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Madame Scarrons zurückhaltendes Wesen hinderte Angélique nicht, gewisse Zweifel an ihrer Tugendhaftigkeit zu heben. In dieser sanften und spröden Frau schwelte eine Sinnlichkeit, die die Dürftigkeit ihrer Aufmachung und die Schlichtheit ihrer Äußerungen nicht zu verschleiern vermochten. Gleichwohl bot der Lebenswandel ihrer Nachbarin keinen Anlaß zu übler Nachrede. Jeden Morgen ging sie zur Messe und am Abend zur Andacht. Wenn Angélique unvermutet bei ihr eintrat, pflegte sie in einem dicken, abgegriffenen Gebetbuch zu lesen.

Aber als Angélique eines Tages über den Flur ging, glaubte sie, ein unterdrücktes Stöhnen zu vernehmen, das aus dem Zimmer ihrer Freundin drang. Im Begriff, anzuklopfen und zu fragen, ob ihr etwas fehle, kam es ihr plötzlich vor, als seien diese Seufzer das Echo eines männlichen Geflüsters. Ungeniert schaute Angélique durchs Schlüsselloch und stellte fest, daß die unbescholtene Witwe sich in nicht mißzuverstehender Weise in die Arme eines Mannes drängte, der seinerseits durchaus entschlossen schien, ihr Verlangen zu stillen. In dem Mann erkannte sie den Haushofmeister einer vornehmen Dame, der zuweilen in deren Auftrag Madame Scarron aufsuchte, um ihr eine kleine Beihilfe zu bringen. Nun, er fügte eben noch einen persönlichen Beitrag hinzu.

Still vor sich hin lachend, kehrte Angélique in ihr Zimmer zurück und nahm sich vor, ihre Freundin durch mehr oder minder deutliche Anspielungen ein wenig in Verlegenheit zu bringen. Doch dann besann sie sich eines Besseren. Was ging es sie an, wenn es Françoise d’Aubigné beliebte, zugleich fromm und leidenschaftlich zu sein? Bemühen wir uns nicht unser Leben lang, unser Ideal mit unseren Schwächen in Einklang zu bringen?

Man mußte schon ein Joffrey de Peyrac sein, um sich mit Gott und den Menschen und mit sich selbst eins zu fühlen. Aber Joffrey paßte nicht in seine Zeit. Er sprach nicht dieselbe Sprache wie diese Männer und Frauen, die unter Skrupeln liederlich waren und mit heimlichem Widerwillen fromm. Er glich nicht den andern, und vielleicht würde man ihn eben deshalb verurteilen.

Seufzend setzte sich Angélique vor ihr Feuer. Sie griff zur Nadel, um ein Jäckchen zu häkeln, und vergaß die Liebschaften der Witwe Scarron.

Als sie zum zweitenmal das kleine Sprechzimmer der Jesuiten betrat, erwartete Angélique, ihren Bruder vorzufinden, der sie hatte rufen lassen, und den Advokaten Desgray, dem sie lange nicht mehr begegnet war.

Aber im Raum befand sich nur ein kleiner, schwarzgekleideter Mann mittleren Alters, der eine jener »Kanzlistenperücken« aus Roßhaar trug, an denen ein Käppchen aus schwarzem Leder festgenäht ist.

Er stand auf und grüßte linkisch auf altmodische Art, dann stellte er sich umständlich als Gerichtsaktuar vor, der von Maître Desgray in der Angelegenheit des Sieur Peyrac zugezogen worden sei.

»Ich befasse mich erst seit drei Tagen damit, aber ich stehe schon lange mit Maître Desgray und Maître Fallot in Verbindung, die mich über den Fall informiert und mit der Abfassung der üblichen Schriftstücke und der Einleitung Eures Prozesses betraut haben.«

Angélique stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

»Endlich ist es also soweit!« rief sie aus.

Der kleine Biedermann betrachtete die Klientin, die von den juristischen Formalitäten offensichtlich keine Ahnung hatte, mit ärgerlicher Miene.

»Wenn Maître Desgray mir die außerordentliche Ehre zuteil werden ließ, mich um meinen Beistand zu bitten, so geschah es deshalb, weil dieser junge Mann sich klargeworden ist, daß er trotz der vorzüglichen Schriftsätze, die er dank seiner hervorragenden Intelligenz anfertigt, eines mit dem Prozeßwesen eng vertrauten Fachmannes bedurfte. Nun, Madame, dieser Fachmann bin ich.«

Mit selbstgefälliger Miene betrachtete er den Staub, der in einem einfallenden Lichtstrahl tanzte. Angélique wurde leicht ungehalten.

»Aber Ihr habt mir doch zu verstehen gegeben, daß der Prozeß bereits eingeleitet sei?«

»Gemach, meine schöne Dame. Ich habe lediglich gesagt, daß ich die Einleitung dieses Prozesses betreibe.«

»Das ist doch dasselbe!«

»Ich bitte tausendmal um Vergebung, Madame. Ich habe nur gesagt, daß dank meiner die Dinge sich endlich auf dem normalen und regulären Verfahrenswege befinden.«

»Genau das wünsche ich mir«, sagte Angélique.

Ein wenig verwirrt ließ sie sich auf einer der Polsterbänke nieder, die den Sprechraum zierten. Das Männchen blieb vor ihr stehen und schien noch einiges mehr zur näheren Erläuterung dazu sagen zu wollen, wurde aber durch das Erscheinen des Advokaten und des Jesuiten unterbrochen.

»Was ist denn das für ein seltsamer Vogel, den Ihr da aufgestöbert habt?« flüsterte Angélique Desgray zu.

»Ihr könnt beruhigt sein, er ist harmlos. Und er ist ein richtiges kleines Insekt, das von beschriebenem Papier lebt, aber ein kleiner Gott auf seinem Gebiet.«

»Was er sagt, ließ mich fürchten, daß er meinen Gatten zwanzig Jahre lang im Gefängnis verkommen lassen will.«

»Monsieur Clopot, Ihr redet zuviel und seid Madame lästig gefallen«, sagte der Advokat in hartem Ton.

Der kleine Mann schrumpfte noch mehr zusammen, drückte sich in eine Ecke und bekam fast etwas von einer Küchenschabe.

Angélique mußte sich beherrschen, um nicht zu lachen.

»Ihr behandelt ihn aber schlecht, Euren kleinen Aktenkönig.«

»Darin besteht meine ganze Überlegenheit ihm gegenüber. Tatsächlich ist er hundertmal reicher als ich ... Und nun setzen wir uns und vergegenwärtigen wir uns die Situation.«

»Der Prozeß steht fest?«

»Ja.«

Die junge Frau betrachtete die Gesichter ihres Bruders und ihres Advokaten, aus denen eine gewisse Reserve zu lesen war.

»Die Anwesenheit Monsieur Clopots hat es dich wohl schon erkennen lassen«, sagte Raymond endlich: »Wir haben es nicht erreicht, daß dein Gatte vor ein Kirchentribunal gestellt wird.«

»Obwohl es sich um die Beschuldigung der Hexerei handelt?«

»Wir haben alle Gegenargumente ins Treffen geführt und unsern ganzen Einfluß spielen lassen, das kannst du mir glauben. Aber der König hat offenbar den Wunsch, sich päpstlicher als der Papst zu zeigen. Es ist wohl so: je mehr Mazarin sich dem Grab nähert, desto mehr erhebt der junge Monarch den Anspruch, alle Angelegenheiten des Königreichs einschließlich der kirchlichen in die Hand zu nehmen. Kurz und gut, wir haben nichts anderes erreichen können als die Eröffnung eines Zivilprozesses.«

»Dieser Beschluß ist doch wohl immer noch besser, als wenn die Sache in Vergessenheit geriete, nicht wahr?« fragte Angélique und mühte sich vergeblich, von Desgrays Augen eine Bestätigung abzulesen.

»Eine klare Entscheidung ist immer besser als jahrelange Ungewißheit.«

»Wir wollen diesem Fehlschlag keine allzu große Bedeutung beimessen«, versetzte Raymond. »Jetzt handelt es sich um die Frage, wie man die Richtung dieses Prozesses beeinflussen kann. Der König wird selbst die Geschworenen bestimmen. Unsere Rolle muß es sein, ihm begreiflich zu machen, daß er es sich schuldig ist, Unparteilichkeit und Gerechtigkeit walten zu lassen. Wahrlich eine heikle Rolle, das Gewissen eines Königs wachzurütteln!«

Diese Worte erinnerten Angélique an einen Ausspruch, den der Marquis du Plessis-Bellière vor langer Zeit über Monsieur Vincent de Paul getan hatte: »Er ist das Gewissen des Königreichs.«

»Oh«, rief sie aus, »warum habe ich nur nicht früher daran gedacht? Wenn Monsieur Vincent mit der Königin oder mit dem König über Joffrey reden könnte, würde er sie sicher erweichen.«

»Leider ist Monsieur Vincent im vergangenen Monat in seinem Haus in Saint-Lazare gestorben.«

»Mein Gott!« seufzte Angélique, und ihre Augen füllten sich mit Tranen der Enttäuschung. »Warum habe ich nur nicht an ihn gedacht, als er noch lebte! Er hätte mit ihnen zu reden gewußt. Er hätte erreicht, daß Joffrey vor ein Kirchengericht gekommen wäre ...«