Die junge Frau malte gedankenverloren mit dem Finger auf die beschlagene Fensterscheibe. >Wenn ich wieder mit Joffrey in Toulouse sein werde<, dachte sie, >werde ich mich dann noch des Advokaten Desgray erinnern? Zuweilen werde ich daran denken, daß wir zusammen in der Badeanstalt waren, und das wird mir unwahrscheinlich vorkommen .!<
Plötzlich wandte sie sich mit verklärten Augen zu ihm um.
»Oh, Ihr habt ja jetzt die Möglichkeit, ihn täglich aufzusuchen! Könntet Ihr mich nicht mitnehmen?«
Doch Desgray riet ihr ab, die strengen Weisungen hinsichtlich der völligen Isolierung des Häftlings zu mißachten. Es stand auch noch nicht fest, ob er selbst die Erlaubnis bekommen würde, ihn zu sprechen, aber er war entschlossen, sie durch die Vermittlung der Advokatenkammer zu erwirken. Es mußte jetzt rasch gehandelt werden, denn da seine Bestellung als Verteidiger der königlichen Justizbehörde nur durch List entrissen worden war, bestand die Möglichkeit, daß ihm die Anklageschrift erst kurz vor dem Termin zugestellt würde und vielleicht auch nur teilweise.
»Ich weiß, daß bei derartigen Prozessen die Aktenstücke oft aus fliegenden Blättern bestehen und daß der Siegelbewahrer, der Kardinal Mazarin oder der König selbst sich zu jeder Zeit das Recht vorbehalten, sie zu prüfen oder einzelne an sich zu nehmen beziehungsweise sie zu ergänzen. Gewiß geschieht das nicht gerade häufig, aber zieht man die besonderen Verhältnisse in Betracht, unter denen sich alles abspielt .«
Trotz dieser letzten bedenklichen Worte summte Angélique an diesem Abend vor sich hin, während sie Florimonds Brei kochte, und sie gewann schließlich sogar dem unvermeidlichen Stück Walfischfleisch der Mutter Cordeau einigen Geschmack ab. Die Kinder vom Spital waren an diesem Tag in den Temple-Bezirk gekommen. Sie hatte ihnen ein paar der köstlichen Krapfen abgekauft, und der gestillte Appetit verhalf ihr dazu, die Zukunft in freundlicheren Farben zu sehen.
Ihre Zuversicht wurde belohnt, denn schon am folgenden Abend kehrte der Advokat mit zwei aufregenden Nachrichten zurück: Man hatte ihm einen Teil der Akten zugestellt und ihm überdies erlaubt, den Gefangenen zu sprechen.
Bei dieser Mitteilung stürzte Angélique auf Desgray zu, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn herzhaft. Einen Augenblick spürte sie den Druck zweier kräftiger Arme und empfand ein intensives wohliges Gefühl. Doch schon zog sie sich verwirrt wieder zurück und stammelte, während sie über ihre Augen wischte, in denen Tränen perlten, sie wisse schon gar nicht mehr, was sie tue.
Taktvoll ging Desgray über diesen Zwischenfall hinweg. Er berichtete, daß der Besuch in der Bastille am nächsten Tag um die Mittagszeit stattfinden werde. Er werde den Häftling zwar nur in Gegenwart des Gouverneurs sehen können, hoffe aber zuversichtlich, daß es ihm späterhin gelingen würde, mit dem Grafen Peyrac unter vier Augen zu sprechen.
»Ich gehe mit Euch«, erklärte Angélique. »Ich werde vor dem Gefängnis warten, aber ich fühle, daß ich es nicht über mich bringen könnte, währenddessen still zu Hause zu sitzen.«
Der Advokat sprach sodann über die Prozeßakten, von denen er Kenntnis bekommen hatte. Einer abgegriffenen Plüschtasche entnahm er ein paar Blätter, auf denen er die Hauptanklagepunkte notiert hatte.
»Er ist in erster Linie der Hexerei angeklagt. Wird als Hersteller von Giften und anderen Drogen bezeichnet. Ist im Besitz magischer Kräfte, kann die Zukunft voraussagen und kennt Mittel, um das Gift im Körper unschädlich zu machen. Er soll die Kunst entdeckt haben, sich Menschen von Ruf und Bildung durch Teufelskunststücke gefügig zu machen . Die Anklage stellt fest, daß eine seiner ... ehemaligen Mätressen gestorben ist und daß man im Mund der exhumierten Leiche das Medaillon des Grafen Peyrac gefunden hat ...«
»Aber was soll denn diese Sammelsurium von Unsinnigkeiten?« rief Angélique bestürzt aus. »Ihr wollt doch nicht behaupten, daß vernünftige Richter sich damit in öffentlicher Sitzung befassen werden?«
»Vermutlich ja, und ich für mein Teil beglückwünsche mich sogar zu diesem Übermaß von Dummheiten, denn ich werde sie um so leichter abtun können. Des weiteren umfaßt die Anklageschrift das Verbrechen der Alchimie, die Suche nach Schätzen, die Transmutation von Gold und - haltet Euch fest!
- >die ketzerische Behauptung, Leben geschaffen zu haben<. Könnt Ihr Euch denken, Madame, was das bedeuten soll?«
Ratlos überlegte Angélique eine Weile. Schließlich legte sie die Hand auf die Stelle, wo ihr zweites Kind sich rührte.
»Glaubt Ihr, daß es das ist, worauf sie anspielen?« fragte sie lachend.
Der Advokat machte eine zweifelnde und resignierte Geste. Er las weiter:
». >hat seinen Besitz durch Zaubermittel vermehrt, ohne die Transmutation et cetera außer acht zu lassen ...< Ganz am Schluß sehe ich folgendes: >Nahm Rechte in Anspruch, die ihm nicht zustanden. Rühmte sich offen, von König und Fürsten unabhängig zu sein. Empfing ketzerische und verdächtige Ausländer und bediente sich verbotener, aus dem Auslande stammender Bücher.<
Jetzt«, fuhr Desgray mit einem gewissen Zögern fort, »komme ich zu dem Schriftstück, das mir das beunruhigendste und verwunderlichste des ganzen Faszikels zu sein scheint. Es handelt sich um einen von drei Geistlichen verfaßten Bericht über einen Fall von Exorzismus, in dem erklärt wird, Euer Gatte sei der Besessenheit und des Umgangs mit dem Teufel überführt.«
»Das ist doch nicht möglich!« rief Angélique aus, der ein kalter Schauer über den Rücken lief. »Wer sind diese Priester?«
»Der eine ist jener Mönch Becher, den ich neulich schon erwähnte. Ich weiß nicht, ob er als Offizial die Bastille betreten konnte, jedenfalls steht fest, daß diese Zeremonie tatsächlich stattgefunden hat. Und die Zeugen versichern, daß alle Reaktionen des Grafen auf schlagende Weise sein Bündnis mit dem Teufel beweisen.«
»Das kann nicht sein«, wiederholte Angélique. »Ihr selber glaubt doch nicht etwa daran?«
»Ich bin ein Freigeist, Madame. Ich glaube weder an Gott noch an den Teufel.«
»Schweigt«, stammelte sie und bekreuzigte sich hastig. Darauf lief sie zu Florimond und drückte ihn an sich.
»Hast du gehört, was er gesagt hat, mein Engelchen?« flüsterte sie. »Oh, die Männer sind verrückt.«
Nach einer kurzen Stille trat Desgray zu ihr.
»Macht Euch keine unnützen Sorgen«, meinte er. »Ganz bestimmt steckt da ein Schwindel dahinter, und wir müssen zusehen, daß wir ihm zur rechten Zeit auf die Sprünge kommen. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß dieses Schriftstück höchst beunruhigend ist, denn es wird die Richter vermutlich ganz besonders beeindrucken. Die Teufelsbeschwörung ist nach den Riten des Kirchengerichts in Rom durchgeführt worden, und die Reaktionen des Angeklagten sind belastend für ihn. Ich habe mir im besonderen die Reaktionen im Zusammenhang mit den Teufelsflecken und der Behexung anderer notiert.«
»Was bedeutet das?«
»Bezüglich der Teufelsflecken erklären die Dä-monologen, daß gewisse Stellen des Körpers eines Besessenen gegen die Berührung mit einem vorher exorzisierten silbernen Stift empfindlich sind. Nun, im Verlauf dieser Probe haben die Zeugen furchtbare und >wahrhaft infernalische< Schreie vernommen, die der Angeschuldigte immer wieder ausstieß, während ein gewöhnlicher Mensch das leichte Betupfen mit diesem harmlosen Instrument kaum empfindet. Was die Behexung anderer betrifft, so ist eine Person vor ihn geführt worden, die alle bekannten Anzeichen der Besessenheit zeigte.«
»Wenn es sich dabei um Carmencita handelt, traue ich ihr zu, daß sie ihre Komödiantenrolle aufs trefflichste gespielt hat«, sagte Angélique sarkastisch.
»Vermutlich handelt es sich um jene Nonne, aber ihr Name wird nicht erwähnt. Auf jeden Fall steckt dahinter irgendein Betrug, wie ich schon sagte, aber da ich sicher bin, daß die Geschworenen dieser Sache große Bedeutung beimessen werden, muß ich sie Punkt für Punkt widerlegen können. Und vorläufig weiß ich noch nicht, wie.«