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»Ich bin ein armseliger Kanzlist«, fuhr er leise fort, »und alle, die uns umgeben, sind arme Leute aus dem Volk. Sie sind plump, aber weniger lasterhaft als so mancher Edelmann, der seinen Blick auf Eurer Brust ruhen ließ, ohne dadurch Euer Mißfallen zu erregen. Ihr habt mir vorhin gesagt: >Es gibt keine Madame de Peyrac mehr.< Nun, dann müßt Ihr lernen, eine andere Frau zu werden, sonst ...«

Er machte eine fegende Armbewegung.

»Ich glaube, ich werde einen Einschnitt ins Fleisch machen müssen«, verkündete Meister Georges, der mit einem funkelnden Messer in der Hand herzutrat. »Ich bemerke unter der Haut eine weißliche Flüssigkeit, die heraus muß. Du brauchst dich nicht zu fürchten, Herzchen«, setzte er hinzu, als rede er mit einem Kind, »niemand hat eine leichtere Hand als Meister Georges.«

Trotz ihrer Angst mußte Angélique feststellen, daß er recht hatte, denn er ging sehr geschickt zu Werke. Nachdem er eine Flüssigkeit auf die Wunde gegossen hatte, die sie zusammenzucken ließ und die nichts anderes als Branntwein war, schickte er sie in die Badestuben hinauf. Er werde sie hinterher verbinden.

Die Badestuben Meister Georges’ stellten eines der letzten Etablissements dar, wie sie noch zahlreich im Mittelalter bestanden hatten, als die Kreuzfahrer zurückgekehrt waren, die im Orient nicht nur an den türkischen Bädern Geschmack gefunden hatten, sondern auch daran, sich zu waschen. In ihnen schwitzte und reinigte man sich nicht nur, sondern ließ sich auch »enthaaren«, womit das Ausrupfen der Haare am ganzen Körper gemeint war. Oft konnte man sich dort auch schröpfen lassen. Sie waren rasch in üblen Ruf geraten, denn zu ihren mannigfaltigen Spezialitäten gehörten auch solche, für die sich hauptsächlich die verrufenen Häuser der Rue du Val d’amour interessierten. Besorgte Priester, strenge Hugenotten, Ärzte, die in diesen Bädern eine Brutstätte der Hautkrankheiten erblickten, hatten sich verbündet, um ihre Auflösung durchzusetzen. Und von da an gab es in Paris, abgesehen von den schmutzigen Lokalen einiger Barbiere, kaum mehr eine Möglichkeit, sich gründlich zu reinigen.

Selbst Meister Georges sprach zuweilen davon, seine Badestuben zu schließen, die den Argwohn der Frömmler des Stadtviertels auf ihn lenkten. Sie brächten ihm mehr Ärger als Geld ein, behauptete er.

Trotz seiner Klagen bestand kein Zweifel, daß es ihm nicht an Kunden fehlte, und als Angélique im Vorbeigehen durch eine Türspalte ein auf einem Ruhebett liegendes Pärchen erblickte, wurde ihr klar, daß der Argwohn vermutlich nicht ganz unbegründet war.

Die Badestuben bestanden aus zwei großen, mit Fliesen ausgelegten Räumen, die durch Holzwände in kleine Kabinen unterteilt waren. Im Hintergrunde jedes der beiden Säle erhitzte ein Junge Steinkugeln in einem Ofen.

Angélique wurde von einer der Wärterinnen, die im Frauensaal Dienst taten, völlig entkleidet. Man schloß sie in eine der Kabinen ein, in der sich eine Bank und eine kleine Wanne befanden, in die man gerade glühende Steinkugeln geworfen hatte. Das Wasser zischte und entwickelte kochend heißen Dampf.

Sie war schweißüberströmt und glaubte, ersticken zu müssen, als man sie endlich herausholte und ihr gebot, in einen Kübel mit kaltem Wasser zu tauchen. Dann hüllte die Wärterin sie in ein Laken und brachte sie in einen anstoßenden Raum, in dem sich bereits andere halbnackte Frauen befanden. Wärterinnen, die zumeist alt und von ziemlich abstoßendem Äußeren waren, rasierten sie oder kämmten ihnen die langen Haare, wobei sie wie eine Schar Hühner gackerten. Dem Tonfall und den Themen der Unterhaltungen entnahm Angélique, daß die Mehrzahl der Badegäste einfache Frauen waren, Mägde oder Marktweiber, die nach der Messe in die Bäder gingen, um hier die neuesten Klatschgeschichten zu erfahren, bevor sie zu ihrer Arbeit eilten.

Man hieß sie, sich auf eine Bank zu legen. Nach einer Weile erschien Meister Georges, ohne daß die Versammlung im geringsten daran Anstoß zu nehmen schien. Ein spitzes Messer funkelte in seiner Hand, und ein kleines Mädchen, das einen Korb mit Schröpfköpfen trug, folgte ihm.

Angélique protestierte erbittert:

»Ihr werdet mir kein Blut abzapfen! Ich habe schon genug verloren. Seht Ihr denn nicht, daß ich schwanger bin? Ihr tötet mir mein Kind!«

Ungerührt machte ihr der Bader ein Zeichen, sich umzudrehen.

»Halt still, sonst lass’ ich deinen Freund holen, damit er dir was auf dein Hinterteil gibt.«

Erschreckt durch die Vorstellung, daß der Advokat sie in dieser Lage sehen könne, blieb sie steif liegen.

Der Barbier ritzte ihren Rücken an drei Stellen mit seinem Messer und setzte die Schröpfköpfe an.

»Schaut Euch das schwarze Blut an, das da herausläuft«, sagte er begeistert. »Solch schwarzes Blut in einem so weißen Mädchen, wie ist das nur möglich?«

»Laßt mir um Gottes willen ein paar Tropfen«, beschwor ihn Angélique. »Ich hab’ die größte Lust, dich völlig aussaugen zu lassen«, sagte der Barbier mit wild rollenden Augen. »Hinterher verrat’ ich dir das Rezept, nach dem du dir deine Adern wieder mit frischem und edlem Blut füllen kannst. Hier ist es: ein gutes Glas Rotwein und eine Liebesnacht.«

Er gab sie endlich frei, nachdem er ihr einen festen Verband angelegt hatte. Zwei Mädchen halfen ihr, sich zu frisieren und wieder anzuziehen. Sie gab ihnen ein Trinkgeld, das sie verblüfft in Empfang nahmen.

»He, Marquise«, rief die Jüngere aus, »ist es etwa gar dein Prinz vom Federkiel im fadenscheinigen Wams, der dir so schöne Geschenke macht?«

Eine der alten Frauen stieß sie an, und nachdem sie Angélique nachgeschaut hatte, die mit zitternden Knien die Holztreppe hinunterstieg, flüsterte sie:

»Hast du nicht gemerkt, daß sie eine große Dame ist, die in der Hoffnung hierherkommt, sich nach den faden kleinen Edelleuten mal mit etwas Leckerem zu verlustieren?«

»Für gewöhnlich verkleiden sie sich nicht«, meinte die andere. »Sie setzen eine Maske auf, und Meister Georges läßt sie durch eine Hintertür ein.«

Im Laden fand Angélique Desgray frisch rasiert und mit geröteter Haut vor.

»Sie ist soweit«, sagte der Barbier mit verständnisinnigem Augenblinzeln zu Desgray, »aber seid nicht so brutal wie gewöhnlich, solange die Wunde an ihrer Schulter nicht vernarbt ist.«

Diesmal mußte die junge Frau lachen. Sie fühlte sich zu jeglicher Gegenwehr unfähig.

»Wie fühlt Ihr Euch?« fragte Desgray, als sie wieder auf der Straße waren.

»Ich fühle mich schwach wie ein kleines Kätzchen«, erwiderte Angélique, »aber eigentlich ist das gar nicht unangenehm. Ich habe den Eindruck, als stände ich über den Dingen. Ich weiß nicht, ob die Pferdekur, der ich mich eben unterzogen habe, der Gesundheit zuträglich ist, aber jedenfalls beruhigt sie die Nerven. Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen - einerlei, was für eine Haltung mein Bruder Raymond mir gegenüber einnimmt, er wird eine demütige und fügsame Schwester vor sich haben.«

»Gut so. Ich habe immer ein wenig Angst vor Eurem rebellischen Geist. Werdet Ihr wieder ins Bad gehen, bevor Ihr das nächste Mal dem König gegenübertretet?«

»Ach, hätte ich es doch getan!« seufzte Angélique. »Es wird kein nächstes Mal geben. Nie mehr werde ich dem König gegenübertreten.«

»Man soll nicht sagen: nie mehr. Das Leben ist veränderlich, das Rad dreht sich unentwegt.«

Ein Windstoß löste das Tuch, das die junge Frau um ihr Haar geschlungen hatte. Desgray blieb stehen und knüpfte es wieder fest. Bewegt nahm Angélique die beiden braunen und warmen Hände mit den langen, edelgeformten Fingern zwischen die ihren.