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„Harruel!“ schrie das Ding. „Bitte, laß ab, Harruel! Harruel!“

Die Stimme war merkwürdig leise, fast nur ein Wimmern. Und es war eine Stimme, die er kannte. Die stimme einer Frau, beinahe wie die Stimme seiner Partnerin, Minbain.

„Harruel! Nicht.“

Er driftete ins Bewußtsein herauf, das wie ein Steinpflaster über ihm lag. Als er hindurchgebrochen war, merkte er, daß er sich dicht am Ende des Raumes befand, in dem er und Minbain schliefen. Minbain war gegen die Wand gedrückt und mühte sich, ihn fortzuschieben. Seine Arme waren wie in einem Irrsinnskrampf um die Frau geschlungen, sein Kopf preßte sich in die Grube zwischen Schulter und Hals.

„Yissou!“ brummte er, und er gab sie frei und wälzte sich von ihr fort. Der dumpf stechende Gestank seines, eigenen ranzigen Schweißes erfüllte den Raum und erregte bei ihm Übelkeit. Die oberen Muskelpartien seiner Arme zuckten und hüpften, als wollten sie von seinem Körper wegplatzen, und über seine Schultern und seinen Nacken verlief eine brennende Schwellung. Er wischte sich glitzernde Speichelfäden aus dem groben Pelzhaar um seine Kiefer. Über seinen Leib liefen heftige krampfartige Zuckungen.

Mit unsicherer Stimme fragte Minbain in die Stille: „Harruel?“

„Ein Traum“, stammelte er mit dicker Zunge. „Meine Seele hat sich von mir gelöst, und ich war in einer fremden Welt. Hab ich dir weh getan?“

„Du hast mir Angst gemacht“, antwortete Minbain. Ihre dunklen ernsten Augen bohrten sich in die seinigen. „Du warst irgendwie ganz wild — hast gräßliche Laute ausgestoßen, ein Würgen und Keuchen — und du hast um dich geschlagen — und dann hast du mich gepackt, und ich dachte schon, ich dachte, du willst.“

„Ich würde dir nie was tun.“

„Aber ich hatte Angst. Du warst dermaßen seltsam.“

„Mir macht es auch Angst.“ Er schüttelte den Kopf. „Sag, habe ich jemals früher so was getan, Minbain? So was Wildes, so eine Raserei?“

„Nein, nicht so. Dunkelträume, das ja. Du hast dich herumgewälzt, gestöhnt, gejammert, im Schlaf geredet, geflucht und manchmal sogar mit den Händen auf den Boden geschlagen, als wolltest du irgendwelche Wesen töten, die sich um dich herumbewegten. Aber diesmal — ich hab mich wirklich schrecklich gefürchtet, Harruel! Es war, wie wenn ein Dämon in dich eingedrungen wäre.“

„Ja, wahrlich, ein Dämon hat von mir Besitz ergriffen“, sagte er trübsinnig. Er erhob sich und trat ans Fenster. Die Nacht schien noch nicht einmal zur Hälfte vorbei. Dichte Dunkelheit lag schwer wie ein erstickendes Tuch über der Welt. Das häßliche Narbengesicht des Mondes flammte eisig hoch droben, und dahinter hingen in dichten wirbelnden Bändern und Haufen im Zenith des Himmels die Sterne, diese verwirrenden boshaften weißen Feuer, die keine Wärme spendeten. „Ich geh noch ein wenig raus, Minbain.“

„Nein, bleib doch hier, Harruel! Ich fürchte mich jetzt, allein zu sein.“

„Was könnte dir schon Böses geschehen? Die einzige Gefahr hier bin doch ich. Und ich gehe hinaus.“

„Bleib!“

„Ich muß eine Weile für mich allein sein“, sagte er. Er wandte sich zu ihr um und betrachtete sie. Im Halbdunkel, in dem kühlen Schimmer von Mond und Sternen, schien Minbain eine Schönheit zu besitzen, die sie — wie er sehr wohl wußte — in Wirklichkeit nicht hatte. Das zarte gerundete Gesicht schien die Jahre abgestreift zu haben, sie wirkte zart, frisch und jung, fast wie ein Mädchen. Ihm quoll das Herz über von Liebe zu ihr. Er konnte diese Liebe nur schwer mit Worten ausdrücken; aber er trat zu ihr, kauerte sich neben ihr hin und streichelte zart mit den Händen über ihre Schulter und ihren Hals, wo er ihr weh getan hatte, über die Brüste und über den weichen Bauch. Er hatte ein Gefühl, als könne er dort ein neues sich bildendes Leben spüren. Es war natürlich noch zu früh, um sicher zu sein, doch er bildete sich ein, daß seine Finger eine Bewegung dort fühlten, eine Konzentration von Lebenskraft, die einmal sein Sohn, Harruels Sohn, sein würde. So weich, wie es ihm möglich war, sagte er: „Ich habe dir nicht weh tun wollen, Minbain. Ein übler Alp hielt mich im Schlaf befangen. Es war nicht ich selber. Ich könnte dir niemals ein Leid antun.“

„Aber das weiß ich doch, Harruel. Unter deiner grollenden Grobheit bist du ein feinfühliger Mann.“

„Und du glaubst das wirklich?“

„Ich weiß es“, sagte Minbain fest.

Er ließ die Hand flach eine Weile auf ihrem Bauch ruhen. Er war nun ruhiger, auch wenn der Schwarztraum ihn noch weiter bedrückte. In Wellen flutete tiefe Liebe zu der Frau heftig durch seine Seele.

Sie war drei Jahre älter als er, und in der Zeit seines Heranreifens hatte er überhaupt nicht an Kopulationspartner gedacht — denn schließlich gehörte er zur Kriegerkaste, und in jenen Tagen hatten sich die Krieger nicht zur Fortpflanzung partnerschaftlich gebunden. Damals war es ihm vorgekommen, als gehöre sie mehr der Generation seiner Mutter an als seiner eigenen; aber als dann die neuen Kopulationsregeln verkündet wurden, hatte er sich Minbain als Partnerin gewählt. Eine jüngere Frau hätte möglicherweise mehr Schönheit besessen, doch Schönheit schwindet rasch, und Minbain verfügte über Vorzüge, die sie bis ans Ende ihrer Tage behalten würde. Sie war warmherzig und freundlich, irgendwie ein wenig wie Torlyri in dieser Beziehung. Aber Torlyri hatte nicht viel für Männer übrig. Minbain dagegen schon, und darum hatte Harruel ganz schnell zugegriffen. Ihn störte es gar nicht, daß sie ein bißchen älter war als er, oder daß sie bereits ein Kind hatte. Wenn das überhaupt etwas besagte, dann sprach es eher zu ihren Gunsten, daß sie bereits Mutter geworden war, denn ihr Kind war dieser Hresh, der in einem solch übernatürlich jungen Alter bereits solch eine bedeutende Macht im Stamm ausübte. Oh, Harruel sah viele Verwendungsmöglichkeiten für Hresh; und ein Weg zu dem Jungen lief möglicherweise über seine Mutter. Nicht etwa, daß dies der hauptsächliche Beweggrund war, warum er sich für Minbain entschieden hatte. Aber mitgespielt hatte es schon, o ja, ganz gewiß hatte es eine Rolle gespielt.

„Laß mich jetzt weg!“ bat Harruel.

„Komm bald zurück!“

„Bald“, versprach er. „Ganz bestimmt.“

Minbain blickte ihm nach: diesem massiven Riesenschatten, der sich übertrieben behutsam durch den Raum bewegte und zur Tür hinausschlich. Sie tastete mit der Hand an ihre Kehle. Er hatte sie schwerer verletzt, als sie ihn wissen lassen wollte. In seiner Raserei hatte er sie mit einem wildfuchtelnden Ellbogen getroffen, er hatte sie an beiden Schultern gepackt und sie gegen die Wand gerammt, und als er sich an ihrem Hals vergraben hatte, hätte er sie mit dem Gewicht seines schweren Schädels fast erstickt. Aber daran war natürlich der Wahn schuld, der wilde Alp. Es war nicht Harruels Tun. Minbain verstand sehr wohl, daß er ihr auf seine ungeschlachte Art zugetan sei.

Und sie trug sein Kind im Leib. Das wußte sie mit völliger Gewißheit, und aus der Art, wie er soeben ihren Leib berührt hatte, erkannte sie, daß auch er es wissen müsse. Bald würden sie zu Torlyri gehen müssen, damit diese die Ersten Worte über Minbains Bauch spreche.

Hresh würde einen Bruder bekommen. Sie würde einen zweiten Sohn gebären. Sie war ganz sicher, daß es ein Sohn sein werde; aus Harruels Samen konnten ja nur Söhne sprießen, soviel immerhin schien ja wohl klar zu sein. Und damit würde sie selber die erste Frau seit Tausenden von Jahren sein, die zwei Söhne zur Welt brachte. Aber wird der neue Sohn in irgendeiner Weise so sein wie Hresh, überlegte sie sich.

Nein! Nie wieder würde es ein Kind geben wie den Hresh. Ihr Hresh war einzigartig. Auch hatte sie nie so einen wie Harruel gekannt. Sie liebte ihn, und sie fürchtete sich vor ihm, und an manchen Tagen hatte die Liebe die Oberhand, und an anderen Tagen war wieder die Furcht stärker, und dann gab es auch Zeiten, in denen beides sich gleichmäßig mischte. Er war dermaßen sonderbar. Die Götter hatten ihr in ihrem Sohn einen Fremdling in den Schoß gelegt, und nun lag auch dieser fremde Mann als Bettgefährte bei ihr. Wie konnte das denn geschehen? Harruel war dermaßen wuchtig und gewaltig, er war so stark, er übertraf alle die anderen so sehr an Kraft — doch, ja, gewiß, in seiner Kraft war er außergewöhnlich. Er besaß die Wucht eines herabstürzenden Berges. Aber da war noch etwas anderes. Es gab in seiner Seele einen düsteren Bereich. Und es nagte an ihm ein grämlicher Zorn. Als sie allesamt noch im Kokon gehaust hatten, war Minbain das nie aufgefallen, doch sobald sie auf Wanderung waren, wurde es unübersehbar. Tag und Nacht verdüsterte ihm eine Unruhe das Herz und trieb ihn um. Er lechzte nach etwas — aber wonach? Wonach?