Gontran hielt einen Branntweinverkäufer an und goß sich einen kleinen Becher Schnaps hinter die Binde. Dann wischte er sich mit dem Handrücken die Lippen ab, bezahlte, nahm Abschied von Desgray und Angélique und verlor sich in der Menge, ohne sich von den Handwerkern abzuheben, die zu dieser Stunde an ihre Arbeitsplätze eilten.
»Das also ist aus uns beiden geworden«, dachte Angélique, während sie ihm nachschaute. »Schöne Erben des stolzen Namens de Sancé! Ich bin zwangsläufig in diese Situation geraten, aber er, warum ist er freiwillig so tief hinabgestiegen?«
Ihres Bruders wegen ein wenig verlegen, warf sie Desgray einen Seitenblick zu.
»Er ist immer ein Sonderling gewesen«, sagte sie. »Er hätte Offizier werden können wie alle jungen Adligen, aber er hat sich immer nur für seine Farben interessiert. Meine Mutter sagte, während sie ihn erwartete, habe sie eine Woche damit verbracht, alle Kleidungsstücke der Familie wegen der Trauer um meine Großeltern schwarz zu färben. Vielleicht kommt es daher?«
Desgray lächelte. »Ich bin begierig auf den Jesuitenbruder«, sagte er, »das vierte Exemplar dieser seltsamen Familie.«
»Oh, Raymond ist ein feiner und guter Mensch!«
»Ich hoffe es für Euch, Madame.«
»Ihr sollt mich nicht mehr Madame nennen«, sagte Angélique. »Seht mich an, Maître Desgray.«
Sie hob ihr rührendes, kleines, wachsbleiches Gesicht zu ihm auf. Die Müdigkeit verklärte ihre grünen Augen und gab ihnen eine kaum definierbare Tönung: die der ersten Frühlingsblätter.
»Der König hat gesagt: >Ich möchte nichts mehr von Euch hören.< Begreift Ihr, was ein solcher Befehl bedeutet? Daß es keine Madame de Peyrac mehr gibt. Ich soll nicht mehr existieren. Ich existiere nicht mehr. Begreift Ihr?«
»Ich begreife vor allem, daß ihr krank seid«, sagte Desgray. »Bleibt Ihr bei Eurer Feststellung von neulich?«
»Bei welcher Feststellung?«
»Daß Ihr kein Vertrauen zu mir habt?«
»In diesem Augenblick gibt es nur Euch, zu dem ich Vertrauen haben kann.«
»So kommt. Ich führe Euch an einen Ort, wo man Euch pflegen wird. Ihr könnt nicht vor einen gestrengen Jesuiten treten, ohne im Vollbesitz aller Eurer Kräfte zu sein.«
Er nahm sie beim Arm und zog sie durch das Gewühl der morgendlichen Stadt. Der Lärm ringsum war ohrenbetäubend. Alle Händler straßauf und straßab priesen zu gleicher Zeit unter gewaltigem Stimmaufwand ihre Waren an. - Angélique hatte große Mühe, ihre verletzte Schulter vor Püffen zu schützen, und sie biß mehr als einmal die Zähne zusammen, um vor Schmerz nicht aufzuschreien.
In der Rue Saint-Nicolas machte Desgray vor einem riesigen Schilde halt, auf dem auf königsblauem Grund ein kupfernes Schälchen zu sehen war. Dampf wölken entquollen den Fenstern des ersten Stockwerks. Angélique begriff, daß sie sich bei einem Badstübner befand, und es wurde ihr im voraus wohlig zumute bei dem Gedanken, in eine Wanne mit heißem Wasser zu steigen.
Meister Georges, der Inhaber, forderte sie auf, vorläufig erst einmal Platz zu nehmen. Er werde ihnen in wenigen Minuten zur Verfügung stehen. Er rasierte gerade einen Musketier und erging sich dabei in langen Reden über das Elend des Friedens, des größten Mißgeschicks, das einem tapferen Krieger zustoßen könne.
Endlich überließ er den »tapferen Krieger« seinem Lehrling mit dem Auftrag, ihm den Kopf zu waschen, was kein leichtes Geschäft war, und trat, während er die Klinge des Rasiermessers an seiner Schürze abtrocknete, dienstfertig lächelnd zu Angélique.
»Aha, ich sehe schon, was los ist! Wieder ein Opfer der galanten Krankheiten. Ich soll sie dir wohl instand setzen, bevor du sie gebrauchst, unverbesserlicher Schürzenjäger? Eine Vorsichtsmaßnahme, die ich durchaus billige. Vertrau dich mir ruhig an, mein hübsches Kind. Zuerst ein gutes Bad, das kann keinem schaden, was auch die Herren Ärzte sagen mögen. Dann drei Schröpfköpfe, um das schlechte Blut herauszuziehen, und schließlich ein Pflaster aus verschiedenen Kräutern, das wir auf die bewußte Stelle legen werden, auf jenen lieblichen Altar der Venus, auf dem Maître Desgray hernach unbesorgt sein Opfer darbringen kann.«
»Darum geht es nicht«, sagte der Advokat ganz ruhig. »Diese junge Frau hat sich eine Verletzung zugezogen, und ich möchte, daß Ihr ein wenig Linderung verschafft. Dann soll sie ein Bad bekommen.«
Angélique, die bei den Reden des Barbiers trotz ihrer Blässe errötet war, geriet bei dem Gedanken, sich vor den beiden Männern entkleiden zu müssen, in tiefste Verlegenheit. Sie hatte sich immer nur von Frauen behandeln lassen, und da sie nie krank gewesen war, kannte sie die Untersuchungsmethoden der Ärzte nicht, geschweige denn die der Bader.
Aber noch bevor sie sich dagegen zur Wehr setzen konnte, hatte Desgray auf die selbstverständlichste Weise der Welt und mit der Geschicklichkeit eines Mannes, für den weibliche Kleidungsstücke nichts Geheimnisvolles haben, ihr Mieder aufgehakt und das Band ihres Hemdes gelöst, das ihr daraufhin über die Arme bis zur Taille hinabglitt.
Meister Georges beugte sich über sie und nahm vorsichtig das Salbenpflaster ab, das Mariedje auf die lange, vom Degen des Chevaliers de Lorraine verursachte Hiebwunde gelegt hatte.
»Hm, hm«, brummte der Barbier, »ich sehe schon, um was es sich handelt. Ein galanter Edelmann, dem die Geschichte zu kostspielig war und der deshalb mit >eiserner Münze< zahlte, wie wir zu sagen pflegen. Weißt du nicht, mein Herzchen, wie man dafür sorgt, daß ihr Degen hübsch unter dem Bett bleibt, bis sie zur Börse greifen?«
»Und was haltet Ihr von der Wunde?« fragte Desgray, ohne auf das Geschwätz zu achten, während Angélique vor Scham verging.
»Tja, sie schaut weder gut noch schlecht aus. Ein unwissender Apotheker hat sie mit seiner ranzigen Salbe verschmiert. Wir werden das beseitigen und durch eine heilende und erfrischende Mixtur ersetzen.«
Er entfernte sich, um von einem Gestell eine Dose zu holen.
Angélique fand es unerträglich, halbnackt in diesem jedermann zugänglichen Raum sitzen zu müssen, in dem sich der verdächtige Geruch der Drogen mit dem scharfen Duft der Seifen mischte.
Ein Kunde kam herein, um sich rasieren zu lassen. Bei ihrem Anblick rief er:
»O welch hübsche Nestchen! Schade, daß ich sie nicht zur Hand habe, wenn der Mond aufgeht!«
Auf ein unmerkliches Zeichen Desgrays sprang der Hund Sorbonne den Schwätzer an und verbiß sich in dessen Kniehose.
»Au weh, verdammt noch mal!« rief der Mann aus. »Der Mann mit dem Hund! Du also, Desgray, du Tausendsasa, bist der Besitzer dieser beiden göttlichen Liebesäpfel?«
»Wenn Ihr nichts dagegen habt, Messire«, sagte Desgray ungerührt.
»Dann will ich nichts gesagt und nichts gesehen haben. O Messire, vergebt und bedeutet Eurem Untier, meine armen, fadenscheinigen Hosen loszulassen.«
Mit einem leisen Pfiff rief Desgray den Hund zurück.
»Ich möchte fort von hier«, flüsterte Angélique mit bebenden Lippen und versuchte, sich wieder anzuziehen. Der junge Mann zwang sie, sich hinzusetzen.
Mit barscher, wenn auch gedämpfter Stimme sagte er:
»Spielt nicht die Prüde, kleine Törin! Muß ich Euch an die Redensart der Soldaten erinnern: Krieg ist Krieg? Ihr habt Euch auf einen Kampf eingelassen, bei dem nicht nur das Leben Eures Gatten, sondern auch Euer eigenes auf dem Spiel steht. Ihr müßt alles tun, um ihn zu bestehen, und Zierereien könnt Ihr Euch dabei nicht leisten. Schaut einmal mich an«, setzte er gebieterisch hinzu.
Sie zwang sich, die Augen zu diesem Männergesicht zu erheben: einem jener Gesichter, denen man in belebten Straßen auf Schritt und Tritt begegnet. Weder schön noch häßlich, Lippen, die sich in spöttischem Lächeln über unregelmäßigen Zähnen kräuselten, buschige Augenbrauen, die den Glanz der wachsamen Augen verbargen, ein stoppelbedecktes Kinn. Ein Mann, der wie die andern zu sein schien und der dennoch dank irgendeiner geheimnisvollen Gabe mehrere Leben zu leben vermochte.