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Es schien aussichtslos. Immer mehr dieser schlängelnden Tentakel langten aus der Dunkelheit nach ihm. Es war, als befände man sich auf dem Grund einer dunklen, mit wütenden Nattern angefüllten Grube. Unter Aufbietung all seiner Kräfte kämpfte Richard weiter, schnitt, stieß zu, schlug um sich, bis seine Arme vor Anstrengung zu schmerzen begannen. Nicci rang einhändig mit den mächtigen Tentakeln, während sich ihr anderer Arm noch immer weigerte, ihn loszulassen. Die Art, wie sie sich krümmte und verdrehte, verriet ihm, dass sie fürchterliche Qualen litt. Er ließ von den ringelnden Armen ab, die sich um ihn gelegt hatten, und hackte mit seiner ganzen Wut auf die Arme der Bestie ein, die Nicci bei dem Versuch, sie von ihm zu trennen, solche Schmerzen bereiteten. Doch dann gab es einen heftigen Ruck, und sie wurde von ihm fortgerissen.

Auf einmal war Richard allein - mitten im Nirgendwo mit einem glasigen, schlüpfrigen Wesen von ungeheurer Kraft, das ihn in seinen Mittelpunkt zu ziehen versuchte, aus dem bereits knurrende, schnappende und klackende Laute hervordrangen.

Es war unmöglich, sich eines solchen Wesens zu erwehren, sich gegen diese ungeheure Kraft zu behaupten und seinem vielarmigen Griff zu entkommen. Immer mehr dieser Arme legten sich peitschenartig um ihn, um ihn einzufangen.

Schließlich, bevor auch noch sein Arm umhüllt wurde, stieß er sein Messer unter Aufbietung seiner ganzen Körperkraft in die Kernmasse des Wesens, das er nicht einmal klar erkennen konnte. Und stieß auf harten Widerstand. Die Bestie heulte auf - mit einem Geräusch, das ihm in den Ohren schmerzte. Die Arme lockerten sich ein wenig - nicht genug, um ihn vollends freizugeben, aber gerade so viel, dass er sich mit einer kräftigen Körperdrehung aus dem Griff des Wesens winden konnte. Im Nu schoss er davon wie ein Kürbiskern, den man mit nassen Fingern zusammenpresst, und befreite sich aus der tödlichen Umklammerung.

Schwimmend versuchte sich Richard zu entfernen, den um sich peitschenden, durchsichtigen, nach ihm schnappenden Armen irgendwie zu entkommen, aber die Bestie war schneller und kräftiger als er und absolut unermüdlich.

»Hier!«, drängte Sechs und klopfte ungeduldig mit den Knöcheln auf die Mitte eines Emblems.

Sofort lief Violet zu der Stelle hinüber, zu der ihre Beraterin sie scheuchte. Mit fixen, sicheren Bewegungen führte sie ihre Hand, während sie sich mit dem Handrücken den Schweiß erst aus dem Gesicht und schließlich mit den Fingern aus den Augen wischte. So beflissen und schnell hatte Rachel sie noch nie arbeiten sehen. Sie hatte zwar keinen Schimmer, was vorging, dennoch war offensichtlich, dass irgendetwas nicht so lief, wie Sechs erwartet hatte. Sie befand sich in einem Zustand, der bedenklich zwischen Panik und Zorn schwankte. So oder so, Rachel bekam eine Heidenangst.

Während Violet mit geschwinden Bewegungen Verbindungen herstellte, die Kreide wechselte und sich von einem Punkt zum anderen bewegte, ging Sechs wieder dazu über, mit leiser Stimme ihre Beschwörungen zu sprechen. Der ätzende Klang ihrer gemurmelten Worte schien sich ihr glatt in die Seele einzubrennen. Sie konnte zwar weder einzelne Worte unterscheiden noch deren Bedeutung verstehen, doch wurden sie mit einer Boshaftigkeit vorgetragen, dass sie große Angst bekam.

Ihr Blick ging zum fernen Höhleneingang, aber da es draußen dunkel war, war dort nicht das Geringste zu erkennen. Sie wäre gern geflohen, traute sich aber nicht. Sie wusste, wenn sie Sechs oder Violet zwang zu unterbrechen, was immer sie gerade taten, um ihr hinterherzulaufen, würde das sehr üble Folgen für sie haben. Chase hatte ihr beigebracht, solche spontane Regungen, wie er es nannte, zu zügeln und stattdessen die Augen offen zu halten, ob sich nicht eine echte Möglichkeit ergab. Er hatte ihr eingeschärft, solange sie nicht gerade in Lebensgefahr schwebte, nur dann zu handeln, wenn sie einen wohlüberlegten, genau durchdachten Plan hatte. Auf keinen Fall aber sollte sie aus lauter Angst etwas Unbedachtes tun, sondern sich ihr Vorgehen genau überlegen, um ihre Erfolgsaussichten zu verbessern.

Obwohl die beiden überaus beschäftigt schienen, wusste Rachel, dass sie in ihrem gehetzten Zustand auf jede Unbotmäßigkeit ihrerseits mit Jähzorn und hemmungsloser Brutalität reagieren würden. Es war nicht der richtige Moment; einfach aufzuspringen und wegzulaufen war kein guter Plan, und das wusste sie. Während Rachel still und ruhig dasaß und sich nach Kräften unsichtbar zu machen versuchte, tippte Sechs behutsam mit den Knöcheln ihrer geballten Faust auf mehrere der aufleuchtenden Knotenpunkte in den von Violet bereits eingezeichneten Verbindungen. Die einzelnen strahlend leuchtenden Kreise erloschen mit einem tiefen, knurrenden Geräusch, das Rachel einen Schauder über den Rücken jagte. Die Höhle schien von dem Auf und Ab der rhythmischen Beschwörungen Sechs’ widerzuhallen. Die mit beherzten, schwungvollem Strichen zeichnende Violet warf einen Blick zur Seite, um zu überprüfen, wie weit Sechs inzwischen war. Sechs, die ein Leuchtzeichen nach dem anderen löschte, bemerkte ihren Blick, worauf sich Violet, wie in Trance, mit dem Zeichnen noch mehr beeilte. Bei jeder Linie, die Violet mit hastigen Bewegungen auf die Felswand warf, gab die Kreide ein klackendes Geräusch von sich, ein Laut, der dem Rhythmus von Sechs’ Beschwörungen entsprach.

Rings um die Darstellung Richards tippte Sechs mit den Knöcheln ihrer Faust auf bestimmte Punkte in den Verbindungen, die Violet in stundenlanger ununterbrochener Arbeit dort eingezeichnet hatte, und wirkte dazu einen Zauber, indem sie in einem sich hebenden und senkenden Singsang gesprochene Verse murmelte. Als Rachel schon glaubte, Violet könnte jeden Augenblick vor Erschöpfung zusammenbrechen, steigerte sie sich, davon weit entfernt, in einen fieberhaften Wahn hinein und versuchte mit aller Kraft, Sechs stets ein Stück voraus zu sein. Trotz des ungeheuren Tempos, in dem ihre Hände über die Felswand flogen, schien jede Linie, die Violet einzeichnete, korrekt zu sein, schien jeder Kreuzungspunkt präzise und genau getroffen. Offenbar zahlte sich jetzt aus, dass Sechs sie das Zeichnen der Symbole endlos hatte üben lassen.

Mittlerweile war die Darstellung Richards fast vollständig von einem Geflecht aus Symbolen und Verbindungslinien umgeben. Mit einem seltsamen, laut hervorgestoßenen Wort, um sich über dem Geheul des Windes Gehör zu verschaffen, löschte Sechs das letzte Lichtzeichen um die Figur Richards. Abrupt flaute der Wind ab. Kleine Laubstückchen und andere Partikel trudelten in der plötzlich stillen Luft zu Boden.

Sechs hielt in ihren Beschwörungen inne. Ein fragendes Zucken ging über ihre Stirn. Schließlich legte sie ihre Fingerspitzen auf mehrere Symbole, als wollte sie deren Puls fühlen. Funkelndes, farbiges Licht flackerte durch die Höhle.

»Jetzt hat sie ihn«, sagte sie leise bei sich.

Violet hielt inne, schluckte und hielt den Atem an. »Was?«

»Vom Apogäum bis zum unteren Scheitelpunkt.« Sie warf der verschreckten Violet einen giftigen Blick zu. »Nun macht schon.«

Ohne Zögern wandte Violet sich wieder der Felswand zu, streckte die Hand aus und zog von einem der zentralen Elemente über Richards Kopf mehrere verschlungene Linien nach unten. Sechs hob eine Hand. »Haltet Euch bereit, aber berührt die Hauptbeschwörungspunkte erst, wenn ich es sage.«

Violet nickte. Auf die Fingerspitzen gestützt, beugte sich Sechs über die Darstellung Richards und verdrehte die Augen. Dann hauchte sie, unter den Augen von Rachel und Violet, mit leisem Murmeln etliche seltsame Worte.

31

Nicci durchstieß die silbrige Oberfläche der Sliph. Kaum war ihr die bleierne Flüssigkeit schwer aus Haaren und Gesicht geronnen, schälten sich mit explosionsartiger Plötzlichkeit Farben und Licht aus dem stillen, sanften Dunkel. Atme.