Seine These schien Cara nicht zu ermutigen. »Zum Beispiel?«
Zedd richtete seine haselnussbraunen Augen auf sie und betrachtete die Mord-Sith einen Moment lang, während er sich seine Antwort überlegte. »Das weiß ich nicht, Cara. Ich weiß es einfach nicht. Seit Jebra mir sagte, er werde nicht mit euch zurückkehren, bin ich in Gedanken alle Möglichkeiten durchgegangen. Es gibt unzählige Alternativen, aber im Augenblick so gut wie nichts Handfestes, das uns einen Ansatzpunkt liefern würde. Doch wir werden nichts unversucht lassen, so viel kann ich euch versprechen.«
Nicci schluckte den Kloß hinunter, der ihr die Kehle zu verstopfen drohte. »Jebra ist im Augenblick unsere beste Chance, herauszufinden, wo Richard sich befindet. Wenn es uns gelingt, ihr das zu entlocken, können wir etwas unternehmen. Und wenn wir etwas unternehmen können, haben wir auch eine Chance, ihm zu helfen.«
»Wenn er dann noch lebt«, bemerkte Rikka.
Nicci biss die Zähne aufeinander und bedachte sie mit einem zornigen Funkeln. »Er lebt.«
Rikka musste schlucken. »Ich wollte doch nur sagen ...«
»Nicci hat recht«, beharrte Cara. »Wir reden hier immerhin über Lord Rahl. Er lebt.« Ein Träne lief ihr über die Wange. »Er lebt.«
»Nichtsdestoweniger«, fuhr der Zauberer mit bedrückter Stimme fort, »müssen wir vorbereitet sein, sollte es zum Schlimmsten kommen.« Als er den Ausdruck auf Caras Gesicht bemerkte, zeigte er ihr ein dünnes Lächeln. »Es offen auszusprechen bedeutet nicht, dass es auch so kommen muss. Was ist, das ist. Ich will damit nur sagen, dass wir auf alle Eventualitäten gefasst sein müssen, weiter nichts. Alles andere wäre unklug. Zudem würde Richard sich ebenso verhalten, wenn er einen von uns verloren hätte, und genau so würde er sich unser Verhalten wünschen, falls ihm etwas zugestoßen wäre. Würdet ihr nicht auch davon ausgehen, dass er weiterkämpfen würde, wenn euch etwas zustieße? Wir können die Dinge, mit denen wir konfrontiert werden, nicht einfach ignorieren. Richard würde sich wünschen, dass wir weiterkämpfen, dass wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen.«
Vielleicht mehr als jemals zuvor hatte Nicci in diesem Augenblick das Gefühl, den Obersten Zauberer sprechen zu hören. Jetzt verstand sie auch, von wem Richard seine bemerkenswerte Entschlossenheit hatte.
Cara funkelte ihn zornig an. »Ihr redet über ihn, als wäre er schon tot. Aber das ist er nicht.«
Zedd schenkte ihr ein Lächeln und pflichtete ihr mit einem Nicken bei; es geriet allerdings nicht sonderlich überzeugend.
»Ich muss unbedingt mit Jebra sprechen«, sagte Nicci. »Im Augenblick ist das unser bester Ansatzpunkt. Hat sie sonst noch etwas über ihre Vision gesagt?«
Zedd seufzte. »Nicht eben viel. Ihre letzte Vision liegt schon Jahre zurück, und diese kam nicht nur völlig überraschend, sondern war offenbar auch noch von überwältigender Grauenhaftigkeit. Allmählich habe ich die Befürchtung, dass der Grund für ihr zeitweiliges Ausbleiben jeglicher Visionen mit dem zu tun hat, was Richard über das schleichende Versagen der Magie sagte. Wenn das zutrifft, spricht es Bände, dass sich trotz ihrer nachlassenden Fähigkeiten ausgerechnet diese durchgesetzt hat. Selbst in den Phasen, in denen sie bei Bewusstsein und klarem Verstand war, schien ihre Fähigkeit, die Vision mitsamt allen darin vorkommenden Geschehnissen in vollem Umfang zu erfassen, bruchstückhaft und unvollständig.«
»Vielleicht können wir ihr ja helfen, alles wieder zusammenzusetzen«, schlug Nicci so behutsam wie möglich vor, obwohl sie im Grunde absolut entschlossen war, die Frau notfalls zu zwingen, zu tun, was man von ihr verlangte.
Zedd dagegen hielt das offenbar nicht für eine erfolgversprechende Idee, trotzdem schien er seine Kräfte lieber in den Versuch investieren zu wollen, als sich in das Unvorstellbare zu fügen.
»Hier entlang«, sagte er, machte schwungvoll kehrt und eilte los, den schwach beleuchteten Flur entlang.
Flankiert von Nicci und den beiden Mord-Sith, klopfte Zedd leise an die eher kleine, oben abgerundete Mahagonitür, deren Fächer Schnitzereien von kunstvoll verschlungenen Ranken und dichtem Blattwerk zierten. Während er auf Antwort wartete, sagte er zu Rikka: »Geht und holt Nathan. Sagt ihm, es sei wichtig, und dass er packen soll. Er wird schnellstmöglich aufbrechen müssen.«
Während Rikka durch den Flur davoneilte, klopfte Zedd erneut, ein wenig lauter diesmal. Als wieder keine Reaktion erfolgte, sah er über seine Schulter zu Nicci und fragte, am Aufschlag seines einfachen Gewandes nestelnd: »Habt Ihr auch dieses ... merkwürdige Gefühl?«
Nicci ging ein solches Chaos aberwitziger Gedanken durch den Kopf, dass sie gar nicht darauf geachtet hatte; schließlich befanden sie sich in der Burg der Zauberer. Überall gab es Alarmsysteme, die sie vor unerwünschten Besuchern schützen sollten.
Sie schob die Gedanken beiseite, als ihre Wahrnehmung in einen Zustand erhöhter Bewusstheit überging.
»Jetzt, da Ihr es erwähnt, da ist tatsächlich etwas, das sich ... merkwürdig anfühlt.«
»Merkwürdig? Inwiefern?«, fragte Cara und ließ ihren Strafer erneut in die Hand schnellen. Einen winzigen Augenblick lang wirkte sie verblüfft, ehe plötzliche Einsicht ihrer Verwunderung ein Ende machte.
Behutsam löste Nicci die Hand des Zauberers vom Hebel, ehe dieser die Tür öffnen konnte. »Es ist doch niemand bei ihr, oder? Tom oder Friedrich vielleicht?«
Zedd sah sie stirnrunzelnd an. »Nicht dass ich wüsste. Die beiden machen draußen ihre Runde. Ich wachte gerade an Jebras Krankenbett, als ich euer Kommen spürte. Sie schlief tief und fest. Ich wollte in der Nähe sein, für den Fall, dass sie aufwachte und mir mehr über ihre Vision erzählen konnte. Anschließend ließ ich sie allein und kam her, um euch zu empfangen, in der Hoffnung, sie hätte sich, was Richard anbetrifft, vielleicht getäuscht. Ann und Nathan sind bereits zu Bett gegangen, es könnte also vermutlich auch einer von den beiden sein.«
Nicci, das magische Empfindungsvermögen jetzt in höchster Alarmbereitschaft, schüttelte den Kopf. »Es ist keiner von beiden. Sondern irgendetwas anderes.«
Den Blick starr in die Ferne gerichtet, etwa so, wie man auf einen Laut horcht, dachte Zedd angestrengt darüber nach, doch Nicci wusste, dass er eigentlich gar nicht auf verräterische Geräusche lauschte. Vielmehr tat er dasselbe wie sie; er versuchte mithilfe seiner Gabe zu erkunden, was ihren anderen Sinnen verborgen blieb, versuchte die Gegenwart von Leben zu spüren. Doch soweit Nicci es spüren konnte, befanden sich nur drei Personen in unmittelbarer Nähe; sie selbst, Zedd und Cara, sowie, ein wenig schwächer auf der anderen Seite der Tür, Jebra.
Aber da war auch noch etwas anderes, obwohl das Gefühl keinen rechten Sinn ergab. Es war eine Anwesenheit, allerdings nicht die Art der Wahrnehmung, die sie gehabt hätte, hätte eine weitere Person dort hinter der Tür gelauert.
Trotzdem war ihr, als hätte sie erst vor Kurzem eine ganz ähnliche Wahrnehmung empfangen. Die Stirn angestrengt in Falten gelegt, versuchte sie sich zu erinnern.
»Ich habe in dem gesamten Bereich hier zusätzliche Alarmsysteme anbringen lassen«, erklärte ihr Zedd.
Nicci nickte. »Ich weiß; ich habe sie gespürt.«
»Es ist völlig ausgeschlossen, dass jemand sie passiert haben könnte. Das hätte ich bemerkt. Verdammt, nicht einmal eine Maus könnte durch die Fallen schlüpfen, die ich angebracht habe.«
»Könnte es vielleicht damit zusammenhängen, was Lord Rahl uns erzählt hat?«, frage Cara mit gesenkter Stimme. »Ich meine, dass mit der Magie womöglich etwas nicht stimmt? Könnte es nicht sein, dass mit Eurer Gabe etwas nicht stimmt und Ihr deswegen diese Wahrnehmungen empfangt?«
Zedd warf ihr einen verdrießlichen Blick zu. »Wollt Ihr damit sagen, Ihr glaubt, unsere Gabe ist... was? Verwirrt?«
Cara zuckte die Achseln, führte ihre Idee dann aber näher aus. »Viel weiß ich nicht über Magie, aber vielleicht ist es ja das, was mit meinem Strafer nicht stimmt. Vielleicht ist das schon alles. Lord Rahl hat ziemlich nachdrücklich darauf beharrt zu wissen, dass die Magie beeinträchtigt ist. Vielleicht gilt das in gleichem Maße für das Wahrnehmungsvermögen Eurer Gabe. Womöglich war der Schluss, den ich daraus gezogen habe, vollkommen falsch, und es liegt tatsächlich alles nur an dieser Beeinträchtigung.«