5
Felix lag ermattet zwischen den Bettlaken. Über ihm die Infusion. Sie schien weit oben zu schweben. Ein Ballon, der ihn hinaufzog. Er glitt hoch. Der Schmerz war nicht verschwunden, aber er zermalmte ihn nicht mehr. Leicht wurde ihm. Wärme durchflutete den Körper. Sein Gesicht glühte. Der Kopf sank ihm zur Seite. Er wollte nicht mehr reden. Ethan und Rudi, Rudi und Ethan. Er schaute an ihnen vorbei. Der bloße Anblick der beiden strengte ihn an. Die Lider wurden schwer und ließen sich nicht öffnen. Er hörte sich sprechen.»Genug, Kinder. «Es klang dumpf. Irgend jemand deckte ihn zu.
Ethan starrte den anderen an. Der beugte sich über Felix. Wie der dem Kranken über die Stirn strich, sein ganzes Augenmerk auf den Vater richtete. Der Gegenspieler würdigte ihn nicht eines Blickes. Ethan sagte:»Hören Sie: Mein Vater braucht jetzt Ruhe.«
Im Zimmer wurde es dämmrig. Es war spät geworden. Noa rief an. Er sah ihren Namen auf dem Display und ging hinaus. Draußen spazierte ein Patient über den Gang, seine Familie schlich ihm hinterher. Er hielt sich an dem fahrbaren Infusionsständer fest. Der Kranke ging voran wie ein Bischof, den metallenen Hirtenstab in der Hand. Eine Prozession.
Noa fragte:»Wo bleibst du denn? Das Mobiltelefon hast du ja offenbar gefunden. Noch immer bei Felix?«
Ethan flüsterte. Sie könne nicht ahnen, wer da sei… Nein, niemand von der Familie, nein, auch kein enger Freund. Nein. Rudi KJausinger. Rudi Klausinger! Klausinger… Ebender… Der Kerl stehe, während er mit ihr telefoniere, am Krankenbett und streichle Vater… Wenn er es doch sage… Vater sei mit Medikamenten vollgepumpt. Ethan erzählte von der Schmerzattacke. Vom Anfall… Klausinger werde einen neuen Nachruf schreiben. So habe es Vater beschlossen. Eine Art Wiedergutmachung.
Er zischte vor Wut ins Handy:»Es ist, als wäre er uns hinterhergereist… Ich glaube, er stellt mir nach… Zuerst die Bewerbung. Dann der Artikel. Ich bin anscheinend seine ganz persönliche Leidenschaft. «Und dann noch die Idee des Vaters, fuhr Ethan fort, dieser Schnösel solle einen zweiten Artikel über Dov verfassen. Bullshit! Dov sei in den letzten Jahren Ethans enger Freund gewesen. Wenn schon, dann müßte er über Dov schreiben. Er habe mit ihm viele Abende verbracht. Mit ihm Veranstaltungen und Diskussionen besucht. Felix hingegen habe Dov seit langer Zeit kaum je allein getroffen — nur bei größeren Gesellschaften seien sie einander begegnet.
Noa versuchte, Ethan zu beruhigen.»Komm nach Hause. Es bringt doch nichts, wenn ihr euch am Krankenbett anschreit.«
«Erst schmeiße ich den Kerl aus Abbas Zimmer. Ich lasse Felix nicht mit ihm allein. «Ethan legte auf.
Rudi hatte den ganzen Tag darauf gewartet, Felix alleine zu treffen. Auf keinen Fall wollte er Aufsehen erregen. Im Gegenteil. Ethan und Dina auszuweichen und erst nach ihrem Abmarsch bei Felix vorbeizuschauen, das war sein Plan gewesen. Als die anderen das Zimmer verlassen hatten, waren er und Felix endlich ungestört gewesen, aber nur kurz. Es blieb keine Zeit, um zu reden. Einige Sekunden nur. Bloß die Begrüßung. Nach Monaten des Briefwechsels und einem längeren Telefonat stand er endlich vor jenem Mann, von dem er vermutete, der heimliche Liebhaber seiner Mutter gewesen und sein Vater zu sein. Felix war distanziert geblieben.
«Sie kannten meine Mutter, Herr Rosen?«
«Nenn mich Felix.«
«Waren Sie… Warst du… mit meiner Mutter?«
Müde hatte ihn der Bettlägerige angeschaut. Ermattet. Er lächelte an Rudi vorbei. Ein Glänzen in den Augen. Ein Kranker am Tropf, aber da war Ethan ins Zimmer gekommen, und plötzlich hatte Felix überhaupt nicht mehr benebelt gewirkt. Im Gegenteil. Über einen neuen Nachruf hatten sie bisher gar nicht geredet. Dov Zedek war in keinem Brief und bei keinem Telefonat ein Thema gewesen. Plötzlich hatte Felix behauptet, Rudi habe sich zu einem weiteren Artikel verpflichtet. Und wie hätte er in dieser Situation widersprechen können? Der alte Fuchs hatte ihn übertölpelt, ehe er vom Schmerz überwältigt wurde.
Jetzt stand Ethan draußen und telefonierte. Felix war nicht mehr bei Bewußtsein. Die Infusion schien hoch dosiert gewesen zu sein. Er wimmerte im Schlaf, wisperte zuweilen vor sich hin. Satzteile, ein Schnaufen, ein Knurren, als spräche ein Tier. Einzelne Wörter ließen sich erahnen. Hatte er eben Ethan gesagt? Und Dina und Brüder? Rudi versuchte, sich aus dem Griff dieses Mannes zu winden, aber jedesmal, wenn er seine Hand aus der von Felix lösen wollte, sachte, ohne ihn zu wecken, spürte er die Finger stärker nach ihm fassen. Merkwürdigerweise fühlte er sich weniger eingeengt als gebraucht und aufgehoben in den Krallen des Kranken.
Noch während er gegen die zähe Kraft des Alten ankämpfte, hörte er Ethan eintreten.»Lassen Sie gefälligst meinen Vater in Ruhe. Was machen Sie denn da?«
Endlich gelang es Rudi, den Griff des anderen zu lockern, und im selben Moment öffnete der die Augen.
«Nackte«, sagte Felix. Er starrte zur Decke, als laufe da oben ein Film ab.»Schau… Hier… Schaut doch. Ein Dschungel. Beine… Hintern, Arme und Brüste… Ein Fresko. — Die treiben es miteinander. Die bumsen. Seht ihr es nicht? Hört ihr nichts? Die Lustschreie!«
Eine Pflegerin kam ins Zimmer. Sie schaltete das Licht ein und brachte das Abendessen. Felix sah sie gar nicht. Sie fragte, ob sie seine Teekanne abräumen könne. Ethan nickte. Als sie wieder hinausgegangen war, sagte Felix:»Zum Glück hat sie nichts bemerkt. Dabei ist das… doch nicht zu übersehen.«
«Da ist nichts, Abba«, erklärte Ethan.
Aber Felix sah an ihm vorbei zum Plafond und murmelte:»Was weißt denn du?«
«Es wird alles gut.«
«Du hast ja keine Ahnung.«
«Hab keine Angst. Das ist nichts Schlimmes.«
«Es ist pervers. Eine Orgie. «Felix schaute ihn an, sah durch ihn hindurch.»Du meinst, ich sehe, was gar nicht da ist. Aber du siehst ja nichts. Nichts siehst du. Verstehst du? Nichts.«
Er schloß die Augen und wisperte:»Brüder seid ihr. Hörst du? Brüder. Sag der Schwester, du brauchst eine Infusion. Dann hast du keine Schmerzen mehr, und du wirst alles sehen.«
Draußen war es dunkel geworden. Die Straßenlaternen gingen an. Felix nickte ein. Er schnarchte. Ethan ging zur Tür. Rudi folgte ihm hinaus, nachdem er das Licht im Zimmer ausgeschaltet hatte.
«Er halluziniert«, sagte Ethan. Zu zweit gingen sie zum Lift.»Verstehen Sie, Klausinger?«
«Nenn mich Rudi.«
Sie warteten auf einen der Aufzüge. Es klingelte, als einer ankam, aber er war überfüllt. Noch ein Läuten und wieder ein Fahrstuhl. Auch hier dichtes Gedränge, doch diesmal stiegen sie ein. In jedem Stockwerk ein Stopp. Im Erdgeschoß eilten sie hinaus und stritten sich weiter. Ethan blieb beim Sie, Rudi duzte ihn. Der Sabre hielt Distanz, während der Österreicher auf jede Form verzichtete. Klausinger wechselte ins Hebräische, das er fließend beherrschte. In Ivrit konnte keiner den anderen siezen, doch Ethan fügte in seine Sätze ein Herr Klausinger ein.
«Er ist nicht richtig bei sich, Herr Klausinger.«
«Er ist mein Vater, und wir sind Brüder, Ethan.«
«Auch eine Überdosis abbekommen?«
«Ich fand Briefe im Nachlaß meiner Mutter.«
«So ist das mit Nachlässen.«
«Liebesbriefe.«
«Ödipale Eifersucht?«
«Der Mann zeichnet als Motek. Er nennt sie Dschindschi. Wie viele in Osterreich kannten damals hebräische Begriffe? Er will sie in der Seilerstätte treffen.«
«Na und?«
«Du weißt es. Dort hatte Felix sein Büro.«
«Das beweist nichts. Mein Vater hätte sein Kind nie im Stich gelassen. Nie! Er ist kein Feigling.«
«Er wußte nichts von mir. Das ist es ja. Er hatte keine Ahnung. Das war ihre Rache an ihm.«
Sie kamen zum Taxistandplatz. Rudi fragte:»Sollen wir gemeinsam fahren?«
Ethan stieg in den ersten Wagen und fuhr davon.
Avi Levy hatte in der Bäckerei gestanden, das Mehl gestreichelt, den Teig geknetet, darüber geschwitzt und gestöhnt, die Bälge in den Ofen geschupft, die Schaufel wie ein Ruder geschwungen, den Brotlaib bestäubt, ein Lied gesummt, und all das voller Leidenschaft, als ginge es ihm nur ums eine, und die Kundinnen konnten ihm vom Vorraum aus zuschauen, wenn er sich mit muskulösem Oberkörper und im ärmellosen Unterhemd in die Arbeit kniete, das Feuer anfachte, bis die Funken sprühten, und die Masse walkte und massierte.