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»Pah! Ihr Bruder auf gaskognische Weise. Dort drunten gibt es einen Ausdruck: >Bruder meines Landes<, den die Leute aus derselben Provinz untereinander anwenden. In Gottes Namen, schließlich brauche ich auf diese Weise nicht für ihren Lebensunterhalt zu sorgen .«

Am selben Abend bezogen Angélique und ihr Söhn-chen das bescheidene Logis der Witwe Cordeau am Carreau du Temple.

So hieß der Marktplatz, zu dem die Händler strömten, die Geflügel, Fische, frisches Fleisch, Knoblauch, Honig und Kresse feilboten, denn jeder hatte das Recht, sich gegen ein geringes Standgeld dort niederzulassen und zu beliebigen Preisen zu verkaufen, ohne Steuern und ohne Kontrolle. Die Gegend war darum sehr belebt.

Die Witwe Cordeau war eine alte Frau von eher bäurischem als städtischem Wesen, die vor ihrem kümmerlichen Feuer Unmengen Wolle spann und in ihrem Äußeren etwas von einer Hexe hatte.

Doch Angélique fand ein sauberes, nach Seife duftendes Zimmer vor, ein bequemes Bett, und auf dem Fußboden eine tüchtige Lage Stroh, die man ausgebreitet hatte, um an diesen ersten Wintertagen die von den Fliesen aufsteigende Kälte abzuhalten.

Madame Cordeau hatte ein Kinderbettchen für Florimond heraufbringen lassen, einen Stapel Holz und eine Schüssel mit Brei.

Nachdem Desgray und Gontran gegangen waren, fütterte die junge Frau den Kleinen und legte ihn schlafen. Florimond quengelte und verlangte nach Barbe und seinen kleinen Vettern. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, summte sie ein Lied: das von der grünen Mühle, das er besonders gern mochte. Die Wunde schmerzte sie kaum mehr, und die Versorgung des Kindes bedeutete eine willkommene Ablenkung. Wenn sie sich auch daran gewöhnt hatte, zahllose Dienstboten zur Verfügung zu haben, war doch andererseits ihre Kindheit so hart gewesen, daß das Verschwinden der letzten Dienerin ihr nicht allzuviel ausmachte.

Im übrigen - hatten die Nonnen sie damals in Poitiers nicht an grobe Arbeiten gewöhnt, >im Hinblick auf die Prüfungen, die der Himmel uns senden kann<?

Als daher das Kind eingeschlafen war und sie selbst sich zwischen den groben, aber sauberen Laken ausstreckte und als der Nachtwächter unter ihrem Fenster vorbeiging mit dem Ruf: »Die Uhr hat zehn geschlagen. Das Tor ist verschlossen. Ihr Leut’ in Temple, schlaft in Frieden .« - da überkam sie schließlich ein Gefühl des Wohlbehagens und der Entspannung, und während draußen der Regen fiel, schlief sie friedlich ein.

Auf der Ballei hatte sie sich unter dem unverfänglichen Namen Madame Martin eintragen lassen. Niemand stellte ihr Fragen. Die folgenden Tage verbrachte sie in dem ungewohnten, aber angenehmen Gefühl, eine junge Mutter aus dem einfachen Volke zu sein, die sich unter ihre Nachbarn mischt und keine anderen Pflichten kennt, als ihr Kind zu versorgen. Sie aß gemeinsam mit Madame Cordeau, deren fünfzehnjährigem Sohn, der Lehrling in der Stadt war, und einem ruinierten Kaufmann, der sich im Temple vor seinen Gläubigern verbarg.

Der Knabe Florimond heimste viele Komplimente ein, und Angélique war sehr stolz darauf. Sie nützte den kleinsten Sonnenstrahl aus, um zwischen den Ständen des Platzes mit ihm spazierenzugehen, wo alle Marktfrauen ihn entzückt mit dem Jesuskind in der Krippe verglichen.

Einer der Schmuckwarenhändler, der seinen Stand dicht bei dem Hause hatte, in dem Angélique wohnte, bot ihr ein kleines Kreuz mit imitierten Rubinen für ihn an. In Erinnerung an bessere Zeiten konnte sie nicht widerstehen und befestigte es am Halse des Kleinen.

Die Hersteller von unechten Edelsteinen gehörten zu den Handwerkern jeglicher Art, die sich im Temple-Bezirk niederließen, um sich den tyrannischen Vorschriften der Zünfte zu entziehen, und da die Goldschmiede von Paris die Fabrikation von Imitationen untersagten, bot nur der Temple die Möglichkeit, all jenen Tand zu kaufen, an dem die Mädchen aus dem Volke so viel Freude hatten. Aus allen Ecken der Hauptstadt kamen sie hierher, munter und hübsch anzusehen in ihren billigen Kleidern, die zumeist aus düsteren, grauen Stoffen geschneidert waren und ihnen den Spitznamen Grisetten einbrachten.

Angélique, die die buntschillernden Farben des Hofs kennengelernt hatte, verwunderte und betrübte sich über das gleichförmige Aussehen der einfachen Leute. Nicht wenige waren noch nach der Mode des vergangenen Jahrhunderts gekleidet. Sie selbst hatte ihre letzten Taft- und Seidenröcke mit einem Kleid aus derber brauner Wolle vertauscht. Für Florimond hatte sie einen Kittel von der gleichen Farbe und einen Kapuzenmantel gekauft.

Auf ihren Spaziergängen mied sie die Straßen des Temple-Bezirks, in denen sich teils aus Neigung, teils aus Sparsamkeit reiche und vornehme Leute niedergelassen hatten. Sie befürchtete, von den Besuchern erkannt zu werden, deren Kutschen mit großem Gepolter über die Brücke fuhren, und vor allem wollte sie sich sehnsüchtige Gedanken ersparen. Ein vollständiger Bruch mit der Vergangenheit schien in jeder Hinsicht ratsam, und im übrigen - war sie nicht die Frau eines armen, von allen verlassenen Gefangenen .?

Als sie indessen eines Tages mit Florimond auf dem Arm die Treppe hinunterstieg, begegnete sie ihrer Zimmernachbarin, deren Gesicht ihr irgendwie vertraut vorkam. Madame Cordeau hatte ihr gesagt, sie beherberge auch eine sehr arme, aber ziemlich zurückhaltende junge Witwe, die es vorzöge, sich gegen einen kleinen Zuschlag die Mahlzeiten auf ihr Zimmer bringen zu lassen. Im Vorbeigehen blickte Angélique flüchtig in ein reizvolles, brünettes Gesicht mit sehnsuchtsvollen, rasch gesenkten Augen, das sie nicht mit einem Namen verbinden konnte, obwohl sie sicher war, ihm schon einmal begegnet zu sein.

Bei der Rückkehr vom Spaziergang schien die junge Witwe auf sie zu warten.

»Seid Ihr nicht Madame de Peyrac?« fragte sie.

Ärgerlich und ein wenig beunruhigt bedeutete ihr Angélique, in ihr Zimmer zu treten.

»Ihr saßet an jenem Tag, als der König in Paris einzog, zusammen mit mir in der Kutsche meiner Freundin Athénaïs de Rochechouart. Ich bin Madame Scarron.«

Jetzt erkannte Angélique die ebenso schöne wie unscheinbare junge Frau wieder, die damals in ihrem dürftigen Kleid mit von der Partie gewesen war und deren sie sich alle ein wenig geschämt hatten.

Sie hatte sich inzwischen kaum verändert, außer daß ihr Kleid noch abgenutzter und geflickter war.

Aber sie trug einen schneeweißen Kragen und wahrte eine Dezenz, die etwas Rührendes hatte.

Trotz allem beglückt, sich mit einem Menschen aus dem Poitou unterhalten zu können, bot Angélique ihr vor dem Kamin Platz an, und sie verzehrten mit Florimond zusammen ein wenig Gebäck.

Françoise d’Aubigné gestand ihr, sie habe sich im Temple eingemietet, weil man hier drei Monate lang wohnen könne, ohne Miete zu bezahlen. Nun ja, sie sei mit ihren Mitteln völlig am Ende und stehe vor der Aussicht, von ihren Gläubigern auf die Straße gesetzt zu werden. Doch hoffe sie, im Verlaufe dieser drei Monate beim König oder bei der Königin-Mutter durchsetzen zu können, daß man die Rente von zweitausend Livres, die Seine Majestät ihrem Gatten zu dessen Lebzeiten gewährt hatte, auf sie übertrage.

»Ich gehe fast jede Woche in den Louvre und stelle mich an den Weg zur Kapelle. Ihr wißt doch, daß Seine Majestät, wenn sie ihre Gemächer verläßt, um die Messe zu hören, eine Galerie durchquert, in der die Bittsteller sie anreden dürfen. Es gibt dort immer eine Unmenge von Mönchen, Kriegswaisen und ausgedienten Soldaten ohne Pension. Wir müssen manchmal sehr lange warten. Endlich erscheint der König. Ich muß gestehen, jedesmal, wenn ich meine Bittschrift in die königliche Hand lege, klopft mein Herz so heftig, daß ich fürchte, der König könnte es hören.«

»Bisher hat er nicht einmal Eure Bitte gehört!«

»Allerdings, aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, daß er eines Tages einen Blick darauf wirft.«

Die junge Witwe war über alles orientiert, was bei Hofe vorging. Sie erzählte von Mademoiselle de Montpensier, die wieder einmal in Ungnade gefallen und vom König aus unerfindlichen Gründen auf ihre Besitzung Saint-Fargeau verbannt worden sei, von der in aller Stille gefeierten Hochzeit Monsieurs mit Henriette von England, bei der die beiden Ehegatten nach übereinstimmender Ansicht recht sauere Gesichter gezogen hätten. Philippe d’Orléans habe heimlich bei dem Gedanken an die Pflichten geseufzt, denen er seiner reizenden jungen Gattin gegenüber würde nachkommen müssen. Henriette von England habe dagegen ihren königlichen Schwager mit Blicken verfolgt, die unzweideutig erkennen ließen, auf wen sich ihre Enttäuschung bezogen habe und daß ihr lange gehegter Wunsch, Schwiegertochter Anna von Österreichs zu werden, auf nicht eben beglückende Weise in Erfüllung gegangen sei. Indessen habe am anderen Morgen der ganze Louvre zugegeben, daß der zuvor von seinem Bruder gehörig ins Gebet genommene kleine Monsieur sein Bestes getan zu haben scheine und daß die junge Gattin offenbar nicht ausgesprochen enttäuscht gewesen sei. Zur Belohnung habe Ludwig XIV. die Rückkehr des anläßlich des Ereignisses entfernten Chevaliers de Lorraine erlaubt.