Es war ein verwirrendes Rätsel für Hresh, seine Entdeckung, daß die Sonne sich solchermaßen fortbewegte. Denn er wußte schließlich, daß sie ein großer Feuerball war, der den ganzen Tag über droben schwebte und dann in der Nacht erlosch — „Tag“ war also, wenn die Sonne da war und „Nacht“, wenn dies nicht der Fall war —, aber es war für ihn schwierig zu begreifen, wieso sie sich bewegen konnte. Hing sie denn nicht festverhaftet an ihrem Ort? Er mußte unbedingt Thaggoran darüber befragen — ein wenig später. Für den Augenblick war seine Entdeckung der Sonnenbewegung nur eine unerklärliche Überraschung. Er vermutete jedoch, daß weitere, noch größere Überraschungen vor ihm lagen.
2. Kapitel
Und gierend geifernd nach deinem Fleisch
Thaggoran schlurfte weiter, dicht an seinem Platz hinter Koshmar und Torlyri her. Es pochte in seinem linken Knie, und beide Fußgelenke waren steif, und der schaurig-kalte Wind biß ihm durch den Pelz, als trüge er gar keinen. Seine Augen waren geschwollen und verklebt von der stechenden Sonne. Es gab kein Entrinnen vor diesem gewaltigen wütenden wabernden Licht. Es erfüllte das ganze Firmament und strahlte von jedem Fels, jedem Fleckchen Boden zurück.
Es war eine schwere Mühsal für einen Mann von fast fünfzig Jahren, das kuschelige Wohlbehagen im wohnlichen Kokon preiszugeben und durch solch ungewohnte, abweisende Weltweite zu wandern. Doch war es gerade die Ungewohntheit, die Fremdartigkeit, die ihn vorantrieben, Stunde um Stunde, Tag um Tag. Denn trotz all seines eifrigen Studiums in den Chroniken hatte er sich nie vorgestellt, daß es in der Welt derartige Farben, solche Gerüche, solche Formen geben könne.
Das Land hier war rauh und nahezu leer, eine breite unfruchtbare Ebene. Ihre Abgestorbenheit wirkte entmutigend. Ringsum sah Thaggoran nur angstzerquälte Gesichter. Furcht hatte das ganze Volk ergriffen. Sie spürten eine schreckliche Nacktheit und Entblößung, nachdem sie ihren Kokon verlassen hatten und sich nun dermaßen weit entfernt von dem vertrauten Versteck befanden, das ihnen ihr Lebtag lang Schirm und Schutz und Heimat geboten hatten. Aber Koshmar und Torlyri mühten sich gewaltig, die drohende Panik von den Wandernden abzuwehren. Thaggoran sah, wie sie immer und immer wieder denen zuhilfe eilten, die von ihren Ängsten überwältigt zu werden drohten. Er selbst verspürte wenig Furcht, bestenfalls die vor der drohenden Erschöpfung; doch er zwang sich weiter und lächelte tapfer, wenn immer jemand zu ihm herblickte.
Als der Tag verstrich, dunkelte der Himmel mehr und mehr: aus einem hellen harten Fahlblau blühte eine dunklere, üppigere Färbung, die dann, während die Schatten sich sammelten, fast purpurn und dann düstergrau wurde. Das hatte er nicht erwartet. Er wußte über die Gegebenheiten von Tag und Nacht aus den Chroniken, aber er hatte sich stets vorgestellt, die Nacht sinke herab wie ein Vorhang, der das Licht wie mit einem einzigen Hieb abschneidet. Daß sie langsam dahergeschritten komme durch die späten Stunden, daran hatte er nicht gedacht, ebensowenig daran, daß das Licht der Sonne sich gleichfalls verändern könne, über den Nachmittag hin immer rötlicher würde, bis dann, wenn das Firmament sich gerade grau zu färben begann, die Sonne sich in einen prallen roten Ball verwandelte, der dicht über dem Horizont schwebte.
Spät am Nachmittag des ersten Tages, als gerade die langen Purpurschatten über das Land zu kriechen begannen, war die vorderste Marschlinie auf drei große vierbeinige Bestien gestoßen, Tiere mit mächtigen spießartigen Hörnern, die scharlachrot in Dreierpaaren von ihren Schnauzen hervorragten. Sie weideten anmutig an einem Hang und bewegten sich dabei mit achtsam hochbeinigen Schritten, als tanzten sie einen feierlichen Tanz. Doch bei der ersten Witterung, die sie von den Menschen bekamen, rissen sie entsetzt die Köpfe empor und stoben in wilder Flucht mit verblüffender Schnelligkeit über die Ebene davon.
„Hast du die gesehen?“ fragte Koshmar. „Was waren das für Geschöpfe, Thaggoran?“
„Weidende Tiere“, sagte er.
„Aber wie lautet ihr Name, Alter Mann! Wie heißen sie, diese Geschöpfe?“
Er kramte in seinem Gedächtnis. Das „Bestiarium“ sagte nichts über langbeinige Geschöpfe mit dreipaarigen langen roten Stacheln auf den Nasen.
„Ich glaube, sie sind wohl während des Langen Winters erschaffen worden“, brachte Thaggoran vor. „Es sind keine Tiere, wie es sie in der Großen Welt gab.“
„Bist du dir ganz sicher?“
„Ja. Es handelt sich um unbekannte Geschöpfe“, sagte Thaggoran hartnäckig.
„Dann müssen wir ihnen aber einen Namen geben“, sagte Koshmar entschlossen und bestimmt. „Wir müssen allem einen Namen geben, das wir sehen. Denn, Thaggoran, wer weiß, vielleicht sind wir das einzige Menschenvolk, das es noch gibt. Also wird die Benennung mit Namen eine unserer Aufgaben sein.“
„Und das ist eine gute Aufgabe“, sagte Thaggoran, aber er dachte dabei an den brennenden Schmerz in seinem linken Knie.
„Also, welchen Namen sollen wir ihnen geben? Na, komm schon, Thaggoran, nenn uns einen Namen für sie!“
Er hob den Blick und sah die hohen graziösen Tiere in scharf gezeichneten Silhouetten vor dem dunklen Himmel auf dem Kamm eines fernen Hügels, von wo aus sie argwöhnisch zu der Marschkolonne herabspähten.
„Tanzhörner“, sagte er, ohne zu zögern. „Diese Tiere nennt man Tanzhörner.“
„So sei es denn! Tanzhörner sind sie!“
Die Dunkelheit verdichtete sich. Der Himmel war nun beinahe schwarz. Thaggoran blickte in die Höhe und sah ein paar Vögel mit weiten Schwingen im Dämmerlicht nach Osten fliegen, doch sie flogen zu weit droben, hoch über ihm, als daß er auch nur den Versuch einer Identifizierung hätte wagen können. Er stand da und starrte empor, und er malte sich aus, wie es sein mußte, wenn er selbst da so hoch droben dahinschwebte, mit nichts außer der Luft unter sich; für eine kurze Weile war dieser Gedanke erheiternd und erhebend, dann verwandelte er sich in Entsetzen, und er spürte in sich einen würgenden, ekligen Schwindel aufsteigen, der ihn fast hätte zu Boden stürzen lassen. Er atmete tief und wartete, daß es vorbeigehen möge. Dann hockte er sich nieder, grub die Knöchel seiner Hände in die trockene Festigkeit des sandigen Bodens, beugte sich vor und preßte sein ganzes Körpergewicht gegen die Erde. Sie trug und hielt ihn, genau wie es vordem der Boden des Kokons getan hatte. Das war tröstlich und beruhigend. Nach einer Weile erhob er sich und schritt weiter.
In der sich verdichtenden Schwärze begannen scharfe helle brennende Lichtpunkte aufzutauchen. Hresh hatte sich zu ihm vorgeschlichen und fragte, was das sei.
„Das sind die Sterne“, sagte Thaggoran.
„Was macht sie so hell? Brennen sie? Dann muß das aber ein sehr kühles Feuer sein.“
„Nein“, antwortete Thaggoran, „ein sehr feuriges Feuer, ein rasendes Feuer wie das Feuer der Sonne. Denn, Hresh, auch sie sind Sonnen. Wie die große Sonne, die Yissou in den Taghimmel gesetzt hat, um die Welt zu wärmen.“
„Die Sonne ist viel größer als die da. Und viel, viel heißer.“
„Aber nur, weil sie uns näher ist. Glaub mir Sohn: Was du da siehst, das sind feurige Kugeln, die im Himmel hängen.“
„Aha. Kugeln aus Feuer. Und sie sind sehr weit weg?“
„So weit weg, daß der kühnste Krieger bis an sein Lebensende laufen müßte, um nur den allernächsten von ihnen zu erreichen.“
„Aha“, sagte Hresh. „Aha.“ Und er stand da und starrte lange zu diesen — Sternen hinauf. Auch andere hatten innegehalten und beobachteten die verwirrenden flimmernden Lichterspitzen, die in immer größerer Zahl über dem Firmament auftauchten. Thaggoran verspürte ein Frösteln über seinen Leib laufen, und es kam nicht vom Abendwind. Er schaute das Himmelsfirmament voller Sonnen, und er wußte, es waren Welten um alle diese Sonnen angeordnet, und er verspürte das Verlangen, auf die Knie zu fallen und mit seiner Stirn die Erde zu berühren, zum Zeichen, daß er erkannt habe, wie winzig er sei und wie gewaltig die Götter, die das Volk in diese maßlose Welt herausgeführt hatten, diese Welt hier, die nur ein Sandkörnchen in der Unermeßlichkeit des Universums war.