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Zedd schnaubte verärgert, er fand die Idee ganz offensichtlich lächerlich. Zum Beweis wies er mit ausgestrecktem Arm auf die Öllampen auf den Tischchen gleich neben der Tür, die daraufhin augenblicklich erloschen. »Also, so weit funktioniert meine Kraft noch, was bedeutet, dass sie funktioniert«, entschied er mit leiser Stimme. Mit einem beherzten Blick auf Nicci legte er seine Hand wieder auf den Hebel. »Macht euch auf alles gefasst.«

»Augenblick noch«, rief Nicci.

Zedd sah über seine Schulter. Sein Gesichtsausdruck war in dem trüben Licht schlecht zu erkennen, nicht aber seine Augen. In ihnen erkannte sie etwas, das sie an Richards erinnerte.

»Was ist denn?«, fragte er unwirsch.

»Mir ist gerade etwas eingefallen, was mir schon seit einiger Zeit zu denken gibt.«

Die Finger aneinandergelegt, versuchte sie sich rasch die Einzelheiten in Erinnerung zu rufen. Schließlich sprach sie und fuchtelte dabei mit dem Finger. »Als die Bestie uns auf unserer Reise in der Sliph attackierte, spürte ich etwas Merkwürdiges. Zunächst habe ich dem keine Bedeutung beigemessen, da der Aufenthalt in der Sliph von vornherein so sonderbar ist, dass man schwer unterscheiden kann, ob eine Wahrnehmung dort bedeutsam oder sogar gänzlich außergewöhnlich ist. Ganz alltägliche Gefühle erscheinen einem dort manchmal phantastisch, ja geradezu übernatürlich. Man weiß einfach nie, ob das nur an der Konzentration der unvertrauten Wahrnehmungen liegt oder vielleicht an etwas ganz anderem.«

»Wann genau hattet Ihr diese Wahrnehmung?«, hakte Zedd nach. Plötzlich schien er sich brennend für ihre Ausführungen zu interessieren. »Die ganze Reise über oder nur zu einem bestimmten Zeitpunkt?«

»Nein, wie ich schon sagte, es war gleich nachdem die Bestie uns attackiert hatte.«

»Ein bisschen genauer, bitte. Denkt nach. War es, als die Bestie angriff? War es vielleicht, als sie Richard packte? Oder eher, als sie Euch zu greifen versuchte?«

Die Fingerspitzen an die Schläfe gepresst, schloss sie fest ihre Augen und versuchte verzweifelt, sich präzise zu erinnern. »Nein ...nein, es war, nachdem ich von Richard fortgerissen wurde. Nicht unmittelbar danach, sondern kurze Zeit später.«

»In welcher Reihenfolge haben sich diese Vorfälle ereignet?«

»Nun, die Bestie griff an, dann haben wir uns gegen sie gewehrt. Ich machte Gebrauch von meiner Gabe, allerdings ohne dass es etwas genutzt hätte. Dann tat die Bestie mir weh, und Richard durchtrennte mit seinem Messer einige der Tentakel, womit er mich davor bewahrte, zerquetscht zu werden.

Kurz darauf riss die Bestie Cara von ihm los, und nicht viel später auch mich. Da ist es passiert - nicht unmittelbar danach, aber wenige Augenblicke später. Ich erinnere mich so genau, weil ich gerade wie von Sinnen nach Richard suchte, als ich diese merkwürdige Wahrnehmung spürte.«

Nicci sah zu dem Zauberer hoch. »Die Sache ist die, unmittelbar nachdem ich diese Wahrnehmung hatte, konnte ich die Anwesenheit der Bestie nicht mehr spüren. Ich habe es versucht, ich habe Richard zu finden versucht, aber es war unmöglich. Als die Sliph uns dann zurück zur Burg der Zauberer jagte, klang das Gefühl so rasch ab, dass ich es ganz vergessen habe.«

»Wie hat es sich denn angefühlt - diese Wahrnehmung?«

Nicci gestikulierte. »Genau so wie das, was sich hinter dieser Tür befindet.«

Zedd starrte sie einen Moment lang an. »Es fühlt sich genau so an? Etwa wie eine Art... summender Energiestrom?«

Nicci nickte. »Wie eine magische Entladung, für die es jedoch keinerlei Anlass gibt.«

»Magie scheint sich oft vollkommen grundlos zu entfalten«, warf Cara ein. »Was ist daran so merkwürdig?«

Zedd schüttelte den Kopf. »Magie entfaltet sich nicht einfach so, ohne einen bestimmten Zweck. Magie besitzt kein Bewusstsein, diese Empfindung dagegen ahmt in gewisser Weise ebendiese bewusste Zielgerichtetheit nach.«

»Genau«, bestätigte Nicci. »Genau das war auch mein Eindruck. Es fühlte sich deswegen so sonderbar an, weil Magie mit einer derartigen Ausrichtung nicht völlig absichtslos sein kann. Es handelt sich hier um eine beherrschende Kraft, die ihre charakteristischen steuernden Präsenzfelder selbst erzeugt, allerdings ohne dass für den Vorgang Leben erforderlich wäre.«

Zedd straffte sich. »Das ist eine sehr treffende Beschreibung dessen, was auch ich spüre.« Argwöhnisch musterte er die Tür. »Ich denke, wir sollten näher rangehen; möglicherweise können wir es dann deutlicher spüren und herausfinden, um was es sich handelt. Wenn wir nahe genug herankommen, lässt es sich vielleicht sogar analysieren.« Er warf den beiden einen Blick zu. »Aber auf jeden Fall sollten wir Vorsicht walten lassen, was meint ihr?«

Die drei drängten sich dicht aneinander, als der Zauberer behutsam den Hebel umlegte und die Tür langsam aufdrückte. Obwohl die Tür einen Spaltbreit geöffnet war, war Niccis Wahrnehmung nicht ausgeprägter als zuvor, als sie noch geschlossen war. Zedd steckte kurz seinen Kopf hinein und stieß sie dann vollends auf. Im Zimmer herrschte völlige Dunkelheit; nur das trübe Licht vom Flur ließ einige Umrisse und Schatten der darin befindlichen Gegenstände erkennen.

An der fernen Wand zu ihrer Linken konnte Nicci einen leeren Stuhl ausmachen, über dessen Lehne eine säuberlich gefaltete Steppdecke drapiert war. Unweit der Tür stand auf derselben Zimmerseite ein niedriger, runder Tisch mit einer nicht brennenden Lampe darauf. Das Bett jenseits des Tisches war leer. Die zerknüllten Laken waren seitlich aus dem Bett geschoben worden und bildeten am Fußboden ein unordentliches Knäuel. Wie Zedd und Cara, so ließ auch Nicci den Blick durch den Raum schweifen, doch Jebra war nirgends zu sehen. Falls sie sich an einer anderen Stelle des Zimmers befand, war es zu dunkel, um sie zu erkennen. Jetzt, da die sonderbare Empfindung im Zimmer stärker ausgeprägt war, war Niccis geistige Wahrnehmung nicht sehr hilfreich.

Zedd schickte ein kurzes Aufflackern seines Han in die Lampe, doch da ihr Docht heruntergedreht war, reichte das Licht nicht aus, um die tiefen Schatten in den Ecken oder hinter dem Kleiderschrank auf der anderen Seite des Zimmers zu vertreiben. Von Jebra war noch immer nichts zu sehen.

Nicci hatte sich von allen Sinneseindrücken freigemacht und konzentrierte sich stattdessen ganz auf die von ihrem Han beherrschte Wahrnehmung. Mit einem Schritt war sie an Zedd vorbei, dann blieb sie angespannt und vollkommen reglos mitten im Zimmer stehen und lauschte. Mithilfe ihrer Gabe versuchte sie sich dem Gefühl einer weiteren, irgendwo im Dunkeln lauernden Anwesenheit zu öffnen, doch da war nichts.

Eine kaum merkliche Brise ließ die Vorhänge rascheln. Beide aus kleinen Glasscheiben bestehenden Türflügel waren auf einen kleinen Balkon geöffnet. Von dem Balkon vor ihrem eigenen ganz in der Nähe gelegenen Zimmer wusste Nicci, dass auch dieser auf die lichtlose Stadt tief unten am Fuß des Berges blickte. Oben auf der Balkonbrüstung verdeckte eine dunkle Silhouette die darunterliegende mondlichtbeschienene Landschaft.

Hinter Niccis Rücken drehte Zedd den Docht der Öllampe hoch. Als das Licht aufflammte, sah Nicci, dass die Gestalt dort draußen auf dem Balkon Jebra war, die barfuss mit dem Rücken zu ihnen auf der mächtigen Steinbrüstung stand.

»Bei den Gütigen Seelen«, entfuhr es Cara flüsternd, »sie wird doch nicht etwa springen!«

»Jebra«, rief Zedd mit leiser, bedachtsamer Stimme, »wir sind gekommen, um Euch zu besuchen.«

Falls Jebra ihn gehört hatte, ließ sie es sich durch nichts anmerken. Nicci glaubte allerdings nicht, dass sie außer dem gespenstischen Wispern der Magie überhaupt etwas hörte. Sie konnte die schwachen Wogen jener fremdartigen Kraft an sich vorbeirauschen fühlen, die sich summend auf die Seherin zubewegten. Diese stand bewegungslos wie eine Statue auf der Brüstung und schaute mit starrem Blick über die tief unten liegende Stadt Aydindril hinweg. Eine sanfte Brise zauste ihr kurz geschnittenes Haar. Obwohl der Balkon das Tal unten überblickte, befand er sich, wie Nicci wusste, nicht unmittelbar über der Außenmauer der Burg. Trotzdem hatte Jebra bis hinunter in einen der inneren Burghöfe, auf die Gehwege, die Mauergänge oder Schieferdächer des Bergfrieds einen Sturz von mehreren Hundert Fuß vor sich. Angesichts einer solchen Fallhöhe war es unerheblich, dass sie im Falle eines Sturzes oder Sprungs nicht direkt den steilen Berghang hinabstürzen würde; ein Aufprall auf den Mauern des Bergfrieds tief unten würde sie ebenso gewiss zerschmettern.