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Getrieben von ihrer Treue und Liebe zu Richard, von der Angst, ihm könnte das Allerschlimmste zugestoßen sein, gab Cara ihr Äußerstes. Nicci, die von der Angst getrieben war, womöglich gar seinen Tod in Betracht ziehen zu müssen, rannte nicht minder schnell, so als wollte sie ihm um jeden Preis zuvorkommen. Und doch durfte sie diesen Gedanken eigentlich nicht denken, denn sonst wäre sie vor Verzweiflung zusammengebrochen. Eine Welt ohne Richard war in ihren Augen eine tote Welt.

Das Geräusch ihrer Schritte hallte durch die Burg wie das gespenstische Geflüster der längst verstorbenen Seelen derer, die einst in diesen Hallen gewandelt waren, einst diese Stufen erklommen hatten, hier an diesem Ort gelacht, geliebt und gelebt hatten. Am Ende der dritten Treppenflucht führte Nicci, deren Beine mittlerweile von der übermenschlichen Anstrengung schmerzten, sie in eine breite Passage. Als sie an den in einem freundlichen, rötlich braunen Kirschton gehaltenen Pfeilern vorüberkam, welche die ausgedehnten, bunten, bleiverglasten Flächen unterteilten, gab sie Cara mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie im nächsten Seitengang nach rechts abbiegen würden.

Endlich im Labyrinth kleinerer Flure angekommen, durch das man in ihre Wohnquartiere gelangte, erspähte Nicci in der Ferne Zedd, der ihnen, dicht gefolgt von Rikka, bereits entgegengeeilt kam. Einen finsteren Ausdruck im Gesicht, blieb der alte Zauberer stehen und wartete, bis sie das letzte Stück des Weges zurückgelegt hatten.

»Was ist los?«, fragte er. Offenbar hatte er ihren Mienen bereits angesehen, dass irgendetwas schiefgegangen war.

»Wo ist Lord Rahl?«, verlangte Rikka zu wissen, kaum war sie hinter ihm stehen geblieben.

Nicci kannte den ängstlich sorgenvollen Blick in ihren Augen nur zu gut. Es war derselbe Ausdruck, den auch Cara im Gesicht trug, seit sie festgestellt hatte, dass ihr Strafer nicht mehr funktionierte. Ein kurzer Blick nach unten zeigte ihr, dass Rikka, genau wie Cara, ihren Strafer mit der geballten Faust umklammert hielt, so fest, dass deren Knöchel weiß hervortraten. Nur waren die Talismane ihrer Verbundenheit mit Lord Rahl jetzt erloschen.

»Wo ist mein Enkelsohn?«, fragte Zedd zurück. »Wieso ist er nicht bei euch?«

In seiner Frage schwang ein Vorwurf mit, so als wollte er sie an Niccis Versprechen erinnern, und an die Warnung, die Jebra ihnen vor ihrem Aufbruch mit auf den Weg gegeben hatte.

»Zedd«, begann Nicci, »das wissen wir nicht genau.«

Fragend neigte der Zauberer seinen Kopf mit den unordentlich nach allen Seiten abstehenden Haaren zur Seite. Der Blick, mit dem er sie dabei bedachte, war eindeutig der des Zauberers, der die Oberhand über den besorgten Großvater gewann.

»Kommt mir jetzt nicht mit Ausflüchten, Kind.«

Wäre die Lage nicht so todernst gewesen, hätte Nicci ihm ob dieser Bezeichnung wahrscheinlich ins Gesicht gelacht.

»Wir befanden uns alle zusammen in der Sliph und waren auf dem Weg zurück in die Burg der Zauberer«, erklärte Nicci, »als wir irgendwo unterwegs - wenn man in der Sliph reist, lässt sich nie genau sagen, wo man sich gerade befindet - plötzlich von der Bestie angegriffen wurden.«

Einen fragenden Ausdruck im Gesicht, sah Zedd kurz zu Cara. »Von der Bestie?«

Cara nickte bestätigend.

»Und weiter, was geschah dann?«

»Das weiß ich nicht.« In einer hilflosen Geste, weil sie nicht die richtigen Worte fand, um das Erlebnis zu beschreiben, breitete Nicci die Arme aus. »Wir haben noch versucht, uns gegen sie zu wehren. Sie hatte überall diese schlangengleichen Arme. Wir haben noch gegen sie gekämpft, und als ich dann versuchte, mein Han gegen sie zu benutzen ...«

»In der Sliph?«

»Ja, nur hat es wenig genützt, eigentlich gar nichts. Ich habe eben alles versucht, was mir in den Sinn kam. Schließlich riss die Bestie mich und Cara von Richard los. In der Dunkelheit war es unmöglich, ihn wieder zu finden. Wir haben alles versucht, konnten aber überhaupt nichts erkennen - wir hatten uns ja selbst schon aus den Augen verloren. Wie ich bereits sagte, in der Sliph ist es unmöglich zu bestimmen, wo man sich gerade befindet. Man sieht nichts und hört nicht einmal wirklich etwas. Es ist ein ziemlich verwirrender und letztlich leerer Ort. So sehr wir uns auch bemühten, Richard war nirgends zu finden.«

Zedd schien mit jedem Augenblick ärgerlicher zu werden. »Und wieso seid ihr dann hier, anstatt in der Sliph nach ihm zu suchen?«

»Die Sliph hat uns ausgespien«, mischte Cara sich ein. »Und auf einmal waren wir wieder hier, in der Burg der Zauberer. Nicci und ich, wir haben beide, jede auf ihre Art, versucht, Lord Rahl zu finden, aber da war ... nichts. Weder die Bestie noch Lord Rahl. Anschließend hat die Sliph uns hier abgesetzt, was ja ohnehin unser Ziel gewesen war, bevor wir angegriffen wurden.«

»Und was habt ihr dann hier oben verloren?«, wiederholte er seine Frage in drohendem Tonfall. »Wieso seid ihr nicht längst wieder in der Sliph und sucht ihn, oder besser noch, bringt sie dazu, euch zu verraten, wo er sich befindet?«

Niccis Blick fiel auf seine geballten Fäuste; sie wusste nur zu gut, wie er sich fühlte. Sachte fasste sie ihn am Arm.

»Die Sliph hat sich geweigert, uns seinen Aufenthaltsort zu verraten. Glaubt mir, wir haben es versucht. Vielleicht kann man sie irgendwie dazu zwingen, das weiß ich nicht, aber ich glaube, ich weiß eine bessere Möglichkeit - jemand, der uns verraten könnte, wo Richard ist: Jebra.«

Zedd überlegte, die schmalen Lippen aufeinander gepresst. »Es wäre einen Versuch wert«, entschied er zu guter Letzt, »aber seid euch darüber im Klaren, dass sich die Gute seid eurer Abreise in einer ziemlich üblen Verfassung befindet. Sie ist in ihren besten Augenblicken zutiefst schwermütig, dann wieder befindet sie sich im eisernen Griff eines hysterieähnlichen Zustandes. Wir haben natürlich versucht, sie ruhigzustellen, allerdings ohne Erfolg. Ich fürchte, nach allem, was sie durchgemacht hat, ist es für sie nur umso erschreckender, auf einmal wieder mit diesen außergewöhnlichen Visionen konfrontiert zu werden. Offenbar bereitet es ihr große Schwierigkeiten, sich wieder mit ihnen auseinandersetzen zu müssen, und ganz besonders mit dieser einen. Also haben wir sie schließlich ins Bett verfrachtet, in der Hoffnung, dass sie, sobald sie mit ein wenig Ruhe wieder zu Kräften gekommen ist, diese verwirrenden Visionen besser verarbeiten kann. Immerhin befindet sie sich nicht in derselben Verfassung wie Königin Cyrilla; sie bemüht sich nach Kräften, nicht dem gleichen Wahnsinn zu verfallen. Sie weiß, dass sie uns helfen muss, aber im Augenblick überwiegt ihre Niedergeschlagenheit einfach noch ihren gesunden Menschenverstand. Im Übrigen bin ich sicher, dass ihr Unvermögen zum Teil auf ihre völlige Erschöpfung zurückgeht. Trotzdem sind wir zuversichtlich, dass sie, sobald sie ein wenig zur Ruhe gekommen ist, dem, was sie uns bereits erzählt hat, noch das ein oder andere hinzufügen kann.«

»Was hat sie überhaupt gesagt?«, erkundigte sich Nicci, in der Hoffnung, durch die Antwort einen ersten Hinweis zu erhalten. Einen Moment lang sah Zedd ihr forschend in die Augen. »Nun ja, sie sagte, ihr würdet ohne Richard zurückkommen.«

Nicci sah ihn unverwandt an. »Und was ist mit ihm passiert?«

Zedd senkte den Blick. »Das ist der Teil, den wir noch aus ihr herauszubekommen versuchen.«

Jetzt mischte sich auch Rikka ein. »Mein Strafer ist erloschen; ich kann die Bande nicht mehr spüren, und ebenso wenig Lord Rahl. Was, wenn er tot ist?«

Zedd wandte sich ein Stück herum und hob beschwichtigend die Hand, als wollte er sie bitten, sich wieder zu beruhigen. »Wir sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen. Dafür könnte es jede Menge Erklärungen geben.«