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Angélique amüsierte sich höchlichst. Françoise d’Aubigné plauderte mit sehr viel Witz und Geist, und wenn sie sich ihrer Zurückhaltung begab, strahlte sie ungewöhnlichen Charme aus. Es schien sie nicht zu überraschen, die prunkgewohnte Madame de Peyrac in einem solch kümmerlichen Milieu wiederzusehen, und sie schwatzte, als befände sie sich in einem Salon.

Um jeglicher Indiskretion vorzubeugen, klärte Angélique sie mit einigen Worten über ihre Situation auf: Sie warte unter einem angenommenen Namen auf den Prozeß und die Rehabilitierung ihres Gatten, um erst dann wieder unter die Menschen zu treten. Sie vermied es, ihr zu sagen, wessen der Graf Peyrac beschuldigt wurde, denn trotz der ein wenig schlüpfrigen Geschichten, die sie erzählte, schien Françoise Scarron sehr fromm zu sein. Sie war eine konvertierte Protestantin, die in ihren Prüfungen Trost bei der Religion suchte.

Angélique schloß:

»Ihr seht, daß meine Situation noch schwieriger ist als die Eurige, Madame. Deshalb habe ich leider keine Möglichkeit, Euch bei Euren Bemühungen behilflich zu sein. Denn so mancher Mensch, der noch vor wenigen Monaten tief unter mir stand, hat jetzt das Recht, auf mich herabzublicken.«

»Man könnte die Leute in zwei Kategorien einteilen«, erwiderte die Witwe des geistreichen Krüppels: »Solche, die sich einem nützlich erweisen können, und solche, die einem nutzlos sind. Mit den ersteren verkehrt man, um sich Protektion zu verschaffen, mit den letzteren zu vergnüglichem Zeitvertreib.«

Beide brachen in fröhliches Gelächter aus.

»Weshalb sieht man Euch so selten?« fragte Angélique. »Ihr könnt doch mit uns zusammen essen?«

»Oh, ich bringe es einfach nicht über mich!« sagte die Witwe erschauernd. »Ich muß gestehen, daß mir beim Anblick dieser Mutter Cordeau und ihres Sohnes himmelangst wird ...!«

Angélique wollte sich eben über diesen Ausspruch verwundern, als sie durch ein merkwürdiges Geräusch, etwas wie ein animalisches Grunzen, das von der Treppe kam, abgelenkt wurde.

Madame Scarron öffnete die Tür und prallte entgeistert zurück.

»Mein Gott, da drunten ist ein Teufel!«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Jedenfalls ist es ein ganz schwarzer Mann.«

Angélique stieß einen Schrei aus und stürzte zum Treppengeländer.

»Kouassi-Ba!« rief sie.

»Médême«, antwortete Kouassi-Ba von unten.

Wie ein düsteres Gespenst erschien er auf der dunklen, engen Treppe. Er war in jämmerliche, durch Schnüre zusammengehaltene Lumpen gekleidet. Seine Haut war grau und schlaff. Doch als er Flori-mond erblickte, stieß er wilde Freudenrufe aus und stürzte zu ihm.

Françoise Scarron verließ mit allen Zeichen des Entsetzens das Zimmer und flüchtete in das ihrige. Angélique hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben, um nachzudenken. Wann eigentlich ... ja, wann eigentlich war Kouassi-Ba verschwunden? Sie konnte sich nicht mehr erinnern. Alles verwirrte sich. Endlich fiel ihr ein, daß er sie am Morgen jenes schrecklichen Tages, an dem sie vom König empfangen worden und beinahe durch die Hand des Herzogs von Orléans ums Leben gekommen war, in den Louvre begleitet hatte. Von diesem Augenblick an hatte sie, wie sie sich eingestehen mußte, Kouassi-Ba völlig vergessen!

Sie warf ein Reisigbündel ins Feuer, damit er seine regendurchnäßten Lumpen trocknen konnte, und tischte ihm auf, was sie nur aufzutreiben vermochte. Während er alles heißhungrig in sich hineinschlang, berichtete er ihr seine Odyssee.

In jenem großen Schloß, in dem der König von Frankreich wohnt, hatte Kouassi-Ba lange, lange auf Médême gewartet. Schrecklich lange! Die vorbeikommenden Mägde hatten sich über ihn lustig gemacht.

Dann war es Nacht geworden. Dann hatte er viele, viele Stockhiebe bekommen. Er war im Wasser aufgewacht, jawohl im Wasser, das an dem großen Schloß vorbeifließt.

»Man hat ihn niedergeschlagen und in die Seine geworfen«, sagte sich Angélique.

Kouassi-Ba war geschwommen; dann hatte er das Ufer erreicht. Beim Aufwachen hatte er geglaubt, in seine Heimat zurückgekehrt zu sein. Drei Mohren hatten sich über ihn gebeugt. Männer wie er, keine von den kleinen Negerknaben, die den vornehmen Damen als Pagen dienten.

»Bist du sicher, nicht geträumt zu haben?« fragte Angélique verwundert. »Mohren in Paris! Ich habe hier noch nie ausgewachsene gesehen.«

Durch vieles Fragen brachte sie schließlich heraus, daß er von Schwarzen aufgelesen worden war, die auf dem Jahrmarkt von Saint-Germain als Wunder gezeigt wurden und mit dressierten Bären umherzogen. Kouassi-Ba war nicht zu überreden gewesen, bei ihnen zu bleiben. Er hatte Angst vor den Bären gehabt.

Nachdem er seinen Bericht beendet hatte, zog er aus seinen Lumpen ein Körbchen hervor, kniete vor Florimond nieder und bot ihm zwei Milchbrötchen an, deren Kruste mit Eigelb vergoldet und mit Getreidekörnern bestreut war. Sie verbreiteten einen köstlichen Duft.

»Wie hast du das kaufen können?«

»Oh, ich habe nicht gekauft. Ich bin in einen Bäk-kerladen gegangen und habe so gemacht« - er schnitt eine grausige Grimasse -, »die Frau und das Fräulein haben sich unter dem Ladentisch versteckt, und ich habe die Kuchen genommen, um sie meinem kleinen Herrn zu bringen.«

»Mein Gott!« seufzte Angélique entsetzt.

»Wenn ich meinen langen, krummen Säbel hätte .«

»Ich habe ihn beim Trödler verkauft«, sagte die junge Frau hastig.

Sie hielt es nicht für ausgeschlossen, daß die Häscher Kouassi-Ba auf der Spur waren. Draußen war schon Stimmengewirr zu hören, und als sie ans Fenster trat, bemerkte sie einen Menschenauflauf vor dem Haus. Ein dunkel gekleideter Herr von respektablem Aussehen sprach streng auf Mutter Cordeau ein. Angélique öffnete das Fenster, um zu erfahren, worum es gehe. Mutter Cordeau rief ihr zu:

»Bei euch soll angeblich ein ganz schwarzer Mann sein?«

Angélique ging eilends hinunter.

»Das ist richtig, Madame Cordeau. Es handelt sich um einen Mohren, um . um einen ehemaligen Diener. Er ist ein sehr ordentlicher Bursche.«

Der respektable Herr stellte sich daraufhin als Amtmann des Temple vor, dessen Aufgabe es war, im Namen des Großpriors innerhalb des Bezirks die Befolgung der Verordnungen zu überwachen. Er erklärte, es ginge nicht an, daß ein Mohr sich hier aufhalte, zumal dieser, wie man ihm berichtet habe, wie ein Bettler gekleidet sei.

Nachdem man eine gute Weile hin und her geredet hatte, verbürgte sich Angélique dafür, daß Kouassi-Ba vor Einbruch der Dunkelheit den Bezirk verlassen werde. Bekümmert stieg sie wieder hinauf.

»Was soll ich nur mit dir anfangen, mein guter Kou-assi-Ba? Deine Anwesenheit verursacht einen richtigen Aufruhr. Und ich habe nicht mehr genügend Geld, um dich zu ernähren und zu erhalten. Und du bist an ein üppiges, sorgloses Leben gewöhnt .«