»Wirst du die Hölle, Flammen und grinsende Teufel draufmalen?«
»Nein, den blauen Himmel, sonnenbestrahlte Wolken, zwischen denen der König in seinem Glanz erscheinen wird.«
»Der König in seinem Glanz ...«, wiederholte Angélique mit müder Stimme.
Sie schloß die Augen. Sie fühlte sich mit einem Male viel älter als dieser Jüngling, der ihr doch in Wirklichkeit an Jahren voraus war, der sich aber den Schwung seiner kindlichen Leidenschaften bewahrt hatte. Gewiß, er hatte gefroren und gehungert, er war gedemütigt worden, aber er hatte nie sein Ziel aus den Augen verloren.
»Und mich fragst du nicht«, sagte sie, »wie ich in diese Situation gekommen bin?«
»Ich wage es nicht, dir Fragen zu stellen«, meinte er verlegen. »Ich weiß ja, daß du wider deinen Willen einen furchtbaren und gefährlichen Mann geheiratet hast. Mein Vater war glücklich über diese Heirat, aber wir, deine Geschwister, bedauern dich, meine arme Angélique. Du bist wohl sehr unglücklich gewesen?«
»Nein. Unglücklich bin ich erst jetzt.«
Es widerstrebte ihr, sich ihm mitzuteilen. Wozu diesen Jungen beunruhigen, der so völlig in seiner beglückenden Arbeit aufging? Wie oft hatte er wohl im Lauf dieser Jahre an seine kleine Schwester Angélique gedacht? Sicher sehr selten, höchstens dann, wenn es ihn bekümmerte, daß er das Grün der Blätter nicht traf. Er hatte nie die andern gebraucht, wenn er auch der Familie aufs engste verhaftet gewesen war.
»In Paris habe ich bei Hortense gewohnt«, sagte sie, aus dem Bedürfnis heraus, in seinem ferngerückten Herzen geschwisterliche Gefühle zu wecken.
»Hortense? Das ist eine Hochnäsige! Als ich hier ankam, wollte ich sie gern aufsuchen, aber was gab das für ein Theater! Sie schämte sich fast zu Tode, als ich mit meinen derben Schuhen bei ihr eintrat. Ich trüge ja nicht einmal mehr den Degen, zeterte sie, nichts unterschiede mich mehr von ordinären Handwerkern. Da hat sie schon recht. Aber soll ich vielleicht unter meiner Lederschürze den Degen tragen? Wenn mir als Adligem aber das Malen Freude macht - warum sollte ich mich durch alberne Vorurteile davon abhalten lassen? Ich stoße sie mit einem Fußtritt beiseite.«
»Ich glaube, das Aufbegehren liegt uns allen im Blut«, sagte Angélique mit einem Seufzer und nahm liebevoll die schwielige Hand ihres Bruders. »Du hast es wohl sehr schwer gehabt?«
»Nicht schwerer, als ich es bei der Armee mit einem Degen an der Seite, mit Schulden bis über die Ohren und mit Wucherern auf den Fersen gehabt hätte. Ich weiß, was ich verdienen kann. Ich habe zwar keine Rente von der guten Laune eines Großen zu erhoffen, aber mein Meister kann mich nicht betrügen, denn die Zunft schützt mich. Wenn ich mal gar nicht ein noch aus weiß, mache ich rasch einen Sprung nach dem Temple, zu unserm Bruder, dem Jesuiten, und bitte ihn um ein paar Silberstücke. Er hält mir eine kleine Predigt über die Würde des Adels, die man in jeder Lebenslage wahren solle. Ich erwidere ihm, daß ich weder ein Freigeist noch ein Trinker sei, und er gewährt mir bereitwillig ein Darlehen, das ich ihm später zurückzuzahlen verspreche.«
»Raymond ist in Paris?« rief Angélique aus.
»Ja. Er wohnt im Temple, aber er betreut ich weiß nicht wie viele Klöster, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er es noch zum Beichtvater einiger hoher Persönlichkeiten vom Hofe brächte.«
Angélique überlegte. Raymonds Hilfe war es, die ihr not tat. Eine kirchliche Autorität, die vielleicht obendrein die Sache zu ihrer eigenen machen würde, da es sich ja um die Familie handelte.
Trotz der noch so frischen Erinnerung an die Gefahren, denen sie sich ausgesetzt hatte, und trotz der Worte des Königs dachte Angélique keinen Augenblick daran, die Partie aufzugeben. Sie war sich nur darüber klar, daß sie sehr vorsichtig zu Werke gehen mußte. Zunächst einmal konnte sie nicht im Louvre bleiben. Die friedliche und würdige Zuflucht der niederländischen Künstler würde sie nicht lange schützen. Sie mußte dem Louvre entrinnen. Dann zu Desgray, später zu Raymond gehen. Kouassi-Ba suchen. Wie konnte sie sich hier verhätscheln lassen, während Joffrey noch immer im Gefängnis saß!
»Gontran«, sagte sie in bestimmtem Ton, »du wirst mich zu den >Drei Mohren< geleiten.«
Van Ossel riet, die Nacht oder zumindest den Abend abzuwarten, der die Gesichtszüge verwischt. Was für Erfahrungen mochte er inmitten all der Dramen und Intrigen dieses Palastes gesammelt haben, deren Echo zugleich mit seinen adligen Modellen seine Staffelei umschwirrte?
Mariedje lieh Angélique eines ihrer Kleider mit einem Mieder aus gewöhnlichem Leinen und schlang ihr ein schwarzes Seidentuch um den Kopf, wie es die einfachen Frauen aus dem Volke trugen. Angélique machte der kurze Rock, der knapp bis zu den Knöcheln reichte, ordentlich Spaß. Wie bequem würde sie sich in ihm in den Straßen von Paris bewegen können.
Der seidene Mantel wurde zusammengefaltet in einen Korb gelegt. Angélique überließ Mariedje das Kleid aus grünem Satin, das die Holländerin trotz seines kläglichen Zustands begeisterte. Sie übergab ihr auch ihre beiden Diamantohrringe und bat, man möge sie den Komödianten aushändigen, die sie gerettet hatten.
Als sie in Begleitung Gontrans den Louvre durch die kleine Tür verließ, die man die Wäscherinnenpforte nannte, weil den ganzen Tag über die Wäscherinnen der fürstlichen Häuser durch sie auf dem Weg von der Seine zum Palast ein und aus gingen, glich sie eher einer am Arm ihres Ehemanns hängenden adretten kleinen Handwerkersfrau als einer großen Dame, die noch am Tag zuvor mit dem König gesprochen hatte. jenseits des Pont-Neuf schillerte die Seine im matten Glanz der letzten Sonnenstrahlen. Die Pferde, die zur Tränke geführt wurden, schritten bis zur Brust ins Wasser und schüttelten sich wiehernd. Mit duftendem Heu beladene Kähne reihten sich in langer Kette längs dem Ufer auf. Ein aus Rouen kommendes Marktschiff lud seine aus Soldaten, Mönchen und Ammen bestehenden Fahrgäste aus.
Die Glocken läuteten das Angelus. Die Oblaten-und Strudelverkäufer liefen mit ihren von weißen Tüchern bedeckten Körben durch die Straßen und ermunterten die Spieler in den Schenken zum Kauf.
»Heda! Kommt zum Oblatenmann, wenn euch beim Spiel das Geld zerrann! Oblaten! Oblaten! Kosten keinen Dukaten!«
Eine Kutsche rollte vorrüber, der Läufer und Hunde vorauszogen.
Der Louvre, massig und unheildrohend, vom nahenden Abend veilchenblau angehaucht, streckte unter dem roten Himmel seine endlose Galerie aus.
Ein wüstes Grölen drang aus der Schenke, deren über dem Eingang hängendes Schild drei Mohren zeigte.
Angélique und ihr Bruder Gontran stiegen die Stufen hinunter und betraten den von Tabaksrauch und Bratendunst erfüllten Raum. Im Hintergrund gewährte eine offenstehende Tür Einblick in die Küche, in der sich vor einem rotglühenden Feuer mit Geflügel bespickte Spieße langsam drehten.
Die beiden jungen Leute setzten sich an einen abseits stehenden Tisch unter einem Fenster, und Gontran bestellte Wein.
»Such dir eine gute Flasche aus«, sagte Angélique und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich bin’s, die bezahlt.«
Und sie zeigte ihre Börse, in der sie die beim Spiel gewonnenen fünfzehnhundert Livres sorgfältig hütete.
Gontran erklärte, er sei kein Feinschmecker. Im allgemeinen begnüge er sich mit einem einfachen Landwein. Sonntags gehe er in die Vororte hinaus und lasse sich etwas Besseres vorsetzen, denn dort seien die Bordeaux- und Bourgogneweine billiger, weil der städtische Zollaufschlag wegfiele. Dieser Ausflug bilde seine einzige Zerstreuung.
Angélique fragte ihn, ob er mit Freunden dorthin ginge. Er verneinte es. Er habe keine Freunde, aber es mache ihm Spaß, unter einer Laube zu sitzen und die Gesichter der Arbeiter und ihrer Familien zu betrachten. Er fand die Menschheit erfreulich und sympathisch.