»Verkauf mich, Médême!«
Und als sie ihn verblüfft anschaute, setzte er hinzu:
»Der Graf hat mich sehr teuer gekauft, und dabei war ich damals noch klein. Jetzt bin ich mindestens tausend Livres wert. Dann hast du eine Menge Geld, um meinen Herrn aus dem Gefängnis zu befreien.«
Angélique sagte sich, daß der Schwarze recht hatte. Genau besehen, war Kouassi-Ba alles, was ihr von ihrem einstigen Besitz blieb. Die Sache widerstrebte ihr, aber war es nicht wirklich der beste Weg, um eine Zuflucht für den armen Burschen zu finden, der Gefahr lief, den Lastern der zivilisierten Welt anheimzufallen?
»Komm morgen wieder«, sagte sie zu ihm. »Bis dahin werde ich eine Lösung gefunden haben. Und sieh dich vor, daß du dich nicht von den Häschern erwischen läßt.«
»Oh, ich weiß schon, wie ich mich verberge. Ich habe viele Freunde in dieser Stadt. Ich mache so, und dann sagen die Freunde: >Du bist einer der Unsrigen<, und sie nehmen mich in ihre Häuser mit.«
Er zeigte ihr, wie man auf eine bestimmte Art die Finger kreuzen mußte, um sich den besagten Freunden gegenüber auszuweisen.
Sie gab ihm eine Decke und schaute lange der dunklen, einsamen Gestalt nach, die sich im rieselnden Regen entfernte. Nach einigem Überlegen beschloß sie, zu ihrem Bruder zu gehen und ihm um Rat zu fragen. Doch der R. P de Sancé war abwesend.
Gedankenverloren machte sie sich auf den Rückweg, als ein junger Mann mit einem Geigenkasten unterm Arm sie, von Pfütze zu Pfütze springend, überholte.
»Giovanni!«
Das war wirklich ein Tag des Wiedersehens! Sie zog den kleinen Musikanten unter die Vorhalle der alten Kirche und fragte ihn, was er treibe.
»Ich bin noch nicht im Orchester Monsieur Lullys«, sagte er, »aber Mademoiselle de Montpensier hat mich, als sie nach Saint-Fargeau zog, an Madame de Soissons abgetreten, die zur Verwalterin des Hauses der Königin ernannt worden ist. Ich habe also glänzende Beziehungen«, schloß er mit gewichtiger Miene, »dank denen ich meine Nebeneinkünfte vermehren kann, indem ich jungen Damen aus guter Familie Musik- und Tanzunterricht gebe. Ich komme gerade von Mademoiselle de Sévigné, die im Palais Boufflers wohnt.«
Nach einem scheuen Blick auf die bescheidene Kleidung seiner einstigen Herrin setzte er verlegen hinzu:
»Und Ihr, Madame? Darf ich fragen, wie Eure Angelegenheiten stehen? Wann werden wir den Herrn Grafen wiedersehen?«
»Bald. Es ist nur eine Frage von Tagen«, erwiderte Angélique, die an etwas anderes dachte. »Giovanni«, fuhr sie fort, indem sie den Jungen bei den Schultern faßte, »ich habe mich entschlossen, Kouassi-Ba zu verkaufen. Ich erinnere mich, daß die Herzogin von Soissons ihn zu erwerben wünschte, aber ich kann den Temple-Bezirk nicht verlassen, geschweige denn, mich in die Tuilerien begeben. Willst du die Sache vermitteln?«
»Ich stehe immer zu Euren Diensten, Madame«, sagte der kleine Musikant artig.
Er schien sich beeilt zu haben, denn kaum zwei Stunden danach, als Angélique eben Florimonds Mahlzeit richtete, klopfte jemand an ihre Tür. Sie machte auf und stand einer großen, rothaarigen Frau mit arroganter Miene und einem Lakaien gegenüber, der die kirschrote Livree des herzoglichen Hauses Soissons trug.
»Wir kommen auf Veranlassung Giovannis«, sagte die Frau, unter deren Umhang ein höchst kokettes Kammermädchenkleid hervorschaute. Sie hatte den zugleich gerissenen und kecken Gesichtsausdruck der bevorzugten Zofe einer großen Dame.
»Meine Herrin ist bereit, der Sache näherzutreten«, fuhr sie fort, nachdem sie Angélique und das Zimmer abschätzend gemustert hatte, »aber erst wollen wir wissen, was für uns dabei abfällt.«
»Vielleicht bemühst du dich um einen anständigen Ton, mein Kind«, versetzte Angélique mit einer Kühle, die sofort die geziemende Distanz herstellte.
Sie setzte sich und ließ die beiden vor ihr stehen.
»Wie heißt du?« fragte sie den Lakaien.
»La Jacinthe, Frau Gräfin.«
»Schön. Immerhin hast du scharfe Augen und ein waches Gedächtnis. Warum soll ich zwei Leute bezahlen?«
»Nun ja, bei Vermittlungsgeschäften arbeiten wir immer zusammen.«
»Ein beachtliches Gespann. Ein Glück, daß nicht das ganze Haus des Herrn Herzogs sich daran beteiligt! Folgendes sollt ihr tun: der Frau Herzogin sagen, daß ich ihr meinen Mohren Kouassi-Ba verkaufen möchte. Aber ich kann mich nicht in die Tuilerien begeben. Eure Herrin muß mir also irgendein Haus im Temple nennen, wo wir uns zu einer Besprechung treffen können. Aber ich bestehe darauf, daß die Sache mit größter Diskretion behandelt und daß auch mein Name nicht genannt wird.«
»Das wird sich schon deichseln lassen«, sagte die Zofe nach einem Blick auf ihren Spießgesellen.
»Ihr bekommt zwei Livres auf zehn Livres. Das bedeutet also, daß ihr um so besser fahrt, je höher der Preis ist. Und Madame de Soissons muß dermaßen darauf erpicht sein, diesen Mohren zu bekommen, daß sie vor keiner Zahl zurückschreckt.«
»Wird gemacht«, versprach die Zofe. »Übrigens hat die Frau Herzogin erst neulich bedauert, als ich sie frisierte, diesen scheußlichen Teufel nicht in ihrem Gefolge zu haben! Wohl bekomm er ihr! Viel Vergnügen!« schloß sie, indem sie die Augen zum Himmel aufschlug.
Angélique und Kouassi-Ba warteten in einem kleinen Kabinett des Palais Boufflers.
Gelächter und lebhaftes Stimmengewirr drangen aus den Salons herein, in denen Madame de Sévigné heute empfing. Wenn Angélique es sich auch nicht eingestehen wollte, schmerzte es sie doch, sich ausgeschlossen zu wissen, während wenige Schritte entfernt die Frauen ihrer Welt sorglos ihr unbeschwertes Leben weiterführten.
Neben ihr rollte Kouassi-Ba seine großen, angsterfüllten Augen. Sie hatte für ihn bei einem der Trödler des Temple eine alte Livree mit verblichenem Goldbesatz ausgeliehen, in der er eine reichlich unglückliche Figur machte.
Endlich wurde die Tür von der Zofe Madame de Soissons’ geöffnet, und die letztere rauschte lebhaft herein.
»Aha, das ist die Frau, von der du mir gesprochen hast, Bertille ...«
Sie hielt inne, um Angélique ‘aufmerksam zu betrachten.
»Großer Gott!« rief sie aus. »Ihr seid das, meine Liebe?«
»Ich bin’s«, sagte Angélique lachend, »aber, bitte, verwundert Euch nicht. Ihr wißt, daß mein Gatte in der Bastille ist. Da fällt es mir schwer, in besseren Verhältnissen zu leben als er.«
»Ja, natürlich«, stimmte Olympe de Soissons zu, bemüht, die Situation zu meistern. »Ist uns nicht allen irgendwann einmal ein Mißgeschick widerfahren? Damals, als mein Onkel, der Kardinal Mazarin, aus Frankreich fliehen mußte, trugen wir, meine Schwestern und ich, geflickte Röcke, und das Volk auf der Straße warf mit Steinen nach unserer Kutsche und nannte uns die >Mancini-Dirnen<. Nun, jetzt, da der arme Kardinal im Sterben liegt, sind die Leute von der Straße bestimmt gerührter als ich. Ihr seht, wie das Rad sich dreht! Aber ist dies hier Euer Mohr, meine Liebe? Ich hatte ihn viel schöner in Erinnerung! Ja, dicker und schwärzer.«
»Das kommt daher, weil er friert und hungert«, warf Angélique rasch ein. »Aber Ihr werdet sehen - sobald er gegessen hat, ist er wieder kohlrabenschwarz.«
Die schöne Frau machte ein enttäuschtes Gesicht. Mit einer raubtierartigen Bewegung richtete sich Kouassi-Ba auf.
»Ich bin noch stark. Schau!«
Er riß die alte Livree auf, und seine breite, mit seltsamen Tätowierungen bedeckte Brust wurde sichtbar. Er stemmte die Schultern zurück, ließ die Muskeln spielen und hob die Arme wie die Ringkämpfer auf dem Jahrmarkt. Lichtreflexe glitten über seine bronzene Haut.
Dann senkten sich die langen Lider über seine elfenbeinfarbenen Augäpfel. Nur ein ganz schmaler Spalt blieb, aus dem er die Herzogin fixierte. Ein leichtes, zugleich arrogantes und zärtliches Lächeln begann um die dicken Lippen des Mohren zu spielen.