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»Er ist nicht einfach irgendein Reisender!«, platzte Cara wutentbrannt heraus. »Er ist der Lord Rahl!«

Als die Sliph sich daraufhin zum rückwärtigen Rand ihres Brunnens zurückzog, hob Nicci warnend eine Hand und bat Cara, sich ein wenig zurückzuhalten und einen Moment still zu sein. »Als wir zusammen reisten, wurden wir von etwas Bösem attackiert. Wie du sehr wohl weißt.« Auch wenn sie wusste, dass ihr das nicht eben überzeugend gelang, versuchte Nicci, den bedrohlichen Ton in ihrer Stimme ein wenig abzumildern. Ihre aufsteigende panische Angst um Richard machte jeden klaren Gedanken nahezu unmöglich - das und Jebras eindringliche Warnung, Richard nur nicht aus den Augen zu lassen, nicht einmal für einen Moment. »Sliph, dieses bösartige Wesen hatte es auf deinen Herrn abgesehen, auf Richard. Wir sind Richards Freunde - wie du sehr wohl weißt. Er braucht unsere Hilfe.«

»Lord Rahl könnte verletzt sein«, setzte Cara hinzu. Mit einem Nicken bestätigte Nicci Caras Bemerkung. »Wir müssen unbedingt zu ihm.«

Quälende Stille senkte sich über den Raum. Nicci hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, wieder zurück zu sein, hatte immer noch beträchtliche Mühe, den quälenden Schmerz zu unterdrücken, der sich durch ihren Körper zog, während sie gleichzeitig fieberhaft überlegte, was sie jetzt tun sollten.

»Wir müssen unbedingt zu Richard«, wiederholte sie erneut. Das silbrige Gesicht reckte sich ein wenig höher, sodass ein Hals aus silbriger Flüssigkeit aus dem Brunnen zum Vorschein kam. Die Sliph musterte Nicci fragend.

»Ihr möchtet reisen?«

Nicci konnte ihren Zorn mit knapper Not noch zügeln. »Ja, ganz recht. Wir möchten reisen.«

Cara griff Niccis Stichwort auf und wies mit einer Handbewegung in den Brunnen. »Genau, wir wollen reisen.«

»Solange ich in dir bin, werde ich auch nicht wieder von meiner Magie Gebrauch machen, versprochen.« Nicci winkte die Sliph ein wenig näher heran. »Wir möchten reisen - und zwar sofort. Jetzt gleich.«

Die Miene der Sliph hellte sich auf, als wäre aller Zwist vergessen.

»Es wird euch ein Vergnügen sein.« Sie schien erpicht, sie zufriedenzustellen. »Kommt, wir werden reisen.«

Nicci stützte ein Knie auf die Mauerkrone, eine Anstrengung, d e ihr sofort einen stechenden Schmerz im Oberschenkel bescherte. Doch sie ignorierte den glühend heißen Schmerz, der ihr durch Muskeln und Gelenke schoss, und kletterte mit einiger Mühe auf die breite Ummauerung. Sie war erleichtert, dass sie endlich einen Weg gefunden hatten, die Sliph zu bewegen, auf ihre Wünsche einzugehen - wenn sie ihnen schon nicht Richards Aufenthaltsort verriet, so würde sie sie wenigstens hinbringen.

»Ja, wir werden reisen«, sagte Nicci, die noch immer kämpfen musste, um wieder zu Atem zu kommen.

Die Sliph bildete einen Arm aus, legte ihn um Niccis Hüfte und half ihr, sich vollends heraufzuziehen. »Dann kommt. Wohin möchtet Ihr reisen?«

»Dorthin, wo Lord Rahl ist.« Cara kletterte neben Nicci auf die Mauer. »Bring uns dorthin«, sagte sie und zwang sich der Sliph zuliebe zu einem Lächeln, »und es wird uns ein Vergnügen sein.«

Die Sliph hielt inne und musterte sie verwundert. Der Arm wurde zurückgezogen und verschmolz wieder mit der schwappenden Oberfläche. Auf einmal wirkte das silbrige Gesicht abweisend.

»Es ist mir nicht erlaubt, Informationen über die in mir Reisenden preiszugeben.«

Vor Wut ballte Nicci die Fäuste. »Er ist nicht irgendein Reisender! Er ist dein Herr, und er steckt in Schwierigkeiten! Er ist unser Freund! Du musst uns zu ihm bringen.«

Das spiegelnde Gesicht der Sliph wich zurück. »Das kann ich unmöglich tun.«

Einen Augenblick lang verharrten Nicci und Cara schweigend; sie wussten nicht mehr weiter, wussten kein Mittel mehr, wie sie die Sliph noch zur Mitarbeit überreden konnten. Nicci hätte schreien und in Tränen ausbrechen können, hätte am liebsten eine gewaltige Menge von Magie freigesetzt, um die Sliph zu kochen und auf diese Weise zum Reden zu bringen.

»Wenn du uns nicht hilfst«, sagte sie schließlich im Tonfall bemühter Ruhe, »wirst du schlimmere Schmerzen erleiden als durch die Bestie. Dafür werde ich sorgen. Zwing mich bitte nicht dazu. Wir wissen, dass du Richard beschützen willst. Genau das Gleiche versuchen wir auch.«

Einer silbernen Statue gleich, starrte die Sliph schweigend geradeaus, so als versuchte sie, die Drohung abzuwägen. Cara presste ihre Finger an die Schläfen. »Es ist, als würde man versuchen, mit einer Wand zu reden«, murmelte sie.

Nicci bedachte die Sliph mit einem zornigen Funkeln. »Du wirst uns jetzt zu deinem Herrn bringen. Das ist ein Befehl.«

»Du solltest besser tun, was sie sagt«, setzte Cara hinzu, »oder du kriegst es mit mir zu tun.«

Um ihrer Drohung Nachdruck zu verleihen, ließ die Mord-Sith ihren Strafer in die Hand schnellen.

Doch kaum war dies geschehen, erstarrte sie urplötzlich und starrte auf die Waffe. Alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen, selbst ihre Hände hoben sich weiß gegen das rote Leder ihres Anzugs ab. Nicci beugte sich zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

»Was ist denn?«

Endlich kam Bewegung in Caras starren, offenen Mund. »Er ist erloschen.«

»Wovon redet Ihr?«

Ungezügelte Panik stand in Caras blauen Augen. »Mein Strafer liegt wie tot in meiner Hand. Ich kann ihn nicht mehr fühlen.«

Obwohl das erschrockene Entsetzen im Tonfall der Mord-Sith nicht zu überhören war, wusste Nicci nicht, woher es rührte. Dass der Strafer ihr keine Schmerzen bereitete, schien ihr schwerlich ein Grund zur Panik. Gleichwohl hatte dieses blanke Entsetzen etwas Ansteckendes.

»Hat das irgendetwas zu bedeuten?«, fragte Nicci, obwohl sie die Antwort fürchtete.

Die Sliph verfolgte die Szene von der anderen Seite des Brunnens aus.

»Der Strafer erhält seine Kraft durch unsere Bande zu Lord Rahl über seine Gabe.« Wie zum Beweis hielt sie ihr die Waffe vors Gesicht. »Ist der Strafer tot, dann gilt das Gleiche für Lord Rahl.«

»Hört zu, Cara, wenn es sein muss, werde ich von meiner Kraft Gebrauch machen, um die Sliph zu zwingen, uns zu ihm zu bringen. Trotzdem solltet Ihr keine vorschnellen Schlüsse ziehen. Wir können doch gar nicht wissen ...«

»Er ist nicht mehr da.«

»Wo ist er nicht?«

»Nirgendwo.« Cara starrte noch immer auf die Waffe, die sie in ihren zitternden Fingern hielt. »Ich kann die Bande nicht mehr spüren.« Sie hob den Kopf und sah Nicci aus ihren klaren blauen Augen an. »Normalerweise verraten die Bande uns jederzeit Lord Rahls ungefähren Aufenthaltsort; aber jetzt kann ich ihn nicht mehr spüren. Er ist... nirgendwo.«

Eine Woge von Übelkeit überkam Nicci. Auf einmal fühlte sie sich vollkommen kraftlos. Ein taubes Gefühl breitete sich in ihren Fingern und Zehen aus.

Sie wandte sich wieder herum zur Sliph.

Doch die war nicht mehr da.

Nicci lehnte sich über die Ummauerung und spähte in den Brunnen hinab. Tief unten erblickte sie einen matten silbrigen Schimmer in der Dunkelheit, kurz bevor er endgültig erlosch und nichts als Schwärze zurückblieb.

Sie wandte sich wieder um zu Cara, krallte ihre Hand in die Schulter ihres Lederanzugs und sprang, Cara hinter sich herziehend, von der Ummauerung herunter.

»Kommt. Ich kenne jemanden, der uns sagen kann, wo Richard ist.«

32

Cara neben sich, hastete Nicci den von Fackeln beleuchteten Flur entlang, lief über kunstvoll gemusterte, ihre Schritte dämpfende Teppiche, vorbei an Zimmern, in denen Öllampen das nur spärlich vorhandene Mobiliar in warmes Licht tauchten. Die Burg der Zauberer, nahezu ebenso gewaltig wie der Berg, der ihr unter seinen unerschütterlichen steinernen Schultern Schutz bot, wirkte verlassen und unheimlich. Nicci hatte mehrere Jahrzehnte in dem unter dem Namen Palast der Propheten bekannten Gebäudekomplex verbracht, der in mancher Hinsicht an die Burg der Zauberer erinnerte, nur dass dort ein reges Treiben von Hunderten von Menschen jeglicher Art geherrscht hatte, die ausnahmslos dort lebten, angefangen bei der Prälatin bis hin zu den jungen Burschen, die sich um die Ställe kümmerten. Auch das war ein Ort der Zauberer gewesen - Zauberer, die noch in der Ausbildung waren, jedenfalls. Die Burg existierte zum Wohle der Menschheit, und doch stand sie jetzt stumm und verlassen von allen, die ihr hätten Leben einhauchen können. Wenn es einen Ort gab, von dem man behaupten konnte, dass er verlassen wirkte, dann ganz gewiss das gewaltige Bauwerk der Burg der Zauberer.