Hresh sah seltsam aus: staubbedeckt und erschöpft — und auf einmal viel älter, als es seinen Jahren entsprach. Die Augen tief im Schatten. Er wirkte beinahe krank. Doch sobald er den Fremdling unter seinem Helm erblickt hatte, kehrte das vertraute vor Neugier glühende Hresh-Gesicht zurück. Koshmar konnte fast hören, wie sich in seinem Schädel das Prasselfeuer der Fragen entzündete.
Rasch informierte sie ihn über die Gefangennahme und den Verlauf der bisherigen Verhörversuche. „Aber wir bekommen nichts aus ihm raus. Er tut so, als verstünde er kein Wort von dem, was wir sagen.“
„Tut so? Was aber, wenn er wirklich nichts versteht?“
„Du meinst also, er ist dumm wie ein Tier?“
„Ich meine, daß er eine andere Sprache spricht.“
Koshmar starrte ihn verwirrt an. „Eine andere Sprache? Ich weiß nicht, was das bedeuten soll, ‚eine andere Sprechen‘.“
„Es bedeutet — also eben eine andere Sprache“, sagte Hresh stockend. Seine Hände fuhren wie suchend in die Höhe. „Wir haben unsere Sprache, eine bestimmte Reihe von Lauten, mit denen wir Vorstellungen vermitteln. Also, stell dir mal vor, diese Leute da benutzen verschiedene Lautgruppen, verstehst du? Wo wir ‚Fleisch‘ sagen, sagt sein Stamm vielleicht ‚Mruk‘ oder ‚Prosh‘.“
„Aber das sind doch Laute ohne Bedeutung“, warf Koshmar ein. „Was für einen Sinn hat denn.“
„Für uns ergeben sie keinen Sinn“, sagte Hresh. „Aber sie könnten sehr wohl für andere Leute sinnvoll sein. Nicht gerade diese Laute. Die habe ich bloß so als Beispiele erfunden, verstehst du? Aber sie könnten doch ihr eigenes Wort für ‚Fleisch‘ haben — oder für ‚Himmel‘ — und für ‚Speer‘ undsoweiter. Andere Wörter als wir für alles.“
„Aber das ist ja blödsinnig“, fuhr Koshmar ihn ärgerlich an. „Was soll das heißen, ein Wort für ‚Fleisch‘? Fleisch ist Fleisch. Nicht Mruk, nicht Prosh, sondern Fleisch! Und Himmel ist eben Himmel. Ich hatte geglaubt, du könntest uns irgendwie weiterhelfen, Hresh, aber du gibst mir bloß blöde Rätsel auf.“
„Diese Vorstellungen sind auch für mich sehr fremdartig“, sagte der Junge. Er schien ungewöhnlich müde zu sein, als habe er Schwierigkeiten, seine Gedanken auszudrücken. Immer wieder fuhren die Hände wie suchend in die Luft. „Ich habe nie eine andere Sprache als die unsere gehört, ja nicht einmal daran gedacht, daß es eine andere geben könnte. Der Gedanke kam mir einfach so in den Kopf, während ich diesen Fremden ansah, aus dem Nichts. Aber denk doch mal nach, Koshmar, wie wenn die Hjjk-Leute eine eigene Sprache haben — und alle anderen Tierarten ebenfalls eine eigene — und jeder Stamm, der den Langen Winter überlebt hat, ebenfalls! Wir waren so lange allein und abgeschnitten von anderen, tausendmal und abertausendmal hundert Jahre lang. Vielleicht redete im Anfang jedermann in einer einzigen Sprache, aber im Verlauf einer dermaßen langen Zeit, Tausende von hundert Jahren.“
„Ja, vielleicht“, sagte Koshmar unsicher. „Aber wenn das so ist, wie sollen wir uns dann mit diesem Mann verständigen? Denn irgendwie müssen wir das ja wohl. Wir müssen herausbekommen, ob er ein Freund ist oder ein Feind.“
„Wir könnten es mit dem Zweiten Gesicht versuchen“, sagte Hresh nach kurzem Nachdenken.
Bestürzt blickte Koshmar ihn an. „Das Zweite Gesicht darf man nicht unter Leuten anwenden.“
„In Extremfällen darf man“, sagte Hresh mit gespanntem Gesichtsausdruck. „Wir müssen hier an die Sicherheit des Stammes denken. Müßten wir darum nicht sämtliche Fähigkeiten einsetzen, über die wir verfügen, um herauszufinden, was wir wissen müssen?“
„Aber es ist ein derart schwerer Verstoß gegen.“
Koshmar brach ab. Sie schüttelte den Kopf. Dann blickte sie zu Torlyri, die an der Tür stand.
„Was sagst du dazu? Ist es geziemend, so was zu versuchen?“
„Es ist gewiß unüblich. Aber ich sehe kein Fehl daran“, sagte die Opferfrau nach kurzem Nachdenken mit etwas unsicherer Stimme. „Er gehört nicht zu unserem Stamm. Also haben unsere Bräuche keine Gültigkeit — wahrscheinlich. Und wir laden dabei keine Schuld auf uns.“
„Die Götter schenkten uns die Gabe des Zweiten Gesichts, um uns zu helfen, wo Sprache und Sehen versagen“, sprach Hresh zu Koshmar. „Wie könnten sie etwas dagegen haben, wenn wir ihr Geschenk in einer Lage wie der jetzigen benutzen?“
Schweigend überlegte Koshmar. Der Fremdling verhielt sich weiter teilnahmslos und gab durch nichts zu erkennen, ob er irgend etwas begriffen hatte. Vielleicht spricht er tatsächlich in einer uns völlig fremden Zunge, dachte Koshmar. Die Vorstellung bereitete ihr Kopfschmerzen. Es kam ihr als ebenso absonderlich vor wie die Vorstellung, daß jemand am einen Tag Mann und am nächsten Frau sein könnte, oder daß der Regen von der Erde nach oben steigen könnte, oder daß ihr mit einem Lidschlag Yissous Segen entzogen und ein anderer zum Häuptling an ihrer Statt ernannt werden könnte. Keines dieser Dinge war möglich. Aber wir leben in einer Zeit voller zahlreicher Absonderlichkeiten, dachte Koshmar. Also ist vielleicht wahr, was Hresh sagte, und hier war einer, der mit anderen Wörtern redete, sofern er überhaupt reden konnte.
Sie wandte sich Hresh zu und sagte barsch: „Also gut. Du bist unser Sprachexperte. Setze also dein Zweites Gesicht ein und finde heraus, wer er ist und was er hier sucht!“
Hresh trat vor und stellte sich direkt vor den behelmten Fremdling.
Noch nie im Leben war er dermaßen müde gewesen. Was war das doch für ein Tag heute! Und noch war er nicht zu Ende. Aller Augen ruhten auf ihm. Er war gar nicht sicher, daß er das Zweite Gesicht noch einmal einsetzen können würde, so müde war er.
Der Behelmte blickte von seiner großen Höhe kühl und gleichgültig auf Hresh nieder, als wäre dieser weiter nichts als irgendein lästiges kleines Dschungeltier. Die gespenstischen roten Augen leuchteten in beunruhigend hellem Feuer. Hresh bildete sich ein, Zorn darin zu entdecken, Verachtung und ein festes Selbstwertgefühl. Aber keine Furcht. Nirgends ein Hauch von Furcht. Der behelmte Fremde wirkte irgendwie heldenhaft halbgöttlich.
Hresh raffte seine Kraft zusammen und sandte sein Zweites Gesicht aus.
Er erwartete, auf irgendwelchen Widerstand zu stoßen, einen Versuch, seinen Stoß abzufangen oder abzulenken, wenn dies möglich war. Doch der Fremde nahm mit unverändert kühlem Gleichmut Hreshs Annäherung entgegen, und dessen Bewußtsein tauchte leicht und tief in das des Helmträgers hinab.
Die Berührung dauerte kaum länger als den Bruchteil einer Sekunde.
Aber in diesem Augenblick erfuhr Hresh einen Eindruck von der großen Seelenstärke des Mannes, von seiner Charakterfestigkeit und seiner unbeugsamen Zielstrebigkeit. Er schaute auch in einem bruchstückhaft verhuschenden Moment die Vision einer Horde anderer Leute, die ähnlich aussahen wie dieser Mann hier, einen Trupp von Kriegern, auf einem dichtbewaldeten Hügel versammelt, sämtlich mit ähnlich ausgefallenen grotesken Helmen bedeckt wie er, von denen jedoch jeder besonders gestaltet war. Dann riß der Kontakt ab, und alles ringsum wurde finster. Hresh fühlte, wie ihm die Glieder zu Wasser wurden. Er taumelte torkelnd rückwärts, drehte sich im letzten Moment um sich selbst und landete platt auf dem Bauch vor Harruels Füßen. Und dies war das letzte, was ihm für lange Zeit bewußt war.
Als er wieder erwachte, lag er in Torlyris Armen, und sie befanden sich am anderen Ende des Gemachs. Sie drückte ihn an sich und summte beschwichtigend auf ihn ein. Nach und nach sah er wieder deutlicher, und da bemerkte er, daß Koshmar den Helm des Fremdlings mit beiden Händen festhielt und ihn mit merkwürdigem Gesicht betrachtete. Der Fremde lag schlaff auf dem Boden, und Harruel und Konya hatten ihn an den Fußknöcheln ergriffen und zerrten ihn ohne weiteres, als wäre er ein Sack Korn, aus dem Raum.