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Mitten im Streit stöhnte der Vater auf. Er müsse sofort auf die Toilette. Er keuchte, kam aber nicht hoch. Der Schmerz schraubte ihn nieder. Ethan versuchte, ihm zu helfen, aber der Vater begann zu wimmern, als er ihn anfaßte, weshalb er ihn wieder losließ, worauf der Vater schrie, warum er denn nachlasse. Als Felix endlich stand, schnaufte er, als habe er eine Bergtour hinter sich. Bei jedem Schritt ächzte er, doch am schlimmsten wurde es, als er sich hinsetzen wollte. Er war nicht imstande, das rechte Bein abzuwinkeln. Er konnte kaum hocken, und als er fertig war, rief er, er käme nicht mehr hoch. Sie mußten ihn hochstemmen und stützen, während er sich die Hände wusch.

Dann der Weg zurück. Während er sich hinlegte, hechelte er.»Langsam. Ganz langsam! Hörst du? Holt mir Frida. Ich halte es nicht mehr aus. Eine Infusion! Schnell!«

Er fand Noa vor der Kaffeemaschine.

«Hast du es denn nicht bemerkt? Wie er versucht hat, zu überspielen, wie schlecht es ihm geht… Wie er sich vor mir zusammengenommen hat? Begreifst du denn nicht?«

Gemeinsam gingen sie zurück ins Krankenzimmer. Schwester Frida war dagewesen. Felix lag unter der Infusionsflasche. Das Schmerzmittel wirkte. Sein Blick schien gedämpft. Ein wenig glasig. Die Anspannung war aus dem Gesicht gewichen. Dina stand vor dem Bett und streichelte ihn. Sie würden jetzt in die Stadt fahren, flüsterte sie ihm zu. Er lächelte erschöpft.

«Ja, bitte. Geht nach Hause. Alle drei. Ich brauche Schlaf. Ihr müßt euch auch ausruhen. Geh, Ethan. Mach dir keine Sorgen. Bring Dina und Noa nach Hause. Und nimm den Schleier von deinem Gesicht. «Und dann, als die anderen einander anblickten, winkte er Noa zu:»Guten Tag, Frau Doktor.«

«Aber Vater, das ist doch Noa.«

Er schaute sie an, als müsse er durch einen Nebel hindurchblicken. Waren es die Schmerzmittel? Oder trieb er — wie früher so oft — seine Scherze? Schon waren Felix die Augen zugefallen, und er schnarchte leise. Sie gingen zum Lift, fuhren in die Eingangshalle hinunter und trotteten zum Parkplatz.

Ethan griff in die Tasche.»Ich habe mein Telefon vergessen.«

Das sei doch egal, meinte Dina. Er komme ja ohnedies am nächsten Tag wieder, doch Ethan reichte Noa wortlos die Autoschlüssel und rief im Laufen:»Fahrt ohne mich. Ich komme mit dem Taxi nach. Bald schon.«

Da stand der andere, kein Doppelgänger, keine Täuschung. Da war er, der Gegenspieler. Neben Vaters Bett. Gebräunt, als hätte er ein ganzes Jahr am Strand verbracht, ohne Brille und auch ganz anders gekleidet als bei jenem Treffen vor wenigen Tagen in Wien. Felix Rosen schnarchte nicht mehr. Im Gegenteil. Er sah munter aus und lächelte.

Ethan starrte ihn an. Er blickte von Klausinger auf seinen Vater und wieder zurück. Dann trat er auf den anderen zu. Heiser, ein Zittern in der Stimme, fragte er:»Was machen Sie denn hier?«

Klausinger sah zu Boden und wich einen Schritt zurück.»Es wäre wohl besser, wenn ich gehe.«

«Am besten wäre es, wenn Sie nicht hergekommen wären. «Ethan drängte ihn noch weiter zurück.

«Ich wollte mit Felix allein sein.«

«Wozu?«

«Hör auf, Ethan«, sagte Felix.

«Weißt du, wer das ist, Abba? — Lassen Sie meinen Vater in Frieden. Er ist schwer krank.«

«Rudi, Rudi Klausinger«, sagte Felix, und diese Worte brachten Ethan zum Schweigen. Hatte der Alte alles arrangiert? Waren die Schmerzattacken, sein Halluzinieren, sein Einschlummern bloß gespielt gewesen? Hatte er sie deshalb nach Hause geschickt? War es nur darum gegangen, eine Verabredung mit Klausinger einzuhalten? Und was wollte der Wiener von Vater?

Klausinger stand da, verstummt, versteinert. Er schaute auf Felix, als erwarte er von ihm eine Erklärung. Ethan glotzte ihn an. Einen israelischen Geschäftsmann, einen Überlebenden hatte Klausinger erwähnt, als er vom Geliebten seiner Mutter gesprochen hatte. Er glaubte doch nicht, ausgerechnet in Felix Rosen diesen Mann gefunden zu haben?

«Was macht der hier, Abba?«

Der Kranke sah ihn herausfordernd an. Er scheute sich offenbar nicht, dem Sohn entgegenzutreten. Felix preßte hervor:»Er will den Nachruf auf Dov neu schreiben. Er wird es tun. Nicht wahr, Rudi?«

Es war, als begreife Klausinger nur allmählich, angesprochen zu sein. Er nickte zäh, zog die Mundwinkel herab und sah grimmig drein.

«Wie kommt er darauf, Abba?«

Felix grinste:»Wieso ist das wichtig?«Und damit war alles gesagt. Felix Rosen hatte es wieder einmal geschafft, einen Menschen für sich einzunehmen. Er hatte einen seiner Tricks angewandt, und die gelangen um so besser, wenn nicht gefragt wurde, wie sie funktionierten.»Wieso ist das wichtig?«Es war wie immer. Felix war in seinem Element. Er hatte ein Geschäft ausgehandelt. Klausinger, soviel war klar, würde die Würdigung für den toten Freund neu schreiben. Welcher Preis dafür gefordert worden war? Das war sein Geheimnis und sollte es bleiben, aber Felix hatte alles aufgeboten, um eine Lösung zu finden, als ginge es um eine Konzertkarte für Dina, einen Ausbildungsplatz für Ethan, als brauchte es eine Arbeitsstelle für den Vater und die Schwester, damit sie nicht deportiert würden, oder als gälte es wieder, aus dem Sammellager zu fliehen wie damals im Herbst 1941, als er einem SS-Mann einredete, er sei nur hier, um seinem Bruder eine Bescheinigung zu bringen, nun würde aber noch ein Papier fehlen, das er holen müsse.»Und?«

«Wenn ich aber jetzt hinausgehe, komme ich gar nicht mehr herein.«

Da sagte der SS-Mann zum Torposten:»Siehst du den da? Wenn der zurückkehrt, laß ihn sofort durch«, und so war Felix Rosen einmal noch entwischt, ehe er Monate später doch verhaftet und verschleppt wurde.

Ethan fragte:»Wieso ist dieser Mann in deinem Zimmer, Abba?«

«Seit wann muß ich dich fragen, wer hier hereindarf?«Ethan schrie Klausinger an:»Warum verfolgen Sie mich? Woher wissen Sie überhaupt, daß mein Vater im Krankenhaus liegt?«

Klausinger schwieg, aber Felix meinte ganz ruhig:»Wieso mußt du das wissen? Entscheidend ist doch nur, daß er jetzt einen Kommentar schreibt, mit dem er alles richtigstellen wird, was dir so falsch vorkam.«

«Mir?«Ethan schüttelte den Kopf. Der Vater hatte hinter seinem Rücken mit seinem Gegenspieler gemeinsame Sache gemacht. Ihm war übel vor Zorn. Er hielt sich am Fußteil des Bettes fest.»Kinder, hört auf zu streiten.«

Eine Krankenschwester kam in den Raum. Sie kontrollierte die Infusionsflasche, wechselte die Handtücher, fragte den Kranken, ob er irgendwelche Wünsche habe, und räumte das Essen weg. Zugleich kam eine Putzfrau ins Zimmer. Sie wischte den Boden und zog sich in die Toilette zurück, wo sie das Klo und das Waschbecken reinigte. Die drei Männer verstummten, während die zwei um sie herum arbeiteten. Sie blickten aneinander vorbei.

Kaum waren die beiden Frauen verschwunden, fragte Ethan:»Ich will nur eines wissen. Seit wann haben Sie Kontakt zu meinem Vater?«

«Laß doch gut sein, Ethan. - Du mußt ihm nicht antworten, Rudi.«

«Ich habe Felix vor Wochen einen Brief geschrieben.«

«Wieso ist das wichtig«, seufzte Vater.

«Also schon vor dem Nachruf?«

Klausinger schwieg noch, da rief Felix:»Ich bitte euch!«

«Wohl schon, ehe Sie sich um die Stelle in Wien bewarben«, redete Ethan ruhig weiter.

«Was tut das zur Sache?«stöhnte Felix. Er schaute von einem Moment zum anderen sehr müde aus.»Nimm den Schleier vom Gesicht, Rudi. Du auch, Ethan. Seht euch an.«

Der Vater schnaufte. Er ächzte und winselte abwechselnd. Klausinger nahm ein Glas vom Nachttisch und rannte damit zum Waschbecken, um es für den Kranken zu füllen. Da brüllte Felix:»Ich kann nicht mehr, Ethan! Verstehst du nicht?… Frida. Holt sie. Es ist nicht auszuhalten!«Es brandete in ihm hoch, es überflutete ihn, und dann sein Schrei, worauf beide, Rudi und Ethan, losrannten, um endlich Hilfe, um endlich Schwester Frida zu holen.