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Doch dann endlich hob Hresh den Sammetbeutel zum erstenmal aus der Lade der Chroniken und hielt ihm mit beiden Händen behutsam fest. Das Säckchen war klein, klein genug, um in einer Hand Platz zu finden, und es verströmte eine leichte Wärme.

Sternenstoff, sagte man. Was bedeutete dies?

Er hatte erst beim Auszug aus dem Kokon erfahren, was ein Stern ist, als er die vielen zum erstenmal am Himmel erblickt hatte, diese zauberhaften hellen Lichtpunkte, die dort oben in der Finsternis brannten. Feurige Kugeln, das sind sie, hatte Thaggoran gesagt. Wenn sie uns näher wären, sie würden so heiß lodern wie die Sonne. War also der Wunderstein ein Stück von einem Stern?

Doch die lichtspendenden Sterne, soviel wußte Hresh, waren nicht die einzigen Sterne am Himmel. Es gab da auch die Todessterne, diese schrecklichen Dunkelkörper, die auf die Welt herniedergestürzt waren und den Langen Winter gebracht hatten. Und die bestanden keineswegs aus Feuer; es waren Kugeln aus Eis und Felsgestein, sagten die Chroniken. Hresh wog den Beutel mit dem Barak Dayir in der Hand. Sollte da drin das Stück eines Todessterns sein? Er versuchte sich die wilde Bahn des torkelnden Sterns vorzustellen, das Donnergetöse, mit dem er auf der Erde aufschlug, die Wolken von Staub und Rauch, die das Licht der Sonne erlöschen ließen und die tödliche Kälte brachten. Das da? Dieses kleine Ding in seiner Hand — ein Bruchstück des gigantischen Unheils?

In den Chroniken stand auch, daß die fernen Himmelssterne von Welten umgeben sind, die ihnen aufwarten, ganz ebenso wie diese Welt hier, auf der die Völker lebten, Dienerin ihrer eigenen Sonne ist. Auf diesen fremden Welten gab es Leute von aller möglichen Art. Vielleicht, bedachte Hresh, ist der Stein auf einer Welt eines dieser anderen Sonnensterne gemacht worden. Er berührte das Ding durch den Stoff und ließ eine fremde Welt in sein Gehirn strömen, gelber Himmel, reißende purpurne Flüsse, eine rote Sonne, die am Tage schwelend brannte, sechs kristallen singende Monde am nächtlichen Himmel.

Vermutungen. Nichts als Vermutungen. Er stolperte im Finstern umher. In den Chroniken standen alle möglichen Informationen, aber nichts, was ihm hier hätte helfen können.

Er schlug die Fünf Heiligen Zeichen. Er flehte um Schutz zu Yissou und dann zu Dawinno, der ihm stets besondere Gunst erwiesen hatte. Sodann atmete er langsam tief ein und zog ängstlich den Barak Dayir aus seiner Umhüllung. Dabei dachte er: Vielleicht nehme ich nun den Tod in meine Hände. Und es überraschte ihn, wie ruhig er dabei war.

Wenn der Stein ihn töten sollte, nun, dann würde er eben sterben. Eine Stimme in seinen Kopf befahl ihm dröhnend wie ein Gong, daß er das alles trotzdem tun müsse, daß er es seinem Stamm und auch sich selbst schulde, sich endlich an die Geheimnisse dieses Dinges zu wagen, wie hoch auch die Gefahren sein mochten.

Der Barak Dayir war angenehm anzuschauen, aber nicht irgendwie außergewöhnlich. Er war ein polierter Stein, länger als breit, braun mit blauroten Einsprengsein und an einem Ende spitz zulaufend. Obwohl er sich so glatt und weich anfühlte, als könnte ihn ein Fingernagel zerkratzen, war er doch in Wahrheit fest und hart, furchtbar hart. Und abgesehen von seinem schmucken Aussehen hätte es sehr wohl weiter nichts als eine kleine Speerspitze sein können. Entlang den Kanten verliefen verwirrende, verschlungene eingegrabene Kerben und bildeten ein derart feines Muster, daß er es nahezu nicht erkennen konnte, so scharf seine Augen auch sein mochten.

Er hielt den Stein eine Weile in der Linken, dann nahm er ihn in die rechte Hand. Er fühlte sich warm an, aber nicht unangenehm warm. Es ging etwas beinahe Heilsames von ihm aus. Jedenfalls schien er Hresh nicht töten zu wollen. Seine Furcht schwand mehr und mehr, allerdings betrachtete er ihn auch weiterhin ehrfürchtig.

Aber was tat man damit? Wie brachte man den Stein dazu, daß er einem gehorchte?

Er hielt ihn ans Ohr, vielleicht war in seinem Innern eine Stimme vernehmbar, doch er hörte nichts. Er drückte ihn zwischen beiden Handflächen, ohne Ergebnis. Dann preßte er ihn fest an die Brust. Er sprach zu ihm, nannte ihm seinen Namen, erklärte, daß er der Nachfolger des Chronisten Thaggoran sei. Doch nichts von alledem bewirkte etwas. Und zuletzt dann tat Hresh das Offensichtliche und Natürliche, das er bisher aufgeschoben hatte: Er schlang sein Sensororgan um den Stein und schaltete auf sein Zweites Gesicht um.

Und nun vernahm er eine ferne Musik, einen seltsamen, unirdisch fremdartigen Klang, der nicht aus dem Stein selbst, sondern von überall um ihn herum zu dringen schien. Die Musik senkte sich in seine Seele und erfüllte sie bis in die tiefsten Tiefen, sie umfing ihn und berauschte ihn. An der Zungenwurzel verspürte er ein heißes Prickeln, und sein Fell wurde leicht, schwebte von ihm fort und breitete sich um ihn wie dünner Dunst. Die Empfindungen waren derart intensiv, daß sie ihm Furcht einflößten. Hastig ließ Hresh den Wunderstein los, und die Musik brach ab. Aber als er dann sein Sensororgan wieder darumschmiegte, kehrte die Musik wieder zurück. Doch auch diesmal konnte er es nur einen kurzen Augenblick lang ertragen. Wieder brach er den Kontakt ab. Also waren die ganzen Geschichten über die Kraft des Barak Dayir doch keine Lügen gewesen. Er besaß hohe Macht und Magie.

Hresh holte tief Luft. Er fühlte sich erschöpft und zum Umfallen müde. Aber er hatte den ersten Schritt auf einer Bahn getan, die — er wußte nicht, wohin, ins Unermeßliche? — führen würde. Voll Dankbarkeit verbarg er den Wunderstein wieder in seinem Beutel. Er würde seine Forschungsbemühungen an einem anderen Tag fortsetzen. Aber wenigstens hatte er nun den Anfang gemacht. Endlich.

In einem unruhevollen Traum erblickte Harruel sich selbst, wie er die Türme von Vengiboneeza mit seinen Händen packte und bis auf den Grund aus der Erde riß und sie wie dürre Stecken gegeneinander schlug, um dann verächtlich die Bruchstücke fortzuwerfen.

Koshmar zeigte sich in seinem Traum und stellte sich ihm gegenüber und höhnte ihn herausfordernd, er möge versuchen sie zu Boden zu werfen. Er brach einen gewaltigen Steinturm los und schwang ihn wie eine Keule hoch über Koshmars Haupt und suchte sie zu zerschmettern. Sie aber sprang hurtig beiseite. Er brüllte und schwang den Turm erneut. Und noch einmal. Und verfolgte sie durch die Straßen der Stadt, bis er sie zwischen zwei mächtigen sehwarzwandigen Gebäuden in die Enge getrieben hatte. Ruhig erwartete sie ihn dort, ein furchtloses spöttisches Lächeln auf dem Gesicht.

In brüllendem Groll faßte Harruel nun den Turm unter den Arm wie einen Speer. Und er begann damit auf die Führerin loszupreschen; aber gerade als er sich dazu anschickte, packte ihn etwas an der Kehle und hielt ihn fest. Der Turm entfiel seinen Händen und stürzte krachend zu Boden. Wer besaß die Kühnheit, ihn auf diese Weise zu hindern? Torlyri? Ja, Die Opferfrau hielt ihn mit erstaunlicher Stärke umfangen, so daß er spürte, wie ihm die Seele in seiner Brust nach oben und außen gepreßt wurde. Verzweifelt kämpfte Harruel, und allmählich gelang es ihm, ihre Umklammerung aufzubrechen, doch während sie noch rangen, nahm sie eine andere Gestalt an und verwandelte sich in seine Kopulationspartnerin, Minbain, und dann in diesen sonderbaren Jungen Hresh, der solch ein Rätselding für ihn war, und danach wurde sie zu einem brüllenden, tobenden Saphiräugigen, riesenhaft und grün und abscheulich, mit flammendblauen Augen und einem scheußlich schnappenden Riesenmaul voller zahlreicher unheilvoll blitzender Zahnreihen.

„Verwandle dich nur, wie du willst!“ brüllte Harruel. „Ich werde dich dennoch töten!“

Er packte die langen Kiefer des Saphiräugigen und mühte sich, sie auseinanderzuzwängen, einhändig, und sie gespreizt zu halten, während er mit der anderen Hand nach einem Turm griff, um ihn wie einen Keil hineinzustopfen und das gräßliche Maul des Geschöpfs am Zuschnappen zu hindern. Die Kreatur wehrte sich mit wütenden Prankenhieben der krallenbesetzten Hände, doch er achtete dessen nicht, sondern zwang die gewaltigen Kiefer auf und stieß das große Haupt zurück.