Das ist ein Omen, sagte Koshmar zu sich selber. Es zeugt von der Wachsamkeit der Götter, die ihre Hände auf die Erde gelegt haben, um mich daran zu mahnen, daß es sie gibt und daß sie allmächtig sind, und daß ihr Planen gut ist, und daß wir, wenn die Zeit reif ist, ihre Wünsche wissen werden.
Das Erdbeben so kurz nach dem Unwetter ließ Hresh keinen Zweifel mehr, daß es für ihn Zeit sei, endlich wieder zu dem Platz mit den sechsunddreißig Türmen zurückzukehren. Derartige Omina waren zu gewichtig und zu dringlich, als daß man sie hätte mißachten dürfen. Die Götter hatten schwer die Hand auf ihn gelegt und drängten ihn. Es geziemte sich nunmehr, daß er den Wunderstein einsetzte, um an das in der unterirdischen Höhle angehäufte Wasser zu gelangen.
„Mach dich bereit“, beschied er Haniman. „Heute ist der Tag. Ich gedenke erneut in die verborgene Höhle hinabzusteigen.“
Und sie stapften davon in Richtung auf das Stadtviertel Emakkis Boldirinthe. Es war ein sonniger Morgen, der Himmel wolkenlos, doch voller gewaltiger Schwärme von breitschwingigen, langhalsigen blauroten Vögeln, zweifellos auf einem gewaltigen Wanderzug, die kreischend oben dahinzogen. Auf dem ganzen Weg tanzte und kapriolte und jodelte Haniman, so begierig war er darauf, die geheimnisvolle Höhle erneut zu erleben.
Sie betraten den Turm der schwarzen Steinplatte. Sogleich rannte Haniman in die Mitte und kauerte sich auf dem Stein nieder wie beim erstenmal, auf daß Hresh auf ihn steigen und gegen die Metallstrebe schlagen könne, durch die die Plattform abwärts in Bewegung gesetzt wurde. Hresh aber bedeutete ihm mit einer Handbewegung, von da wegzugehen. Diesmal hatte er nämlich einen Stab mitgebracht und brauchte darum nicht auf Hanimans Rücken zu klettern, um die Verstrebung zu erreichen.
„Warte du hier auf mich!“ befahl Hresh. „Ich will allein hinabsteigen.“
„Aber ich will doch auch sehen, was dort unten ist, Hresh!“
„Ja, das kann ich mir denken. Aber ich möchte sicher sein, daß ich von dort unten auch wieder heil herauskomme. Beim letztenmal ist die Platte von allein wieder aufgestiegen. Vielleicht passiert das diesmal nicht. Bleib also du hier, bis ich dich anrufe, dann schlage mit diesem Stab da gegen das Metall und hole mich herauf!“
„Aber.“
„Tu, was ich dich heiße!“ sagte Hresh und versetzte der Strebe rasch einen Schlag mit dem Stab. Die Steinplatte setzte sich ächzend und stöhnend in Bewegung. Rasch warf er Haniman den Stab zu. Dieser stand mit sauertöpfischem, enttäuschtem Gesicht da, während Hresh in die Kellertiefen versank.
Bernsteinlicht erglühte. Scharen von düsterglotzenden Gestalten an den Wänden wurden sichtbar, dieses wilde Getümmel monströser plastischer Leiber. Hresh holte unwillkürlich tief Luft vor Verblüffung, und die stechende abgestandene, so fremdartige Luft drang ihm in die Lungen.
Vor ihm lag die Apparatur mit den Hebeln und Knöpfen. Er lief auf sie zu.
Hastig holte er den Barak Dayir aus seinem Beutel und schlang rasch sein Sensororgan um ihn. Sogleich durchflutete die seltsame Musik des Steins seine Seele mit fernem Klingen und einem matten gedehnten Dröhnen, von scharfen ehernen Schlägen akzentuiert.
Er begriff nun besser, wie er das Gerät zu beherrschen habe. Diesmal gab es keine Stürme. Diesmal schwebte er nicht in die Himmel hinauf, sondern weitete den Wahrnehmungsbereich horizontal nach allen Richtungen aus, so daß er sich ausbreitete, bis er die ganze Stadt Vengiboneeza umfaßte. In seinem summenden Verstand erspürte er die Struktur der Stadt als eine Reihe ineinander greifende Ringe, zu Hunderten, große und breite und schmale, kleine, und er erkannte sie so klar, als wären sie nichts weiter als ein halbes Dutzend in den Boden geritzte gerade Linien. Flimmernde glühendrote Lichterpunkte brannten an vielen Stellen entlang dieser Ringzonen.
Hresh beschloß, diese Lichterpunkte ein andermal zu untersuchen. Heute war seine Aufgabe, sich mit der Maschine der Knöpfe und Hebel vertraut zu machen. Er faßte die selben Knöpfe wie zuvor — er konnte auf ihnen die Markierungen seiner Handwärme von seinem letzten Besuch auf ihnen ausmachen — eine erregte flackernde gelbe Schwingung — ‚ und er ergriff sie mit aller seiner Stärke.
Eine unwiderstehliche Kraft bemächtigte sich seiner sogleich und riß ihn empor und trug ihn, als wäre er ein Staubkorn, in eine andere Dimension.
Die Große Welt explodierte rings um ihn zu grandiosem Leben.
Er befand sich noch immer in Vengiboneeza, doch war es nicht mehr die Ruinenstadt. Es war wieder, wie es einst gewesen, die von Leben überquellende Stadt; diesmal aber war es keine flüchtige gleitende Vision, sondern lebendig, leibhaftig und greifbar, von der unbestreitbaren Dichte der höchsten Realität.
Die Stadt schimmerte im heißen Schein ihrer Lebensüberfülle und Lebendigkeit, und er, Hresh, befand sich überall mitten darin, schwebte durch sämtliche Straßen gleichzeitig, ein unsichtbarer Beobachter auf dem zentralen Marktplatz, auf den Marmorkais am Gestade, in den Villen auf den begrünten Hängen des Hügeldistriktes.
Ich bin hier, dachte er, ich bin wirklich und wahrhaftig hier. Ich bin in den Mahlstrom, den Abgrund der Zeit wie ein Staubkorn hinabgesaugt worden wie durch einen Strohhalm und mitten ins Herz der Großen Welt geschleudert worden.
Er bangte, ob es ihm je wieder möglich sein werde, in seine vertraute Welt zurückzukehren.
Und dann erkannte er, daß es ihm unwichtig war.
Wohin er den Blick wandte, sah er dichte Gruppen von Saphiräugigen. Die Leute bewegten sich gelassen, selbstsicher mit untergehakten Armen dahin, schlendernd, gemächlich. Und wieso sollten sie auch nicht selbstsicher und gelassen sein? Sie waren die Herren der Welt. Hresh betrachtete sie ehrfürchtig. Was für gewaltige, furchterregende Bestien sie doch waren, mit ihren übermäßigen Kieferbacken, der Myriade blitzender Zähne, den rauhen grünen Schuppen und diesen glotzenden saphirblauen Augen! Wie stolz sie auf ihren mächtigen fleischigen Hinterbeinen durch die Straßen schwankten, wie sie sich mit den riesigen dicken Schwänzen abstützten! Jedoch, man durfte sie eigentlich nicht wirklich als Bestien ansehen, so furchteinflößend sie auch aussahen. In ihren seltsamen Augen leuchtete eine hellwache, scharfe Intelligenz. Die langen Schädel wölbten sich zu erstaunlich hohen Kranialschalen auf, unter denen Hresh die Ströme in ihren großen Gehirnen ticken fühlte.
Diese gewaltigen Gehirne waren von einer kalten trägen Flüssigkeit durchströmt, fast wie Blut, aber eben überhaupt nicht Blut. Aber das Denken, der Verstand der Saphiräugigen war weder träge noch kalt. Hresh spürte das Donnern ihrer Gedanken von überall her auf ihn einhämmern. Handelsherren, Dichter, Philosophen, Weisheitswissende, Meister des praktischen und des ideellen Wissens: sie alle arbeiteten eifrig in jedem Augenblick des Tages und der Nacht und registrierten, analysierten und faßten alles zu einem ganzen zusammen. Er erkannte und begriff nun noch deutlicher als vorher, was für ein gigantisches Werk, was für Arbeit und Mühe es bedeutete, eine große Zivilisation wie diese hier zu schaffen und aufrecht zu erhalten: Wieviel Denken dazu nötig war, wieviel Informationen gesammelt, gespeichert und verbreitet werden mußten, wie verzahnt und schwierig das Geflecht der Planung und Durchführung war. Während er die Saphiräugigen beobachtete und über sie nachdachte, erschienen ihm seine ‚Leute‘, ‚das Volk‘, mit dem lächerlich kleinen Kokon, den erbärmlichen Chronikbüchern, den unbedeutenden mündlichen Überlieferungen und ‚geheiligten‘ Sitten und Bräuchen als noch unwichtiger und bedeutungsloser denn je zuvor. Die Saphiräugigen, selbst wenn sie sich wollüstig in den steingemauerten Badeteichen voll rosa Strahlung suhlten, die sie so sehr liebten, waren beständig mit Studieren beschäftigt, mit Denken, mit leidenschaftlichen Streitgesprächen. Hatte es je eine Rasse von solcher Art gegeben? Und wie hatte es geschehen können, daß solche wundervollen Geschöpfe aus dem gleichen Erbmaterial entstanden waren wie die niederen vernunftlosen Echsen und Schlangen?