doch statt von der Klinge durchbohrt zu werden, schien das Wesen sich um Richards Messer zu beulen und diesem mühelos auszuweichen.
Dann attackierte es erneut, mit einem so plötzlichen, zielgerichteten Ungestüm, dass Richard es spüren konnte. Das Wesen bewegte sich mit einer fließenden Eleganz, die von der flüssigen Welt, die sie umgab, völlig unbeeinträchtigt schien.
Auf der einen Seite erblickte Richard die schimmernde Silhouette Caras, die, immer noch in sein Hemd gekrallt, mit ihrer freien Hand die Bestie anzugreifen versuchte. Auf seiner anderen Seite, das wusste er, versuchte Nicci, Magie zu wirken. Doch offenbar schien ihre Magie in der Umgebung der Sliph nicht zu funktionieren. Ein Tentakel der Bestie wickelte sich mehrfach um Richards Arm, ein anderer legte sich peitschenschnell um Caras. Mit der anderen Hand packte sie sein Handgelenk. Die Bestie bemächtigte sich auch ihres anderen Arms und trennte die beiden mühelos voneinander. Augenblicke später war Cara verschwunden. In dem trüben Dunkel konnte Richard nicht mehr erkennen, wo sie sich befand, ob sie vielleicht noch in der Nähe war. Schlimmer, er wusste nicht einmal, ob sie wohlauf war oder sich in der Gewalt der Bestie befand. Als sich immer mehr der wellenartigen, durchsichtigen Arme aus dem Dunkel schälten und sich um sie ringelten, zog Nicci ihn mit ihrem schützenden Arm fester an sich und hielt ihn fest. Es war, als ob man sich in einem Nest voller Schlangen verhedderte, die sich, hatten sie erst einmal Kontakt, schlängelnd und mit großer Kraft immer fester zusammenzogen. Einer der Arme schnürte sich so fest um Richards Bein, dass er glaubte, er werde ihm das Fleisch von den Knochen reißen.
Obwohl er Nicci nicht im üblichen Sinne hören konnte, gewahrte er ihre gedämpften wütenden Schreie, während sie sich dieses Wesens zu erwehren versuchte, das sie mit seinen Armen umschlungen hatte. Ein seltsames Zucken aus lautlosen Blitzen umhüllte Nicci, die offenbar ihre Kraft einzusetzen versuchte, was gegen die Bestie jedoch ohne Wirkung blieb.
Den Schmerz ignorierend, den ihm die glasigen Tentakel zufügten, stach Richard immer wieder auf sie ein und stieß seine Klinge in die wulstigen, teilweise nur halbwirklichen Arme. Entschlossen und mit zielgerichtetem Zorn schlug er mit seinem Messer um sich, bis es ihm gelang, tatsächlich einige Arme von dem inneren Kern des Wesens abzutrennen. Einmal abgetrennt, fielen sie unter wildem Schlängeln in die sie umgebende Leere, als versänken sie in der bodenlosen Tiefe eines Meeres.